{"id":4843,"date":"2019-10-22T09:30:04","date_gmt":"2019-10-22T07:30:04","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.nccr-onthemove.ch\/?p=4843"},"modified":"2019-10-21T13:27:32","modified_gmt":"2019-10-21T11:27:32","slug":"rassismuserfahrungen-dunkelhautiger-pflegefachpersonen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/rassismuserfahrungen-dunkelhautiger-pflegefachpersonen\/?lang=fr","title":{"rendered":"Rassismuserfahrungen dunkelh\u00e4utiger Pflegefachpersonen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vermutlich werden k\u00fcnftig vermehrt Pflegefachpersonen mit dunkler Hautfarbe in Schweizer Gesundheitseinrichtungen arbeiten. Ihre Hautfarbe macht diese Personen in den \u00abwhite spaces\u00bb der mehrheitlich Weissen Schweizer Gesellschaft sofort und unvermeidlich sichtbar, trotzdem gibt es bisher nur wenig Daten \u00fcber Anti-Schwarzen-Rassismus in Gesundheitseinrichtungen. Die im folgenden Beitrag vorgestellten Studienergebnisse liefern erste Erkenntnisse und Empfehlungen.<\/strong><\/p>\n<p>Welche Erfahrungen machen dunkelh\u00e4utige Pflegefachpersonen in Schweizer Gesundheitseinrichtungen mit rassistischer Diskriminierung? Im Rahmen einer Masterarbeit (2019) in Interkultureller Kommunikation (Universit\u00e4t Lugano) wurden zehn Einzelinterviews mit dunkelh\u00e4utigen diplomierten Pflegefachfrauen, bzw. Fachangestellten Gesundheit (FaGe) zu dieser Frage durchgef\u00fchrt. Die Teilnehmerinnen arbeiten in Gesundheitseinrichtungen der deutschen respektive der franz\u00f6sischen Schweiz, sprechen fliessend eine der Landessprachen (Schweizerdeutsch\/Hochdeutsch oder Franz\u00f6sisch) und kamen in jungen Jahren in die Schweiz, wurden in der Schweiz geboren oder von einer Schweizer Familie adoptiert.<\/p>\n<p><strong>Rassistische Diskriminierung \u00fcberwiegend seitens der Patient*innen<\/strong><\/p>\n<p>Vorf\u00e4lle von offenem Rassismus kamen weitaus h\u00e4ufiger in Alters- und Pflegeheimen vor als in Akut-Spit\u00e4lern und gingen vor allem von \u00e4lteren Patient*innen aus. Dazu geh\u00f6ren Aussagen wie <em>\u00abDie Negerin muss dann morgen nicht wieder kommen!\u00bb <\/em>oder <em>\u00abWaren Sie lange in der Sonne?\u00bb<\/em>. Allerdings waren sich diese (wir sprechen nicht von dementen Patient*innen) der rassistischen Konnotation ihrer Sprache nicht immer bewusst.<\/p>\n<p>Die meisten rassistischen Diskriminierungen von Seiten der Patient*innen \u00e4usserten sich allerdings in subtilen Bemerkungen, welche jedoch eine deutliche Botschaft beinhalteten: <em>\u00abWoher kommen Sie denn urspr\u00fcnglich?\u00bb<\/em> oder <em>\u00abWarum sprechen Sie denn so gut Schweizerdeutsch?\u00bb<\/em> Diese Formen von Alltags-Rassismus wurden nicht unbedingt als beleidigend interpretiert, hinterliessen jedoch das Gef\u00fchl, sich st\u00e4ndig verteidigen zu m\u00fcssen oder konstant an die Nichtzugeh\u00f6rigkeit erinnert zu werden. Folgendes Zitat zeigt derartige indirekte Formen von Ablehnung:<\/p>\n<p><em>\u00abMan sp\u00fcrt einfach, ob Jemand einen akzeptiert oder ob es Spannungen gibt. Man erkennt es auch am Gesichtsausdruck oder daran, dass der\/die Patient*in nur knappe Antworten gibt oder einfach ganz still ist.\u00bb<\/em><\/p>\n<p>Die Teilnehmerinnen wurden oft mit der Frage konfrontiert: <em>\u00abKann ich bitte mit der Krankenschwester sprechen?\u00bb<\/em>, da Patient*innen oder Angeh\u00f6rige oft (unbewusst) davon ausgingen, dass sie Reinigungsfachkr\u00e4fte oder Pflegehelferinnen sind.<\/p>\n<p><strong>Degradierung durch andere Mitarbeiter*innen oder Vorgesetzte<\/strong><\/p>\n<p>Im eigenen Team trat Rassismus sehr wenig oder gar nicht auf. Im weiteren Arbeitsumfeld, sowie durch andere medizinische Fachkr\u00e4fte wurden jedoch Formen von Degradierung, Abwertung oder Untersch\u00e4tzung erfahren, z.B. dass Weisse Pflegefachpersonen \u00f6fters angesprochen wurden als dunkelh\u00e4utige. Das aus dieser Abwertung resultierende Gef\u00fchl, keine Fehler machen zu d\u00fcrfen, st\u00e4ndig mehr leisten zu m\u00fcssen als die Anderen, um die gleiche Anerkennung oder die gleiche Wirkung zu erzielen, kannten fast alle Interviewten.<\/p>\n<p><strong>Ein Bewusstsein und L\u00f6sungsans\u00e4tze f\u00fcr den Umgang mit Rassismus fehlen<\/strong><\/p>\n<p>Die am h\u00e4ufigsten praktizierte Strategie im Umgang mit erlebtem Rassismus war das Abtauschen von Patient*innen. Diese Massnahme wurde jedoch kritisch hinterfragt und die direkte Konfrontation mit den Patient*innen als w\u00fcnschenswert erachtet. Dies, um den Patient*innen nicht die Wahl der betreuenden Person basierend auf der Hautfarbe zu \u00fcberlassen und damit der Reproduzierung von rassistischen Verhaltensweisen Vorschub zu leisten.<\/p>\n<p>Weder w\u00e4hrend der Ausbildung noch in internen Fortbildungen wurde Anti-Schwarzen-Rassismus spezifisch thematisiert. Die Teilnehmerinnen bezeugten, dass die Mehrheit der Arbeitskolleg*innen sowie der Vorgesetzten davon ausgehen, dass es heutzutage keinen derartigen Rassismus mehr gibt. Folgendes Zitat spiegelt typische Reaktionen:<\/p>\n<p><em>\u00abDas darfst Du nicht pers\u00f6nlich nehmen. Der\/Die Patient*in ist hospitalisiert und wahrscheinlich mit der ganzen Situation einfach \u00fcberfordert. Du darfst nicht rassistisch denken.\u00bb Darauf antwortete die Interviewpartnerin: \u00abWarst du jemals dunkelh\u00e4utig, da du immer so genau weisst, wie sich dies anf\u00fchlt?\u00bb<\/em><\/p>\n<p>Es scheint kein Bewusstsein daf\u00fcr vorhanden zu sein, dass Anti-Schwarzen-Rassismus im Gesundheitsbereich existiert. Entsprechend gross ist der Handlungsbedarf, die Problematik sowohl in der Ausbildung als auch institutionell anzugehen. Die Teilnehmerinnen w\u00fcnschten deshalb ausdr\u00fccklich einen offenen Diskurs \u00fcber Anti-Schwarzen-Rassismus und zwar in der Ausbildung als auch im Team.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr Aufkl\u00e4rung und einen konstruktiven Dialog<\/strong><\/p>\n<p>Die t\u00e4glichen Erfahrungen der interviewten Pflegefachfrauen, bzw. FaGes am Arbeitsplatz zeigen, dass sie von unbekannten Personen zuerst als Schwarze oder dunkelh\u00e4utige Person wahrgenommen werden und somit als Jemand, der nicht aus der Schweiz kommt. Trotzdem fehlt sowohl der Mehrheitsgesellschaft als auch im Bereich des Gesundheitswesens das Bewusstsein daf\u00fcr, dass solche Formen des Rassismus existieren. Der erste Schritt muss deshalb darin bestehen, die verschiedenen Formen von Rassismus gegen\u00fcber Schwarzen oder dunkelh\u00e4utigen Personen in der Schweiz nicht weiter zu leugnen oder zu verharmlosen, sondern das Bewusstsein f\u00fcr deren Existenz zu f\u00f6rdern. Da die Mehrheitsbev\u00f6lkerung Rassismus oft mit dem von ihr abgelehnten ideologisch motiviertem und absichtlichem Rassismus gleichsetzt, ist ein konstruktiver Dialog \u00fcber die verschiedenen Auffassungen und Erscheinungsformen von Rassismus notwendig, um die (Weisse) Bev\u00f6lkerung f\u00fcr den oft unerkannten strukturellen und allt\u00e4glichen Rassismus zu sensibilisieren. Dar\u00fcber hinaus ist eine st\u00e4ndige Selbstreflexion erforderlich, um die eigene (unbewusste) Reproduktion rassistischer Verhaltensmuster zu erkennen und zu vermeiden. Als Weisse Person sollte man sich bewusst sein, dass man in einer privilegierten Situation ist. Dieses \u2018white privilege\u2019 zu thematisieren, ist immer noch weitgehend tabu. Wie die vorliegenden Forschungsresultate zeigen, sollte jedoch vermehrt untersucht werden, warum und wie es sich reproduziert.<\/p>\n<p><em>Zuleika Valeria Schwarz ist dipl. Physiotherapeutin und Absolventin des MAS in \u00abIntercultural Communication\u00bb (Universit\u00e4t Lugano). Nebst ihrer Arbeit als dipl. Physiotherapeutin in \u00f6ffentlichen und privaten Institutionen der Deutsch- sowie der Franz\u00f6sischen Schweiz, war sie auch f\u00fcr NGOs in der Akut-Versorgung f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge ausserhalb der Schweiz t\u00e4tig. Sie ist Autorin der Masterarbeit \u201cHave you ever been black since you always know how it feels? Perceived racist discrimination of nurses of colour in Swiss health care institutions.\u201d (2019).\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vermutlich werden k\u00fcnftig vermehrt Pflegefachpersonen mit dunkler Hautfarbe in Schweizer Gesundheitseinrichtungen arbeiten. 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