{"id":3763,"date":"2019-03-25T09:30:16","date_gmt":"2019-03-25T08:30:16","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.nccr-onthemove.ch\/?p=3763"},"modified":"2019-03-23T20:26:23","modified_gmt":"2019-03-23T19:26:23","slug":"werden-schweizer-innen-mit-migrationshintergrund-auf-dem-arbeitsmarkt-diskriminiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/werden-schweizer-innen-mit-migrationshintergrund-auf-dem-arbeitsmarkt-diskriminiert\/?lang=it","title":{"rendered":"Werden Schweizer*innen mit Migrationshintergrund auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Im Jahr 2018 hatten mehr als ein Drittel der Schweizer Wohnbev\u00f6lkerung \u00fcber 15 Jahre einen Migrationshintergrund, die meisten davon sind Einwanderer*innen der ersten Generation. Oft zeigt sich dieser <a href=\"https:\/\/www.bfs.admin.ch\/bfs\/de\/home\/statistiken\/bevoelkerung\/migration-integration\/nach-migrationsstatuts.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Migrationshintergrund<\/a> im Namen. Allerdings gibt es bisher nur wenig Daten, in wie fern sich solch ein ausl\u00e4ndisch klingender Name auf die Chancengleichheit am Schweizer Arbeitsmarkt auswirkt. <\/strong><\/p>\n<p>Eine <a href=\"https:\/\/doc.rero.ch\/record\/6451?ln=fr\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">fr\u00fchere Studie des SFM<\/a> legte den Fokus auf den \u00dcbergang von der Ausbildung zum ersten Job und zeigte 2003, dass junge Lehrabg\u00e4nger*innen mit Migrationshintergrund bei der Jobsuche gegen\u00fcber Schweizer Bewerbenden benachteiligt werden. Diese Ergebnisse zeigten eine signifikante Diskriminierung gegen\u00fcber Migrant*innen aus dem ehemaligen Jugoslawien in der gesamten Schweiz und gegen\u00fcber t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Bewerbenden in der Deutschschweiz.<\/p>\n<p><strong>Neue Ergebnisse: Ein \u201eCorrespondence Test\u201c auf dem Schweizer Arbeitsmarkt<\/strong><\/p>\n<p>Im Rahmen des \u00abnccr \u2013 on the move\u00bb wurde nun eine neue experimentelle Studie \u00fcber Rekrutierungsprozesse auf dem Schweizer Arbeitsmarkt durchgef\u00fchrt. Um Diskriminierung in diesem Kontext messen zu k\u00f6nnen, wurde ein sogenannter \u201eCorrespondence Test\u201c durchgef\u00fchrt, bei dem auf \u00f6ffentlich zug\u00e4ngliche Stellenausschreibungen jeweils zwei fiktive Bewerbungen eingereicht werden. Beide Bewerbende sind gleichwertig qualifiziert und unterscheiden sich nur in ihrer Herkunft. W\u00e4hrend des Experimentes wird genau dokumentiert welche Kandidatin oder Kandidat zu einem Vorstellungsgespr\u00e4ch eingeladen werden \u2013 im Falle einer Einladung wird die Bewerbung schnell und h\u00f6flich zur\u00fcckgezogen.<\/p>\n<p>\u00dcber einen Zeitraum von mehr als einem Jahr wurden Bewerbungen auf mehr als 800 Stellenausschreibungen in der deutsch- und franz\u00f6sischsprachigen Schweiz verschickt. Die bisherigen Forschungsergebnisse zeigen:<\/p>\n<p>&#8211; Bewerbende mit ausl\u00e4ndischen Namen m\u00fcssen ca. 30% mehr Bewerbungen schreiben als Schweizer*innen, um f\u00fcr ein Vorstellungsgespr\u00e4ch eingeladen zu werden.<br \/>\n&#8211; Je nach Herkunft des Namens erfahren Bewerbende mit Migrationshintergrund unterschiedliche starke Diskriminierung:<br \/>\n&#8212;Die Ungleichbehandlung von Kandidat*innen mit kosovarischen Namen ist fast immer statistisch signifikant und insgesamt am st\u00e4rksten ausgepr\u00e4gt: Deutet der Name auf eine kosovarische Herkunft hin, m\u00fcssen ca. 40% mehr Bewerbungen verschickt werden.<br \/>\n&#8212; Stellensuchende deren Name auf eine Herkunft aus einem der Nachbarl\u00e4nder der Schweiz hinweist (d.h. Deutschland und Frankreich) erfahren teilweise statistisch signifikante Diskriminierung, z.B. bei der Bewerbung als Verk\u00e4ufer*in in der Deutschschweiz, wo ca. 70% mehr Bewerbungen geschrieben werden m\u00fcssen um f\u00fcr ein Vorstellungsgespr\u00e4ch eingeladen zu werden. In h\u00f6her qualifizierten Berufen werden Bewerbende mit deutscher Herkunft sogar bevorzugt (60% weniger Bewerbungen f\u00fcr eine Stelle als HR-Fachmann-\/frau).<br \/>\n&#8212; Gegen\u00fcber t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Kandidat*innen wurde keine statistisch signifikante Diskriminierung gemessen.<br \/>\n&#8211; Detailhandelsfachkr\u00e4fte sind st\u00e4rker von Diskriminierung betroffen als Elektroinstallateure. Kandidat*innen f\u00fcr Verkaufspositionen m\u00fcssen mit ausl\u00e4ndischen Namen ca. 50% mehr Bewerbungen verschicken, w\u00e4hrend es bei Elektroinstallateuren 16% sind. Bei letzterer Berufsgruppe wird dies besonders durch die Diskriminierung von kosovarisch-st\u00e4mmigen Bewerbenden verursacht (ca. 40% mehr Bewerbungen).<br \/>\n&#8211; Unser Experiment zeigt keine signifikanten Unterschiede je nach Geschlecht der Bewerbenden. M\u00e4nner und Frauen erfahren Diskriminierung in \u00e4hnlichem Ausmass.<br \/>\n&#8211; Schweizer*innen ausl\u00e4ndischer Herkunft haben in der Deutschschweiz vergleichbare Chancen wie in der Romandie, zu einem Bewerbungsgespr\u00e4ch eingeladen zu werden.<br \/>\n&#8211; Ergebnisse aus der Deutschschweiz zeigen, dass die Diskriminierung bei Stellen, die einen h\u00f6heren Bildungsabschluss voraussetzen, geringer ist, als bei Stellen, f\u00fcr die \u201enur\u201c eine abgeschlossene Ausbildung (EFZ) n\u00f6tig ist. Dieser Unterschied l\u00e4sst sich f\u00fcr Bewerbende mit kosovarischer Herkunft jedoch nicht beobachten.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/public.tableau.com\/views\/CorrespondenceTesting\/Tree-H?:embed=y&amp;:display_count=yes\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Dieser Link f\u00fchrt Sie zur interaktiven Visualisierung<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/public.tableau.com\/profile\/nccr.on.the.move#!\/vizhome\/CorrespondenceTesting\/Tree-H\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-3814\" src=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/CorrespondanceTestingImage.png\" alt=\"\" width=\"962\" height=\"558\" srcset=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/CorrespondanceTestingImage.png 962w, https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/CorrespondanceTestingImage-300x174.png 300w, https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/CorrespondanceTestingImage-768x445.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 962px) 100vw, 962px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Schweizer*innen mit Migrationshintergrund erfahren auf dem Schweizer Arbeitsmarkt auf Grund ihrer Herkunft Diskriminierung. Insbesondere bei Bewerbenden, die doppelte Staatsb\u00fcrger*innen sind und ihre komplette schulische und berufliche Ausbildung in der Schweiz absolviert haben, ist diese Ungleichbehandlung \u00e4usserst problematisch. Die Ergebnisse sind ausserdem besorgniserregend, da die fiktiven Kandidat*innen \u201eideale\u201c Bewerbende darstellen \u2013 sie waren noch nie arbeitslos, verf\u00fcgen \u00fcber eine erfolgreich abgeschlossene Ausbildung und positive Bewertungen ihrer bisherigen Arbeit. Dementsprechend misst die Studie nur ein Minimum an Diskriminierung, n\u00e4mlich jene f\u00fcr qualitativ hochwertige Bewerbende, und nur an einem Punkt: Der Einladung zu einem Vorstellungsgespr\u00e4ch. Ausserdem muss beachtet werden, dass nur eine begrenzte Anzahl von Berufen und Herkunfts\u00e4ndern getestet wurde, was die M\u00f6glichkeit, die Ergebnisse auf den gesamten Schweizer Arbeitsmarkt zu verallgemeinern einschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>Da die Schweiz, als eines der wenigen L\u00e4nder, \u00fcber kein allgemeines Anti-Diskriminierungsgesetz verf\u00fcgt, haben Betroffene kaum Chancen sich in Diskriminierungsf\u00e4llen zur Wehr zu setzen. Es ist deshalb wenig erstaunlich, dass die Schweiz im Migration Policy Index (<a href=\"http:\/\/www.mipex.eu\/anti-discrimination\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">MIPEX<\/a>) was den Schutz vor Diskriminierung angeht auf dem viertletzten von 38 Pl\u00e4tzen landet \u2013 nur die T\u00fcrkei, Japan und Island schneiden noch schlechter ab.<\/p>\n<p>Detaillierte Informationen zu den Ergebnissen der Studie finden Sie im Working Paper #20\u00a0<a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/wp_live14\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/nccrotm-WP20-Zschirnt-Fibbi.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Do Swiss Citizens of Immigrant Origin Face Hiring Discrimination in the Labour Market?<\/a><\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.eui.eu\/ProgrammesAndFellowships\/MaxWeberProgramme\/People\/MaxWeberFellows\/Fellows-2018-2019\/ZSCHIRNT-Eva\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Eva Zschirnt<\/a> ist PostDoc am Max Weber Fellow am European University Institute in Florenz. Zwischen 2014 und 2018 war sie <a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/who-is-who\/people\/?p_id=656\">Doktorandin des nccr \u2013 on the move<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Jahr 2018 hatten mehr als ein Drittel der Schweizer Wohnbev\u00f6lkerung \u00fcber 15 Jahre einen Migrationshintergrund, die meisten davon sind Einwanderer*innen der ersten Generation. Oft zeigt sich dieser Migrationshintergrund im Namen. 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