{"id":2134,"date":"2017-08-28T07:48:38","date_gmt":"2017-08-28T06:48:38","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.nccr-onthemove.ch\/?p=2134"},"modified":"2017-08-28T07:48:38","modified_gmt":"2017-08-28T06:48:38","slug":"diskriminierung-von-auslaendern-und-auslaenderinnen-auf-dem-deutschen-wohnungsmarkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/diskriminierung-von-auslaendern-und-auslaenderinnen-auf-dem-deutschen-wohnungsmarkt\/?lang=de","title":{"rendered":"Diskriminierung von Ausl\u00e4ndern und Ausl\u00e4nderinnen auf dem deutschen Wohnungsmarkt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Journalistinnen und Journalisten des Bayrischen Rundfunks und des Spiegels haben in einem Experiment gezeigt, dass Personen mit ausl\u00e4ndischen Namen auf dem deutschen Wohnungsmarkt diskriminiert werden. Dieses Ph\u00e4nomen ist zwar nicht neu \u2013 aber in Europa bisher noch zu wenig belegt.<\/strong><\/p>\n<p>In den USA f\u00fchrte die Diskriminierung von ethnischen Minderheiten bereits in den neunzehnsiebziger Jahren dazu, dass amerikanische Forschende Experimente durchf\u00fchrten, um die Diskriminierung von Schwarzen auf dem Wohnungsmarkt zu belegen. Gerichte liessen die durch Testpersonen erbrachten Ergebnisse in F\u00e4llen zum \u00abFair Housing Act\u00bb \u2013 Teil des 1968 verabschiedeten Civil Rights Act \u2013 sogar als Beweismaterial zu. Der \u00abFair Housing Act\u00bb sch\u00fctzt Personen, die ein Haus kaufen oder mieten, vor Diskriminierung durch Verk\u00e4uferinnen und Verk\u00e4ufer sowie Vermieterinnen und Vermieter. Seit den ersten Experimenten haben Forschende und NGOs immer wieder Diskriminierung auf dem amerikanischen Wohnungsmarkt dokumentiert. Auch aus L\u00e4ndern wie Griechenland, Spanien oder Schweden gibt es mittlerweile Studien zu diesem Thema, die mit sogenannten Testing Experimenten die Diskriminierung von Minderheiten untersuchen. Dabei bewerben sich zwei grunds\u00e4tzlich gleich qualifizierte Personen auf dieselbe Wohnung \u2013 allerdings unterscheiden sie sich in ihrem Namen, der ihren Status als \u00abAusl\u00e4nder\u00bb oder \u00abAusl\u00e4nderin\u00bb signalisiert [1].<\/p>\n<p><strong>Testing auf dem deutschen Wohnungsmarkt<\/strong><\/p>\n<p>Bis \u00a0M\u00e4rz 2017 gab es in Deutschland noch kein Testing Experiment zur Diskriminierung von Menschen mit ausl\u00e4ndischem Namen auf dem Wohnungsmarkt. Zu diesem Zeitpunkt\u00a0ver\u00f6ffentlichten <a href=\"http:\/\/www.sciencedirect.com\/science\/article\/pii\/S1051137717300037\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Katrin Auspurg, Thomas Hinz und Laura Schmid der LMU M\u00fcnchen die Resultate ihres Testing Experiments<\/a>, in dem sie mit fiktiven deutschen und t\u00fcrkischen Bewerberinnen und Bewerbern auf 637 Wohnungsanzeigen geantwortet hatten.<\/p>\n<p>Das Projekt der Journalistinnen und Journalisten des Bayrischen Rundfunks und des Spiegels baut auf diesen Ergebnissen auf, ist jedoch umfassender da sie mehr als 7 000 Wohnungsanzeigen in zehn deutschen St\u00e4dten untersuchten. In ihrem Experiment suchen zwei ledige 27-j\u00e4hrige Personen, die im Bereich Marketing arbeiten und fehlerfrei deutsch sprechen und schreiben nach einer neuen Wohnung. Sie unterscheiden sich lediglich in ihren Namen: z.B. Hanna Berg oder Ismail Hamed. Auf der Website des Projekts <a href=\"https:\/\/www.hanna-und-ismail.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.hanna-und-ismail.de<\/a> dokumentieren die Journalistinnen und Journalisten detailliert die Methodik des Experiments. \u00dcber 20 000 Bewerbungen haben sie auf ca. 7 000 Wohnungsanzeigen verschickt \u2013 jeweils von einem deutschen und zwei ausl\u00e4ndisch klingenden Profilen des gleichen Geschlechts mit nahezu identischen Anschreiben. Dabei haben sie genau dokumentiert, wie jeder Vermieter und jede Vermieterin reagiert hat.<\/p>\n<p><strong>\u00abWarum Hanna zur Besichtigung eingeladen wird und Ismail nicht \u00bb<\/strong><\/p>\n<p>Auf die \u00fcber 20 000 Anfragen f\u00fcr Mietwohnungen erhielten die Journalistinnen und Journalisten ungef\u00e4hr 8 000 verwertbare Antworten. Dabei zeigt sich, dass Personen mit arabischen und t\u00fcrkischen Namen am st\u00e4rksten diskriminiert werden. In 27% der F\u00e4lle in denen der deutsche Bewerber oder die deutsche Bewerberin eine Einladung zur Besichtigung erhalten hat, wurden arabische Interessentinnen und Interessenten nicht eingeladen, bei den t\u00fcrkischen Personen liegt diese Zahl immer noch bei 24%. Polnische und italienische Wohnungssuchende schnitten besser ab. Sie wurden in 12% bzw. 8% der F\u00e4lle nicht eingeladen, w\u00e4hrend ihre deutschen Mitbewerberinnen und Mitbewerber die Wohnung besichtigen konnten. Eine genaue Betrachtung der Ergebnisse macht ausserdem deutlich, dass bei arabischen und t\u00fcrkischen Personen das Geschlecht eine wichtige Rolle spielt: so wurden t\u00fcrkische und arabische M\u00e4nner in 33% bzw. 31% der F\u00e4lle nicht eingeladen, w\u00e4hrend die Zahlen f\u00fcr arabische und t\u00fcrkische Frauen 23% und 12% betrugen. Dar\u00fcber hinaus zeigen die Ergebnisse des Experiments, dass Privatpersonen eher dazu neigen, Bewerber mit ausl\u00e4ndischen Namen zu diskriminieren, als gewerbliche Wohnungsanbieter.<\/p>\n<p>Betrachtet man die einzelnen St\u00e4dte, zeigt sich, dass die Chancen zu einem Besichtigungstermin eingeladen zu werden, f\u00fcr einen ausl\u00e4ndischen Kandidaten wie Ismail in M\u00fcnchen (\u201346%) und Frankfurt am Main (\u201331%) am geringsten sind. Sie sind in Leipzig (\u201318%) und Magdeburg (\u201317%) zwar immer noch schlechter als bei deutschen Wohnungssuchenden, doch eindeutig h\u00f6her als in den beiden westdeutschen St\u00e4dten. Dies erkl\u00e4ren die Journalistinnen und Journalisten mit dem sehr angespannten Wohnungsmarkt in M\u00fcnchen und Frankfurt sowie der hohen Zahl an Wohnungen, die in diesen beiden St\u00e4dten durch Privatpersonen vermittelt werden.<\/p>\n<p>Obwohl Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt gegen das <a href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/agg\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">deutsche Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG)<\/a> verst\u00f6sst, ist dies in Einzelf\u00e4llen schwer nachzuweisen, und nur wenige Wohnungssuchende sind sich ihrer Rechte unter dem AGG \u00fcberhaupt bewusst. Einen interessanten Ansatz, wie dieses Problem angegangen werden k\u00f6nnte, liefert derzeit die belgische Stadt Ghent: Seit 2016 wird dort systematisch und begleitet von Forschenden der Universit\u00e4t Ghent getestet, ob Menschen mit ausl\u00e4ndischem Namen auf dem Wohnungsmarkt diskriminiert werden. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass die blosse Ank\u00fcndigung von Testings zur Kontrolle gegen Diskriminierung bereits zu besseren Chancen f\u00fcr Personen mit ausl\u00e4ndischen Namen f\u00fchrt \u2013 wenn auch bisher nur bei gewerblichen Wohnungsanbietern.<\/p>\n<p><strong>Sind diese Erkenntnisse \u00fcbertragbar auf den Schweizer Kontext?<\/strong><\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie Deutschland bis vor kurzem, ist die Schweiz noch ein schwarzer Fleck auf der Karte der L\u00e4nder, zu denen es Daten aus Testing Verfahren zur Diskriminierung ausl\u00e4ndischer Wohnungssuchender gibt. Bei einem Ausl\u00e4nderanteil von ungef\u00e4hr 25% und St\u00e4dten wie Z\u00fcrich oder Genf, in denen der Wohnungsmarkt ebenfalls sehr angespannt ist und in denen sich viele ausl\u00e4ndische Personen niederlassen, ist es erstaunlich, dass solche Daten f\u00fcr die Schweiz bisher noch nicht verf\u00fcgbar sind. Erfahrungen aus anderen L\u00e4ndern sowie Studien zu Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt lassen aber erwarten, dass es auch in der Schweiz Diskriminierung von Menschen mit ausl\u00e4ndischen Namen auf dem Wohnungsmarkt geben d\u00fcrfte. H\u00f6chste Zeit also, solch ein Experiment auch auf dem Schweizer Wohnungsmarkt durchzuf\u00fchren!<\/p>\n<p><a href=\"\/?page_id=21&amp;lang=de&amp;author=zschirnt\">Eva Zschirnt<\/a><br \/>\nDoktorandin, nccr \u2013 on the move, Universit\u00e4t Neuenburg<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[1] Eine \u00dcbersicht \u00fcber wissenschaftlichen Studien zur Wohnungsmarktdiskriminierung zwischen 2000 und 2009 liefert z.B. Judith Rich:\u00a0Rich, Judith. 2014. \u201c<a href=\"http:\/\/ftp.iza.org\/dp8584.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">What Do Field Experiments of Discrimination in Markets Tell Us? A Meta Analysis of Studies Conducted since 2000.<\/a>\u201d <em>Discussion Paper Series<\/em>. Bonn: IZA.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Journalistinnen und Journalisten des Bayrischen Rundfunks und des Spiegels haben in einem Experiment gezeigt, dass Personen mit ausl\u00e4ndischen Namen auf dem deutschen Wohnungsmarkt diskriminiert werden. 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