{"id":4856,"date":"2019-10-24T09:20:45","date_gmt":"2019-10-24T07:20:45","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.nccr-onthemove.ch\/?p=4856"},"modified":"2019-10-23T17:18:17","modified_gmt":"2019-10-23T15:18:17","slug":"kontrastierende-auffassungen-von-rassismus-verunmoeglichen-einen-dialog","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/kontrastierende-auffassungen-von-rassismus-verunmoeglichen-einen-dialog\/?lang=de","title":{"rendered":"Kontrastierende Auffassungen von Rassismus verunm\u00f6glichen einen Dialog"},"content":{"rendered":"<p><strong>Solange die Rassismusfrage von einem moralisierenden Definitionsstreit \u00fcberlagert wird, d\u00fcrfte es schwierig bleiben, eine konstruktive Debatte zu lancieren. Um verschiedene Perspektiven zu verbinden, w\u00e4ren die zugrundeliegenden Denk- und Verhaltensmustern aufzudecken, zu reflektieren und abzulegen oder umzudeuten. W\u00e4hrend eine Auseinandersetzung mit dem Ph\u00e4nomen f\u00fcr Betroffene, beispielsweise Schwarze, praktisch unumg\u00e4nglich ist, l\u00e4sst sich aber eine solche von der Weissen Bev\u00f6lkerung kaum erzwingen. <\/strong><\/p>\n<p>\u2018Letztlich sind wir alle rassistisch.\u2019 Wenn ich diese Aussage fr\u00fcher h\u00f6rte, str\u00e4ubten sich mir jeweils gleich die Haare. Diese Reaktion d\u00fcrfte, wie ich in diesem Beitrag darlege, f\u00fcr breite Kreise der (Weissen) Mehrheitsgesellschaft bezeichnend sein. Im R\u00fcckblick erkl\u00e4re ich sie mir folgerndermassen: Erstens, weil dieses Pauschalurteil auf mich nat\u00fcrlich nicht zutraf bzw. zutreffen durfte. Wenn ich etwa im Freundeskreis einen Rassismusvorwurf wegen einem Hinweis auf afrikanische Unp\u00fcnktlichkeit einstecken musste, wies ich den kurzerhand als Missverst\u00e4ndnis von mir. Zweitens, weil ich aus der Aussage un\u00fcberlegterweise schloss, dass Rassismus somit quasi unvermeidlich gegeben und seine Bek\u00e4mpfung daher vergeblich w\u00e4re. Nachdem ich mich seit einigen Jahren vertiefter mit Anti-Schwarzen Rassismus auseinandergesetzt habe, m\u00f6chte ich im Folgenden erl\u00e4utern, weshalb ich dies mittlerweile anders sehe. Etwas weniger pointiert als im Eingangszitat k\u00f6nnte man sagen: Alle Weissen neigen zu rassistischen Reflexen im Alltag und beg\u00fcnstigen dadurch Rassendiskriminierung.<\/p>\n<p><strong>Sofortige Abwehr anstatt Zuh\u00f6ren<\/strong><\/p>\n<p>Wenn es um Rassismus als Alltagsph\u00e4nomen geht, f\u00fchrt der Versuch einer Begriffsbestimmung nicht selten zu einem aufgeregten Stellvertreterstreit \u00fcber m\u00f6gliche Ursachen, z.B. dass es schlicht gute und b\u00f6se Menschen g\u00e4be (und nur letztere rassistisch sind) oder dass psychologische Gr\u00fcnde (Angst vor Fremden) dazu f\u00fchrten; ferner wird mit Aufkl\u00e4rung (\u2018Rassen gibt es nicht!\u2019) oder gar mit sogenanntem Anti-Weissen Rassismus gekontert. Unter solchen Umst\u00e4nden wird ein konstruktiver Austausch meist unm\u00f6glich und die Auseinandersetzung mit Rassismus unfruchtbar.<\/p>\n<p>Ein typisches, polemisches Beispiel daf\u00fcr liefert etwa ein Feuilleton-Artikel aus der NZZ (Basad 2019) mit dem Titel \u00abWie ich f\u00fcr drei Stunden zur Rassistin wurde.\u00bb Die Autorin berichtet erkl\u00e4rtermassen \u00abirritiert\u00bb \u00fcber ein Seminar zu Alltagsrassismus, in dem sich die beiden Leiterinnen \u00abanmassten\u00bb, gewisse Haltungen in fiktiven Handlungssituationen als rassistisch zu bezeichnen, was eine andere skeptische Teilnehmerin tats\u00e4chlich dazu veranlasste, \u00abdie Flucht zu ergreifen\u00bb. Die Journalistin zeigt sich emp\u00f6rt dar\u00fcber, dass \u00abRassismus keine objektive Tatsache, sondern vom Schmerz [eines Opfers] abh\u00e4ngig\u00bb sein k\u00f6nne. Aber wie sie abschliessend einr\u00e4umt, ist ihre eigene \u00abAbneigung [gegen\u00fcber diesem Verst\u00e4ndnis von Alltagsrassismus] zu gross\u00bb, um dies den Leiterinnen des Seminars gegen\u00fcber zu thematisieren. Stattdessen verfasst sie den Artikel, der die Leserschaft von der Absurdit\u00e4t des erw\u00e4hnten Rassismusvorwurfs \u00fcberzeugen soll.<\/p>\n<p><strong>Der Spiess wird umgedreht<\/strong><\/p>\n<p>Wie auch immer das erw\u00e4hnte Seminar verlief, bezeichnend an der Reaktion der Journalistin ist das wiederkehrende Muster, das durch zahlreiche Studien und Erfahrungen belegt ist: Sobald ein Hinweis auf Rassismus zur Diskussion steht, drehen die Angesprochenen den Spiess um, indem sie jeden Verdacht von sich weisen oder einer Situation eine rassistische Konnotation absprechen, da sie keine rassistische Ideologie vertreten oder erkennen (wollen). Dadurch verlagert sich die Aufmerksamkeit vom Inhalt des Vorwurfs zum Angesprochenen, der*die zum (vermeintlichen) Opfer einer falschen Beschuldigung wird und seine angeschlagene Befindlichkeit betont. Mitunter \u00fcbert\u00f6nt die Emp\u00f6rung \u00fcber den unberechtigten Rassismusvorwurf also den eigentlichen Ausl\u00f6ser, was eine konstruktive Diskussion definitiv verunm\u00f6glicht. Dieser Reflex gilt allerdings f\u00fcr bekennende Rassist*innen nicht, die gem\u00e4ss Umfragen und Erfahrungsberichten in der Schweiz eine Minderheit stellen (BFS 2019). Aber: So verwerflich ihre Verunglimpfungen oder gar T\u00e4tlichkeiten sind, kommen sie eher selten vor und k\u00f6nnen allenfalls mit strafrechtlichen Mitteln geahndet werden (FRB 2019, 40ff).<\/p>\n<p>Ein Umstand von weitaus gr\u00f6sserer Tragweite ist der Alltagsrassismus, also das Auftreten und Zusammenspiel wiederholter, oft unbewusster Haltungen, Gesten oder Standpunkte, die einen strukturellen Rassismus (vgl. Efionayi-M\u00e4der, Ruedin et al. 2017, 55) widerspiegeln und gleichzeitig auf heimt\u00fcckische Weise untermauern und stetig erneuern. Letzerer ist \u2013 \u00e4hnlich wie Sexismus \u2013 in (unbewussten) Denkmustern, Vorstellungen, Bildern, institutionalisierten Abl\u00e4ufen und Machtverh\u00e4ltnissen verankert. Es ist daher kein Zufall, dass zahlreiche Schwarze mehr M\u00fche mit indirekten oder unterschwelligen Rassismusformen bekunden, die sie oft unerwartet treffen und auch von progressiven Menschen, Freunden, Kolleginnen oder Familienmitgliedern ausgehen. Aber gerade, wenn wichtige berufliche oder intime Beziehungen auf dem Spiel stehen, h\u00fcten sich die Betroffenen meist davor, diese zur Sprache zu bringen.<\/p>\n<p><strong>Institutionelle und strukturelle Rassismusauspr\u00e4gungen werden ausgeblendet<\/strong><\/p>\n<p>Eigene Nachforschungen zeigen, wie eingangs angedeutet, dass breite, weisse Bev\u00f6lkerungskreise Rassismus gemeinhin \u00abals eine gefestigte Ideologie unter Ausschluss der allt\u00e4glichen Formen oder der institutionnellen und strukturellen Dimension\u00bb verstehen (Efionayi-M\u00e4der, Ruedin et al. 2017, 60). Dieser tradierten, verbreiteten Begriffsauffassung, wie sie auch aus der internationalen Fachliteratur hervorgeht (Eddo-Lodge 2018; Olua 2018; Di Angelo 2019), m\u00f6chte ich ein sozialwissenschaftlich und rechtlich gepr\u00e4gtes Verst\u00e4ndnis gegen\u00fcber stellen, das neue Auspr\u00e4gungen und strukturell-institutionelle Formen des Rassismus sowie die Betroffenenperspektive st\u00e4rker in den Fokus r\u00fcckt: Es geht weniger um Gesinnung und Intention der T\u00e4terschaft, als um faktische Benachteiligungen respektive Privilegien und \u2013 auch unintedierte oder unreflektierte \u2013 Vorteilnahme gegen\u00fcber den Rassismusopfern. Alles Aspekte, die f\u00fcr viele Weisse blinde Flecken in rassifizierten Beziehungen darstellen. Dem diskutablen Einwand, dass Rassismus auch von Schwarzen ausgehen kann, w\u00fcrde ich entgegnen, dass analoge Reaktionen sicher bestehen, die strukturellen Privilegien der Weissen deren Rassismus jedoch eine andere Qualit\u00e4t verleihen. In Anlehnung an Olua (2019) w\u00fcrde ich folgende \u2013 wenn auch etwas vereinfachende \u2013 Definition vorschlagen: Rassismus im Sinn von rassistischer Diskriminierung bezeichnet jede Form von Benachteiligung aufgrund der \u2018Rasse\u2019, sofern sie von Machtsystemen verst\u00e4rkt wird. Dieses Begriffsverst\u00e4ndnis kommt auch der allgemein anerkannten juristischen Definition von Rassendiskriminierung (siehe unten) relativ nahe.<\/p>\n<p>\u00dcberlieferte Denkens- und Verhaltensmuster zu erkennen und auf einem Kontinuum von wenig bis stark ausgepr\u00e4gten Rassismustendenzen zu verorten, anstatt diese mit einem moralisierenden Diskurs \u00fcber gute und b\u00f6se Menschen oder andere Stellvertreterdiskussionen zu \u00fcberdecken, k\u00f6nnte dazu beitragen, die Frage weniger aufgeregt und reflektierter anzugehen. Dies setzt allerdings die Bereitschaft voraus, sich auf neue, unbequeme Perspektiven und Erkenntnisse einzulassen, den Betroffenen wirklich zuzuh\u00f6ren und auch \u00fcbergeordnete Machtverh\u00e4ltnisse kritisch zu hinterfragen.<\/p>\n<p>Anmerkungen:<\/p>\n<p><em>Ich beschr\u00e4nke mich in diesem Beitrag auf den Rassismus gegen\u00fcber Schwarzen, auch wenn sich gewisse Schlussfolgerungen vermutlich auf andere Rassismusauspr\u00e4gungen \u00fcbertragen lassen.<\/em><\/p>\n<p><em>Artikel 1 der Anti-Rassismus-Konvention ICERD definiert rassistische Diskriminierung als \u00abjede auf der Rasse, der Hautfarbe, der Abstammung, dem nationalen Ursprung oder dem Volkstum beruhende Unterscheidung, Ausschlie\u00dfung, Beschr\u00e4nkung oder Bevorzugung, die zum Ziel oder zur Folge hat, dass dadurch ein gleichberechtigtes Anerkennen, Genie\u00dfen oder Aus\u00fcben von Menschenrechten und Grundfreiheiten im politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen oder jedem sonstigen Bereich des \u00f6ffentlichen Lebens vereitelt oder beeintr\u00e4chtigt wird\u00bb.<\/em><\/p>\n<p><em>Denise Efionayi-M\u00e4der ist Soziologin und Vizedirektorin am <a href=\"\/?p=4694\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Schweizerischen Forum f\u00fcr Migrations- und Bev\u00f6lkerungsstudien SFM<\/a> der Universit\u00e4t Neuch\u00e2tel.<\/em><\/p>\n<p>Referenzen:<\/p>\n<p>&#8211; Basad, Judith (2019). <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/wie-ich-fuer-drei-stunden-zur-rassistin-wurde-ld.1474197\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wie ich f\u00fcr drei Stunden zur Rassistin wurde<\/a>. <em>Neue Z\u00fcrcher Zeitung<\/em>, 11.04.2019.<br \/>\n&#8211; BFS Bundesamt f\u00fcr Statistik (2019). <a href=\"https:\\www.bfs.admin.ch\\bfs\\de\\home\\aktuell\\neue-veroeffentlichungen.assetdetail.9586524.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Vielfalt und Sichtbarkeit<\/a>. Demos 2\/2019. Bundesamt f\u00fcr Statistik.<br \/>\n&#8211; DiAngelo, Robin (2018). <em>White fragility: Why it&#8217;s so hard for white people to talk about racism<\/em>. Beacon Press.<br \/>\n&#8211; Eddo-Lodge, Reni (2018). <em>Why I&#8217;m no longer talking to white people about race<\/em>. Bloomsbury Publishing.<br \/>\n&#8211; Efionayi-M\u00e4der, Denise, Didier Ruedin, M\u00e9lanie-Evely P\u00e9tr\u00e9mont, No\u00e9mi Michel und Rohit Jain (2017). <em>Anti-Schwarzen-Rassismus in der Schweiz. Eine Bestandsaufnahme<\/em>. Universit\u00e9 de Neuch\u00e2tel.<br \/>\n&#8211; FRB Fachstelle f\u00fcr Rassismusbek\u00e4mpfung (2019). Bericht <a href=\"https:\/\/www.edi.admin.ch\/edi\/de\/home\/fachstellen\/frb\/berichterstattung-und-monitoring\/bericht--rassistische-diskriminierung-in-der-schweiz-.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>\u00abRassistische Diskriminierung in der Schweiz\u00bb<\/em><\/a>. Letzte \u00c4nderung 21.08.2019. Eidgen\u00f6ssisches Department des Inneren.<br \/>\n&#8211; Oluo, Ijeoma (2019). <em>So you want to talk about race<\/em>. Seal Press.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Solange die Rassismusfrage von einem moralisierenden Definitionsstreit \u00fcberlagert wird, d\u00fcrfte es schwierig bleiben, eine konstruktive Debatte zu lancieren. Um verschiedene Perspektiven zu verbinden, w\u00e4ren die zugrundeliegenden Denk- und Verhaltensmustern aufzudecken, zu reflektieren und abzulegen oder umzudeuten. W\u00e4hrend eine Auseinandersetzung mit dem Ph\u00e4nomen f\u00fcr Betroffene, beispielsweise Schwarze, praktisch unumg\u00e4nglich ist, l\u00e4sst<\/p>\n","protected":false},"author":66,"featured_media":4671,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[666],"tags":[271,285,290,268],"coauthors":[383],"class_list":["post-4856","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-visible-minorities-de","tag-discriminations-de","tag-minorities-de","tag-switzerland-de","tag-civil-society-de"],"acf":[],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4856","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/66"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4856"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4856\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4857,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4856\/revisions\/4857"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4671"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4856"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4856"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4856"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=4856"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}