{"id":10638,"date":"2026-04-09T10:17:07","date_gmt":"2026-04-09T08:17:07","guid":{"rendered":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/?p=10638"},"modified":"2026-04-09T10:17:07","modified_gmt":"2026-04-09T08:17:07","slug":"fehlannahmen-oder-blosses-raten-einblicke-in-die-offentliche-sicht-auf-migration","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/fehlannahmen-oder-blosses-raten-einblicke-in-die-offentliche-sicht-auf-migration\/","title":{"rendered":"Fehlannahmen oder blosses Raten? Einblicke in die \u00f6ffentliche Sicht auf Migration"},"content":{"rendered":"<p><strong>Man k\u00f6nnte meinen, dass die meisten Menschen falsche Vorstellungen \u00fcber Einwanderung haben. Doch vieles davon beruht eher auf unsicheren Sch\u00e4tzungen als auf fest verankerten \u00dcberzeugungen. Neue Umfragedaten aus der Schweiz zeigen, dass diese Unterscheidung wichtige Konsequenzen f\u00fcr unser Verst\u00e4ndnis der \u00f6ffentlichen Meinung und f\u00fcr die Qualit\u00e4t demokratischer Debatten hat.<\/strong><\/p>\n<p>In \u00f6ffentlichen Diskussionen wird h\u00e4ufig vorschnell angenommen, dass viele Menschen tief verwurzelte Fehlwahrnehmungen \u00fcber Einwanderung hegen. Von \u00fcberh\u00f6hten Sch\u00e4tzungen der Zahl der Einwanderer bis hin zu \u00fcbertriebenen Vorstellungen \u00fcber migrantische Kriminalit\u00e4t oder die Inanspruchnahme von Sozialleistungen neigen wir dazu, Fehlwahrnehmungen als gleichermassen verbreitet und bedeutsam zu betrachten. Doch unsere j\u00fcngsten Forschungsergebnisse, ver\u00f6ffentlicht in <a href=\"https:\/\/www.cambridge.org\/core\/journals\/political-science-research-and-methods\/article\/beyond-innumeracy-measuring-public-misperceptions-about-immigration\/14AC46DD41ECBF2014A9C4191A23DB0B\"><strong>Political Science Research and Methods<\/strong><\/a>, legen eine andere und deutlich simplere Erkl\u00e4rung nahe: Viele vermeintliche Fehlwahrnehmungen sind nichts anderes als das Ergebnis unsicheren Sch\u00e4tzens.<\/p>\n<p>Diese Unterscheidung ist wichtig, denn eine f\u00fcr richtig gehaltene falsche \u00dcberzeugung hat ein anderes politisches Gewicht als die unsichere Sch\u00e4tzung einer Person, die sich bislang kaum mit dem Thema befasst hat. Die meisten Umfrageans\u00e4tze zur Messung entsprechender Wahrnehmungen vers\u00e4umen es jedoch, diese Unterscheidung vorzunehmen. Stattdessen behandeln sie beide Antwortkategorien als gleichwertig, was mitunter gravierende Folgen nach sich ziehen kann. Denn wenn echte Fehlwahrnehmungen nicht hinreichend sauber von Unwissenheit unterschieden werden, l\u00e4uft die Forschung Gefahr, das Ausma\u00df des Problems zu \u00fcberh\u00f6hen und zugleich seine Ursachen und Folgen misszuverstehen.<\/p>\n<p>Dazu gesellt sich ein zweites, themenspezifisches Problem: In der Forschung wird seit Langem vor allem eine Frage verwendet, um Wahrnehmungen zur Einwanderung zu erfassen, n\u00e4mlich die nach dem Anteil der Migrantinnen und Migranten an der lokalen oder nationalen Bev\u00f6lkerung. Dieser Wert kann prinzipiell ein sinnvoller Ausgangspunkt sein, da er leicht kommunizierbar und politisch relevant ist. Doch ist die damit einhergehende Praxis l\u00e4ngst zu einer konzeptionellen St\u00fctze geworden, die den Blick ohne Notwendigkeit verengt. Sie vermischt tats\u00e4chliche Fehlwahrnehmungen mit der weit verbreiteten Schwierigkeit, numerische Informationen korrekt zu interpretieren, und kann dadurch unser Verst\u00e4ndnis g\u00e4ngiger Wahrnehmungsinhalte stark verzerren.<\/p>\n<p><strong>Ein breiteres Fragenb\u00fcndel und eine einfache Zusatzfrage<\/strong><\/p>\n<p>Um beide Probleme anzugehen, haben wir ein neues Umfragemodul entwickelt und erstmalig in einer Schweizer Bev\u00f6lkerungsbefragung eingesetzt. Es erweitert nicht nur, welche Fragen gestellt werden, sondern auch wie wir Wahrnehmungen erfassen.<\/p>\n<p>Zum einen gehen wir \u00fcber die Standardfrage zum Bev\u00f6lkerungsanteil von Migrantinnen und Migranten hinaus, indem wir sechs zus\u00e4tzliche Wahrnehmungsitems aus drei Dimensionen aufnehmen: Kultur, Wirtschaft und Sicherheit. Alle drei greifen Themen auf, die regelm\u00e4ssig in \u00f6ffentlichen Debatten auftauchen \u2014 von der Arbeitslosenquote unter Migrantinnen und Migranten bis zum Anteil derjenigen mit Hochschulabschluss. Auf diese Weise erhalten wir ein umfassenderes Bild davon, wie Wahrnehmungen zur Einwanderung strukturiert sind.<\/p>\n<p>Zum anderen haben wir jedes dieser Items mit einer Vertrauensskala kombiniert. Nachdem die Befragten ihre Sch\u00e4tzung abgegeben hatten, stellten wir eine Anschlussfrage: <em>Wie sicher sind Sie, dass diese Sch\u00e4tzung korrekt ist?<\/em> Dies erm\u00f6glicht es uns, zwei unterschiedliche Messgr\u00f6ssen zu konstruieren, n\u00e4mlich einerseits die bereits angesprochenen echten Fehlwahrnehmungen (unrichtige Antworten mit hoher Sicherheit) und andererseits unsichere Sch\u00e4tzungen (unrichtige Antworten mit geringer Sicherheit). Anders gesagt: Wir k\u00f6nnen falsche \u00dcberzeugungen von nicht weiter gest\u00fctzten Vermutungen trennen und so die Diskrepanz zwischen theoretischer Konzeptualisierung von Fehlwahrnehmungen und ihrer empirischen Messung schliessen.<\/p>\n<p><strong>Sch\u00e4tzen dominiert<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber alle Items hinweg variieren die Sch\u00e4tzungen der Befragten dabei erheblich. Manche \u00fcbersch\u00e4tzen, andere untersch\u00e4tzen die offiziellen Zahlen. Auf den ersten Blick scheint dies das bekannte Narrativ weit verbreiteter Fehlwahrnehmungen zu best\u00e4tigen. Ber\u00fccksichtigt man jedoch die Frage nach dem Vertrauen in die Richtigkeit der eigenen Antworten, zeigt sich ein anderes Muster. F\u00fcr die allermeisten Items \u00e4ussern zahlreiche Befragte wenig oder gar kein Vertrauen in ihre Sch\u00e4tzung. Insgesamt sind die Vertrauenswerte so niedrig, dass unrichtige Antworten \u00fcberwiegend als unsichere Sch\u00e4tzungen und nicht als echte Fehlwahrnehmungen einzuordnen sind.<\/p>\n<p>Entscheidend ist zudem, dass Fehlwahrnehmungen wie auch Sch\u00e4tzungen auf der Einstellungsebene unterschiedlichen Mustern folgen: Personen mit negativer Einstellung zur Einwanderung weisen im Einklang mit etablierten Theorien des motivierten Denkens <em>(motivated reasoning) <\/em>tendenziell h\u00f6here Fehlwahrnehmungswerte auf<em>.<\/em> Unsichere Sch\u00e4tzungen hingegen stellen im Wesentlichen zuf\u00e4llige Messfehler dar. Dies unterstreicht, dass nur Fehlwahrnehmungen \u2014 nicht aber Sch\u00e4tzungen \u2014 politische Dispositionen und Pr\u00e4ferenzen widerspiegeln.<\/p>\n<p>Selbst ausgesprochene ungenaue Sch\u00e4tzungen k\u00f6nnen folglich nicht per se als Ausdruck fester ideologischer \u00dcberzeugungen interpretiert werden. H\u00e4ufig spiegeln sie vielmehr begrenztes Wissen, mangelndes Interesse oder die bereits angesprochenen Schwierigkeiten im Umgang mit Zahlen wider. H\u00e4ufig entstehen derlei Ungenauigkeiten auch aus dem spontanen Charakter der Befragungssituation: Befragte geben die erste Sch\u00e4tzung ab, die ihnen in den Kopf kommt, schlicht weil die Umfrage eine unmittelbare Antwort verlangt.<\/p>\n<h5><strong>Fehlwahrnehmungen und Sch\u00e4tzungen im Durchschnitt nach Item<\/strong><\/h5>\n<p><a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/LutzBitschnau.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-10613 size-medium\" src=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/LutzBitschnau-300x226.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"226\" srcset=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/LutzBitschnau-300x226.jpg 300w, https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/LutzBitschnau-1024x771.jpg 1024w, https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/LutzBitschnau-768x579.jpg 768w, https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/LutzBitschnau-640x482.jpg 640w, https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/LutzBitschnau.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<h5><strong>Das Narrativ einer fehlwahrnehmenden \u00d6ffentlichkeit \u00fcberdenken<\/strong><\/h5>\n<p>Diese Befunde regen zum Nachdenken dar\u00fcber an, wie Umfang und Charakter von Fehlwahrnehmungen zur Einwanderung zu interpretieren sind. Zun\u00e4chst ist anzunehmen, dass wir unsere Problemdiagnose verfeinern m\u00fcssen: Wenn nur ein kleiner Teil unrichtiger Antworten auf fest verankerte \u00dcberzeugungen zur\u00fcckgeht, muss die verbreitete Behauptung einer tiefgreifend und dauerhaft falsch informierten \u00d6ffentlichkeit zumindest mit einem Fragezeichen versehen werden. In vielen F\u00e4llen lehnen Befragte empirische Evidenz nicht bewusst ab, sondern bewegen sich mit begrenzter Orientierung durch ein zunehmend komplexes Informationsumfeld.<\/p>\n<p>Gleichzeitig k\u00f6nnte auch die Rolle von Wissen \u00fcbersch\u00e4tzt werden: Einige Befragte gaben richtige Antworten bei gleichbleibend geringem Vertrauen. Dies deutet darauf hin, dass Genauigkeit ebenso das Ergebnis zuf\u00e4lliger Sch\u00e4tzungen wie fundierter \u00dcberzeugungen sein kann. Die gut informierte B\u00fcrgerin oder der gut informierte B\u00fcrger \u2014 einst ein zentrales Ideal demokratischer Theorie \u2014 erscheint damit weiterhin schwer greifbar. Diese Unsch\u00e4rfe zwischen Wissen und Unsicherheit erschwert es zus\u00e4tzlich, aus Umfragedaten auf politische Kompetenz zu schliessen. Die Bereitstellung klarer und verst\u00e4ndlicher Informationen k\u00f6nnte insofern wirksamer sein als h\u00e4ufig angenommen, insbesondere wenn sie sich gezielt an ein unsicheres Publikum richtet.<\/p>\n<p>Letztlich legt unsere Forschung damit nahe, dass viele Fehler, die h\u00e4ufig Desinformation oder Ideologie zugeschrieben werden, auf unsicheren Grundlagen beruhen. Anstatt Ausdruck gefestigter Weltbilder zu sein, erweisen sich viele Ungenauigkeiten als Sandburgen: Sie zerfallen, sobald man ber\u00fccksichtigt, wie gering das Vertrauen der Befragten in ihre eigenen Antworten h\u00e4ufig ist. Wenn wir \u00dcberzeugungen nicht konsequent von Sch\u00e4tzungen trennen, laufen wir allzu leicht Gefahr, gegen Gespenster zu k\u00e4mpfen und Unsicherheit oder Verwirrung als politisches Engagement zu missdeuten.<\/p>\n<p>Dieser Blogbeitrag wurde aus einem Artikel adaptiert, der urspr\u00fcnglich auf <a href=\"https:\/\/theloop.ecpr.eu\/why-we-need-to-rethink-what-we-know-about-public-views-on-immigration\/\">The Loop<\/a> ver\u00f6ffentlicht wurde.<\/p>\n<p><span data-olk-copy-source=\"MessageBody\"><a href=\"https:\/\/scholar.google.com\/citations?user=lacOoHAAAAAJ&amp;hl=en&amp;oi=ao\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Marco Bitschnau<\/a> ist Postdoktorand an der Universit\u00e4t Konstanz und dort mit der Fachgruppe Soziologie sowie dem Exzellenzcluster &#8220;The Politics of Inequality&#8221; affiliiert.<\/span><\/p>\n<section class=\"text-token-text-primary w-full focus:outline-none [--shadow-height:45px] has-data-writing-block:pointer-events-none has-data-writing-block:-mt-(--shadow-height) has-data-writing-block:pt-(--shadow-height) [&amp;:has([data-writing-block])&gt;*]:pointer-events-auto scroll-mt-(--header-height)\" dir=\"auto\" data-turn-id=\"7cf25dea-bdfd-43f4-9c63-0c1009d7ff49\" data-testid=\"conversation-turn-1\" data-scroll-anchor=\"false\" data-turn=\"user\"><\/section>\n<section class=\"text-token-text-primary w-full focus:outline-none [--shadow-height:45px] has-data-writing-block:pointer-events-none has-data-writing-block:-mt-(--shadow-height) has-data-writing-block:pt-(--shadow-height) [&amp;:has([data-writing-block])&gt;*]:pointer-events-auto scroll-mt-[calc(var(--header-height)+min(200px,max(70px,20svh)))]\" dir=\"auto\" data-turn-id=\"request-WEB:b6d3b39a-266a-403f-89ea-493b419d91ac-0\" data-testid=\"conversation-turn-2\" data-scroll-anchor=\"true\" data-turn=\"assistant\">\n<div class=\"text-base my-auto mx-auto pb-10 [--thread-content-margin:var(--thread-content-margin-xs,calc(var(--spacing)*4))] @w-sm\/main:[--thread-content-margin:var(--thread-content-margin-sm,calc(var(--spacing)*6))] @w-lg\/main:[--thread-content-margin:var(--thread-content-margin-lg,calc(var(--spacing)*16))] px-(--thread-content-margin)\">\n<div class=\"[--thread-content-max-width:40rem] @w-lg\/main:[--thread-content-max-width:48rem] mx-auto max-w-(--thread-content-max-width) flex-1 group\/turn-messages focus-visible:outline-hidden relative flex w-full min-w-0 flex-col agent-turn\">\n<div class=\"flex max-w-full flex-col gap-4 grow\">\n<div class=\"min-h-8 text-message relative flex w-full flex-col items-end gap-2 text-start break-words whitespace-normal outline-none keyboard-focused:focus-ring [.text-message+&amp;]:mt-1\" dir=\"auto\" tabindex=\"0\" data-message-author-role=\"assistant\" data-message-id=\"ecfa4cb8-35ab-4b13-99eb-a34fa7d27695\" data-message-model-slug=\"gpt-5-3\" data-turn-start-message=\"true\">\n<div class=\"flex w-full flex-col gap-1 empty:hidden\">\n<div class=\"markdown prose dark:prose-invert w-full wrap-break-word light markdown-new-styling\">\n<p data-start=\"0\" data-end=\"186\" data-is-last-node=\"\" data-is-only-node=\"\"><a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/who-is-who\/people\/?start=l&amp;p_id=9209\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Philipp Lutz<\/a> ist Assistenzprofessor f\u00fcr Politikwissenschaft an der Vrije Universiteit Amsterdam, Ambizione-Fellow an der Universit\u00e4t Genf und affiliierter Forscher am nccr \u2013 on the move.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/section>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man k\u00f6nnte meinen, dass die meisten Menschen falsche Vorstellungen \u00fcber Einwanderung haben. 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