{"id":3580,"date":"2019-02-27T09:00:28","date_gmt":"2019-02-27T08:00:28","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.nccr-onthemove.ch\/?p=3580"},"modified":"2019-03-05T09:37:01","modified_gmt":"2019-03-05T08:37:01","slug":"widerspruche-in-der-integrationsforderung-ein-pladoyer-aus-der-praxis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/widerspruche-in-der-integrationsforderung-ein-pladoyer-aus-der-praxis\/?lang=fr","title":{"rendered":"Widerspr\u00fcche in der Integrationsf\u00f6rderung: Ein Pl\u00e4doyer aus der Praxis"},"content":{"rendered":"<p><strong>In der Schweiz gibt es elf Kategorien von Aufenthaltstiteln f\u00fcr Personen ohne Schweizer Pass. Organisationen der Integrationsf\u00f6rderung befinden sich in einem Dschungel von Weisungen und Gesetzen. Die Gelder in der Integrationsf\u00f6rderung sind knapp und umstritten, die Abl\u00e4ufe kompliziert und verworren. Deshalb ist es wichtig, dass die Praxis eine Stimme hat. Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr den Mut, zu sagen, was Sache ist.<\/strong><\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich wird zwischen Kurzaufenthaltsbewilligungen, Aufenthaltsbewilligungen (befristet) und Niederlassungsbewilligungen (unbefristet) unterschieden. Dann kommt es darauf an, ob man aus einem EU\/EFTA-Staat (Europ\u00e4ische Union \/ Europ\u00e4ische Freihandelsassoziation) oder einem Drittstaat kommt, oder nach einer Flucht ein Asylgesuch gestellt hat. Jede Kategorie hat ihre eigenen Bestimmungen. So lautet bei der Anlaufstelle Integration Aargau (AIA) eine der ersten Fragen immer: Welchen Aufenthaltstitel haben Sie?<\/p>\n<p>Der Weg von der Einreise in die Schweiz bis zu einem sicheren und nachhaltigen Aufenthaltstitel ist jedoch steinig, hat Klippen, Felsen, Br\u00fccken und tiefe Gr\u00e4ben. Auf diesem Weg gibt es viele Pr\u00fcfungen. Wer seinen Status von F zu B, von B zu C oder von C zum Schweizer B\u00fcrgerrecht ver\u00e4ndern &#8211; oder aufrechterhalten &#8211; will, muss einiges \u00fcber sich ergehen lassen. Kostenpflichtige Tests m\u00fcssen bestanden und Online-Frageb\u00f6gen ausgef\u00fcllt werden. Aussenstehende wie Lehrerschaft und Arbeitgeber*innen berichten \u00fcber Arbeitsverhalten und Sozialkompetenz.<\/p>\n<p><strong>Beamte pr\u00fcfen auf sogenannte Schweizer Werte<\/strong><\/p>\n<p>Ein Beispiel: Ein Mann braucht f\u00fcr die Einb\u00fcrgerung einen Schulbericht von seinem Sohn. In der Schule ist dieser oft unruhig und unkonzentriert. Die Lehrperson interpretiert dieses Verhalten als mangelnde Integration und h\u00e4lt das so im Bericht fest. Hat das unruhige Verhalten des Sohnes wirklich mit mangelnder Integration zu tun? Das zu beurteilen ist schwierig. Fakt ist: Die Beurteilung der Lehrperson hat weitreichende Folgen. Zus\u00e4tzlich wird gepr\u00fcft, ob die Sprachkenntnisse gen\u00fcgen, die wirtschaftliche Teilhabe ausreicht, ob nach Schweizer Werten gelebt, am sozialen und gesellschaftlichen Leben teilgenommen wird. Gerade bei der K\u00f6nigsdisziplin des Einb\u00fcrgerungsverfahrens kann die Pr\u00fcfung groteske Ausmasse annehmen: Viele Beamte haben eine klare Vorstellung davon, wie ein Schweizer, eine Schweizerin zu sein hat. Man geht davon aus, dass es eine homogene Art gibt, wie in der Schweiz gelebt, geliebt, gearbeitet und gewohnt wird. In dieser Vorstellung sind Menschen in der Wohngemeinde in einem Verein, kaufen in der lokalen B\u00e4ckerei ihr Weggli und Besuchern aus dem Ausland wird der sch\u00f6ne Weiher im Ortb\u00fcrgerwald gezeigt.<\/p>\n<p>Viele Personen nehmen diese Kontrollen und Pr\u00fcfungen auf sich, denn je nach Aufenthaltstitel sind die Voraussetzungen bei der Erwerbst\u00e4tigkeit, im Gesundheitswesen, bei der Wohnsitznahme, beim Familiennachzug oder bei der Besteuerung besser oder wenigstens einfacher. Mit dem neuen Ausl\u00e4nder- und Integrationsgesetz versch\u00e4rft sich diese Ausgangslage nochmals. Neu kann auch eine R\u00fcckstufung erfolgen. Wer die Voraussetzungen nicht mehr erf\u00fcllt, kann z.B. eine Niederlassungsbewilligung verlieren und auf eine Aufenthaltsbewilligung r\u00fcckgestuft werden. In den Kantonen rauft man sich die Haare \u00fcber diese neue Regelung, denn die Ressourcen f\u00fcr diese Kontrollen fehlen. Ressourcen, die in der Integrationsf\u00f6rderung dringend n\u00f6tig sind.<\/p>\n<p><strong>Ressourcen werden in Kontrollen anstatt in die Sozialarbeit investiert<\/strong><\/p>\n<p>Es scheint, dass die Politik die Kontrolle als Instrument auch in der Sozialarbeit entdeckt hat. Aktuell sind in mehreren Kantonen \u2013 auch im Kanton Aargau \u2013 Postulate h\u00e4ngig, die eine generelle K\u00fcrzung der Sozialhilfe von 30% fordern. Nur wer beweist, dass er\/sie sich anstrengt und alles daran setzt, keine Sozialhilfe mehr zu brauchen, bekommt 100% der Sozialhilfe. Sozialarbeitende in den Gemeinden werden also bei jedem Dossier Monat f\u00fcr Monat kontrollieren m\u00fcssen, ob 100%, 90%, 83% oder doch nur 70% der Sozialhilfegelder ausbezahlt werden d\u00fcrfen. Die gesamten Ressourcen w\u00fcrden in diese Kontrollen investiert und f\u00fcr die Sozialarbeit an sich bleibt nichts mehr \u00fcbrig.<\/p>\n<p>Gerade Institutionen in der Integrationsf\u00f6rderung sehen sich schon lange mit solchen aufw\u00e4ndigen \u2013 ja zuweilen paradoxen \u2013 Abl\u00e4ufen und Strukturen konfrontiert. Zum Beispiel: Mit dem <a href=\"https:\/\/www.ekm.admin.ch\/ekm\/de\/home\/projekte\/citoyen.html\">Programm \u00abCitoyennet\u00e9\u00bb der Eidgen\u00f6ssischen Migrationskommission (EKM)<\/a> wird (zu Recht) die politische Partizipation von Migrantinnen und Migranten gef\u00f6rdert, gleichzeitig werden jedoch die Einb\u00fcrgerungsh\u00fcrden h\u00f6her und die Hochschule f\u00fcr Technik und Wirtschaft HTW Chur nennt in einer Studie anl\u00e4sslich \u00a0des \u201eJahrs der Milizarbeit\u201c das Ausl\u00e4nder*innen-Stimmrecht als wichtige Massnahme f\u00fcr die Nachwuchsf\u00f6rderung in Gemeindeexekutiven. In der aktuellen politischen Situation ein Ding der Unm\u00f6glichkeit.<\/p>\n<p><strong>Integrationsgelder werden gestrichen<\/strong><\/p>\n<p>Ein weiteres Beispiel: Auf allen Ebenen werden Integrationsgelder gestrichen. Gleichzeitig werden die Prozesse immer komplizierter. So wird die lokale Integrationsf\u00f6rderung im Kanton Aargau in mehrstufigen, partizipativen Verfahren mittels Workshops mit allen Akteuren (Politik, Schule, Verwaltung, Vereine, Fachstellen, Polizeiwesen usw.) ausgeknobelt, damit zum Schluss Kleinstfachstellen entstehen (weil die Ressourcen eben dann doch nur sp\u00e4rlich fliessen), welche die hohen Erwartungen der vielen Beteiligten befriedigen sollten. Gerade in l\u00e4ndlichen Regionen entstehen so \u201eOne-women shows\u201c (solche Stellen werden gr\u00f6sstmehrheitlich von Frauen geleitet), welche mit minimalen finanziellen Mitteln alle Integrationsprobleme l\u00f6sen sollten. Oder: Die Integrationsagenda Schweiz setzt einen starken Fokus auf Gefl\u00fcchtete und das Asylwesen. Das ist gut. Weniger gut ist, dass l\u00e4nger Anwesende und Personen, welche im Familiennachzug oder \u00fcber die Arbeitsmigration in die Schweiz kommen, kaum mehr Zugang zur Integrationsf\u00f6rderung haben. F\u00fcr diese Personen m\u00fcssen Massnahmen je l\u00e4nger je mehr aufw\u00e4ndigst \u00fcber Stiftungen und Spenden finanziert werden.<\/p>\n<p>Die Integrationsf\u00f6rderung ist umstritten. Deshalb ist es wichtig, dass Fachleute ihre Erfahrungen und Forderungen sachlich und fachlich kommunizieren und so im politischen Diskurs geh\u00f6rt werden. \u00dcber Dachorganisationen, Verb\u00e4nde oder im direkten Gespr\u00e4ch mit Entscheidungstr\u00e4ger*innen. Denn: Personen aus der Praxis wissen am besten, was Sache ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Schweiz gibt es elf Kategorien von Aufenthaltstiteln f\u00fcr Personen ohne Schweizer Pass. 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