{"id":1306,"date":"2016-10-10T08:00:28","date_gmt":"2016-10-10T07:00:28","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.nccr-onthemove.ch\/?p=1306&#038;lang=de"},"modified":"2016-10-10T08:04:45","modified_gmt":"2016-10-10T07:04:45","slug":"rechtswissenschaftliche-forschung-weg-vom-papier-hin-zum-menschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/rechtswissenschaftliche-forschung-weg-vom-papier-hin-zum-menschen\/?lang=de","title":{"rendered":"Rechtswissenschaftliche Forschung: Weg vom Papier, hin zum Menschen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Migrations- und Mobilit\u00e4tsforschung ist ein disziplin\u00e4r vielf\u00e4ltiges Gebiet. Unterschiedliche Fachbereiche widmen sich mit ihren unterschiedlichen Methoden und Ans\u00e4tzen der Erforschung von \u00abMigration\u00bb. Nicht nur die involvierten Disziplinen, auch das Thema an sich ist sehr vielseitig. Die reichlichen \u2013 teilweise stark politisierten \u2013 Fragestellungen verlangen eine intensive Zusammenarbeit der verschiedenen Disziplinen. L\u00e4ngerfristig m\u00fcssen gerade Monof\u00e4cher, wie die Rechtswissenschaften, neue Forschungsans\u00e4tze und Lehrmethoden aktiv einbeziehen.<\/strong><\/p>\n<p>Rechtswissenschaftliche Migrationsforschung findet sich im Spannungsfeld der (stimmberechtigten) Gesellschaft, der (gew\u00e4hlten) PolitikerInnen und der Interpretation der Gesetzestexte durch RichterInnen und JuristInnen wieder. Konkret st\u00fctzt sich die Forschungsarbeit auf die erarbeiteten Botschaften, Ausf\u00fchrungen und Statements. Es ist somit ein papierbasiertes Forschungsgebiet. Zus\u00e4tzlich sehen sich JuristInnen mit st\u00e4ndigen Teil- und Totalrevision von Gesetzen und neuen Gerichtsentscheiden konfrontiert.<\/p>\n<p>In der Schweiz spielt dabei der Einsatz von direkt demokratischen Mitteln eine wichtige Rolle. Durch Annahmen von Initiativen \u2013 sowohl auf nationaler wie auch kantonaler Ebene \u2013 werden bestehende Normen ge\u00e4ndert respektive neue geschaffen. Recht ist also ein komplexes Zusammenspiel zwischen Gesellschaft, Staat und den Menschen selbst. Dazu kommen weitere rechtliche Verkn\u00fcpfungen und Bez\u00fcge auf internationaler und europ\u00e4ischer Ebene. Rechtswissenschaft ist alles andere als eine langweilige \u201etote\u201c Materie. Recht ist vielmehr etwas Lebendiges, das stets in Bewegung ist. Entsprechend ist migrations- und mobilit\u00e4tsrechtliche Forschung oft unter Zeitdruck und reagiert teilweise versp\u00e4tet auf aktuelle Entwicklungen.<\/p>\n<p>Sprechen wir von und \u00fcber Migration und Mobilit\u00e4t, sprechen wir immer auch von und \u00fcber Menschen. Menschen in unterschiedlichen Situationen und mit unterschiedlichen kulturellen, sozialen, religi\u00f6sen und rechtlichen Hintergr\u00fcnden. Gleichzeitig sind viele staatliche und nichtstaatliche Akteure in die Migrations- und Mobilit\u00e4tsforschung involviert. In der rechtswissenschaftlichen Forschung ist dieses Bewusstsein teilweise nur ungen\u00fcgend ausgepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Menschenfokussierte rechtswissenschaftliche Forschung ist selten. Zu oft wird nur papierbasierte Forschung betrieben \u2013 und der Mensch, ob mit oder ohne Schweizer Nationalit\u00e4t, kaum in den Mittelpunkt gestellt. Dies obwohl rechtswissenschaftliche Arbeiten die Resultate empirischer und qualitativer Untersuchungen in den deskriptiven Teilen einer Recherche durchaus mit einbeziehen, um die Auswirkungen des Rechts auf Gesellschaft und Menschen aufzuzeigen. Leider geschieht dies jedoch mit geringem Bewusstsein dar\u00fcber, wie diese Daten zusammengetragen wurden und die Ergebnisse zustande gekommen sind. Zusammenfassend: dem Menschen als mehrheitlicher Adressat der Migrations- und Mobilit\u00e4tsforschung, respektive der Auswirkung der Gesetzgebung auf den Menschen selbst wird in der rechtswissenschaftlichen Lehre und Forschung zu wenig Beachtung geschenkt.<\/p>\n<p><strong>Die Vorgehensweise einer Law Clinic<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt M\u00f6glichkeiten, den Menschen st\u00e4rker in den Mittelpunkt der rechtswissenschaftlichen Forschung zu stellen: Eine davon ist die Vorgehensweise einer \u00abLaw Clinic\u00bb. Die <a href=\"http:\/\/www.unige.ch\/droit\/lawclinic.html\" target=\"_blank\">Universit\u00e4t Genf<\/a> kennt seit dem Februar 2013 eine \u00abLaw Clinic\u00bb. Im Fr\u00fchlingssemester 2016 wurde dieses Konzept nun auch an der <a href=\"http:\/\/www2.unine.ch\/cesla.amarelle\/page-45425.html\" target=\"_blank\">Universit\u00e4t Neuenburg<\/a> im Rahmen eines regul\u00e4ren Unterrichts im Bereich Menschenrechte und Migration durchgef\u00fchrt. Eine \u00abLaw Clinic\u00bb stellt den Menschen und die rechtlichen Auswirkungen auf den Menschen in den Mittelpunkt. Nebst den juristischen Aspekten, lernen die Studierenden auch die soziale und kulturelle Seite des Rechts kennen. Anhand von Aktenstudium und pers\u00f6nlichem Gespr\u00e4ch mit betroffenen Personen und involvierten Organisationen und Beh\u00f6rden erhalten die teilnehmenden Studierenden einen Einblick, wie das Recht in der Praxis angewandt wird und welchen Effekte erzielt werden.<\/p>\n<p>Der Mensch steht also im Mittelpunkt. Die Etablierung eines solch innovativen Unterrichts ist ein erster Schritt zur \u00d6ffnung der Rechtswissenschaft hin zu einer Zusammenarbeit mit unterschiedlichen AkteurInnen und Disziplinen. Gleichzeitig wird den Studierenden ein praktischer Einblick in die rechtswissenschaftliche T\u00e4tigkeit gew\u00e4hrt. Dieser Ansatz kann auch in der rechtswissenschaftlichen Forschung angewandt werden.<\/p>\n<p><strong>Ausgangspunkt: Mensch<\/strong><\/p>\n<p>Mehr Offenheit und die Neugier \u00fcber den Tellerrand der eigenen Forschungsmethoden hinauszugehen, bedeutet l\u00e4ngerfristig auch die Schaffung von neuen Ans\u00e4tzen und Ideen. Im Bewusstsein darum, dass dies ein l\u00e4ngerfristiger Prozess ist, muss er endlich in Angriff genommen werden. Das Konzept der \u00abLaw Clinic\u00bb bietet eine M\u00f6glichkeit \u2013 eine andere ist, den Mut zu haben, st\u00e4rker \u00about of the disciplinary box\u00bb zu denken, \u00fcber den juristischen Tellerrand hinweg zu schauen und das Recht einmal aus einem anderen Blickwinkel zu erforschen: Vom betroffenen Menschen aus.<\/p>\n<p><a href=\"\/?page_id=21&amp;lang=de&amp;author=kurtstefanie\">Stefanie Kurt<\/a><br \/>\nPostDoc, nccr \u2013 on the move, Universit\u00e4t Neuenburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Migrations- und Mobilit\u00e4tsforschung ist ein disziplin\u00e4r vielf\u00e4ltiges Gebiet. Unterschiedliche Fachbereiche widmen sich mit ihren unterschiedlichen Methoden und Ans\u00e4tzen der Erforschung von \u00abMigration\u00bb. Nicht nur die involvierten Disziplinen, auch das Thema an sich ist sehr vielseitig. 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