{"id":4263,"date":"2019-05-29T10:05:12","date_gmt":"2019-05-29T08:05:12","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.nccr-onthemove.ch\/?p=4263"},"modified":"2019-05-29T14:08:37","modified_gmt":"2019-05-29T12:08:37","slug":"die-schweizer-einwanderungspolitik-aus-einer-geschlechter-perspektive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/die-schweizer-einwanderungspolitik-aus-einer-geschlechter-perspektive\/?lang=it","title":{"rendered":"Die Schweizer Einwanderungspolitik aus einer Geschlechter-Perspektive"},"content":{"rendered":"<p><strong>Bestimmte Vorstellungen von \u2018Eigenem\u2019 und \u2018Fremdem\u2019 waren schon immer Teil der Schweizer Einwanderungspolitik. Repr\u00e4sentationen von Migrant*innen sind stark vom Geschlecht gepr\u00e4gt und werden von verschiedenen Akteur*innen mobilisiert, um bestimmte politische Positionen zu untermauern. Wann und unter welchen Umst\u00e4nden \u00e4nderten sich diese Repr\u00e4sentationen? Und wie wurde und wird auf die Kategorie Geschlecht Bezug genommen, um zwischen Migrant*innen und Schweizer B\u00fcrger*innen zu unterscheiden? <\/strong><\/p>\n<p>Vergeschlechtlichte Repr\u00e4sentationen nationaler Identit\u00e4t \u00e4ndern sich in der Schweiz je nach zeitgeschichtlichem Kontext und je nachdem, welche Akteur*innen diese f\u00fcr ihre jeweiligen einwanderungs- und integrationspolitschen Ziele mobilisieren. Diese \u00c4nderungen kristallisierten sich an vier historischen Wendepunkten heraus, die dieser Beitrag genauer erl\u00e4utert.<\/p>\n<p><strong>\u2018Klassische\u2019 Gender-Repr\u00e4sentationen der fr\u00fchen Einwanderungsgesetzgebung<\/strong><\/p>\n<p>Zwischen 1880 und 1931 werden in einer Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs grossr\u00e4umige Infrastrukturprojekte angeschoben, die Arbeitsmigrant*innen aus Italien, Deutschland und \u00d6sterreich anziehen. In diesem Zusammenhang wird die Einwanderungskontrolle von der lokalen auf die nationale Ebene verschoben und 1931 das Bundesgesetz \u00fcber Aufenthalt und Niederlassung der Ausl\u00e4nder (ANAG) verabschiedet.<\/p>\n<p>Gepr\u00e4gt von einer gesellschaftlich tief verwurzelten \u201aklassisch-konservativen\u2018 Auffassung von Geschlechterrollen, formalisiert das ANAG die Grenze zwischen jenen, die Teil der Schweizer Nation sind und jenen, die als Ausl\u00e4nder*innen nicht dazugeh\u00f6ren. Das ANAG definiert \u201aden Ausl\u00e4nder\u2018 als m\u00e4nnlichen, wirtschaftlichen Akteur und Ern\u00e4hrer, w\u00e4hrend es Ehefrauen und Kinder als Abh\u00e4ngige ohne eigenst\u00e4ndige Anspr\u00fcche darstellt. In Ausf\u00fchrungsbestimmungen werden neben \u201am\u00e4nnlichen\u2018 Berufen allerdings auch traditionell weibliche Berufe wie Haushaltsangestellte oder Kellnerin aufgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Damit best\u00e4tigt das ANAG einerseits Geschlecht als wichtiges Prinzip sozialer Organisation und weist M\u00e4nner und Frauen unterschiedlichen Sektionen des Schweizer Arbeitsmarkts zu. Andererseits tr\u00e4gt es der damals prim\u00e4ren Sorge Rechnung, dass Ausl\u00e4nder*innen zur wirtschaftlichen Last werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p><strong>Doppelb\u00f6dige Repr\u00e4sentationen von Gastarbeiter*innen w\u00e4hrend der Nachkriegszeit <\/strong><\/p>\n<p>Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg stellt einen zweiten Wendepunkt dar. Nationale Wirtschaft und Wohlstand wachsen erheblich, wodurch ein erneuter Bedarf an migrantischer Arbeitskraft entsteht. In bilateralen Gastarbeiter-Abkommen mit Nachbarl\u00e4ndern implementiert die Schweizer Regierung das sogenannte Rotationsprinzip mit einer zeitlichen Befristung des Aufenthalts und \u201aexpliziter Nicht-Integration\u2018 (Niederberger 2004:41).<\/p>\n<p>Gastarbeiter*innen werden strikt nach Geschlechtern getrennt angeworben und w\u00e4hrend ihres Aufenthalts in der Schweiz in separaten Sammelquartieren untergebracht. Obwohl sowohl in der \u00d6ffentlichkeit wie auch in der Forschung die Vorstellung vom m\u00e4nnlichen Gastarbeiter dominiert, ist der Anteil von Frauen aufgrund des Bedarfs an Haushaltshilfen und Arbeitskr\u00e4ften in der Textil- und Lebensmittelindustrie betr\u00e4chtlich.<\/p>\n<p>Diese Unsichtbarkeit von Arbeitsmigrantinnen endet jedoch in den fr\u00fchen 1960er Jahren, als Forderungen nach Familiennachzug laut werden. Dass sich Gastarbeiterfamilien in der Schweiz niederlassen k\u00f6nnten, verleiht der Pr\u00e4senz von \u2018Fremden\u2018 etwas Unumkehrbares (Niederberger, 2004: 48). Zudem weckt sie die Bef\u00fcrchtung, dass insbesondere ausl\u00e4ndische Frauen in ihrer Rolle als abh\u00e4ngige H\u00fcterinnen von Haus und Kindern dem Schweizer Wohlfahrtsstaat zur Last werden k\u00f6nnten. Die Repr\u00e4sentation der Migrantin nimmt einen doppelb\u00f6digen Charakter an: Aus etwas Unsichtbarem wird eine Bedrohung. Und im Gegensatz zum Ideal der Schweizer (Haus-) Frau wird die nicht arbeitende Migrantin nun als Problem wahrgenommen.<\/p>\n<p><strong>Die Kulturalisierung von \u2018\u00dcberfremdung\u2019 w\u00e4hrend der 1960er und 1970er-Jahre<\/strong><\/p>\n<p>Als der Begriff der \u00dcberfremdung von Populisten in den 1960er-Jahren ins Zentrum politischer Auseinandersetzungen ger\u00fcckt wird, kommt es zum dritten Wendepunkt. Populistische Vorst\u00f6sse gegen \u00dcberfremdung bedienen sich negativer, ethnisierter und vergeschlechtlichter Darstellungen kultureller Unterschiede. Das Geschlecht erh\u00e4lt dadurch eine neue, kulturell untersetzte Qualit\u00e4t, die die Grenzziehung zwischen genuin Schweizerischem und Fremdem beeinflusst.<\/p>\n<p>In postkolonialen Repr\u00e4sentationen des m\u00e4nnlichen Anderen werden beispielsweise Italiener als \u2018braune S\u00f6hne des S\u00fcdens\u2019, notorische Sch\u00fcrzenj\u00e4ger (Maiolino, 2010) und damit als eine Bedrohung f\u00fcr Schweizerinnen stigmatisiert. Gleichzeitig wird der rapide Anstieg des Ausl\u00e4nderanteils Migrant*innen zugeschrieben, da sie aufgrund kulturell bedingter Achtlosigkeit mehr Kinder h\u00e4tten als Schweizer Frauen.<\/p>\n<p><strong>Ethnisierung von Geschlechter(un)gleichheit: Zuwanderung und Integration von den 1990ern bis heute<\/strong><\/p>\n<p>In den 1990er Jahren lanciert der Bundesrat eine Totalrevision des ANAG, 2002 wird das Abkommen \u00fcber die Personenfreiz\u00fcgigkeit zwischen der Schweiz und den EU\/EFTA Mitgliedstaaten ratifiziert und 2006 tritt das Bundesgesetz \u00fcber die Ausl\u00e4nderinnen und Ausl\u00e4nder AuG in Kraft.<\/p>\n<p>In dieser Phase wird der Begriff der \u00dcberfremdung aufgegeben. Zugleich wird aber auch die Einwanderung aus Nicht-EU-L\u00e4ndern stark eingeschr\u00e4nkt und integrationspolitischen Massnahmen unterworfen. Diese implizite Gleichsetzung von kultureller und geographischer N\u00e4he, bzw. Ferne verfestigt postkoloniale Unterscheidungen zwischen Fremdheit, bzw. \u00c4hnlichkeit.<\/p>\n<p>Der Begriff Integration erh\u00e4lt dabei eine zunehmende und wiederum vergeschlechtlichte Bedeutung. Die Rolle von Frauen im Privat- und Erwerbsleben dient beispielsweise als Indikator daf\u00fcr, ob eine Person als gut oder weniger gut integriert wahrgenommen wird. Zugleich richten sich Massnahmen zur Verhinderung von Straftaten meist an junge, m\u00e4nnliche und oft muslimische Migranten.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich die Beh\u00f6rden auf gender-spezifische Repr\u00e4sentationen von Migrant*innen st\u00fctzen, um die Notwendigkeit besserer Integration zu unterstreichen, mobilisieren rechtsgerichtete Akteure solche Repr\u00e4sentationen, um die Pr\u00e4senz \u201aunerw\u00fcnschter Anderer\u2018 zu problematisieren und entsprechende Restriktionen einzufordern. In den Abstimmungen \u00fcber das Minarett-Verbot 2009 oder \u00fcber die Ausweisung krimineller Ausl\u00e4nder 2010 verbildlichen jeweils die verschleierte Muslima bzw. der m\u00e4nnliche Straft\u00e4ter aus dem Ausland die \u201aProblematik des Fremden\u2018.<\/p>\n<p>Ein zentraler Punkt dieser Grenzziehungsprozesse ist die Ethnisierung und Kulturalisierung von weiblicher Unterordnung und m\u00e4nnlicher Dominanz. Geschlechtsspezifische Integrationsmassnahmen f\u00f6rdern nicht nur die Sichtbarkeit von Migrant*innen, sondern stellen diese auch als r\u00fcckschrittlich dar. Zugleich wird die systematische Benachteiligung von Frauen in der Schweiz strikt ausgeblendet \u2013 sowohl in \u00f6ffentlichen Debatten als auch in politischen Massnahmen.<\/p>\n<p><strong>Gender als zentrale Differenzkategorie f\u00fcr \u201edas Andere\u201c in der Schweiz<\/strong><\/p>\n<p>Nationale Zugeh\u00f6rigkeit ist weder ein eindeutiges Konzept noch ein nat\u00fcrlicher Zustand, sondern wird je nach politischen Interessen und Zielsetzungen konstituiert, aufrechterhalten und ver\u00e4ndert. Geschlecht pr\u00e4gt seit Beginn der Einwanderungsgeschichte die Repr\u00e4sentation von Migrant*innen in der Schweiz und wirkt \u2013 kombiniert mit anderen Kategorien wie Klasse, Ethnizit\u00e4t und Religion \u2013 als zentrale Differenzkategorie f\u00fcr Grenzziehungen zwischen \u201auns\u2018 und \u201aden anderen\u2018.<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/who-is-who\/people\/?start=f&amp;p_id=653\">Dr. Carolin Fischer<\/a> ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am <a href=\"https:\/\/www.unine.ch\/maps-chaire\/home.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Laboratoire d\u2019\u00e9tudes des processus sociaux (MAPS)<\/a> der Universit\u00e4t Neuch\u00e2tel und am nccr \u2013 on the move im Projekt &#8220;<a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/projects\/gender-as-boundary-marker-in-migration-and-mobility-case-studies-from-switzerland\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gender as a Boundary Marker in Migration, Citizenship and Belonging<\/a>&#8220;. Ihre Forschung konzentriert sich auf Fragen der Zugeh\u00f6rigkeit und Formen b\u00fcrgerschaftlichen und politischen Engagements im Kontext von Migration und Mobilit\u00e4t. Derzeit leitet sie das SNIS-finanzierte Projekt \u201e<a href=\"https:\/\/snis.ch\/project\/engendering-migration-development-and-belonging-the-experiences-of-recently-arrived-afghans-in-europe\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Engendering migration, development and belonging: The experiences of recently arrived Afghans in Europe<\/a>\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Weiterf\u00fchrende Literatur:<\/p>\n<p>&#8211; Fischer, C. and Dahinden, J. (2017). \u2018<a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1177\/1468796816676844\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gender representations in politics of belonging: An analysis of Swiss immigration regulation from the 19th century until today<\/a>\u2019, <em>Ethnicities<\/em> 17(4), 445\u2013468.<br \/>\n&#8211; Maiolino, A. (2012). \u2018Die \u00abTschinggen\u00bb und die Schwarzenbach-Initiative. Von der Politik der Marginalisierten zur Mediterranisierung der Schweiz\u2019, <em>Terra Cognita<\/em>\u00a021, 20\u201322.<br \/>\n&#8211; Niederberger, J. M. (2004). <em>Ausgrenzen, Assimilieren, Integrieren\u202f: die Entwicklung einer schweizerischen Integrationspolitik<\/em>. Z\u00fcrich: Seismo.<br \/>\n&#8211; Purtschert, P., Falk, F. and L\u00fcthi, B. (2016). \u2018<a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1080\/1369801X.2015.1042395\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Switzerland and \u201cColonialism without Colonies\u201d<\/a>\u2019, <em>Interventions<\/em>\u00a018(2), 286\u2013302.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bestimmte Vorstellungen von \u2018Eigenem\u2019 und \u2018Fremdem\u2019 waren schon immer Teil der Schweizer Einwanderungspolitik. Repr\u00e4sentationen von Migrant*innen sind stark vom Geschlecht gepr\u00e4gt und werden von verschiedenen Akteur*innen mobilisiert, um bestimmte politische Positionen zu untermauern. Wann und unter welchen Umst\u00e4nden \u00e4nderten sich diese Repr\u00e4sentationen? Und wie wurde und wird auf die Kategorie<\/p>\n","protected":false},"author":72,"featured_media":4224,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[644],"tags":[295,307,325,318],"coauthors":[401],"class_list":["post-4263","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-gender-matters-it","tag-citizenship-it","tag-gender-it","tag-policy-research-it","tag-switzerland-it"],"acf":[],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4263","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/72"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4263"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4263\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4303,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4263\/revisions\/4303"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4224"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4263"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4263"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4263"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=4263"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}