{"id":2760,"date":"2018-03-12T09:35:09","date_gmt":"2018-03-12T08:35:09","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.nccr-onthemove.ch\/?p=2760"},"modified":"2018-03-12T09:35:09","modified_gmt":"2018-03-12T08:35:09","slug":"heimat-einschluss-oder-ausschluss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/heimat-einschluss-oder-ausschluss\/?lang=de","title":{"rendered":"Heimat \u2013 Einschluss oder Ausschluss?"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00abAll inclusive\u00bb: An was denken Sie da? An Buffets, die unter der Last der Speisen fast zusammenbrechen, und an Touristinnen\u00a0und Touristen, die sich den ganzen Tag bedienen, weil alles gratis ist? Oder an ein Schlaraffenland, in dem man nichts tun muss, um seinem Lebensunterhalt zu verdienen, weil alles einfach da ist? Oder an eine Vollkasko-Gesellschaft, die f\u00fcr jede und jeden einen Platz hat, sich um alle k\u00fcmmert, niemanden abst\u00fcrzen l\u00e4sst, sondern ein feinmaschiges Netz sozialer Inklusion kn\u00fcpft?<\/strong><\/p>\n<p>Solche Bilder des \u00abAll Inclusive\u00bb spielen sicherlich bei manchen Menschen, die sich zur Migration entscheiden oder die hochgradig mobil sind, eine Rolle. Es ist in der Tat der Traum von vielen, dorthin zu gehen, wo alles reichlicher vorhanden ist als im eigenen Land. Und dieses \u00aballes\u00bb meint in vielen F\u00e4llen prim\u00e4r materielle Dinge \u2013 Verdienst, Wohlstand, G\u00fcter \u2013 meint aber ebenso h\u00e4ufig auch das Versprechen einer solidarischen Gesellschaft mit Krankenversicherung, Arbeitslosengeld und Rente.<\/p>\n<p><strong>Meine Hauptthese ist, dass sich die Frage des Ein- und Ausschlusses aber l\u00e4ngst nicht mehr nur auf die Zugezogenen, die Migrierenden und Mobilen zu beziehen hat.<\/strong> Ein- und Ausschl\u00fcsse sind zu Fragen geworden, die sich der Gesellschaft insgesamt stellen. Massnahmen nur im Migrationsbereich machen daher h\u00e4ufig wenig Sinn, denn viele der Themen, die hier verhandelt werden, betreffen auch Menschen, die nicht migriert sind \u2013 etwa Themen der Bildung oder der Sozialgesetzgebung. <strong>\u00abAll inclusive\u00bb heisst dann auch, wir m\u00fcssen alle Themen einschliessen<\/strong>, die Frage stellen, wohin sich diese Gesellschaft im 21. Jahrhundert bewegen soll. In Wirklichkeit ist Migrationspolitik nichts anderes als Gesellschafts- und Zukunftspolitik. Packen wir letztere nicht an, finden wir auch keine L\u00f6sung f\u00fcr erstere.<\/p>\n<p>Ich spreche im Folgenden einige Aspekte dieses \u00abAll Inclusive\u00bb an, beginnend beim \u00f6konomischen Einschluss, \u00fcber die Frage des sozialen und kulturellen Einschlusses bis schliesslich zur politischen Inklusion und Partizipation.<\/p>\n<p>Setzen wir bei einer aktuellen Frage ein, dem Asylbereich, bei dem die Prozesse des Ein- und Ausschlusses besonders schwierig und komplex sind. Hier k\u00f6nnen wir feststellen, dass die Eingliederung, insbesondere in den <strong>Arbeitsmarkt<\/strong>, aber auch in vielen anderen Bereichen, nicht befriedigend funktioniert. Was wir brauchen, ist ein intensives <strong>Coaching<\/strong> der betroffenen Personen aus einer Hand, \u00fcber Jahre hinweg. Das hat sich am besten bew\u00e4hrt. Das ist aber sehr teuer und sehr aufw\u00e4ndig.<\/p>\n<p>Ein solches Vorgehen bedingt deshalb eine Neustrukturierung der <strong>Sozialpolitik<\/strong> und damit etwas, das weit \u00fcber die Migrationspolitik hinausgeht. Die Integrations- und Sozialpolitik der Zukunft heisst <strong>Bildungspolitik<\/strong> \u2013 auf allen Stufen und in allen Lebensphasen. Besonders prek\u00e4r sieht es bei Familien aus: Sozialer Ausschluss oder Armut fallen nicht unmittelbar \u00fcber das Individuum her, sondern sind meist das Endresultat einer problematischen Biographie oder auch der Generationenentwicklung. Benachteiligungen, die sich auf die Ausbildungs- und Berufschancen auswirken, entstehen zu einem wesentlichen Teil in den ersten Lebensjahren. Wenn die Kinder in die Schule kommen, ist die Pr\u00e4gung da, die Korrektur kaum mehr m\u00f6glich. Wenig \u00fcberraschend geh\u00f6ren Migrationsfamilien (und hier v.a. Fl\u00fcchtlingsfamilien) und Alleinerziehende zu den besonders Benachteiligten. Was steht dieser fr\u00fchen F\u00f6rderung entgegen? Die Vorstellung von der Kernfamilie als allein verantwortlich. Wollen wir also etwas \u00e4ndern in diesem Bereich, m\u00fcssen wir \u00fcber unsere Familienmodelle nachdenken. Auch dies ein Thema, das weit \u00fcber die Migrationspolitik hinausreicht.<\/p>\n<p>Kommen wir zur <strong>sozialen Integration<\/strong> und wechseln wir die Gruppe vollst\u00e4ndig:\u00a0Soziale Integration l\u00e4uft in der Schweiz im Wesentlichem \u00fcber Arbeit und daher \u00e4hnlich wie die wirtschaftliche. Insgesamt ist die Situation nicht so schlecht, wir kennen keine Ghettos und keine abgeschotteten Communities. Aber grosse Defizite der sozialen Integration finden wir seltsamerweise gerade bei hochqualifizierten Personen. In Rankings schneidet die Schweiz bei Fragen der Zufriedenheit, der Gastfreundschaft, der sozialen Kontakte miserabel ab. Das ist sicherlich auch eine Frage der hiesigen Mentalit\u00e4t, die sich ja nicht gerade durch unbek\u00fcmmerte Offenheit auszeichnet. Aber auch fehlender Bem\u00fchungen von Seiten der Beh\u00f6rden. Vor allem aber zeigt sich in diesem Bereich, dass Integration zwei aktive Seiten braucht, die sich engagieren. Man kann sich nicht integrieren, wenn die Seite der Einheimischen abwesend ist.<\/p>\n<p>Diese Suche nach Zusammenhalt ist heute intensiv sp\u00fcrbar. Sie f\u00fchrt in vermehrtem Masse zur Suche nach <strong>Heimat<\/strong>. Im 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhundert waren es die Industrialisierung und Urbanisierung, heute sind es die Europ\u00e4isierung und Globalisierung, die einen \u00abVertrautheitsschwund\u00bb erzeugen. Und Teil des Vertrautheitsschwundes ist nat\u00fcrlich auch die Auseinandersetzung mit dem Fremden und den Fremden. Das Merkw\u00fcrdige daran ist allerdings die Tatsache, dass sich die Grenzen des \u00abVertrauten\u00bb und des \u00abFremden\u00bb st\u00e4ndig verschieben. Was gestern noch fremd war, ist heute vertraut. Aber es kommen immer wieder neue Elemente der \u00dcberfremdung hinzu, was heisst, dass vieles diskutiert und ausgehandelt werden muss. Selbst allt\u00e4gliche Banalit\u00e4ten wie der Handschlag, \u00fcber die wir uns nie Gedanken gemacht haben, werden daher zur Kampfzone um <strong>Normen und Werte<\/strong>, die von vielen als die kulturelle Ebene des Ein- und Ausschlusses gesehen werden. Welche Verhaltensweisen werden akzeptiert, welche nicht?<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Heimat_Website_500x282.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2748\" src=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Heimat_Website_500x282.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"282\" srcset=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Heimat_Website_500x282.jpg 500w, https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Heimat_Website_500x282-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Solche Entwicklungen geh\u00f6ren also zur Gesellschaft. Passieren aber zu viele \u00c4nderungen zu schnell, verlieren viele Menschen den Boden unter den F\u00fcssen, sie werden angeblich \u00abentwurzelt\u00bb \u2013 eine seltsame Metapher bei einem Lebewesen mit zwei Beinen. Und solche <strong>Prozesse der Erneuerung und Ver\u00e4nderung<\/strong> sind immer mit grosser Unsicherheit verbunden und rufen immer \u00c4ngste und Gegenreaktionen hervor. Das heisst auch, es muss eine dauernde R\u00fcckversicherung geben, was denn f\u00fcr diese Gesellschaft Bedeutung hat, was die zentralen Werte sind. Auch wenn sich diese im Laufe der Zeit \u00e4ndern, entbindet uns dieser Wandel nicht von der Aufgabe, festzulegen, was hier und heute f\u00fcr uns g\u00fcltig ist. Und das bedingt auch, allen Menschen, die an einem Ort leben, die M\u00f6glichkeit zu geben, bei den Fragen, die die Gesellschaft bewegen, mitzureden. Vom offiziellen Diskurs der <strong>demokratischen Teilhabe<\/strong> ist immerhin ein Viertel der Bev\u00f6lkerung ausgeschlossen. Einschluss m\u00fcsste daher \u00fcber den sozialen und wirtschaftlichen Einschluss hinaus auch die politische Zugeh\u00f6rigkeit umfassen \u2013 damit diese Menschen Rechte haben, sich aber auch verantwortlich f\u00fchlen f\u00fcr ihr Umfeld und ihre Umwelt. Denn, grunds\u00e4tzlich stellt sich die Frage, ob ein politisches System, in dem grosse Teile der Bev\u00f6lkerung von der Mitsprache ausgeschlossen sind, als Demokratie bezeichnet werden kann. Gibt es eine Grenze, ab der eine Gesellschaft nicht mehr demokratisch bezeichnet, nicht mehr \u00aball inclusive\u00bb ist? Und wann ist diese Grenze erreicht?<\/p>\n<p><strong>\u00abAll inclusive\u00bb, ich fasse zusammen, heisst also:<\/strong><\/p>\n<ul class=\"liste\">\n<li>\u00f6konomisch, sozial, kulturell und politisch einschliessen;<\/li>\n<li>m\u00f6glichst alle Menschen, die hier leben, einschliessen;<\/li>\n<li>m\u00f6glichst alle Themen, die f\u00fcr die zuk\u00fcnftige Gestaltung der Gesellschaft wichtig sind, einschliessen;<\/li>\n<li>und m\u00f6glichst alle R\u00e4ume zwischen lokal und global einschliessen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ein solches \u00abAll Inclusive\u00bb ist nicht mehr Privileg einer kleinen Luxusgruppe, ein solches \u00abAll Inclusive\u00bb ist in der Tat auch kein Luxus, sondern vielmehr notwendige Voraussetzung f\u00fcr die Gestaltung der Zukunft.<\/p>\n<p><a href=\"\/?page_id=21&amp;lang=de&amp;author=leimgruber\">Walter Leimgruber<\/a><br \/>\nProjektleiter, nccr \u2013 on the move, Universit\u00e4t Basel und Stiftungsrat Stapferhaus Lenzburg<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Sie finden eine fundierte Er\u00f6rterung all dieser Aspekte des Ein- und Ausschlusses in der <a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Leimgruber_Heimat-\u2013-Einschluss-oder-Ausschluss_Langversion.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">schriftlichen Version des Inputreferats<\/a>, das Walter Leimgruber am 30. Oktober 2017 anl\u00e4sslich des zweiten vom \u00abnccr \u2013 on the move\u00bb organisierten <a href=\"http:\/\/nccr-onthemove.ch\/events\/table-ronde-dexpert\u00b7e\u00b7s-la-suisse-all-inclusive-migration-mobilite-et-inclusions-differenciees\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Dialogs unter Expertinnen und\u00a0Experten<\/a> im Stapferhaus Lenzburg gehalten hat.<\/em><\/p>\n<p><em>Nutzen Sie die letzten Tage der <a href=\"http:\/\/www.stapferhaus.ch\/ausstellung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Ausstellung \u00abHEIMAT \u2013 eine Grenzerfahrung\u00bb des Stapferhauses<\/strong><\/a>, an der Sie im Rahmen einer virtuellen Reise verschiedene Einwohnerinnen und Einwohner dieser von Vielfalt gepr\u00e4gten Schweiz treffen, und etwas \u00fcber deren Heimatgef\u00fchle erfahren. <strong>Noch bis zum 25. M\u00e4rz 2018 im Zeughaus Lenzburg<\/strong>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abAll inclusive\u00bb: An was denken Sie da? 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