{"id":4286,"date":"2019-06-18T09:30:12","date_gmt":"2019-06-18T07:30:12","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.nccr-onthemove.ch\/?p=4286"},"modified":"2025-03-09T21:35:21","modified_gmt":"2025-03-09T20:35:21","slug":"migration-als-gleichstellungsmotor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/migration-als-gleichstellungsmotor\/","title":{"rendered":"Migration als Gleichstellungsmotor"},"content":{"rendered":"<p><strong>Migration wird heute oft als Gefahr f\u00fcr die Gleichberechtigung der Geschlechter gesehen. Ein Blick in die Schweizer Geschichte zeigt allerdings, dass Migration im Gegenteil viel dazu beigetragen hat, die Verh\u00e4ltnisse in Arbeitswelt, Bildung und Politik zugunsten von Frauen zu ver\u00e4ndern.<\/strong><\/p>\n<p>Die Sichtweise, dass Migration sich nachteilig auf die Geschlechterverh\u00e4ltnisse auswirke, ist nicht nur auf die heutige Zeit beschr\u00e4nkt. Sie pr\u00e4gte die \u00f6ffentlichen Debatten seit den 1960er-Jahrena als Italiener*innen \u00e4hnlich wahrgenommen wurden wie die muslimische Bev\u00f6lkerung heute. Mit Unbehagen blickte man damals auf die vergleichsweise h\u00f6here Kinderzahl italienischer Familien und sprach von der drohenden \u201eItalianisierung\u201c der Schweizer Bev\u00f6lkerung. Auch erregte es Unmut, dass viele Italiener Bahnh\u00f6fe als Treffpunkte nutzten \u2013 denn sie standen im Ruf, Schweizerinnen zu bel\u00e4stigen. 1983 weigerte sich eine Imbissstube in der Stadt Wil, italienische G\u00e4ste im vorderen Teil der R\u00e4umlichkeiten zu bedienen \u2013 mit der Begr\u00fcndung, dass unbegleitete Frauen es sonst nicht wagen w\u00fcrden, einzutreten.<\/p>\n<p>Es ist daher wenig erstaunlich, dass die Nachkriegsmigration in der wissenschaftlichen Literatur lange als \u201eeinseitige Emanzipationsgeschichte\u201c erz\u00e4hlt wurde: Italienische Frauen h\u00e4tten demnach erst in der \u201emoderneren\u201c Schweiz ihre Freiheit entdeckt. Dabei waren Frauen in Italien in vielen Bereichen bessergestellt als in der Schweiz. Das Frauenstimmrecht galt dort seit Ende des Zweiten Weltkriegs und auch die Geschlechtergleichheit wurde viel fr\u00fcher in der Verfassung verankert. Die Italienerinnen trafen also in der Schweiz in vielerlei Hinsichten auf eine r\u00fcckst\u00e4ndige Situation.<\/p>\n<p><strong>Ausbau der Kinderkrippen-Infrastruktur<\/strong><\/p>\n<p>In Sachen Gleichstellung war und ist die Schweiz eine Nachz\u00fcglerin, wobei in der wissenschaftlichen Literatur allgemein angenommen wird, dass die \u201eGastarbeit\u201c die traditionellen Geschlechterrollen und ein b\u00fcrgerliches Familienmodell noch verst\u00e4rkt habe. Doch auch diese Geschichte l\u00e4sst sich anders erz\u00e4hlen, denn der Anteil der Ausl\u00e4nderinnen an der weiblichen Erwerbsarbeit belief sich zwischen 1950 und 1960 auf drei Viertel. In den so genannten \u201eBoom-Jahren\u201c stellte sich die Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie also gerade in migrantischen Familien.<\/p>\n<p>Eine direkte Folge dieses Vereinbarkeitsproblems war, dass ausserh\u00e4usliche Betreuungsstrukturen f\u00fcr Kinder ausgebaut wurden. Zwar \u00f6ffneten bereits im 19. Jahrhundert Krippen f\u00fcr Arbeiterkinder, doch mit den \u201eAusl\u00e4nderkindern\u201c wuchs der Bedarf signifikant. Noch bevor sich die gesellschaftlichen Werte wandelten \u2013 die Fremdbetreuung von Kindern war damals in der Schweiz stark stigmatisiert \u2013, bestand also ein praktischer Zwang f\u00fcr den Ausbau von Krippen, weil die \u201aausl\u00e4ndischen\u2018 Arbeiterfrauen in der Wirtschaft gebraucht wurden.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Rezessionsjahren in den 1970er Jahren mussten zahlreiche Migrant*innen in ihre Heimatl\u00e4nder zur\u00fcckkehren. Die im Zuge der Nachkriegsmigration etablierte Betreuungsstruktur wurde nun vermehrt von der Schweizer Mittelschicht genutzt und im Laufe der 1980er-Jahre langsam breiter akzeptiert. Die Existenz von Kinderkrippen f\u00fchrte also, zusammen mit anderen Einfl\u00fcssen wie etwa der neuen Frauenbewegung, dazu, dass es im Laufe der Zeit zu einer Normalisierung ausserh\u00e4uslicher Kinderbetreuung kam. Ver\u00e4nderte Lebensstile, auch unfreiwillig praktizierte, k\u00f6nnen also zum Ausbau von Infrastrukturen beitragen langfristig eine Ver\u00e4nderung der gesamtgesellschaftlichen Situation bewirken.<\/p>\n<p><strong>Zugang zur Hochschulbildung und politische Partizipation<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-4293\" src=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Suslowa_blog_small.jpg\" alt=\"\" width=\"638\" height=\"719\" srcset=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Suslowa_blog_small.jpg 638w, https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Suslowa_blog_small-266x300.jpg 266w\" sizes=\"auto, (max-width: 638px) 100vw, 638px\" \/><\/p>\n<p><em>Nadeschda Suslowa, die erste Doktorin der Universit\u00e4t Z\u00fcrich<br \/>\nQuelle: tagesanzeiger.ch<\/em><\/p>\n<p>Die Schweiz hat bekanntlich als eines der ersten L\u00e4nder Europas Frauen den Zugang zu Universit\u00e4ten gew\u00e4hrt. Es waren allerdings Studentinnen aus Russland, die sich in der Schweiz den Zugang zur h\u00f6heren Bildung erk\u00e4mpften. An der Universit\u00e4t Z\u00fcrich waren es zudem vor allem gefl\u00fcchtete deutsche Professoren, die sich f\u00fcr das Frauenstudium stark machten. Auch wenn dazu inzwischen exzellente Studien gibt, ist dieses Wissen nur partiell in die deutungsm\u00e4chtigen \u00dcberblickswerke eingeflossen.<\/p>\n<p>Die fr\u00fchen Akademikerinnen standen oft an der Spitze des feministischen Denkens, einige der ersten Studentinnen wurden sp\u00e4ter Schl\u00fcsselfiguren im Kampf um politische Partizipation. Dass viele Frauenstimmrechtspionierinnen Migrationserfahrung aufweisen, wurde ist nicht Teil unseres Geschichtsbildes geworden und soll hier anhand mehrerer Ikonen der Schweizer Frauenstimmrechtsbewegung aufgezeigt werden.<\/p>\n<p>Ottilia Paky-Sutter beispielsweise lebte im Appenzell Innerrhoden, in jenem Kanton also, der als letzter im Jahr 1990 und erst auf Druck des Bundesgerichts das Frauenstimmrecht einf\u00fchrte. 1978 gr\u00fcndete sie eine Frauengruppe mit dem Ziel, das Frauenstimmrecht in Appenzell Innerrhoden einzuf\u00fchren. Paky-Sutter geh\u00f6rte zu einer der bekanntesten Familien in Appenzell, denn sie besass ein Gasthaus, in dem sich die lokale Intelligenzija traf. An der Landesausstellung 1939 in Z\u00fcrich traten die noch unverheiratete Ottilia Sutter und ihre Schwester mit dem Festspiel \u201eMe s\u00f6nd halt Appez\u00f6ller\u201c auf. Als auch noch ein Heimatfilm (\u201eI han en Schatz gha\u201c, 1941) folgte, verk\u00f6rperten die jodelnden Schwestern f\u00fcr ein breites Publikum \u201elokale Traditionen\u201c. Nur wenige Jahre sp\u00e4ter \u00e4nderte sich ihre Situation allerdings drastisch, denn sie verlor nach ihrer Heirat mit einem \u00d6sterreicher 1947 ihre Schweizer Staatsb\u00fcrgerschaft. Laut Aussagen ihrer Tochter war dies der entscheidende Faktor f\u00fcr das politische Engagement der Mutter \u2013 zumal f\u00fcr Ottilia Paky-Sutter diese Ver\u00e4nderung auch einen sozialen Abstieg nach sich zog. Ihre ganze Familie musste wiedereingeb\u00fcrgert werden, eine sowohl erniedrigende als auch kostspielige Prozedur. Es war mit anderen Worten diese \u201eindirekte\u201c Migrationserfahrung, die ihr politisches Engagement entfachte.<\/p>\n<p>Das Beispiel Ottilia Paky-Sutter zeigt, dass es produktiv sein kann, auch solche indirekten Migrationserfahrungen und ihre Auswirkungen in die historische Analyse einzubeziehen. Heute werden in der Schweiz weniger als die H\u00e4lfte der Ehen zwischen Schweizer B\u00fcrger*innen geschlossen. Migrationspolitik betrifft weit mehr Menschen als diejenigen, die gemeinhin als \u201eMigrierte\u201c gelten.<\/p>\n<p><strong>Wie die Vergangenheit erz\u00e4hlt und die Zukunft vorgestellt wird<\/strong><\/p>\n<p>Geschichte, die aus der Migrationsperspektive erz\u00e4hlt wird, kann das Selbstverst\u00e4ndnis eines Landes wie der Schweiz ver\u00e4ndern. Dabei geht es nicht einfach um das Hinzuf\u00fcgen einer Migrationsgeschichte zur so genannten \u201eallgemeinen Geschichte\u201c. Migration ist nicht nur in den Blick zu r\u00fccken, wenn explizit \u201eMigration\u201c darauf steht, vielmehr brauchen wir eine <em>Migrantisierung <\/em>der gesamten Geschichtsschreibung.<\/p>\n<p>Den Zusammenhang zwischen Migration und der Geschichte der Gleichberechtigung in der Schweiz zu untersuchen, heisst nicht, Migration zu glorifizieren oder behaupten zu wollen, dass Migration nie ein Hindernis f\u00fcr \u201aEmanzipation\u2018 sein kann. Migration per se ist weder gut noch schlecht. Aber die Bedingungen, unter denen sie stattfindet, k\u00f6nnen eher gut oder eher schlecht sein. Diese Bedingungen sind nicht einfach gegeben, sondern sie werden gestaltet. Die Art der Gestaltung wiederum h\u00e4ngt auch davon ab, wie wir die vergangene und die gegenw\u00e4rtige Migration wahrnehmen, ob wir zum Beispiel auch sehen, welchen Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung sie leistete und leistet. Gerade deshalb ist es wichtig, diesen oft vergessenen Zusammenhang von Migration und Emanzipation zu beleuchten.<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/geschichtedergegenwart.ch\/autorin\/falkfranceska\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Francesca Falk<\/a> ist seit 2013 Oberassistentin an der Universit\u00e4t Fribourg im Departement Zeitgeschichte und Mitglied im Steering Committee des Doktoratsprogramms \u201eMigration and Postcoloniality meet Switzerland\u201c von swissuniversities. Sie ist zudem Mitverfasserin des <a href=\"http:\/\/www.feminist-academic-manifesto.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">nationalen Hochschul-Manifests zum Frauen*streik<\/a>.<\/em><\/p>\n<p><em>Dies ist der leicht editierte Re-Post eines Artikels, der am 4.\u00a0November 2018 in <a href=\"https:\/\/geschichtedergegenwart.ch\/rubrik\/geschichten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Geschichte der Gegenwart<\/a> und in einer ausf\u00fchrlicheren Version in der Zeitschrift <a href=\"http:\/\/www.terra-cognita.ch\/de\/ausgaben\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">terra cognita 33\/2018<\/a> publiziert wurde. Die wissenschaftliche Studie der Autorin erschien als open acces-Publikation Anfang 2019 bei <a href=\"https:\/\/www.palgrave.com\/gb\/book\/9783030016258\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Palgrave<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Migration wird heute oft als Gefahr f\u00fcr die Gleichberechtigung der Geschlechter gesehen. 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