{"id":4235,"date":"2019-05-27T16:00:46","date_gmt":"2019-05-27T14:00:46","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.nccr-onthemove.ch\/?p=4235"},"modified":"2019-06-11T12:46:17","modified_gmt":"2019-06-11T10:46:17","slug":"einfuhrung-zur-blogserie-gender-matters-nicht-zugehorigkeit-in-der-schweizer-migrationsgesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/einfuhrung-zur-blogserie-gender-matters-nicht-zugehorigkeit-in-der-schweizer-migrationsgesellschaft\/?lang=fr","title":{"rendered":"Einf\u00fchrung zur Blogserie &#8220;Gender matters! (Nicht-)Zugeh\u00f6rigkeit in der Schweizer Migrationsgesellschaft&#8221;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Inwiefern pr\u00e4gt Geschlecht unsere Vorstellungen von \u201eden Schweizer*innen\u201c und \u201eden Anderen*\u201c in der Politik, in Gesetzen und im Alltag? Unsere Blogreihe zeigt auf, wie Grenzziehungsprozesse zwischen Staatsb\u00fcrger*innen und den \u201eAnderen*\u201c vergeschlechtlicht werden und zu Ausschluss f\u00fchren k\u00f6nnen. Gender als analytische Kategorie erlaubt es, solche liberalen und rechtsstaatlichen Werten zuwiderlaufende Ungleichheitsstrukturen und Ausschlussprozesse besser zu verstehen und zu bek\u00e4mpfen.<\/strong><\/p>\n<p>Historische Analysen zeigen, dass Vorstellungen von den \u201eAnderen\u201c vergeschlechtlicht sind und das viel mit dem \u201eEigenen\u201c zu tun hat. Beispielsweise pr\u00e4gen tief in der Schweiz verankerte klassisch-konservative Geschlechterrollen die nationale Einwanderungspolitik \u2013 etwa wenn Migrantinnen kein vom Ehemann unabh\u00e4ngiges Aufenthaltsrecht erhalten. In Einb\u00fcrgerungskommissionen werden Entscheidungen unter anderem auf der Basis normativer Vorstellungen davon, wie sich ein schweizerischer Mann oder eine schweizerische Frau zu verhalten habe, getroffen. Nachkommen von Migrant*innen, die formell die schweizerische Staatsb\u00fcrgerschaft besitzen, wird \u00fcber spezifische vergeschlechtlichte Differenzkonstruktionen eine volle Mitgliedschaft in der Schweizerischen Gesellschaft verweigert und pauschal \u201eGeschlechterungleichheit\u201c zugeschrieben.<\/p>\n<p>Diese Beispiele verdeutlichen den gemeinsamen Bogen, den die drei Beitr\u00e4ge der Blogserie schlagen: Alle verweisen sie auf die <em>zentrale Rolle der Kategorie Geschlecht als Kriterium von Zugeh\u00f6rigkeit in der Migrationsgesellschaft<\/em>. Uns interessiert, warum Geschlecht so zentral ist, welche anderen Kategorien (Nicht-)Zugeh\u00f6rigkeit erzeugen und was \u201ePolitiken der Zugeh\u00f6rigkeit\u201c sind.<\/p>\n<p><strong>Geschlecht als analytische Kategorie macht Ein- und Ausschlussprozesse sichtbar<\/strong><\/p>\n<p>(Nicht-)Zugeh\u00f6rigkeit wird immer \u00fcber verschiedene Kategorien gleichzeitig hergestellt. Geschlecht nimmt hierbei eine zentrale Stellung ein. Wir verstehen Geschlecht weder als eine biologische Konstante noch als eine stabile Identit\u00e4t, sondern vielmehr als eine analytische Kategorie. Dies erm\u00f6glicht zu verstehen, wie geschlechtliche Differenz \u2013 meist in einer heteronormativen Zweigeschlechtlichkeit \u2013 in sozialen Praktiken, Interaktionen, Arbeitsm\u00e4rkten, Netzwerken, Repr\u00e4sentationen und unter bestimmten Dominanzkonstellationen konstruiert, aktiv (re)produziert und transformiert wird. Dabei werden spezifische Verhaltenserwartungen an Frauen und M\u00e4nner formuliert, sei es in staatlichen Institutionen, durch Zuschreibungen in der Arbeitswelt oder auch im Alltag. Eine Analyse mittels der Kategorie Geschlecht erlaubt es uns, solche Ein- und Ausschlussprozesse sichtbar und damit der Analyse (und Politik) zug\u00e4nglich zu machen.<\/p>\n<p>Um einige Beispiele zu nennen: <a href=\"\/?p=4254\">Carolin Fischer<\/a> zeigt in ihrem Beitrag, wie Geschlecht in der Einwanderungspolitik historisch auf unterschiedliche Arten und mit verschiedenen Bedeutungen mobilisiert wurde, um Grenzlinien zwischen \u201euns\u201c und den \u201eAnderen\u201c zu ziehen. In den letzten Jahren werden Geschlechterbeziehungen vermehrt ethnisiert und kulturalisiert. Geschlechterungleichheit wird spezifischen Gruppen zugeschrieben. Migrantinnen spezifischer Gruppen werden infolgedessen pauschalisierend als r\u00fcckschrittlich dargestellt, die systematische Benachteiligung von Frauen in der Schweiz jedoch nicht thematisiert. Geschlecht pr\u00e4gt aber auch spezifische Vorstellungen von \u201eSuissitude\u201c und wer als Staatsb\u00fcrger*in dazu geh\u00f6ren darf, wie <a href=\"\/?p=4274\">Anne Kristol<\/a> in ihrem Post er\u00f6rtert. <a href=\"\/?p=4282&quot;\">Joanna Menets<\/a> Beitrag schliesslich verweist darauf, wie Nachkommen von Migrant*innen auf der Basis von Geschlecht und anderen Differenzkategorien die volle Zugeh\u00f6rigkeit zur Schweizer \u201eGemeinschaft\u201c verwehrt wird.<\/p>\n<p>Geschlecht ist aber nicht die einzige Kategorie, anhand derer Zugeh\u00f6rigkeit und Ausschluss hergestellt werden. Soziale Klasse und Ethnizit\u00e4t, bzw. \u201eRace\u201c sind weitere zentrale Differenzmerkmale, die h\u00e4ufig mit Geschlecht zusammenwirken. Carolin Fischer er\u00f6rtert in ihrem Beitrag, wie in der Zulassungs- und Integrationspolitik Geschlecht immer wieder mit sozialer Klasse und Ethnizit\u00e4t verschr\u00e4nkt wurde. Joanna Menet beschreibt in ihrem Post, wie Nachkommen von Migrant*innen mit Alltagsrassismus als Resultat von intersektionellen Zuschreibungen bspw. \u00fcber Islam und Geschlecht konfrontiert sind.<\/p>\n<p><strong>Vergeschlechtlichte Zugeh\u00f6rigkeitspolitiken und die Rolle von Nationalstaaten<\/strong><\/p>\n<p>Die Beitr\u00e4ge zeigen anhand verschiedener Facetten, wie Zugeh\u00f6rigkeit und Ausschluss hergestellt werden. Allgemein sind Migrationspolitik und Staatsb\u00fcrgerschaft fundamental f\u00fcr das, was Nira Yuval Davis (2006: 198) \u201e<em>Politics of Belonging<\/em>\u201c oder Zugeh\u00f6rigkeitspolitik, nennt. Sie versteht darunter bestimmte politische Projekte, die Zugeh\u00f6rigkeit auf spezifische Art f\u00fcr gewisse kollektive Gruppen konstruieren. Nationalstaaten sind diesbez\u00fcglich die wohl wichtigsten Akteure: Die nationalstaatliche Logik unterscheidet zwischen B\u00fcrger*innen und \u201eAusl\u00e4nder*innen\u201c, zwischen Dazugeh\u00f6rigen und Nicht-Dazugeh\u00f6rigen, zwischen Eigenem und Fremdem, l\u00e4sst diese konsequenzreichen Grenzziehungen als \u201enat\u00fcrlich\u201c erscheinen und erzeugt dadurch Zugeh\u00f6rigkeit und Ausschluss. Nationalstaatlich definierte Migrations-, Integrations- oder Einb\u00fcrgerungspolitiken zielen allesamt darauf ab, Differenzen aufrechtzuerhalten und zu (re)produzieren und sind deshalb klassische Formen von Zugeh\u00f6rigkeitspolitiken.<\/p>\n<p>Es sind denn auch diese Grenzlinien zwischen \u201euns\u201c, der \u201eSchweizerischen Gemeinschaft\u201c, und den \u201eAnderen\u201c und die damit einhergehende Vergeschlechtlichung, die in den einzelnen Beitr\u00e4gen im Zentrum stehen. Sie zeigen, wie Geschlecht mobilisiert wird, um die eigenen, nationalen Reihen zu schliessen. So wird oft argumentiert, dass die \u201eAnderen\u201c durch Geschlechterungleichheit gepr\u00e4gt seien, w\u00e4hrend Geschlechtergleichheit quasi zum \u201eSchweizerisch sein\u201c geh\u00f6re \u2013 obschon Statistiken und <a href=\"\/?p=2992\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">empirische Erkenntnisse<\/a> eine andere Sprache sprechen. Vergeschlechtlichung zeigt sich auch in den \u00f6ffentlichkeitswirksamen Repr\u00e4sentationen des m\u00e4nnlichen Migranten als T\u00e4ter, als Kriminellen, als Frauenunterdr\u00fccker \u2013 und im Pendant dazu, im Bild der weiblichen, verschleierten Muslimin, die durchgehend als zu \u201erettendes\u201c Opfer dargestellt wird \u2013 wie Joanna Menet etwa in ihrem Blog beschreibt. Ein anderes Beispiel f\u00fcr solche vergeschlechtlichte Zugeh\u00f6rigkeitspolitiken sind Einb\u00fcrgerungsverfahren. Obschon <em>de iure<\/em> seit 1992 Geschlechtergleichheit im B\u00fcrgerrechtsgesetz verankert ist, wirken <em>de facto<\/em> patrilineare Vorstellungen weiter, wie Anne Kristol aufzeigt.<\/p>\n<p>Gender ist also eine hochwirksame Kategorie was Zugeh\u00f6rigkeitspolitiken in Migrationsgesellschaften und damit verbundene Grenzziehungen betrifft. Geschlecht als Analysekategorie erlaubt es, wichtige Ungleichheitsstrukturen und Ausschlussprozesse zu verstehen. Eine solche Perspektive ist zentral, wenn politische Strategien erarbeitet werden sollen, um solche vergeschlechtlichten Diskriminierungen zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Gute Lekt\u00fcre \u2013 bonne lecture.<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/who-is-who\/people\/?start=d&amp;p_id=497\">Janine Dahinden<\/a> ist Professorin f\u00fcr Transnationale Studien am <a href=\"https:\/\/www.unine.ch\/maps-chaire\/home.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Laboratoire d&#8217;\u00e9tudes des processus sociaux (MAPS)<\/a> und Projektleiterin am nccr \u2013 on the move. Die in dieser Blogserie vorgestellten Resultate stammen aus dem von ihr geleiteten Projekt <a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/projects\/gender-as-boundary-marker-in-migration-and-mobility-case-studies-from-switzerland\/\">Gender as a Boundary Marker in Migration, Citizenship and Belonging<\/a>.<\/em><\/p>\n<p>Referenzen:<\/p>\n<p>&#8211; Dahinden, Janine, Kerstin Duemmler and Jo\u00eblle Moret (2014). &#8220;Disentangling Religious, Ethnic and Gendered Contents in Boundary Work: How Young Adults Create the Figure of \u2018The Oppressed Muslim Woman\u2019.&#8221; <em>Journal of Intercultural Studies<\/em>\u00a035(4): 329-348.<br \/>\n&#8211; Yuval-Davis, Nira (2006). &#8220;Belonging and the Politics of Belonging.&#8221; <em>Patterns of Prejudice<\/em>\u00a040(3): 197-214.<br \/>\n&#8211; Lutz, Helma and Anna Amelina (2017). <em>Gender, Migration, Transnationalisierung<\/em>. Eine intersektionelle Einf\u00fchrung. Transkript.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Inwiefern pr\u00e4gt Geschlecht unsere Vorstellungen von \u201eden Schweizer*innen\u201c und \u201eden Anderen*\u201c in der Politik, in Gesetzen und im Alltag? Unsere Blogreihe zeigt auf, wie Grenzziehungsprozesse zwischen Staatsb\u00fcrger*innen und den \u201eAnderen*\u201c vergeschlechtlicht werden und zu Ausschluss f\u00fchren k\u00f6nnen. 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