{"id":2983,"date":"2018-09-06T16:34:56","date_gmt":"2018-09-06T15:34:56","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.nccr-onthemove.ch\/?p=2983"},"modified":"2025-03-09T22:09:52","modified_gmt":"2025-03-09T21:09:52","slug":"gendernationalismus-als-neue-spielform-eines-politischen-nationalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/gendernationalismus-als-neue-spielform-eines-politischen-nationalismus\/?lang=fr","title":{"rendered":"\u201eGendernationalismus\u201c als neue Spielform eines politischen Nationalismus?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wer h\u00e4tte je gedacht, dass die Idee der \u201eGeschlechtergleichheit\u201c zu einem intrinsischen Charakteristikum des \u201eSchweizer*in Seins\u201c w\u00fcrde? Mit \u201eSwissness\u201c werden nicht mehr nur P\u00fcnktlichkeit, Ordentlichkeit, Wanderschuhe und Skis assoziiert. Neuerdings gilt \u201eGeschlechtergleichheit\u201c ebenfalls als typisch Schweizerische Eigenschaft. \u201eUngleich\u201c sind nunmehr nur noch die \u201eAnderen\u201c, die von ausserhalb der Schweiz kommen. Das neue Konzept des <em>Gendernationalismus<\/em> beleuchtet diese Entwicklung.<\/strong><\/p>\n<p>Wie h\u00e4ufig haben wir in letzter Zeit dieses Argument geh\u00f6rt: \u201eWir\u201c Schweizer*innen leben Geschlechtergleichheit. Die \u201eAnderen\u201c, d.h. bestimmte Migrant*innen aus dem aussereurop\u00e4ischen Raum oder Muslim*innen, sind kulturell von ungleichen Geschlechterbeziehungen gepr\u00e4gt und verstossen deshalb gegen grunds\u00e4tzliche Schweizerische Werte. Geschlechtergleichheit wurde zum Massstab um zu definieren, wer dazu geh\u00f6ren kann und wer nicht. Feminist*innen k\u00e4mpften seit Jahrzehnten f\u00fcr Frauenrechte, wobei sie immer in der Minderheit waren. Nun aber finden sie umfassend Geh\u00f6r, dann n\u00e4mlich wenn die Geschlechterungleichheit der Zugewanderten und ihrer Kinder auf der Agenda steht. So heisst es in der Brosch\u00fcre <a href=\"http:\/\/files.newsnetz.ch\/upload\/7\/1\/71933.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Grundregeln des Zusammenlebens des Kantons Luzern<\/a>, die an Asylsuchende ausgegeben wird<u>: <\/u>\u201eFrauen und M\u00e4nner sind in der Schweiz gleichberechtigt.\u201c Dieser Benimmflyer f\u00fcr Asylsuchende, aber auch Debatten zu Schwimmunterricht f\u00fcr M\u00e4dchen oder dem Kopftuch sind Beispiele dieser diskursiven Konstruktion. Einerseits wird die Idee suggeriert, dass Gleichstellung in der Schweiz eine vollendete Tatsache sei, obschon nach wie vor <a href=\"https:\/\/www.bfs.admin.ch\/bfs\/de\/home\/statistiken\/querschnittsthemen\/monitoring-legislaturplanung\/indikatoren\/lohnunterschied-geschlecht.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Lohnungleichheiten zwischen Frauen und M\u00e4nner<\/a> ein Thema sind und Frauen in Toppositionen in Verwaltungsr\u00e4ten und <a href=\"https:\/\/www.bfs.admin.ch\/bfs\/de\/home\/statistiken\/bildung-wissenschaft\/bildungsindikatoren\/bildungssystem-schweiz\/bildungsstufen\/hochschulen\/personal-hs.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">an Universit\u00e4ten<\/a> eine Minderheit stellen. Andererseits werden Migrantinnen als Opfer ihrer geschlechtsungleichen \u201eKultur\u201c oder des Islams dargestellt, w\u00e4hrend Migranten pauschalisierend zu T\u00e4tern werden. Wir behaupten nat\u00fcrlich keinesfalls, dass es unter Migrant*innen keine Geschlechterungleichheit gibt, offensichtlich gibt es die, ebenso wie unter Schweizer*innen. Solche sind zu bek\u00e4mpfen. Darum geht es aber in diesem Blog nicht. Vielmehr zeigen wir auf, welche Konsequenzen es hat, wenn Geschlechterungleichheit nur noch den \u201eAnderen\u201c zugeschrieben wird und nicht mehr \u201euns\u201c betrifft.<\/p>\n<p>Zur Erfassung dieses Ph\u00e4nomens m\u00f6chten wir den Begriff des <em>Gendernationalismus<\/em> einf\u00fchren. Bei dieser speziellen Spielart eines politischen Nationalismus wird Geschlechtergleichheit zu einem <em>normativen Imperativ<\/em> hochstilisiert. Folglich ist die Vorstellung von \u201eSwissness\u201c neu intrinsisch mit der Norm der Geschlechtergleichheit verflochten. Nationale Grenzziehungen und damit einhergehende Ein- und Ausschlussprozesse erfolgen nach dieser Logik.<\/p>\n<p><strong>Wie \u00e4ussert sich <em>Gendernationalismus<\/em>?<\/strong><\/p>\n<p>Drei Beispiele aus unserer <a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/projects\/gender-as-boundary-marker-in-migration-and-mobility-case-studies-from-switzerland\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">NCCR-Forschung<\/a><\/p>\n<p><strong>1. Geschlecht und Migration waren in der Schweiz historisch immer wieder mit politischen Nationalismus verkn\u00fcpft. Im <em>Gendernationalismus<\/em> r\u00fccken Migrantinnen erstmals in den Fokus staatlicher Intervention.<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/publications\/changing-gender-representations-in-politics-of-belonging-a-critical-analysis-of-developments-in-switzerland\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ein Ergebnis unserer NCCR-Forschung<\/a> ist, dass Geschlecht historisch immer wieder mit nationalen Grenzziehungen verbunden war. Ein erstes Beispiel f\u00fcr kulturalisierte Geschlechter-Repr\u00e4sentationen stammt aus den 1960er Jahren im Rahmen der \u00dcberfremdungsinitiativen. So wurden beispielsweise die Italiener als sexuell aggressiv bezeichnet und als Gefahr f\u00fcr die einheimischen Frauen pr\u00e4sentiert. Im <em>Gendernationalismus <\/em>erfolgt die Verquickung von Gender und Nationalismus jedoch auf eine andere Art. Migranten werden &#8211; wie fr\u00fcher schon &#8211; als T\u00e4ter dargestellt. Neu r\u00fccken nun jedoch Migrantinnen ins Zentrum der politischen und \u00f6ffentlichen Aufmerksamkeit. Dies ist besonders im Zusammenhang mit Integrationsbem\u00fchungen der Fall, im Zuge derer Migrantinnen pauschal ein Emanzipationsdefizit und ein Opferstatus zugeschrieben wird.<\/p>\n<p><strong><em>2. Gendernationalismus<\/em><\/strong><strong> ist auf dem Weg zur Institutionalisierung und wurde zu einer wegweisenden Handlungsanleitung f\u00fcr Akteur*innen.<\/strong><\/p>\n<p>Im Rahmen unseres NCCR-Projektes untersuchen wir Einb\u00fcrgerungsverfahren. Wir gehen der Frage nach, gem\u00e4ss welcher Kriterien die Kandidat*innen als mehr oder weniger \u201eschweizerisch\u201c definiert werden. Die normative Idee der \u201eGeschlechtergleichheit\u201c findet sich im Einb\u00fcrgerungsprozess zwar nicht in \u201eharten\u201c Kriterien wie dem Wohnsitznachweis. Sie findet sich jedoch in den \u201eweichen\u201c Kriterien, die Einb\u00fcrgerungsentscheiden zugrunde liegen. Relevant bei diesen weichen Kriterien ist, dass sie den verantwortlichen B\u00fcrokrat*innen einen Ermessensspielraum lassen. Es zeigt sich, dass die \u201eGeschlechtergleichheit\u201c eine der Schablonen ist, auf Grund deren das Einb\u00fcrgerungspotential eruiert wird. Zum Beispiel wird erwartet, dass ausl\u00e4ndische Frauen erwerbst\u00e4tig und die Hausarbeit von ihrem Ehemann mitgetragen wird (als ob das bei jedem Schweizerischen Paar der Fall w\u00e4re!). Ist dies erf\u00fcllt, steigt das Potential f\u00fcr einen positiven Einb\u00fcrgerungsentscheid und umgekehrt. In Lausanne wurde k\u00fcrzlich einem Paar die Einb\u00fcrgerung mit der Begr\u00fcndung verweigert, dass sie \u201eein grunds\u00e4tzliches Prinzip unserer Verfassung nicht respektieren w\u00fcrden, n\u00e4mlich die Gleichheit zwischen Frauen und M\u00e4nnern\u201c, wie die Zeitung <a href=\"https:\/\/www.letemps.ch\/suisse\/lausanne-refuse-naturaliser-un-couple-bigoterie\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eLe Temps\u201c berichtete<\/a>. Diese Beispiele illustrieren, dass <em>Gendernationalismus<\/em> zu einer wegweisenden Handlungsanleitung f\u00fcr Akteur*innen geworden ist und somit beil\u00e4ufig institutionalisiert wurde.<\/p>\n<p><strong><em>3. Gendernationalismus<\/em> wurde zentral f\u00fcr Stigmatisierungen auch bei Nachkommen von Migrant*innen und produziert damit neue Formen (nationalistischen) Ausschlusses.<\/strong><\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt quasi zur biographischen Erfahrung von Nachkommen von Migrant*innen, der sogenannten zweiten Generation, zu \u201eAnderen\u201c gemacht zu werden., unabh\u00e4ngig davon, ob sie in der Schweiz geboren und aufgewachsen ist und gar die Staatsb\u00fcrgerschaft besitzt. In unserem NCCR-Projekt berichteten solche <em>Secondos <\/em>und <em>Secondas<\/em>, dass sie pauschal unter Dauerverdacht st\u00e4nden \u201egeschlechtsungleich\u201c zu sein, auch wenn sie sich klar und deutlich f\u00fcr Geschlechtergleichheit aussprechen. <em>Gendernationalismus <\/em>kann also als politischer Nationalismus auch Schweizer B\u00fcrger*innen betreffen.<\/p>\n<p><strong>Welche Konsequenzen hat der <em>Gendernationalismus<\/em>?<\/strong><\/p>\n<p><em>Gendernationalismu<\/em>s, als Spielart eines politischen Nationalismus, definiert Grenzziehungen neu und hat deshalb konkrete Konsequenzen f\u00fcr das Zusammenleben in der Schweiz. Erstens verleugnet er die konstante Geschlechterungleichheit in der einheimischen Gesellschaft. Zweitens erlaubt er durch seine Pauschalisierung \u201euns\u201c als die einzig guten und legitimierten B\u00fcrger*innen darzustellen. <em>Gendernationalismus<\/em> inkorporiert damit einen nationalen (oder auch westlichen) \u00dcberlegenheitsblick, der historisch in eine neue Formel gebracht wurde. Drittens f\u00f6rdert diese \u00dcberlegenheitsideologie nationale Koh\u00e4sion. Dies hat aber seine Kosten, denn <em>Gendernationalismus<\/em> f\u00fchrt zu Stigmatisierungen, Ausschluss und f\u00f6rdert Desintegrationsprozesse \u2013 insbesondere, wenn solche soziale Missachtung \u00fcber Generationen hinweg erfolgt, und wenn er zur Handlungsanleitung von Akteur*innen in Institutionen wird. <em>Gendernationalismus <\/em>widerspricht den Grundwerten liberaler, moderner und demokratischer Rechtsstaaten. In unseren Augen muss eine Gesellschaft solche Formen der nationalistischen Ausgrenzung thematisieren und bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p><em>Une version anglaise de cette contribution est <a href=\"https:\/\/www.gendercampus.ch\/de\/blog\/post\/gendernationalism-as-a-new-expression-of-political-nationalism\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">publi\u00e9e ici<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer h\u00e4tte je gedacht, dass die Idee der \u201eGeschlechtergleichheit\u201c zu einem intrinsischen Charakteristikum des \u201eSchweizer*in Seins\u201c w\u00fcrde? Mit \u201eSwissness\u201c werden nicht mehr nur P\u00fcnktlichkeit, Ordentlichkeit, Wanderschuhe und Skis assoziiert. Neuerdings gilt \u201eGeschlechtergleichheit\u201c ebenfalls als typisch Schweizerische Eigenschaft. \u201eUngleich\u201c sind nunmehr nur noch die \u201eAnderen\u201c, die von ausserhalb der Schweiz kommen.<\/p>\n","protected":false},"author":71,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[60],"tags":[396,223,230,234,397],"coauthors":[400,401,402,358],"class_list":["post-2983","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-politique","tag-children","tag-gender","tag-minorities","tag-switzerland","tag-youth"],"acf":[],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2983","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/71"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2983"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2983\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2984,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2983\/revisions\/2984"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2983"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2983"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2983"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=2983"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}