{"id":3409,"date":"2019-01-23T09:00:01","date_gmt":"2019-01-23T08:00:01","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.nccr-onthemove.ch\/?p=3409"},"modified":"2019-02-20T13:54:52","modified_gmt":"2019-02-20T12:54:52","slug":"soziale-arbeit-zwischen-der-ausuebung-von-kontrolle-und-humanitaerer-hilfe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/soziale-arbeit-zwischen-der-ausuebung-von-kontrolle-und-humanitaerer-hilfe\/?lang=de","title":{"rendered":"Soziale Arbeit zwischen der Aus\u00fcbung von Kontrolle und humanit\u00e4rer Hilfe"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Entwicklung hin zu immer restriktiverer Migrationspolitik innerhalb Europas, sowie die Einschr\u00e4nkung der Rechte von Migrant*innen auf die Minimalstandards der Europ\u00e4ischen Union fallen zusammen mit einer Privatisierung und Auslagerung von staatlichen Kontrollfunktionen. Im Namen der &#8216;Sicherheit&#8217; sind nichtstaatliche Akteure mit neuen Aufgaben konfrontiert, welche die migrationsrechtliche Kategorisierung, Kontrolle und Sanktionierung von <\/strong><strong>Migranten*innen beinhalten<\/strong><strong>. <\/strong><\/p>\n<p>Der politische Umgang mit dem Schlagwort &#8216;Migration&#8217; erzeugt finanzielle, moralische, politische und rechtliche Anreize f\u00fcr diverse Akteure, innerhalb der sogenannten Migrationsindustrie (Hern\u00e1ndez-Le\u00f3n, Gammeltoft-Hansen, and S\u00f8rensen 2013; Andersson 2014) zu agieren. Diese sehr produktive Industrie wird durch die vermeintliche Migrationskrise gef\u00f6rdert, sowie durch die zunehmende Einschr\u00e4nkung von Migrationsbewegungen mit dem Ziel, Kontrolle und &#8216;Sicherheit&#8217; zur\u00fcck zu erlangen. Dies beg\u00fcnstigt eine Auslagerung von ehemals staatlichen (Kontroll-)Aufgaben an Dritte. Medienberichte, Vertreter*innen von Migrationsbeh\u00f6rden, und Nichtregierungsorganisationen (NRO) sowie Politiker*innen sind sich darin einig, dass es dem deutschen Staat nicht gelungen w\u00e4re, ohne die Hilfe von Dritten ausreichend auf die &#8216;Migrationskrise&#8217; zu reagieren. Das trifft ebenso auf das Engagement von freiwilligen Organisationen im gesamten europ\u00e4ischen Raum zu, welche sich um Wohnraum, materielle Unterst\u00fctzung (wie Kleidung) und rechtliche Beratung von Migranten*innen k\u00fcmmern. W\u00e4hrend diese Akteure zun\u00e4chst bestrebt waren, prek\u00e4re Lebensumst\u00e4nde zu lindern, werden sie nun verst\u00e4rkt mit Aufgaben konfrontiert, welche die Selbstauffassung des &#8216;humanit\u00e4ren Sektors&#8217; vor ein Dilemma stellen (siehe Steinhilper 2016; Muy 2016).<\/p>\n<p><strong>Konsequenzen der Auslagerung staatlicher Kontrollfunktionen<\/strong><\/p>\n<p>Eine Auslagerung von ehemals staatlichen Kompetenzen auf die internationale, nationale und regionale Ebene schafft die M\u00f6glichkeit, Verantwortung zu reduzieren bzw. zu verteilen, was wiederum in einer Verw\u00e4sserung von Kompetenzen und einem Verlust an Transparenz (Eule et al. 2019) resultiert. In Deutschland hat die Auslagerung des Betriebs von Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnften sowie die Anstellung privater Sicherheitsunternehmen zu starker Kritik gef\u00fchrt (Komaromi 2016). Nebst gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzungen innerhalb der Unterk\u00fcnfte, wurden Videos und Bilder \u00f6ffentlich, in denen Mitarbeitende Bewohner*innen physisch und psychisch qu\u00e4lten, was zu einem Gerichtsverfahren gegen 32 Individuen f\u00fchrte (Bosen 2018; Dowidelt 2016). In der folgenden Kontroverse wurde jedoch die Rolle der Beh\u00f6rden und Politiker*innen, welche ihre angestammten Kontroll- und Betreuungsaufgaben an diese Akteure ausgelagert hatten, nicht diskutiert. Stattdessen wurde angef\u00fchrt, dass die Anforderungen f\u00fcr eine Anstellung in Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnften sehr niedrig seien und qualifiziertes Personal auch aufgrund der tiefen Entlohnung schwierig zu finden sei. Es gilt festzustellen, dass in der Ausbildung interkulturelle Aspekte unzureichend ber\u00fccksichtigt werden. Vor dem Hintergrund einer allgemeinen Angst vor der &#8216;Fl\u00fcchtlingskrise&#8217; und durch die wettbewerbsartige Ausschreibung wurde bei der Auswahl wenig auf die Qualit\u00e4t der die Unterk\u00fcnfte betreibenden Organisationen geachtet. Zudem wird die Verantwortungszuordnung durch die unz\u00e4hligen, oft in Unterauftr\u00e4gen angestellten, Akteure geschw\u00e4cht. Das macht es insbesondere f\u00fcr Migrant*innen schwierig, Informationen \u00fcber Verantwortlichkeiten zu erhalten und zu verstehen. Der Wettbewerb um staatliche Auftr\u00e4ge ist gross. Um neue Auftr\u00e4ge zu erhalten und bestehende weiterf\u00fchren zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen Organisationen gewisse Abstriche und Standardisierungen in ihrer Auftragsausf\u00fchrung vornehmen. Entsprechend sinkt die Qualit\u00e4t der Fallbearbeitung (Fee 2018), beispielsweise weil Vorgaben Angestellte zur Bevorzugung gewisser F\u00e4lle zwingen, w\u00e4hrend sie andere, vermeintlich weniger prek\u00e4re und dringliche F\u00e4lle, als weniger &#8216;relevant&#8217; kategorisieren m\u00fcssen (Muy 2016).<\/p>\n<p><strong>Moralisches und professionelles Dilemma<\/strong><\/p>\n<p>Auch wird zunehmend von NROs erwartet, in Stellvertretung des Staates zu agieren. In Schweizer Krankenh\u00e4usern und psychiatrischen Anstalten m\u00fcssen Ausschaffungstermine von Patienten geheim bleiben. Dies f\u00fchrt h\u00e4ufig zu Unsicherheit und Misstrauen seitens der Migrant*innen: Unterst\u00fctzt mich der\/die Sozialarbeiter*in, freiwillige Helfer*in oder dient er\/sie dem staatlichen Interesse? Aus dieser Entwicklung resultiert zudem ein moralisches und professionelles Dilemma f\u00fcr die Akteure in der Migrationsindustrie. Die Einbettung der Sozialen Arbeit in den nationalen Wohlfahrtsstaat verpflichtet Mitarbeiter*innen zu gewissen T\u00e4tigkeiten, die eine vertrauensbasierte Beziehung zu Migrant*innen erschweren. Dadurch reproduzieren sie aber auch vorgegebene Kategorisierungen von Zugeh\u00f6rigkeit oder Hilfsbed\u00fcrftigkeit. Jedoch gibt es auch dem professionellen Rollenbild inh\u00e4rente Ziele und Idealbilder. Die Autorin stellte in ihrer Forschung fest, dass die Mitarbeiter*innen einer schweizerischen Psychiatrie es als emotional belastend empfanden, in die Ausschaffung von Migrant*innen involviert zu werden. Da zwischen beiden Institutionen eine Absprache besteht, sind sie jedoch dazu angehalten, die kantonale Polizei bei Ausschaffungen zu unterst\u00fctzen. Das Personal wird \u00fcber anstehende Ausschaffungen informiert, die Termine d\u00fcrfen jedoch nicht an die Betroffenen weitergegeben werden, was zu einer Verletzung der Patienten-Therapeuten-Beziehung f\u00fchrt. Dieses Dilemma wird auch auf institutioneller Ebene festgestellt, wie das folgende Beispiel einer deutschen Polizeibeh\u00f6rde aufzeigt. Einerseits k\u00fcmmern sich Mitarbeitende um Fragen der Integration und unterhalten entsprechend aktiven Kontakt mit Migrantenvereinigungen. Gleichzeitig sind sie f\u00fcr die Ausf\u00fchrung von Ausschaffungen verantwortlich. Dieselben Polizisten k\u00f6nnen also heute in integrativer Funktion unterwegs sein und morgen schon die gleichen Personen abholen und zum Flughafen bringen.<\/p>\n<p>Mit Bezug auf die Internationale Vereinigung Sozialer Arbeiter (International Federation of Social Workers) argumentiert Wroe (2015), dass aufgrund dieser Widerspr\u00fcchlichkeiten damit zu rechnen sei, dass sich Mitarbeitende f\u00fcr das Recht von Migrant*innen stark machen und inhumane Praktiken staatlicher Beh\u00f6rden unterlaufen. Die NRO Berner Beratungsstelle f\u00fcr Sans-Papiers beispielsweise unterstreicht ihr Engagement f\u00fcr die &#8216;Humanisierung des Alltagslebens&#8217; (Achermann 2008) und ihre Unterst\u00fctzung von Menschen, welche aufgrund ihres irregul\u00e4ren Status Angst vor Beh\u00f6rdenkontakt haben. Universit\u00e4ten geben den Migrationsbeh\u00f6rden keine Information bez\u00fcglich des rechtlichen Status von studierenden Migrant*innen.<\/p>\n<p>Die Rolle von involvierten Organisationen und weiteren Akteuren bleibt dennoch oft doppeldeutig und komplex, gepr\u00e4gt von einer bedingten Unabh\u00e4ngigkeit und einer eventuellen Unvereinbarkeit ihrer Ziele (cf. Borrelli, Mavin and Trasciani 2018). Dies wirft Fragen auf zur Rolle der Sozialen Arbeit und des gesamten &#8216;humanit\u00e4ren Sektors&#8217;, sowie deren Involvierung in staatlich vergebene Mandate, welche Akteure in Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnisse bringen und zu &#8216;Mitt\u00e4tern&#8217; machen. Wir m\u00fcssen sowohl die Selbstauffassung dieser Akteure als auch die Ver\u00e4nderungen der Rollenzuschreibungen in eine umfassende Analyse der Migrationskontrolle und der \u00abSekuritisierung\u00bb einbeziehen. Eine Ber\u00fccksichtigung beider Aspekte kann eine kritische Analyse der Rolle der Sozialen Arbeit in Migrationsregimen vorantreiben.<\/p>\n<p>Referenzen:<\/p>\n<p>&#8211; Achermann, Christin. 2008. \u2018Berner Beratungsstelle f\u00fcr Sans-Papiers: Evaluation der Pilotphase\u2019. SFM-Studien 54. Bern: Verein Berner Beratungsstelle f\u00fcr Sans-Papiers.<br \/>\n&#8211; Andersson, Ruben. 2014. <em>Illegality, Inc. Clandestine Migration and the Business of Bordering Europe<\/em>. Oakland, California: University of California Press.<br \/>\n&#8211; Borrelli, Lisa Marie, Mavin, Rebecca and Trasciani, Girogia. 2018. \u2018A Forest with many trees\u2019 \u2013 Mapping the migration industry and accountabilit(ies) in Europe. Working Paper (unpublished), presented within the FEPS YAN Network.<br \/>\n&#8211; Bosen, Ralf. 2018. <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/misshandlungen-im-fl\u00fcchtlingsheim-prozess-gegen-wachm\u00e4nner\/a-46209888\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u2018Gewalt gegen Fl\u00fcchtlinge: \u201cEs lag ein Kontrolldefizit vor\u201d\u2019<\/a>. <em>DW<\/em>, 8 November 2018, sec. Asylbewerberunterk\u00fcnfte.<br \/>\n&#8211; Dowidelt, Anette. 2016. <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article153503929\/Security-im-Asylheim-ist-oft-ein-Job-fuer-Gescheiterte.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u2018Security im Asylheim ist oft ein Job f\u00fcr Gescheiterte\u2019<\/a>. <em>Welt<\/em>, 21 March 2016.<br \/>\n&#8211; Eule, Tobias G., Lisa Marie Borrelli, Annika Lindberg, and Anna Wyss. 2019. <em>Migrants Before the Law: Contested Migration Control in Europe<\/em>. Palgrave Macmillan.<br \/>\n&#8211; Fee, Molly. 2018. \u2018Paper Integration: The Structural Constraints and Consequences of the US Refugee Resettlement Program\u2019. <em>Migration Studies<\/em>, 1\u201319.<br \/>\n&#8211; Hern\u00e1ndez-Le\u00f3n, Ruben, Thomas Gammeltoft-Hansen, and Ninna Nyberg S\u00f8rensen. 2013. \u2018Conceputalizing the Migration Industry\u2019. In <em>The Migration Industry and the Commcercialization of International Migration<\/em>, 24\u201344. London\u202f; New York: Routledge.<br \/>\nKomaromi, Priska. 2016. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1177\/0306396816657727\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u2018Germany: Neo-Nazis and the Market in Asylum Reception\u2019<\/a>. <em>Race &amp; Class<\/em> 58 (2): 79\u201386.<br \/>\n&#8211; Muy, Sebastian. 2016. \u2018Wes\u2019 Essenspaket ich ausgeb\u2019, Des\u2019 Lied ich sing\u2019? \u00dcber Abh\u00e4ngigkeiten Sozialer Arbeit Im Kontext Restriktiver Asyl- und Unterbringungspolitik\u2019. <em>Widerspr\u00fcche. Zeitschrift F\u00fcr sozialistische Politik im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich<\/em>, Flucht: Provokationen und Regulationen, 141: 63\u201372.<br \/>\n&#8211; Steinhilper, Elias. 2016. \u2018Ausnahme und Regel. Asyl zwischen menschenrechtlichen Ambitionen und realpolitischer Praxis\u2019. <em>Widerspr\u00fcche. Zeitschrift f\u00fcr sozialistische Politik im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich<\/em>, Flucht: Provokationen und Regulationen, 141: 13\u201328.<br \/>\n&#8211; Suarez-Krabbe, Julia, Jos\u00e9 Arce, and Annika Lindberg. 2018. \u2018Stop Killing Us Slowly: A Research Report on the Motivation Enhancement Measures and Criminalization of Rejected Asylum Seekers in Denmark\u2019. Copenhagen: Marronage.<br \/>\n&#8211; Wroe, Laura. 2015. \u2018Social workers have a duty to speak up about the humanitarian crisis in Calais\u2019. <em>The Guardian<\/em>, 4 August 2015.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Entwicklung hin zu immer restriktiverer Migrationspolitik innerhalb Europas, sowie die Einschr\u00e4nkung der Rechte von Migrant*innen auf die Minimalstandards der Europ\u00e4ischen Union fallen zusammen mit einer Privatisierung und Auslagerung von staatlichen Kontrollfunktionen. 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