{"id":3657,"date":"2019-03-19T09:30:53","date_gmt":"2019-03-19T08:30:53","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.nccr-onthemove.ch\/?p=3657"},"modified":"2019-03-19T09:35:25","modified_gmt":"2019-03-19T08:35:25","slug":"rollenklarung-und-loyalitatskonflikte-in-der-sozialen-arbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/rollenklarung-und-loyalitatskonflikte-in-der-sozialen-arbeit\/?lang=it","title":{"rendered":"Rollenkl\u00e4rung und Loyalit\u00e4tskonflikte in der Sozialen Arbeit"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Blog Serie zeigte diverse Beispiele der Theorie und der Praxis der Sozialen Arbeit im Migrationsbereich auf: Soziale Arbeit an Dritte ausgelagert, Soziale Arbeit in der Administrativhaft, Soziale Arbeit im Integrationsbereich, Soziale Arbeit mit transnationalen Familien und schliesslich Soziale Arbeit mit emigrierenden Jugendlichen. Die Themen sind so vielf\u00e4ltig wie der disziplin\u00e4re Hintergrund der Autorinnen und des Autors \u2013 und die Arbeitsgebiete der Sozialen Arbeit selbst.<\/strong><\/p>\n<p>Die meisten Beitr\u00e4ge stellen explizit oder implizit einen Bezug zu den rechtlichen Grundlagen im Migrationsbereich her. Diese rechtlichen Grundlagen, wie beispielsweise das Asylgesetz, das Ausl\u00e4nder*innen- und Integrationsgesetz, oder das B\u00fcrgerrecht, er\u00f6ffnen Handlungsspielr\u00e4ume oder schr\u00e4nken \u2013 vereinfacht ausgedr\u00fcckt \u2013 die Arbeit von Professionellen der Sozialen Arbeit ein.<\/p>\n<p>In der Sozialen Arbeit wird oft von einem sogenannten Tripelmandat gesprochen. Das bedeutet, dass professionelles Handeln sich gegen\u00fcber Adressat*innen, gegen\u00fcber der Gesellschaft respektive dem\/der Leistungstr\u00e4ger*in und auch gegen\u00fcber dem Berufskodex, basierend auf den Menschenrechten, verantworten muss. In der Konsequenz w\u00e4ren Professionelle der Sozialen Arbeit verpflichtet \u2013 je nach Umst\u00e4nden \u2013 entgegen dem Auftrag des\/der Tr\u00e4ger*in zu handeln. Das Tripelmandat kann also als legitimierender Grund zur Verweigerung oder Annahme eines Auftrags herangezogen werden.<\/p>\n<p>Staub-Bernasconi appelliert an die Pflicht der Sozialen Arbeit sich in (sozial-)politische Entscheidungsprozesse einzumischen (vgl. dazu der <a href=\"\/?p=3578\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Beitrag von Lelia Hunziker<\/a>). Dabei ist ein kollektives \u00f6ffentliches Auftreten der Professionellen der Sozialen Arbeit erfolgsversprechender als individuelle Einmischungen. Dennoch: Unterschiedliche Machtpositionen (vgl. dazu der <a href=\"\/?p=3433\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Beitrag von Christiane Carri und Lisa Marie Borrelli<\/a>), Loyalit\u00e4ts-, Handlungs- und Rollenkonflikte sind im Rahmen dieses Mandatsdreiecks vorprogrammiert (Staub-Bernasconi 2018). Ist daher Soziale Arbeit im Migrationsbereich ein \u00abweisungsgebundener Beruf auf rechtlicher Basis\u00bb (B\u00f6hnisch und L\u00f6sch 1973) oder wird die Soziale Arbeit dem Anspruch einer Menschenrechtsprofession gerecht (Staub-Bernasconi 2018)?<\/p>\n<p><strong>Soziale Arbeit im Migrationsbereich zwischen Hilfe und Kontrolle<\/strong><\/p>\n<p>Die Soziale Arbeit, und insbesondere der Migrationsbereich ist stark durch \u00abHilfe und Kontrolle\u00bb gepr\u00e4gt. Die gesetzlichen Grundlagen bestimmen, lapidar ausgedr\u00fcckt, wer wann, unter welchen Voraussetzungen, welche Rechte und Pflichten hat (vgl. dazu <a href=\"\/?p=3605\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Beitrag Amel Mahfoudh und Barbara Waldis<\/a>). Die Soziale Arbeit muss entsprechend ihre Rolle in der (in)direkten Anwendung der Gesetze kl\u00e4ren und Loyalit\u00e4tskonflikten \u00aboffen\u00bb begegnen, thematisieren und Position beziehen.<\/p>\n<p>Dabei Handlungsspielr\u00e4ume in einem (restriktiven) Arbeitsbereich zu \u00f6ffnen, erscheint angesichts der aktuellen Migrationsgesetzgebung eine Herausforderung. Verst\u00e4rkt wird dies durch fehlende empirische Untersuchungen sowie mangelnde theoretische und praxisbezogene Auseinandersetzungen auf Forschungsebene.<\/p>\n<p>Beispielsweise k\u00f6nnen vertiefte rechtliche Fachkenntnisse in der Begleitung mit betroffenen Personen oder in Diskussionen mit Beh\u00f6rden und Institutionen eine erste Hilfestellung bieten. Als Gegenstrategie zu \u00abHilfe und Kontrolle\u00bb kann die punktuelle oder ganzheitliche Teilhabe gef\u00f6rdert werden (<span style=\"display: inline !important; float: none; background-color: transparent; color: #333333; cursor: text; font-family: -apple-system,BlinkMacSystemFont,'Segoe UI',Roboto,Oxygen-Sans,Ubuntu,Cantarell,'Helvetica Neue',sans-serif; font-size: 16px; font-style: normal; font-variant: normal; font-weight: 400; letter-spacing: normal; orphans: 2; text-align: left; text-decoration: none; text-indent: 0px; text-transform: none; -webkit-text-stroke-width: 0px; white-space: normal; word-spacing: 0px;\">vgl. <\/span>dazu <a href=\"\/?p=3470\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Beitrag von Silvia Eyer<\/a>). Im Asylbereich k\u00f6nnen beispielsweise die Unterst\u00fctzung und F\u00f6rderung von Alltagskompetenzen, wie Kochen, N\u00e4hen und Reparieren eine zentrale Bedeutung einnehmen (Jungk, 2016). Schliesslich k\u00f6nnen Netzwerke und Austauschtreffen sowohl mit betroffenen Personen wie auch mit den zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden organisiert und durchgef\u00fchrt werden (Bareis Ellen und Wagner Thomas, 2016). Auch die Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft ist eine Option. Jedoch birgt dies Risiken hinsichtlich der Auslagerung von streng genommen staatlichen Aufgaben (<span style=\"display: inline !important; float: none; background-color: transparent; color: #333333; cursor: text; font-family: -apple-system,BlinkMacSystemFont,'Segoe UI',Roboto,Oxygen-Sans,Ubuntu,Cantarell,'Helvetica Neue',sans-serif; font-size: 16px; font-style: normal; font-variant: normal; font-weight: 400; letter-spacing: normal; orphans: 2; text-align: left; text-decoration: none; text-indent: 0px; text-transform: none; -webkit-text-stroke-width: 0px; white-space: normal; word-spacing: 0px;\">vgl. <\/span>dazu <a href=\"\/?p=3397\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Beitrag von Lisa Marie Borrelli<\/a>), was zur Destabilisierung der Profession der Sozialen Arbeit f\u00fchren kann (Graf 2016).<\/p>\n<p><strong>Soziale Arbeit f\u00f6rdert den sozialen, gesellschaftlichen und politischen Wandel<\/strong><\/p>\n<p>Die Soziale Arbeit ist folglich gefordert, dieses Spannungsfeld differenziert anzugehen. Denn verbleibt die Soziale Arbeit bei einem Doppelmandat, dass sich auf Hilfe und Kontrolle st\u00fctzt, so verringert sich der Handlungsspielraum betr\u00e4chtlich (vgl. dazu <a href=\"\/?p=3413\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Beitrag von Elise Taiana<\/a> und das Forschungsprojekt \u00ab<a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/projects\/restricting-immigration-practices-experiences-and-resistance\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Restricting Immigration: Practices, Experiences and Resistance<\/a>\u00bb unter der Leitung von <a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/who-is-who\/people\/?start=a&amp;p_id=491\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Prof. Christin Achermann<\/a>, \u00abnccr \u2013 on the move\u00bb). Das dritte Mandat der Sozialen Arbeit erm\u00f6glicht, hier kritisch Stellung zu beziehen, die ethisch-moralische und menschenrechtliche Legitimit\u00e4t zu hinterfragen und soziale Innovationen hervorzubringen (vgl. dazu der <a href=\"\/?p=3559\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Beitrag von Esteban Pi\u00f1eiro<\/a>, Staub-Bernasconi 2018).<\/p>\n<p>Diese Blog Serie an der Schnittstelle von Sozialer Arbeit, Migration, Mobilit\u00e4t und Integration zeigt die Vielfalt der Profession auf, hinterl\u00e4sst freilich auch einige Wissensl\u00fccken und Themengebiete, welche vertieft diskutiert werden m\u00fcssen. So ist zu hoffen, dass diese Serie zu weiterf\u00fchrenden theoretischen, wie praktischen Debatten sowohl in der Wissenschaft, in der Ausbildung als auch in der Praxis der Sozialen Arbeit einen Beitrag geleistet hat und diese fortgef\u00fchrt werden. Denn Soziale Arbeit hat im Migrationsbereich die zentrale Aufgabe, zu einem sozialen, gesellschaftlichen und politischen Wandel beizutragen.<\/p>\n<p><i><a href=\"https:\/\/www.hevs.ch\/fr\/afe-institute\/institut-soziale-arbeit\/collaborateurs\/wissenschaftliche-r-mitarbeiter-in-fh\/stefanie-tamara-16551\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stefanie Kurt<\/a> ist Assistenzprofessorin (Tenure Track) an der HES-SO Valais-Wallis am Institut Soziale Arbeit in Siders (VS). <\/i><\/p>\n<p>Referenzen:<\/p>\n<p>&#8211; Bareis E. und Wagner, T. (2016). &#8216;Flucht als soziale Praxis &#8211; Situation der Flucht und Soziale Arbeit.&#8217; <i>Widerspr\u00fcche<\/i>, (3): 29\u201346.<br \/>\n<span style=\"display: inline !important; float: none; background-color: transparent; color: #333333; cursor: text; font-family: -apple-system,BlinkMacSystemFont,'Segoe UI',Roboto,Oxygen-Sans,Ubuntu,Cantarell,'Helvetica Neue',sans-serif; font-size: 16px; font-style: normal; font-variant: normal; font-weight: 400; letter-spacing: normal; orphans: 2; text-align: left; text-decoration: none; text-indent: 0px; text-transform: none; -webkit-text-stroke-width: 0px; white-space: normal; word-spacing: 0px;\">&#8211; <\/span>B\u00f6hnisch, L., und L\u00f6sch, H. (1973). &#8216;Das Handlungsverst\u00e4ndnis des Sozialarbeiters und seine institutionelle Determination&#8217;. In: H.-U. Otto &amp; S. Schneider (Eds.), <i>Gesellschaftliche Perspektiven der Sozialarbeit<\/i>. Neuwied: Luchterhand.<br \/>\n<span style=\"display: inline !important; float: none; background-color: transparent; color: #333333; cursor: text; font-family: -apple-system,BlinkMacSystemFont,'Segoe UI',Roboto,Oxygen-Sans,Ubuntu,Cantarell,'Helvetica Neue',sans-serif; font-size: 16px; font-style: normal; font-variant: normal; font-weight: 400; letter-spacing: normal; orphans: 2; text-align: left; text-decoration: none; text-indent: 0px; text-transform: none; -webkit-text-stroke-width: 0px; white-space: normal; word-spacing: 0px;\">&#8211; <\/span>Graf, L. (2016). &#8216;Die ambivalente Rolle ehrenamtlichen Engagements in der Transformation des Asylregimes&#8217;. <em>Widerspr\u00fcche<\/em>, 141(3): 87\u201396.<br \/>\n<span style=\"display: inline !important; float: none; background-color: transparent; color: #333333; cursor: text; font-family: -apple-system,BlinkMacSystemFont,'Segoe UI',Roboto,Oxygen-Sans,Ubuntu,Cantarell,'Helvetica Neue',sans-serif; font-size: 16px; font-style: normal; font-variant: normal; font-weight: 400; letter-spacing: normal; orphans: 2; text-align: left; text-decoration: none; text-indent: 0px; text-transform: none; -webkit-text-stroke-width: 0px; white-space: normal; word-spacing: 0px;\">&#8211; <\/span>Jungk, S. (2016). &#8216;Von neuen Chancen, alten Fehlern und Vers\u00e4umnissen&#8217;. <em>Widerspr\u00fcche<\/em>, (141): 99\u2013108.<br \/>\n<span style=\"display: inline !important; float: none; background-color: transparent; color: #333333; cursor: text; font-family: -apple-system,BlinkMacSystemFont,'Segoe UI',Roboto,Oxygen-Sans,Ubuntu,Cantarell,'Helvetica Neue',sans-serif; font-size: 16px; font-style: normal; font-variant: normal; font-weight: 400; letter-spacing: normal; orphans: 2; text-align: left; text-decoration: none; text-indent: 0px; text-transform: none; -webkit-text-stroke-width: 0px; white-space: normal; word-spacing: 0px;\">&#8211; <\/span>Staub-Bernasconi, S. (2018). <em>Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft<\/em> (2., vollst\u00e4ndig \u00fcberarbeitete u. aktualisierte Ausgabe). Opladen &amp; Toronto: Verlag Barbara Budrich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Blog Serie zeigte diverse Beispiele der Theorie und der Praxis der Sozialen Arbeit im Migrationsbereich auf: Soziale Arbeit an Dritte ausgelagert, Soziale Arbeit in der Administrativhaft, Soziale Arbeit im Integrationsbereich, Soziale Arbeit mit transnationalen Familien und schliesslich Soziale Arbeit mit emigrierenden Jugendlichen. 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