{"id":4875,"date":"2019-11-14T09:30:58","date_gmt":"2019-11-14T08:30:58","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.nccr-onthemove.ch\/?p=4875"},"modified":"2025-03-09T21:23:14","modified_gmt":"2025-03-09T20:23:14","slug":"im-umkampften-zurcher-wohnungsmarkt-hurden-abbauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/im-umkampften-zurcher-wohnungsmarkt-hurden-abbauen\/","title":{"rendered":"Im umk\u00e4mpften Z\u00fcrcher Wohnungsmarkt H\u00fcrden abbauen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Auf dem angespannten Z\u00fcrcher Wohnungsmarkt haben es alle schwer, eine g\u00fcnstige Wohnung zu finden, einige jedoch mehr als andere. Diskriminierung kann ein Grund von vielen f\u00fcr eine Absage sein. Weil das Angebot knapp und der Druck auf die Entscheidungstr\u00e4ger*innen hoch ist, gehen diese h\u00e4ufig den Weg des geringsten Widerstandes und w\u00e4hlen Mieter*innen, die ihnen vertraut sind. Deshalb gilt es, pragmatisch H\u00fcrden abzubauen und Vertrauen zu schaffen.<\/strong><\/p>\n<p>Lassen Sie sich auf folgendes Gedankenexperiment ein: Sie verwalten ein Mehrfamilienhaus in Z\u00fcrich f\u00fcr eine private Eigent\u00fcmerin. Die vier 3.5-Zimmer-Wohnungen sowie die grossz\u00fcgige 5-Zimmer-Wohnung im Dachgeschoss k\u00f6nnen zu einem moderaten Preis vermietet werden, weil es sich um einen soliden Altbau handelt und im Moment keine Investitionen n\u00f6tig sind. Eine Wohnung wird frei. Ihre Auftraggeberin hat Ihnen keine Vorgaben zur Auswahl der Mieterinnen und Mieter gemacht ausser der Anmerkung, dass sie \u00abins Haus passen\u00bb m\u00fcssen. Sie hat aber klar gemacht, dass sie nichts mit der Vermietung zu tun haben m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Wie gehen Sie vor? Sie wissen, in Z\u00fcrich werden Sie von einer Flut von Anfragen weggesp\u00fclt, wenn Sie die Wohnungen auf den einschl\u00e4gigen Portalen (Homegate, Comparis, etc.) ausschreiben. Trotzdem m\u00fcssen Sie inserieren: In den internen Leitlinien Ihrer Firma ist das so verankert. In einem ersten Schritt werden Sie auf Anfrage hin die Besichtigungstermine f\u00fcr frei werdende Wohnung bekanntgeben. Sie \u00fcberlegen sich, nach dem Prinzip \u00abfirst come, first serve\u00bb zu arbeiten und lediglich die ersten 20 Anfragen zu beantworten. Eine gr\u00f6ssere Zahl von Personen an der Besichtigung w\u00e4re kaum zu bew\u00e4ltigen, zumal Sie sich daf\u00fcr h\u00f6chstens zwei Stunden reservieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ist dieses Vorgehen bereits diskriminierend? Nein. Es wird keine Gruppe aufgrund bestimmter, gemeinsamer Merkmale ausgeschlossen. Zuerst melden werden sich vermutlich Menschen, die ein Such-Abo haben und entsprechend zeitnah \u00fcber das Inserat benachrichtigt werden. Das Einrichten eines Such-Abos auf einer Website erfordert allerdings eine gewisse \u00dcbersicht und die Kompetenz, sich in der digitalen Welt zu bewegen &#8211; und nat\u00fcrlich die M\u00f6glichkeit, regelm\u00e4ssig seine Mails zu checken.<\/p>\n<p>An der Besichtigung lernen Sie die Mietinteressent*innen kurz kennen. Sie vertrauen gerne auf Ihr Bauchgef\u00fchl und auf den ersten Eindruck. Nat\u00fcrlich pr\u00e4gen Sie sich die Menschen eher ein, die Ihnen besonders positiv (die freundliche junge Familie, die sich nach der Schule in der Umgebung erkundigt) oder besonders negativ (der blonde Anzugtr\u00e4ger, der ob des nicht mehr ganz neuen Backofens sichtbar die Nase r\u00fcmpft) auffallen.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag trudeln die Bewerbungen ein. Schon die zweite Mail ist von der jungen Familie. Das komplette und sorgf\u00e4ltig zusammengestellte Bewerbungsdossier mit gut leserlich ausgef\u00fclltem Anmeldeformular, einem sympathischen Bewerbungsschreiben mit Foto (das Baby ist wirklich s\u00fcss\u2026), den Betreibungsregisterausz\u00fcgen (ohne Eintr\u00e4ge) und sogar der Kopie der letzten Steuerrechnung (das Einkommen ist ausreichend) nimmt Sie vollends f\u00fcr die Familie ein. Sie sind dankbar, dass Sie sich l\u00e4stige Nachfragen f\u00fcr Unterlagen sparen k\u00f6nnen, holen noch rasch die Referenzen beim aktuellen Vermieter und den Arbeitgebenden ein und sind froh, dass die Vermietung so reibungslos geklappt hat. F\u00fcr die Durchmischung der Mieterschaft ist die Familie auch super, sind doch einige Hausbewohner*innen schon im Pensionsalter.<\/p>\n<p>Haben Sie die anderen zur Besichtigung eingeladenen Bewerber*innen diskriminiert? Jein. Jede*r hatte die Chance, einen guten Eindruck zu machen. Trotzdem ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Sie eine Schweizer Familie oder eine Familie aus unseren Nachbarl\u00e4ndern gew\u00e4hlt haben. Denn sympathisch ist uns das, was wir kennen.<\/p>\n<p><strong>Ethnische Diskriminierung im Wohnungsmarkt existiert\u2026<\/strong><\/p>\n<p>Eine im Beitrag von Daniel Auer zu dieser Serie vorgestellte aktuelle Studie des Bundesamtes f\u00fcr Wohnungswesen untersuchte die ethnische Diskriminierung auf dem Schweizer Wohnungsmarkt (Auer et al. 2019). Beobachtet wurde die Reaktion von Wohnraumanbietenden auf Anfragen f\u00fcr Besichtigungstermine. Dabei wurden die Namen der fiktiven Mietinteressent*innen so gew\u00e4hlt, dass klare R\u00fcckschl\u00fcsse auf die ethnische Herkunft m\u00f6glich sind.<\/p>\n<p>Dass Personen mit kosovarisch oder t\u00fcrkisch klingenden Namen signifikant weniger Chancen haben, zu einem Besichtigungstermin eingeladen zu werden, stimmt nachdenklich. Welche Stereotype werden da bedient? Und was sagt ein Name dar\u00fcber aus, wie jemand wohnt? Zuversichtlich stimmt hingegen, dass \u00abdie Qualit\u00e4t des Anfragetextes die Wahrscheinlichkeit einer positiven Antwort wesentlich beeinflusst: Im Vergleich zu einem Standardtext liegt die Antwortrate bei freundlicheren Anfragen etwa 5 Prozent h\u00f6her, w\u00e4hrend Anfragen mit dem minimalen Standardtext von Online-Portalen eine etwa 10 Prozent tiefere Antwortrate aufweisen\u00bb (Auer et al. 2019).<\/p>\n<p><strong>\u2026aber sie kann mit Information und Unterst\u00fctzung abgebaut werden<\/strong><\/p>\n<p>Auf den guten Ton kommt es eben auch an \u2013 und hier setzt die <a href=\"https:\/\/domicilwohnen.ch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stiftung Domicil<\/a> mit ihrer Arbeit an: In der Vermittlung und Begleitung von Mietverh\u00e4ltnissen besteht unsere Arbeit darin, H\u00fcrden abzubauen, so dass Menschen als Menschen und nicht als Schweizerinnen oder Kosovaren gesehen werden. Die oben zitierte Studie zeigt auch, dass in urbanen Regionen die Wahrscheinlichkeit tiefer ist, dass Personen mit ausl\u00e4ndischen Namen diskriminiert werden. In Z\u00fcrich jedenfalls gibt es f\u00fcr eine g\u00fcnstige Wohnung 100 Bewerbungen und damit mindestens ebenso viele gute Gr\u00fcnde, warum eine Bewerbung ber\u00fccksichtigt wird \u2013 oder eben nicht. Denn Vermieter*innen haben die Qual der Wahl und gehen daher pragmatisch den Weg des geringsten Widerstands. Dass Pragmatismus ihre Entscheidung anleitet, ist der Punkt, an dem wir ansetzen, um die Chancen f\u00fcr alle zu erh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Spielen wir das Gedankenexperiment weiter: In der Zwischenzeit wohnt die Familie seit einem Jahr in der Wohnung. Leider hat sie sich als sehr pingelig entpuppt. Der Vater will nicht akzeptieren, dass der Backofen nicht ersetzt wird und dass der K\u00fchlschrank laut summt. Vielleicht w\u00e4re es doch einfacher gewesen, die Wohnung der syrischen Familie zu vermieten, die sich mit Domicil als Solidarhafterin beworben hatte. Denn Domicil kennt ihre Wohnungssuchenden und die Herausforderungen die sich ihnen als Mieter*innen sowie den Vermietenden stellen. Von Domicil h\u00e4tte die Familie auch eine solide Einf\u00fchrung erhalten und Unterst\u00fctzung, falls das Einleben im neuen Wohnumfeld nicht auf Anhieb geklappt h\u00e4tte. W\u00e4re das nicht der Weg des noch geringeren Widerstands gewesen? Und eine noch gr\u00f6ssere Bereicherung f\u00fcr die Mieterschaft des Hauses?<\/p>\n<p><em>Nadine Felix ist Gesch\u00e4ftsleiterin der <a href=\"https:\/\/domicilwohnen.ch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stiftung Domicil<\/a> in Z\u00fcrich. Domicil vermittelt Wohnungen an Familien, Paare und Einzelpersonen in Z\u00fcrich, die ohne Unterst\u00fctzung M\u00fche haben, eine Wohnung zu finden. Domicil haftet solidarisch im Mietvertrag und begleitet die Mietverh\u00e4ltnisse sofern n\u00f6tig. <\/em><\/p>\n<p>Referenzen:<\/p>\n<p>&#8211; Auer, Daniel; Lacroix, Julie; Ruedin, Didier; Zschirnt, Eva (2019). <a href=\"https:\/\/www.bwo.admin.ch\/bwo\/de\/home\/Wohnungsmarkt\/studien-und-publikationen\/diskriminierung-auf-der-schweizer-wohnungsmarkt.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ethnische Diskriminierung auf dem Schweizer Wohnungsmarkt<\/a>. Grenchen: Bundesamt f\u00fcr Wohnungswesen BWO.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem angespannten Z\u00fcrcher Wohnungsmarkt haben es alle schwer, eine g\u00fcnstige Wohnung zu finden, einige jedoch mehr als andere. Diskriminierung kann ein Grund von vielen f\u00fcr eine Absage sein. 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