{"id":1783,"date":"2017-02-06T13:30:42","date_gmt":"2017-02-06T12:30:42","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.nccr-onthemove.ch\/?p=1783"},"modified":"2025-03-10T19:12:36","modified_gmt":"2025-03-10T18:12:36","slug":"der-rote-pass-beschleunigt-die-integration","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/der-rote-pass-beschleunigt-die-integration\/","title":{"rendered":"Der rote Pass beschleunigt die Integration"},"content":{"rendered":"<p><strong>Migrantinnen und Migranten, die die Schweizer Staatsb\u00fcrgerschaft vor mehr als 15 Jahren an einer Urnenabstimmung in ihrer Gemeinde knapp erhielten, sind heute sozial viel besser integriert als diejenigen, deren Gesuche an der Urne knapp abgelehnt wurden. Zu diesem Schluss kommt die vom Schweizerischen Nationalfonds unterst\u00fctzte Studie <a href=\"http:\/\/www.citizenship.ch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">citizenship.ch<\/a> der Universit\u00e4ten Z\u00fcrich, Stanford und der London School of Economics.<\/strong><\/p>\n<p>Eine Einb\u00fcrgerung wirkt wie ein Katalysator auf die Integration. Vor allem Migrantinnen und Migranten aus der T\u00fcrkei oder aus dem ehemaligen Jugoslawien werden durch eine schnellere Einb\u00fcrgerung besser in die Gesellschaft integriert.<\/p>\n<p><strong>Wenn der Zufall \u00fcber den roten Pass entscheidet<\/strong><\/p>\n<p>Wann Ausl\u00e4nderinnen und Ausl\u00e4nder den Schweizer Pass erhalten sollen wird kontrovers diskutiert. Die Einen wollen Migrantinnen und Migranten nach m\u00f6glichst kurzer Zeit einb\u00fcrgern, um deren Integration zu f\u00f6rdern. Die Anderen sehen in der Einb\u00fcrgerung den Abschluss einer erfolgreichen Integration.<\/p>\n<p>Einb\u00fcrgerungsgesuche werden in der Schweiz unterschiedlich gehandhabt. Wir haben untersucht, wie sich knappe Entscheide zu Einb\u00fcrgerungsgesuchen auf die betroffenen Personen auswirken. F\u00fcr unsere Untersuchung konnten wir uns eine umstrittene Einb\u00fcrgerungspraxis zunutze machen, die es heute in dieser Form nicht mehr gibt: Die anonyme Urnen-Abstimmung \u00fcber Einb\u00fcrgerungsgesuche (1).<\/p>\n<p>Zwischen 1970 und 2003 wurden in 46 Deutschschweizer Gemeinden in anonymen Abstimmungen an der Urne zum Teil sehr knappe Entscheide \u00fcber Einb\u00fcrgerungsgesuche gef\u00e4llt.<\/p>\n<p><strong>\u00abF\u00fcr Einb\u00fcrgerungswillige, die nur ein paar Ja-Stimmen auseinander lagen, zum Beispiel 49 Prozent f\u00fcr eine Einb\u00fcrgerung im Gegensatz zu 51 Prozent gegen eine Einb\u00fcrgerung, war es letztlich reine Gl\u00fcckssache, ob sie die Schweizer Staatsb\u00fcrgerschaft erhielten oder nicht.\u00bb<br \/>\n<\/strong>Jens Hainmueller, Universit\u00e4t Stanford<\/p>\n<p><strong>\u00dcber 700 Personen gaben Auskunft \u00fcber ihr Leben nach dem Gesuch<\/strong><\/p>\n<p>Von den Migrantinnen und Migranten, deren Einb\u00fcrgerungsgesuche in einer Abstimmung in einer Schweizer Gemeinde vor \u00fcber 15 Jahren entweder knapp angenommen oder knapp abgelehnt worden waren, haben wir 768 Personen ausfindig machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Diese Personen haben wir telefonisch befragt. Wir wollten unter anderem von ihnen wissen, ob sie sich politisch engagieren, ob sie Schweizer Zeitungen lesen, in einem Verein Mitglied sind, ob sie sich diskriminiert f\u00fchlen oder planen, ihren Lebensabend in der Schweiz zu verbringen.<\/p>\n<p>Unsere Resultate zeigen, dass sich eine Einb\u00fcrgerung f\u00fcr die Gruppe an Migrantinnen und Migranten am positivsten auswirkt, die mit den st\u00e4rksten Vorurteilen zu k\u00e4mpfen haben. Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien und der T\u00fcrkei sowie nicht in der Schweiz Geborene profitieren am meisten von der Einb\u00fcrgerung.<\/p>\n<p>Ebenso deutlich ist der positive Effekt der Einb\u00fcrgerung bei der politischen Integration: Das politische Wissen steigt bei den knapp eingeb\u00fcrgerten Personen auf ein Niveau an, das mit geb\u00fcrtigen Schweizerinnen und Schweizern vergleichbar ist. Knapp Abgelehnte sind hingegen auch heute noch politisch marginalisiert.<\/p>\n<p><strong>\u00abUnsere Studie zeigt, dass die Einb\u00fcrgerung die soziale und politische Integration langfristig f\u00f6rdert. Zudem sind die positiven Effekte der Einb\u00fcrgerung umso gr\u00f6sser, je fr\u00fcher sich eine Person einb\u00fcrgern l\u00e4sst.\u00bb<br \/>\n<\/strong>Dominik Hangartner, Universit\u00e4t Z\u00fcrich und London School of Economics<\/p>\n<p><strong>Sollen Einb\u00fcrgerungen schneller erfolgen?<\/strong><\/p>\n<p>Mit zw\u00f6lf Jahren Aufenthaltsdauer dauert es in der Schweiz im europ\u00e4ischen Vergleich sehr lange, bis sich jemand einb\u00fcrgern lassen kann. In Frankreich oder England gen\u00fcgen beispielsweise f\u00fcnf Jahre Wohnsitz. Unsere Studie zeigt, dass sich eine Verk\u00fcrzung der Wohnsitzpflicht positiv auf die Integration von Migrantinnen und Migranten in die Gesellschaft und damit auf die gesamte Bev\u00f6lkerung auswirken k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><a href=\"\/?page_id=21&amp;author=hangartner\">Dominik Hangartner<\/a><br \/>\nProjektleiter, nccr \u2013 on the move, Universit\u00e4t Z\u00fcrich<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(1) <strong>Einb\u00fcrgerungen an der Urne<br \/>\n<\/strong>Einb\u00fcrgerungen an der Urne oder Gemeindeversammlungen wurden von einigen Gemeinden vorwiegend in der Deutschschweiz praktiziert. 2003 entschied das Bundesgericht, ablehnende Entscheide von Einb\u00fcrgerungsgesuche m\u00fcssten begr\u00fcndet werden. 2007 verabschiedete die Bundesversammlung das <a href=\"https:\/\/www.admin.ch\/opc\/de\/classified-compilation\/19520208\/index.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">neue B\u00fcrgerrechtsgesetz<\/a>, das anonyme Abstimmungen \u00fcber Einb\u00fcrgerungsgesuche an der Urne ausschliesst. Vom Volk gef\u00e4llte Entscheide zu Einb\u00fcrgerungsgesuchen sind nur noch an Gemeindeversammlungen zul\u00e4ssig.<\/p>\n<p><em>Dies ist eine gek\u00fcrzte Version eines <a href=\"http:\/\/www.defacto.expert\/2017\/01\/13\/roter-pass-beschleunigt-integration\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Beitrags<\/a>, der am 13. Januar 2017 auf dem Blog \u00abDeFacto \u2013 belegt, was andere meinen\u00bb ver\u00f6ffentlicht wurde. DeFacto berichtet \u00fcber Resultate der universit\u00e4ren Forschung und bringt Expertenwissen aus der Politik- und verwandten Sozialwissenschaften einem interessierten Publikum n\u00e4her.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Referenzen<\/strong><\/p>\n<p>Hainm\u00fcller, Jens, Dominik Hangartner, and Giuseppe Pietrantuono. \u201c<a href=\"http:\/\/www.pnas.org\/content\/112\/41\/12651.full\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Naturalization fosters the long-term political integration of immigrants.<\/a>\u201d <em>Proceedings of the National Academy of Sciences<\/em> vol. 112, no. 41 (2015): 12651\u201312656.<\/p>\n<p>Hainm\u00fcller, Jens, Dominik Hangartner, and Giuseppe Pietrantuono. <em><a href=\"https:\/\/papers.ssrn.com\/sol3\/papers.cfm?abstract_id=2664101\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Catalyst or Crown: Does Naturalization Promote the Long-Term Social Integration of Immigrants?<\/a><\/em> Social Science Research Network, 2015.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Today, some 25 % of the people over 18 years old who live in Switzerland do not have the right to active political participation at the federal level because they are not naturalized and, thus, do not have a Swiss passport. The nccr \u2013 on the move publishes a series of blog posts on naturalization in Switzerland, providing facts and figures in the run-up to the vote on facilitated naturalization of 3rd generation foreigners, which will take place on 12 February 2017.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Migrantinnen und Migranten, die die Schweizer Staatsb\u00fcrgerschaft vor mehr als 15 Jahren an einer Urnenabstimmung in ihrer Gemeinde knapp erhielten, sind heute sozial viel besser integriert als diejenigen, deren Gesuche an der Urne knapp abgelehnt wurden. 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