{"id":3884,"date":"2019-04-03T09:30:40","date_gmt":"2019-04-03T08:30:40","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.nccr-onthemove.ch\/?p=3884"},"modified":"2019-04-05T16:28:54","modified_gmt":"2019-04-05T15:28:54","slug":"wer-soll-hier-ausgetauscht-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wer-soll-hier-ausgetauscht-werden\/?lang=de","title":{"rendered":"Wer soll hier ausgetauscht werden?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Keine zehn Minuten bevor der Rechtsextremist Brenton Tarrant am fr\u00fchen Nachmittag des 15. M\u00e4rz 2019 Dutzende friedlich betende Muslim*innen im neuseel\u00e4ndischen Christchurch brutal ermordet, dr\u00fcckt er noch einmal rasch auf den Absende-Button seines Mailkontos. Was kurze Zeit sp\u00e4ter mehr als dreissig Empf\u00e4nger*innen erreicht, darunter Premierministerin Jacinda Ardern, ist ein inzwischen ber\u00fchmt gewordenes 74-Seiten-Pamphlet. Der markige Titel: <em>The Great Replacement<\/em>. <\/strong><\/p>\n<p>In dem aus einer Art Frage-und-Antwortspiel sowie verschiedenen lose zusammenh\u00e4ngenden Einlassungen bestehenden Text skizziert der T\u00e4ter kurz seine Beweggr\u00fcnde, bevor er sich in einer kruden Mischung aus nationalistischen Reinheitsfantasien und \u00fcbersch\u00e4umender Migrationsparanoia ergeht: \u201eThis is ethnic replacement. This is cultural replacement. This is racial replacement\u201c schreibt er etwa in einer Passage, die er um einen Wikipedia-Link zu den unterschiedlichen Geburtenraten verschiedener Staaten herum aufbaut. \u201eExpecting immigrants to assimilate to a dying, decadent culture is laughable\u201c heisst es an anderer Stelle. Und w\u00e4hrend er auf der einen Seite Diversit\u00e4t als Gegnerin des Gleichheitsgrundsatzes verfemt (\u201eDiversity is anathema to equality\u201c), stellt er kurz darauf mahnend fest: \u201eYour ancestors did not sweat, bleed and die in the name of an (\u2026) egalitarian society\u201c.<\/p>\n<p>Aus wissenschaftlicher Perspektive staunt man nicht schlecht \u00fcber die Ungelenkheit dieser rassistisch unterlegten Generalabrechnung mit der Weltlage. Tarrants Argumentation hat nur wenig von der einnehmenden Geschmeidigkeit anderer rechter Volksverf\u00fchrer und sein d\u00fcnnes Schriftlein l\u00e4sst sich auch kaum mit den 1500-Seiten-Phantasmagorien eines Fjotolf Hansen vergleichen. Viele seiner Ausf\u00fchrungen sind widerspr\u00fcchlich, der Stil assoziativ und die Holzhammersemantik kaum geeignet, der versuchten Rationalisierung seiner Tat Vorschub zu leisten. Statt mit Hansen dr\u00e4ngt sich vielmehr der Vergleich mit Dylann Roof auf, jenem weissen Suprematisten, der 2015 ein blutiges Massaker in einer vorwiegend von Afroamerikaner*innen besuchten Kirche in Charleston ver\u00fcbte. Denn wie der S\u00fcdstaatler Roof, der in Tarrants Manifest wohlwollend erw\u00e4hnt wird, in der irrwitzigen Annahme t\u00f6tete, damit eine Art Rassenkrieg auszul\u00f6sen, mordete der Australier Tarrant, um auf den titelgebenden <em>Great Replacement<\/em> (Grossen Austausch) aufmerksam zu machen.<\/p>\n<p><strong>Variationen einer Manie<\/strong><\/p>\n<p>Gemeint ist damit eines der derzeit popul\u00e4rsten Reizthemen im fremdenfeindlichen Politikspektrum, das auf die Idee einer kontinuierlichen Zur\u00fcckdr\u00e4ngung des eigenen Bev\u00f6lkerungsanteils abstellt. Der Begriff selbst wurde massgeblich vom Franzosen Renaud Camus gepr\u00e4gt, einem S\u00e4ulenheiligen der rechtsextremen Identit\u00e4ren Bewegung, der dabei wiederum auf zahlreiche Vorarbeiten (etwa die <a href=\"https:\/\/www.letemps.ch\/suisse\/lintellectuelle-vaudoise-inspire-breivik\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Eurabia-Theorie<\/a> der Britin Gis\u00e8le Littmann) zur\u00fcckgreifen konnte. Die Austausch-These selbst ist f\u00fcr sich genommen so einfach wie unbedarft: Durch Zuwanderung und abnehmende Fertilit\u00e4t komme es angeblich zu einem allm\u00e4hlichen Verschwinden der ethnischen und kulturellen Substanz westlicher Gesellschaften; Deutsche w\u00fcrden somit nach und nach durch T\u00fcrk*innen ersetzt, Norweger*innen durch Iraker*innen, Belgier*innen durch Kongoles*innen und Camus\u2019 sterbendes Frankreich gar mit Heerscharen junger, vitaler und geb\u00e4rfreudiger Maghrebiner*innen neu bev\u00f6lkert.<\/p>\n<p>Im Zeitalter der Globalisierung haben diese national angelegten Angstfantasien eine Verselbstst\u00e4ndigung erfahren und sich in eine Art Formschablone f\u00fcr nativistisches und islamophobes Gedankengut weltweit verwandelt. Die Theorie vom <em>Great Replacement<\/em> steht dadurch immer mehr f\u00fcr ein ganzes B\u00fcndel an Weltdeutungen, die sich um einen festen konspirationistischen Kern (den beschrieben Austausch von <em>uns <\/em>mit <em>denen<\/em>) gruppieren und diesen verschiedentlich ausschm\u00fccken. So gilt das Ganze je nach Interpretation als nat\u00fcrliche Folge westlicher Dekadenz und politischer Ignoranz, als strategisches Machtmittel nationaler Regierungen (die Migrant*innen werden hier als besser kontrollierbar als die Mehrheitsbev\u00f6lkerung dargestellt) oder als Plan einer gesichtslosen, globalen Elite zur endg\u00fcltigen Vernichtung der europ\u00e4isch-abendl\u00e4ndischen Zivilisation und der <em>weissen Rasse<\/em>.<\/p>\n<p><strong>Die Sprache des Terrors<\/strong><\/p>\n<p>Brenton Tarrant hatte wohl einen eher globalen Blick auf das Weltgeschehen; zumindest schreibt er, dass f\u00fcr ihn vor allem die letzten franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidentschaftswahlen den Ausschlag zum Blutbad gegeben hatten. Der allzu deutliche Sieg von Emmanuel Macron \u00fcber die Rechtspopulistin Marine Le Pen f\u00fchrte ihn wohl zu der Einsicht, dass es nun endg\u00fcltig keine Hoffnung mehr auf eine \u201edemocratic solution\u201c (lies: rassistisch motivierte Kollektivvertreibungen) gebe \u2013 weder im alten Europa noch sonst irgendwo auf der Welt. Die einzige Alternative best\u00fcnde daher im Schaffen einer \u201eatmosphere of fear and change in which drastic, powerful and revolutionary action can occur\u201c. Was wie eine wahnwitzige Parodie auf dschihadistische Aufwiegelungsrhetorik klingt, zeigt in Wahrheit, wie tief sich die Idee eines weltpolitischen Kontinuums und eine dementsprechende Handlungslogik in die verschw\u00f6rungstheoretische Selbstwahrnehmung des Rechtsextremismus gefressen hat: Ein durch Ereignisse in Frankreich und Schweden radikalisierter Australier richtet in der sympathischen Auswanderernation Neuseeland die wohl schlimmste Bluttat der Landesgeschichte an, nicht ohne zuvor zum Mord an der deutschen Bundeskanzlerin, dem t\u00fcrkischen Staatspr\u00e4sidenten und den pakistanischst\u00e4mmigen B\u00fcrgermeister Londons (die \u201ehigh profile enemies\u201c) aufzurufen. Einen perverseren Ausweis f\u00fcr die <em>Globalisierung des Paranoiden<\/em> hat man selten gesehen.<\/p>\n<p>Sowohl die Wissenschaft als auch die Politik sind in dieser Situation umso mehr dazu angehalten, Form und Umst\u00e4nde dieser Geisteshaltung angemessen zu adressieren und auch zu analysieren. Dazu geh\u00f6rt insbesondere der Schritt, konspirationistische Metanarrative wie das vom <em>Great Replacement<\/em> nicht nur als exzentrische Fantastereien, sondern als wirkungsm\u00e4chtige gegen- und subkulturelle Diskursstrukturen anzuerkennen, die immer mehr in den neurechten Mainstream ausgreifen. In der Schweiz hat die mit verschiedenen SVP-Politikern verbandelte Schweizerzeit den Begriff etwa recht unverbl\u00fcmt verwendet: \u00ab<a href=\"https:\/\/www.schweizerzeit.ch\/cms\/index.php?page=\/news\/der_grosse_austausch_ist_realitaet-3252\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Der grosse Austausch ist Realit\u00e4t<\/a>\u00bb titelte sie im Dezember 2017. Damit fasste sie zusammen, was zuvor in einer ganzen <a href=\"https:\/\/www.schweizerzeit.ch\/cms\/index.php?page=\/news\/die_afrikanisierung_europas-3099\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Reihe<\/a> <a href=\"https:\/\/www.schweizerzeit.ch\/cms\/index.php?page=\/news\/die_schweiz_wird_wegmigrationalisiert-3116\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00e4hnlicher Artikel<\/a> bereits recht deutlich angeklungen war: Dass es n\u00e4mlich keine Frage mehr sei, \u201eob die Schweizer zur Minderheit im eigenen Land werden. Die Frage ist nur, wann es so weit sein wird? \u201c Diese Sprache lediglich als polemisches Grummeln einer konservativen B\u00fcrgerlichkeit zu betrachten, kann angesichts der Explosivit\u00e4t ihrer Folgerungen und der Radikalit\u00e4t des dahinterstehenden Weltbildes nicht l\u00e4nger eine legitime Option sein. Denn was hier anklingt, ist sp\u00e4testens seit dem 15. M\u00e4rz nichts anderes als die Sprache eines potentiell gewaltt\u00e4tigen und zunehmend globalisierten Extremismus von rechts. Mit dieser Sprache zu spielen, das Hassnarrativ vom <em>Great Replacement<\/em> oder verwandten Theorien politisch ausbeuten zu wollen, bedeutet letztlich nichts anderes, als fremdenfeindlichen Terrorismus ideologisch zu befeuern.<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/who-is-who\/people\/?p_id=8508\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Marco Bitschnau<\/a> ist Doktorand im nccr \u2013 on the move im Projekt <a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/projects\/mobility-diversity-and-the-democratic-welfare-state-contested-solidarity-in-historical-and-political-comparative-perspective\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mobility, Diversity, and the Democratic Welfare State: Contested Solidarity in Historical and Political Comparative Perspective<\/a> an der Universit\u00e4t Neuch\u00e2tel. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Keine zehn Minuten bevor der Rechtsextremist Brenton Tarrant am fr\u00fchen Nachmittag des 15. 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