{"id":10254,"date":"2025-06-25T09:30:15","date_gmt":"2025-06-25T07:30:15","guid":{"rendered":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/?p=10254"},"modified":"2025-06-24T11:07:19","modified_gmt":"2025-06-24T09:07:19","slug":"sexarbeit-und-migrationspolitik-eine-anhaltende-verflechtung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/sexarbeit-und-migrationspolitik-eine-anhaltende-verflechtung\/","title":{"rendered":"Sexarbeit und Migrationspolitik: eine anhaltende Verflechtung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sexarbeit gilt in der Schweiz als Arbeit. Doch das wird hinterfragt. In einem Positionspapier stellen die Frauen der Mitte Partei insbesondere migrantische Sexarbeitende als Opfer dar. Sie wollen unter anderem Freier dazu verpflichten, den Aufenthaltsstatus von Sexarbeitenden zu kontrollieren. Sexarbeit und Migrationspolitik sind seit den 1990er Jahren eng verflochten.<\/strong> <strong>Auch der aktuelle neo-abolitionistische Trend st\u00fctzt zunehmend etablierte Forderungen nach einer restriktiven Migrationspolitik.<\/strong><\/p>\n<p>In einem <a href=\"https:\/\/frauen.die-mitte.ch\/wp-content\/uploads\/sites\/226\/2023\/10\/2025_Grundlagenpapier-Prostitution-Mitte-Frauen_final.pdf\">Positionspapier<\/a> sprachen sich die Frauen der Mitte Partei im April 2025 f\u00fcr strengere Regeln f\u00fcr das Sexgewerbe aus. Die Mehrheit der Prostituierten, so argumentieren sie, seien Migrantinnen und daher besonders verletzlich, Opfer von Zwang und Ausbeutung zu werden. Die Mitte Frauen beabsichtigen unter anderem, Freier st\u00e4rker in die Pflicht zu nehmen, zum Beispiel indem diese das Alter, Arbeitsumfeld, den Aufenthaltsstatus und die Arbeitsbewilligung von Sexarbeitenden kontrollieren m\u00fcssen. Auff\u00e4lligkeiten sollen die Sexk\u00e4ufer der Polizei <a href=\"https:\/\/www.watson.ch\/schweiz\/gesellschaft-politik\/319524086-prostitution-mitte-moechte-neue-gesetze-fuer-sexarbeiterinnen\">melden<\/a>. Die Mitte pr\u00fcft derzeit die Lancierung einer Volksinitiative, um ihre Forderungen durchzusetzen.<\/p>\n<p>Dem Positionspapier und j\u00fcngsten \u00f6ffentlichen Aussagen der Mitte Frauen liegt eine neo-abolitionistische Auffassung der Prostitution zugrunde. Diese geht davon aus, dass Prostitution grunds\u00e4tzlich als Gewalt gegen Frauen zu verstehen sei. Der neo-abolitionistische Ansatz kommt im \u00abschwedischen Modell\u00bb zum Ausdruck, welches den Kauf sexueller Dienstleistungen kriminalisiert und Frauen beim Ausstieg aus dem Sexgewerbe helfen soll. Das schwedische Modell wurde 2015 vom Bundesrat und 2022 vom Nationalrat abgelehnt. Doch das neo-abolitionistische Narrativ nimmt seit einigen Jahren zunehmend Platz in der \u00f6ffentlichen Debatte der Schweiz ein. Auch in Europa ist es auf dem Vormarsch (Rubio Grundell 2021). Schweden hat k\u00fcrzlich eine <a href=\"https:\/\/www.regeringen.se\/rattsliga-dokument\/proposition\/2025\/04\/prop.-202425124\">Versch\u00e4rfung seines Sexkaufverbots<\/a> beschlossen: Auch das Bezahlen f\u00fcr sexuelle Online-Dienstleistungen soll unter Strafe gestellt werden.<\/p>\n<h5><strong>Die Regulierung der Sexarbeit und die Migrationspolitik<\/strong><\/h5>\n<p>Zwischen 1992 und 2022 wurden in den Schweizer Kantonen insgesamt 213 politische Vorst\u00f6sse zu Sexarbeit eingereicht \u2013 die meisten davon mit dem erkl\u00e4rten Ziel, den Schutz von Sexarbeitenden zu verbessern (Stalder 2025b). Trotzdem kommt dieses Vorhaben nur langsam oder gar nicht voran (Stalder 2025a). Zwei Beispiele: 1) Die Sexarbeit auf digitalen Plattformen ist bis heute g\u00e4nzlich unreguliert und die Frage, wie arbeitsrechtliche Bestimmungen zum Schutz von Arbeiter\u00b7innen auf diese Plattformen ausgeweitet werden k\u00f6nnen, bleibt offen. 2) Obwohl die Sexarbeit in der Schweiz bereits seit 1992 weitgehend entkriminalisiert ist, wurde deren Sittenwidrigkeit erst 2021 vom Bundesgericht aufgehoben. Sexarbeitende konnten also ihr Recht auf Bezahlung f\u00fcr geleistete Arbeit erst nach 29 Jahren und 192 kantonalen politischen Vorst\u00f6ssen vor Gericht einfordern.<\/p>\n<p>Der Grund daf\u00fcr ist unter anderem, dass die Regulierung der Sexarbeit stark von der migrationspolitischen Debatte gepr\u00e4gt ist. In meiner Dissertation \u00fcber die Regulierung der Sexarbeit in der Schweiz seit den fr\u00fchen 1990er Jahren zeige ich auf, dass diese Regulierung den migrationspolitischen Diskurs der jeweiligen Zeit widerspiegelt und umgekehrt der Steuerung der Migration und Mobilit\u00e4t dient \u2013 und zwar selbst unter den vergleichsweise liberalen Schweizer Rahmenbedingungen der letzten Jahrzehnte. Politische Vorst\u00f6sse zum Schutz von Sexarbeitenden, wenn sie \u00fcber die deklaratorische Ablehnung von Ausbeutung im Sexgewerbe hinausgingen, m\u00fcndeten oft in einer st\u00e4rkeren Regulierung der Mobilit\u00e4t aus der EU und der Durchsetzung einer restriktiven Migrationspolitik anstatt in arbeitsrechtlichem Schutz f\u00fcr Sexarbeitende (Stalder 2025b).<\/p>\n<h5><strong>Eine neue Offensive gegen unerw\u00fcnschte Mobilit\u00e4t<\/strong><\/h5>\n<p>Einige der aktuellen Forderungen der Mitte Frauen reihen sich in die vielen Versuche der letzten drei Jahrzehnte ein, durch die Regulierung der Sexarbeit unerw\u00fcnschte Formen der Migration und Mobilit\u00e4t st\u00e4rker zu kontrollieren. Dies trifft insbesondere auf die Forderung zu, dass Freier den Aufenthaltsstatus von Sexarbeitenden kontrollieren sollen, und auf den Ausschluss der Sexualassistenz, welche eher weissen Schweizer\u00b7innen der Mittelschicht zugeschrieben wird.<\/p>\n<p>Laut dem Positionspapier der Mitte Frauen soll die Sexualassistenz f\u00fcr Menschen mit einer Behinderung von einer strengeren Regulierung des Sexgewerbes ausgeschlossen werden. Dies impliziert eine Abwertung der Sexarbeit: Im Gegensatz zur Sexualassistenz wird sie nicht als Arbeit anerkannt, ihr wird kein gesellschaftlicher Nutzen zugesprochen und ihre Legitimit\u00e4t wird in Frage gestellt \u2013 nicht zuletzt als Motiv f\u00fcr grenz\u00fcberschreitende Arbeitsmobilit\u00e4t. Es geht also nicht um den Schutz von Personen allgemein, welche sexuelle Dienstleistungen gegen Bezahlung anbieten, sondern um eine ganz bestimmte Kategorie von Sexarbeitenden, n\u00e4mlich diejenige der Migrantin als Opfer.<\/p>\n<p>Nach den Vorstellungen der Mitte Frauen k\u00e4me paradoxerweise gerade den M\u00e4nnern, welche sexuelle Dienstleistungen kaufen und im neo-abolitionistischen Narrativ f\u00fcr das Leid der Frauen, welche Sex verkaufen, verantwortlich gemacht werden, eine zentrale Rolle zu: Sie sollen die Ausweispapiere der Sexarbeitenden kontrollieren und diejenigen, von denen sie aufgrund der Papiere \u2013 oder vielleicht auch aufgrund der Hautfarbe oder des Akzentes \u2013 denken, sie k\u00f6nnten nicht gesetzeskonform der Sexarbeit nachgehen, der Polizei melden. Die Folge davon w\u00e4re, dass illegalisierte Migrantinnen leichter aufgesp\u00fcrt und ausgewiesen werden k\u00f6nnten. Seit den 1990er Jahren wurden immer wieder selbst R\u00fcckschaffungen als Schutz dargestellt: Der Prostituierten als hilfloses Opfer wird die F\u00e4higkeit abgesprochen, eigenst\u00e4ndige Mobilit\u00e4tsentscheidungen zu treffen. Dadurch scheint der sicherste Ort f\u00fcr sie im Herkunftsland bei ihrer Familie zu sein.<\/p>\n<p>Mit der Forderung nach \u00abmehr Schutz f\u00fcr Menschen in der Prostitution\u00bb lassen sich sehr unterschiedliche politische Projekte vertreten. Die Aufgabe sozialwissenschaftlicher Forschung besteht darin, solche Forderungen im Blickwinkel sozialer Machtverh\u00e4ltnisse zu untersuchen. Die neusten Bem\u00fchungen, die Sexarbeit teilweise oder ganz zu kriminalisieren, untermauern sowohl den gegenw\u00e4rtigen Backlash gegen den Feminismus und LGBTQ-Rechte als auch den Ruf nach einer restriktiven Migrationspolitik, welcher sich in den letzten Jahrzehnten als kaum noch umstrittener Mainstream etabliert hat.<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/who-is-who\/people\/?start=s&amp;p_id=13636\">Lisa Katarina Stalder<\/a> ist Postdoktorandin am <a href=\"https:\/\/www.unine.ch\/sfm\/de\/\">Schweizerischen Forum f\u00fcr Migration und Bev\u00f6lkerungsstudien (SFM)<\/a>.<\/em><\/p>\n<p>Referenzen:<br \/>\n\u2013Rubio Grundell, Lucrecia. 2021. The Rise of Neo-Abolitionism in Europe: Exploring the role of the Neoliberalism\u2013Vulnerability\u2013Security Nexus in the Prostitution Policies of the United Kingdom, Spain, France, and Ireland. <em>Social Politics<\/em> 29 (3): 1034\u20131056.<br \/>\n\u2013Stalder, Lisa K. 2025a. New (Sex) Work? Digitalization, Circular Mobility, and Recognition in the Regulation of Sex Work in Switzerland. <em>Swiss Journal of Sociology<\/em> 51 (1): 143\u2013161.<br \/>\n\u2013Stalder, Lisa K. 2025b. The Migration Politics of Sexual Liberalism: Sex Work Regulation as Subnational Migration Policymaking in Switzerland from 1992 to 2022 (Unpublished Ph.D. Thesis). Universit\u00e9 de Neuch\u00e2tel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sexarbeit gilt in der Schweiz als Arbeit. Doch das wird hinterfragt. In einem Positionspapier stellen die Frauen der Mitte Partei insbesondere migrantische Sexarbeitende als Opfer dar. Sie wollen unter anderem Freier dazu verpflichten, den Aufenthaltsstatus von Sexarbeitenden zu kontrollieren. Sexarbeit und Migrationspolitik sind seit den 1990er Jahren eng verflochten. 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