{"id":1837,"date":"2017-02-16T13:31:41","date_gmt":"2017-02-16T12:31:41","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.nccr-onthemove.ch\/?p=1837"},"modified":"2025-03-10T19:11:55","modified_gmt":"2025-03-10T18:11:55","slug":"wie-waers-mit-einem-bewerbungsgespraech-in-einer-fremden-sprache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wie-waers-mit-einem-bewerbungsgespraech-in-einer-fremden-sprache\/","title":{"rendered":"Wie w\u00e4r\u2019s mit einem Bewerbungsgespr\u00e4ch in einer fremden Sprache?"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00abFl\u00fcchtlinge kosten dem Staat ein Verm\u00f6gen, weil sie nicht arbeiten gehen und deshalb Unsummen an Sozialhilfe beziehen, ohne je etwas einbezahlt zu haben.\u00bb So oder so \u00e4hnlich h\u00f6rt man es oft heutzutage. Woher stammen diese Vorw\u00fcrfe?<\/strong><\/p>\n<p>Korrekt ist, dass Personen aus dem Asylbereich Schwierigkeiten haben, im Schweizer Arbeitsmarkt Fuss zu fassen. Dies beruht vor allem darauf, dass gewisse Vorbehalte und Vorurteile seitens der Bev\u00f6lkerung vorhanden sind und dass ihnen oft die im Land gew\u00fcnschte berufliche Qualifikation fehlt \u2013 beziehungsweise vorhandene Berufsqualifikationen aus dem Ausland h\u00e4ufig nicht anerkannt werden. Dass Letzteres aufgrund der schweizerischen Fl\u00fcchtlingspolitik mitunter k\u00fcnstlich herbeigef\u00fchrt wird, zeigt sich eindrucksvoll anhand der Sprache.<\/p>\n<p><strong>Sprachkenntnisse als Eintrittskarte in den Arbeitsmarkt<\/strong><\/p>\n<p>Die Sprachkompetenz spielt im Arbeitsmarkt eine entscheidende Rolle. Dies zeigt nicht nur jede Arbeitgeberbefragung, sondern l\u00e4sst sich auch empirisch messen. Etliche <a href=\"http:\/\/repec.iza.org\/dp7880.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">wissenschaftliche Studien<\/a> konnten in der Vergangenheit zeigen, dass sich eine gute Beherrschung der jeweiligen Landessprache positiv auf die Erwerbst\u00e4tigenquote, die L\u00f6hne und die Job-Qualit\u00e4t von Migrantinnen und Migranten auswirkt.<\/p>\n<p>Die F\u00e4higkeit, in der regionalen \u00abAmtssprache\u00bb zu kommunizieren, erweist sich also als Eintrittskarte in den schweizerischen Arbeitsmarkt \u2013 vielleicht mit Ausnahme von ein paar wenigen Managementberufen in Z\u00fcrich oder Genf, f\u00fcr welche die <em>lingua franca<\/em> durch die anglo-amerikanische Unternehmensausrichtung vorgegeben wird. So weit so plausibel.<\/p>\n<p>Die aktuelle Gesetzeslage f\u00fcr Personen aus dem Asylbereich folgt einem anderen Mechanismus: Ankunft \u2013 Registrierung \u2013 Zuteilung zu einem Kanton. Diese Zuteilung ist bindend: eine Person, die in der Schweiz um Asyl ersucht, kann den ihr zugewiesenen Kanton weder f\u00fcr Wohn- noch f\u00fcr Arbeitszwecke verlassen. Zwar bestehen unter strengen Voraussetzungen einige wenige M\u00f6glichkeiten, den Kanton zu wechseln. Doch diese betreffen vor allem die Familienzusammenf\u00fchrung.<\/p>\n<p>In welchen Kanton man zugeteilt wird, erfolgt zuf\u00e4llig. Das Staatssekretariat f\u00fcr Migration SEM bem\u00fcht sich dabei zwar um eine gleichm\u00e4ssige Verteilung der Nationalit\u00e4ten der gr\u00f6ssten Herkunftsl\u00e4nder, sowie von Minderj\u00e4hrigen und medizinischen F\u00e4lle, um die \u00abLast\u00bb unter den Kantonen (entsprechend deren EinwohnerInnenzahl) gerecht zu verteilen. Eine einleuchtende Massnahme. Unber\u00fccksichtigt bleibt dabei jedoch neben der allf\u00e4lligen beruflichen Qualifikation auch die Sprachkompetenz einer Person.<\/p>\n<p><strong>Die Folgen: 20 Prozent weniger Chancen auf einen Job<\/strong><\/p>\n<p>Es ist keine Seltenheit, dass sich eine gefl\u00fcchtete Person mit Elternsprache Franz\u00f6sisch, beispielsweise aus dem Senegal kommend, pl\u00f6tzlich einem \u00abZ\u00fcrid\u00fctsch\u00bb ausgesetzt sieht, das auch schon mal die AnrainerInnen aus den Schweizer Nachbarl\u00e4ndern verzweifeln l\u00e4sst. Die Jobsuche in einem solchem Umfeld als \u00abschwierig\u00bb zu bezeichnen, erscheint hier beinahe zynisch. Ein Kantonswechsel, zum Beispiel nach Waadt oder Genf, in die franz\u00f6sische Sprachumgebung? Fehlanzeige.<\/p>\n<p>In Zahlen ausgedr\u00fcckt entspricht diese vermeintliche Fehlzuteilung einer 20 Prozent geringeren Wahrscheinlichkeit, einen Job zu finden \u2013 verglichen zur franz\u00f6sischsprachigen Person, die einem franz\u00f6sischsprachigen Kanton zugewiesen wurde, wie in einer <a href=\"http:\/\/nccr-onthemove.ch\/wp_live14\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Policy-Brief-nccr-on-the-move-04-Daniel-Auer-DE-Web.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Studie im Rahmen des nccr \u2013 on the move<\/a> j\u00fcngst gezeigt wurde. Entscheidend ist dabei die eindeutige und vollumf\u00e4ngliche Zuordnung des Effektes auf die fehlende Sprachkompetenz alleine, unabh\u00e4ngig von anderen individuellen Merkmalen wie Alter, Geschlecht oder Bildungsniveau.<\/p>\n<p>Zwar hat das SEM gute politische Gr\u00fcnde, die Zuteilung zuf\u00e4llig, also unter Nichtber\u00fccksichtigung von individuellen Faktoren, durchzuf\u00fchren. Stellen sie sich eine Situation vor, in der 26 Kantone um die \u00abbesten\u00bb Fl\u00fcchtlinge, zum Beispiel jene mit der h\u00f6chsten Qualifikation, feilschen: ein unm\u00f6gliches Vorhaben (bis heute gibt es ja nicht einmal einen einheitlichen Einschulungstag f\u00fcr Primarsch\u00fclerInnen). F\u00fcr einen zuf\u00e4lligen Mechanismus spricht auch, dass eine Konzentration von Volksgruppen oder Nationalit\u00e4ten innerhalb der Schweiz kontraproduktiv f\u00fcr eine rasche Integration sein kann.<\/p>\n<p><strong>Abhilfe schafft ein umfassendes Angebot an Sprachkursen<\/strong><\/p>\n<p>Was ist also zu tun? Die gleiche Studie zeigt, dass die Absolvierung eines Sprachkurses den 20-prozentigen Nachteil nahezu g\u00e4nzlich kompensieren kann. Jedoch folgt die kantonale Politik diesem Ansatz nicht: so hat der Kanton Z\u00fcrich j\u00fcngst die <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/zuerich\/deutsch-fuer-migranten-sprachkurse-fallen-sparpaket-zum-opfer-ld.126874\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">kantonale F\u00f6rderung f\u00fcr Deutschkurse reduziert<\/a>.<\/p>\n<p>Zusammenfassend besteht also die M\u00f6glichkeit, einen transparenten Verteilmechanismus beizubehalten, der immun gegen kantonale Intervention ist, ohne dabei die Chancen gefl\u00fcchteter Personen, am Arbeitsmarkt zu re\u00fcssieren, k\u00fcnstlich zu minimieren. Voraussetzung daf\u00fcr ist jedoch ein umfassendes Angebot an Sprachkursen f\u00fcr alle Personen, die der regionalen Sprache nicht m\u00e4chtig sind. Ohne ein solches Angebot muss sich die Schweiz den Vorwurf gefallen lassen, dass ein Teil der eingangs erw\u00e4hnten (vermeintlichen) finanziellen B\u00fcrde auf die eigene Politik k\u00fcnstlicher Integrationsh\u00fcrden zur\u00fcckzuf\u00fchren ist.<\/p>\n<p><a href=\"\/?page_id=21&amp;lang=de&amp;author=auer\">Daniel Auer<\/a><br \/>\nDoktorand, nccr \u2013 on the move, Universit\u00e4t Lausanne<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abFl\u00fcchtlinge kosten dem Staat ein Verm\u00f6gen, weil sie nicht arbeiten gehen und deshalb Unsummen an Sozialhilfe beziehen, ohne je etwas einbezahlt zu haben.\u00bb So oder so \u00e4hnlich h\u00f6rt man es oft heutzutage. 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