{"id":4280,"date":"2019-06-06T09:30:09","date_gmt":"2019-06-06T07:30:09","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.nccr-onthemove.ch\/?p=4280"},"modified":"2019-05-29T11:45:56","modified_gmt":"2019-05-29T09:45:56","slug":"woher-kommst-du-wirklich-zugehorigkeit-und-geschlecht-in-der-stadt-zurich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/woher-kommst-du-wirklich-zugehorigkeit-und-geschlecht-in-der-stadt-zurich\/?lang=fr","title":{"rendered":"\u201eWoher kommst du wirklich?\u201c Zugeh\u00f6rigkeit und Geschlecht in der Stadt Z\u00fcrich"},"content":{"rendered":"<p><strong>Unter dem hashtag <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/vonhier?lang=de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">#vonhier<\/a> wird zurzeit in deutschsprachigen Medien teils hitzig dar\u00fcber debattiert, wie die Frage nach der Herkunft interpretiert werden soll. Unsere <a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/projects\/gender-as-boundary-marker-in-migration-and-mobility-case-studies-from-switzerland\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Forschung <\/a>zeigt auf, dass Erfahrungen von Personen, die als Kinder von Migrant*innen in der Schweiz aufwuchsen, nicht individuell sind, sondern oft von gesellschaftlich verankerten Grenzziehungen gepr\u00e4gt sind. Es offenbart sich ein Selbstbild der Schweiz, nach dem Ethnizit\u00e4t und Geschlecht wichtige Prinzipien von Zugeh\u00f6rigkeit sind.<\/strong><\/p>\n<p>Welchen Vorurteilen begegnen erwachsene Menschen, die als \u201ePersonen mit Migrationshintergrund\u201c bezeichnet werden? Wie gehen sie damit um? Und welche Rolle spielt dabei Geschlecht in Verschr\u00e4nkung mit anderen Differenzkategorien? Um diese Fragen zu beantworten, f\u00fchrten wir qualitative Interviews mit 25- bis 40-j\u00e4hrigen Nachkommen von Migrant*innen in der Stadt Z\u00fcrich.<\/p>\n<p>Obwohl unsere Interviewpartner*innen seit Geburt in der Schweiz leben, bedeutet das nicht, dass sie automatisch als zugeh\u00f6rig akzeptiert werden und sich selbst als Teil der Gesellschaft betrachten. So meinte ein Interviewteilnehmer r\u00fcckblickend: <em>\u201eIn der Schulzeit ist das ein bisschen subtil. Es gibt keine konkreten Beispiele, aber du merkst schon, dass du ein bisschen ausgegrenzt wirst. Also, du bist immer der Ausl\u00e4nder. Nicht schlimm, also kein Rassismus, aber du bist nicht der Schweizer. Du wirst immer anders betrachtet als ein Schweizer\u201c<\/em>.<\/p>\n<p>Solches \u201eAnderssein\u201c aufgrund einer nicht-schweizerischen Herkunft der Eltern pr\u00e4gt viele allt\u00e4gliche Erlebnisse unserer Interviewpartner*innen, was aufzeigt, dass im Schweizer Kontext die Unterscheidung zwischen Ausl\u00e4nder*innen und Schweizer*innen eine wirkm\u00e4chtige Grenzziehung darstellt. Wie unsere Untersuchung veranschaulicht, kann diese \u00fcber Generationen fortbestehen. Hierbei spielt eine untergeordnete Rolle, ob die Person die Schweizer Nationalit\u00e4t besitzt oder nicht. Obwohl viele Interviewpartner*innen formell dazugeh\u00f6ren, wird ihnen auf symbolischer Ebene die Mitgliedschaft verwehrt. In der Wahrnehmung bestimmt oft nicht die tats\u00e4chliche Staatsb\u00fcrgerschaft, wie jemand eingeordnet und kategorisiert wird. Es sind andere mit Geschlecht verwobene Merkmale, wie der Name, die Hautfarbe oder die Religion.<\/p>\n<p><strong>Grenzen ziehen: Du kennst keine Gleichberechtigung, du geh\u00f6rst hier nicht dazu <\/strong><\/p>\n<p>Unsere Forschungsergebnisse veranschaulichen, wie Zugeh\u00f6rigkeit individuell und kollektiv ausgehandelt wird. Bei diesen Grenzziehungen zwischen \u201euns\u201c und \u201eden Anderen\u201c, bedingen sich externe Fremdzuschreibungen und subjektive Selbstverortung gegenseitig. In der oben erw\u00e4hnten Debatte #vonhier macht die eine Seite darauf aufmerksam, dass sie in Deutschland geboren, also \u201evon hier\u201c ist, und darum die Frage nach der \u201erichtigen\u201c Herkunft als \u201everbale Ausb\u00fcrgerung\u201c wahrnimmt. Die Gegenseite argumentiert, die Herkunftsfrage sei gerechtfertigtes Interesse und Neugier.<\/p>\n<p>Auch Teilnehmende unserer Studie erz\u00e4hlten, dass sie immer wieder nach ihrer Herkunft befragt werden, wie das folgende Beispiel zeigt: <em>\u201eIch meine nur schon: es kommt immer diese Frage: &#8216;Woher kommst du wirklich?&#8217; (&#8230;) Ich kann sagen: &#8216;Ja, ich bin Z\u00fcrcher, ich bin hier aufgewachsen&#8217; und so weiter. Aber sie wollen immer wissen &#8211; und ich glaube nicht, dass es b\u00f6se Absicht ist, (&#8230;) Und bei mir ist es nicht ganz so extrem. Aber wenn jemand wirklich braun ist oder man tr\u00e4gt ein Kopftuch, dann ist es noch viel extremer. Dann wird man immer darauf reduziert. (&#8230;) Wegen dem Namen oder weil ich nicht ganz so schweizerisch aussehe.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Wie dieser Teilnehmer treffend erkl\u00e4rt, verschr\u00e4nken sich verschiedene Merkmale wie Hautfarbe, Religion oder Klasse und beeinflussen die externen Zuschreibungen. Hierbei spielt Geschlecht eine wichtige Rolle. Bestimmte Gruppen von Zugewanderten und ihre Nachkommen werden als besonders geschlechterungleich betrachtet. Vergeschlechtlichte Repr\u00e4sentationen von muslimischen Frauen als Opfer, bzw. muslimischen und rassialisierten M\u00e4nnern als gewaltt\u00e4tig werden immer wieder an sie herangetragen. So sind unsere Interviewpartner*innen mit unterschiedlichen Kategorisierungen als anders und nicht-zugeh\u00f6rig konfrontiert. Wie der zitierte Verweis auf Hautfarbe oder Kopftuch hervorhebt, gibt es Abstufungen dessen, was als schweizerisch, bzw. nicht-schweizerisch angesehen wird. Erfahrungen mit herkunftsbezogener Ausgrenzung und Rassismus sind also je nach Kombination von Differenzmerkmalen unterschiedlich.<\/p>\n<p><strong>Realit\u00e4t anerkennen: \u201eIch bin Schweizerin und Muslimin\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Wird jemand st\u00e4ndig auf die Herkunft der Eltern oder Grosseltern und damit zusammenh\u00e4ngend auf ein spezifisches Bild von \u201eanderer Kultur\u201c reduziert, bleibt ihr oder ihm wenig Spielraum, um sich als zugeh\u00f6rig zu definieren. Nichtsdestotrotz positionieren sich die Forschungsteilnehmenden auf unterschiedliche Weise gegen\u00fcber h\u00e4ufig erlebten Zuschreibungen.<\/p>\n<p>Wie unsere Forschung zeigt, ist Geschlecht dabei mit sozio\u00f6konomischer Herkunft und Wohnort verwoben. Zum Beispiel wird jungen M\u00e4nnern aus weniger privilegierten Quartieren oft eine bestimmte Art von M\u00e4nnlichkeit zugeschrieben. Mehrere unserer Interviewteilnehmer beschrieben, wie sie als Jugendliche spielerisch mit der klischeebehafteten Rolle des \u201eMacho-Gangsters\u201c aus dem migrantischen Arbeiterquartier umgingen. Gleichzeitig erz\u00e4hlten etliche Interviewpartnerinnen, dass sie als Muslimin oft auf ihre angebliche Unterdr\u00fcckung angesprochen werden. Sie fordern, selbstverst\u00e4ndlich als Schweizerin und Muslimin anerkannt zu werden.<\/p>\n<p>Letztlich geht es sowohl unseren Forschungsteilnehmenden als auch uns als Forscherinnen darum, ein inklusiveres \u201ewir\u201c einzufordern, das die Lebensrealit\u00e4ten unserer Interviewpartner*innen anerkennt. Die Aussage eines Interviewpartners \u00fcber die \u201eSchweizer Kultur\u201c veranschaulicht dies: <em>\u201eDann habe ich gesagt \u201awas ist die Schweizer Kultur? Deine Kultur ist nicht die Schweizer Kultur, sondern auch meine Kultur in Z\u00fcrich ist eine Schweizer Kultur. Migration ist eine Schweizer Kultur\u2019. (&#8230;) Ich sage \u201aich bin Schweizer, aber nicht so wie du\u2019.\u201c<\/em> Hier kommt zum Ausdruck, wie ein vorherrschendes Verst\u00e4ndnis von Schweizer-Sein, hinterfragt, umformuliert und als neue Selbstverst\u00e4ndlichkeit eingefordert wird.<\/p>\n<p><strong>Welches Selbstbild der Schweiz?<\/strong><\/p>\n<p>Die Frage nach der \u201eeigentlichen\u201c Herkunft ist eine von vielen Formen allt\u00e4glicher Ausgrenzung. Sie verortet die Befragten als nicht zugeh\u00f6rig, obwohl sie in der Schweiz geboren und aufgewachsen und h\u00e4ufig eingeb\u00fcrgert sind. Zugleich verweist die Frage \u201eWoher kommst du?\u201c auf ein bestimmtes Selbstverst\u00e4ndnis der Schweiz als ethno-national bzw. religi\u00f6s-kulturell homogene Gesellschaft. Dazu kommt das Selbstbild als Gesellschaft, die sich an Geschlechtergleichheit orientiert, w\u00e4hrend Migrant*innen und ihre Nachkommen als geschlechterungleich portr\u00e4tiert werden. Dieses Selbstverst\u00e4ndnis entspricht nicht der Realit\u00e4t und zementiert Ungleichheiten, deren \u00dcberwindung damit verhindert wird.<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/who-is-who\/people\/?start=m&amp;p_id=5690\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Joanna Menet<\/a> ist Postdoktorandin am nccr \u2013 on the move und dem <a href=\"https:\/\/www.unine.ch\/maps-chaire\/home.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Laboratoire d\u2019\u00e9tudes des processus sociaux (MAPS)<\/a> an der Universit\u00e4t Neuch\u00e2tel. Sie arbeitet zu Mobilit\u00e4t, Transnationalisierung, Geschlecht und Ethnizit\u00e4t.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter dem hashtag #vonhier wird zurzeit in deutschsprachigen Medien teils hitzig dar\u00fcber debattiert, wie die Frage nach der Herkunft interpretiert werden soll. 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