{"id":1866,"date":"2017-03-02T12:54:01","date_gmt":"2017-03-02T11:54:01","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.nccr-onthemove.ch\/?p=1866"},"modified":"2017-03-02T12:54:01","modified_gmt":"2017-03-02T11:54:01","slug":"ein-neuer-lebenslauf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/ein-neuer-lebenslauf\/?lang=de","title":{"rendered":"Ein neuer Lebenslauf"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die industrielle Gesellschaft hat uns einen Normallebenslauf gebracht: Kindheit, Jugend\/Ausbildung, aktive Erwachsenenphase und Ruhestand. Diese Einteilung ist nicht so nat\u00fcrlich, wie sie uns erscheinen mag. An manchen Orten arbeiten bereits Kinder, um f\u00fcr sich oder ihre Familie den Lebensunterhalt zu sichern, Ausbildungen und eine sorgenfreie Jugend waren oder sind vielen unbekannt und die Trennung zwischen Erwerbsleben und Pensioniertendasein existiert \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 erst seit der Einf\u00fchrung der Altersvorsorge.<\/strong><\/p>\n<p>Heute ist es wohl an der Zeit, sich darauf einzustellen, dass sich mit dem Wandel der Gesellschaft, mit der Globalisierung und der neuen Berufswelt auch unser Lebenslauf \u00e4ndert. Die fixe Einteilung d\u00fcrfte immer st\u00e4rker aufgehoben oder flexibilisiert werden. Damit verliert ein weiteres Ger\u00fcst unserer Existenz an Stabilit\u00e4t. Nur langsam \u2013 und wie die Reaktionen der Menschen gerade in den reichen L\u00e4ndern zeigen, gegen viel Widerstand und mit vielen \u00c4ngsten verbunden \u2013 nehmen wir seit einiger Zeit zur Kenntnis, dass Kultur und Identit\u00e4t keine fixen Vorgaben sind, die uns einpacken wie ein w\u00e4rmender Pullover. Immer deutlicher wird uns bewusst, wie intensiv der Wandel, die Durchmischung und gegenseitige Durchdringung kultureller Elemente sind. Was wir gestern als typisch und selbstverst\u00e4ndlich angesehen haben, ist heute altmodisch und out.<\/p>\n<p>Unsere Lebensweise, um einen anderen Begriff f\u00fcr Kultur zu verwenden, hat sich in wenigen Jahrzehnten grundlegend ver\u00e4ndert. Denken wir nur an die Geschlechterrollen oder unseren Umgang mit verschiedenen Formen der Sexualit\u00e4t und der Liebe, von denen viele vor wenigen Jahren noch als krank, strafbar und unnat\u00fcrlich galten, w\u00e4hrend heute die gleiche Behauptung zu heftigen Protesten f\u00fchrt. Oder denken wir an unser Freizeit- und Essverhalten, das mediterranisiert worden ist.<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend es fr\u00fcher f\u00fcr den Sohn des Metzgers selbstverst\u00e4ndlich war, dass er das Gesch\u00e4ft des Vaters \u00fcbernahm und damit eine quasi vorgefertigte Identit\u00e4t erben konnte, stehen wir heute vor der Qual der Wahl. Wir m\u00fcssen nicht nur berufliche, sondern auch viele andere Teile unserer Identit\u00e4t wie eine Patchworkdecke zusammenn\u00e4hen. Das ist anstrengend, bedeutet Arbeit an der eigenen Verortung \u2013 macht deshalb auch Angst, weil man Verantwortung tr\u00e4gt und nicht einfach vorgefertigte Muster \u00fcbernehmen kann.<\/p>\n<p><strong>Und nun f\u00e4llt auch die St\u00fctze der Lebensabschnitte<\/strong><\/p>\n<p>Was haben wir uns auf das Ende der Schulzeit, auf das Ende der Ausbildung, auf das Ende der Erwerbst\u00e4tigkeit doch gefreut, voller Vorfreude auf die n\u00e4chste Phase, die immer irgendwie verheissungsvoll erschien. Doch immer deutlicher wird erkennbar: Wir werden ein Leben lang in Ausbildung sein, wir werden immer wieder neue T\u00e4tigkeiten aus\u00fcben, und auch der \u00dcbergang in den Ruhestand d\u00fcrfte als fixe Grenze aufgel\u00f6st werden. Das zeigen uns zum Beispiel die \u00e4lteren Menschen, die ihren Beruf verlieren, weil ihr Wissen und ihr K\u00f6nnen nicht mehr gefragt sind, und die deshalb eine neue Perspektive brauchen, die vielleicht \u00fcber das normale Pensionsalter hinaus wichtig bleiben wird.<\/p>\n<p><strong>Die Situation der Migrantinnen und Migranten: Ein Blick in unsere Zukunft<\/strong><\/p>\n<p>Am deutlichsten vor Augen gef\u00fchrt wird uns dieser Wandel jedoch bei Migrantinnen und Migranten, vor allem bei denjenigen, die als Fl\u00fcchtlinge in die Schweiz kommen. Sie alle m\u00fcssen in unterschiedlichen Phasen in ihrem Leben wieder neu anfangen, eine\u00a0<a href=\"http:\/\/nccr-onthemove.ch\/wp_live14\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Policy-Brief-nccr-on-the-move-04-Daniel-Auer-DE-Web.pdf\" target=\"_blank\">neue Sprache lernen<\/a>, einen neuen Beruf aus\u00fcben, sich in einer neuen kulturellen Umgebung zurechtfinden. Sie zeigen uns, dass es wichtig ist, dass auch ein junger Erwachsener nochmals zur Schule gehen kann, dass auch eine Dreissig- oder Vierzigj\u00e4hrige einen neuen Beruf erlernen kann. Denn ohne diese M\u00f6glichkeit werden sie\u00a0<a href=\"\/?p=544&amp;lang=de\">immer abh\u00e4ngig bleiben<\/a>, werden sie nie ihren Platz in der Gesellschaft finden.<\/p>\n<p>Es ist nicht die Migration, die f\u00fcr diesen Wandel verantwortlich ist, sondern der Wandel der Gesellschaft insgesamt. Aber Migrantinnen und Migranten sind von diesem Wandel am st\u00e4rksten betroffen. An ihrer Situation erkennen wir viele Trends der Zukunft. Unsere F\u00e4higkeit, mit der Migration umzugehen, den Menschen neue Wege zu erm\u00f6glichen, ist das Probest\u00fcck f\u00fcr unsere eigene zuk\u00fcnftige Situation \u2013 wenn wir, die wir unseren Lebensweg auch als Wanderinnen und Wanderer zur\u00fccklegen, diesen vollkommen neu gestalten m\u00fcssen. \u00c4hnlich wie Migrantinnen und Migranten stehen wir dann vor der Aufgabe, die Rahmenbedingungen unseres Lebens neu zu bestimmen.<\/p>\n<p><a href=\"\/?page_id=21&amp;lang=de&amp;author=leimgruber\">Walter Leimgruber<\/a><br \/>\nProjektleiter, nccr \u2013 on the move, Universit\u00e4t Basel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die industrielle Gesellschaft hat uns einen Normallebenslauf gebracht: Kindheit, Jugend\/Ausbildung, aktive Erwachsenenphase und Ruhestand. Diese Einteilung ist nicht so nat\u00fcrlich, wie sie uns erscheinen mag. 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