{"id":4921,"date":"2019-11-13T09:30:16","date_gmt":"2019-11-13T08:30:16","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.nccr-onthemove.ch\/?p=4921"},"modified":"2019-11-12T23:27:50","modified_gmt":"2019-11-12T22:27:50","slug":"zimmer-mit-aussicht-oder-einfach-irgendein-zimmer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/zimmer-mit-aussicht-oder-einfach-irgendein-zimmer\/?lang=fr","title":{"rendered":"Zimmer mit Aussicht &#8211; oder einfach irgendein Zimmer"},"content":{"rendered":"<p><strong>In E.M. Forsters Roman steht das &#8220;Zimmer mit Aussicht&#8221; daf\u00fcr, wie soziale Normen individuelle Freiheiten einschr\u00e4nken. Solche Normen basieren auf einem gemeinsamen Konsens. Diskriminierung verzerrt jedoch diesen (egalit\u00e4ren) Konsens und f\u00fchrt dazu, dass nicht allen die gleichen &#8220;R\u00e4ume&#8221; zug\u00e4nglich sind. Beispielsweise werden ethnische Minderheiten auf dem Schweizer Wohnungsmarkt systematisch benachteiligt \u2013 mit Folgen, die weit \u00fcber das buchst\u00e4bliche Nichtvorhandensein eines &#8220;Zimmers mit Aussicht&#8221; hinausgehen.<\/strong><\/p>\n<p>Im Jahr 2018 f\u00fchrten Forschende des nccr \u2013 on the move ein sogenanntes Korrespondenzexperiment durch, bei dem fiktive Anfragen zur Besichtigung einer Wohnung an fast 6&#8217;000 Vermieter*innen in der gesamten Schweiz versendet wurden. Die Anfragen wurden mehr oder weniger freundlich formuliert und enthielten unterschiedliche Information \u00fcber Alter und Beruf der Interessent*innen. Ausserdem wurde den fiktiven Bewerbungen ein zuf\u00e4lliger Name zugeteilt, der entweder h\u00e4ufig in der Schweiz oder einem Nachbarland vorkommt, oder aber auf eine Herkunft aus der T\u00fcrkei oder dem Kosovo hinweist. Wie h\u00e4ufig die verschiedenen Bewerber*innen zu einer Wohnungsbesichtigung eingeladen wurden, liefert uns Hinweise darauf, ob und welche Gruppen von Vermieter*innen diskriminiert werden.<\/p>\n<p><strong>Der Name entscheidet<\/strong><\/p>\n<p>Der Wettbewerb um attraktiven Wohnraum im In- und Ausland ist in der Regel hart und Vermieter*innen k\u00f6nnen entsprechend w\u00e4hlerisch sein. Andererseits stellen Wohnungsbesichtigungen nur den ersten kleinen Schritt auf dem Weg zum Mietvertrag dar und Vermieter*innen laden oft grossz\u00fcgig Interessent*innen dazu ein. Mehrere Dutzende bis Hunderte Personen an einem Besichtigungstermin sind keine Seltenheit, insbesondere in st\u00e4dtischen Gebieten. Diese Beobachtungen erwecken den Eindruck, dass praktisch jede interessierte Person die M\u00f6glichkeit erh\u00e4lt, die Wohnung zumindest zu besichtigen und dass die Auswahl der vielversprechendsten Kandidat*innen sp\u00e4ter erfolgt. Dieser Umstand wurde auch durch unser Experiment best\u00e4tigt: 75% aller Bewerber*innen erhielten eine Einladung. Aufgrund dessen w\u00fcrde man folglich auch keine allzu grossen Unterschiede in den R\u00fcckmelderaten zwischen den Gruppen erwarten.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-4638\" src=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Image_Tagesanzeiger_SchlageZH.jpg\" alt=\"\" width=\"674\" height=\"379\" srcset=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Image_Tagesanzeiger_SchlageZH.jpg 674w, https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Image_Tagesanzeiger_SchlageZH-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 674px) 100vw, 674px\" \/><br \/>\n<em>Im Juni 2019 standen f\u00fcr eine Wohnung in Z\u00fcrich mehr als 500 Leute Schlange. \u00a9 Tagesanzeiger<\/em><\/p>\n<p>Bei der Ber\u00fccksichtigung der verschiedenen Merkmale, anhand derer sich die fiktiven Bewerbungen unterschieden, stiessen wir jedoch auf einige interessante Erkenntnisse: Wesentliche Informationen zur Person, wie etwa der Beruf oder der Familienstand, schienen keine grosse Rolle zu spielen. Was die Chancen auf eine Einladung verbesserte, waren eher &#8220;weiche&#8221; Aspekte, wie etwa ein freundlicher Schreibstil mit pers\u00f6nlicher Note, aber auch, ob die*der Antragsteller*in ein &#8220;Dr.&#8221; vor den Namen setzte und damit einen subtilen Hinweis auf ihre (\u00f6konomische) Klassenzugeh\u00f6rigkeit lieferte. Das entscheidende Signal war jedoch der Name selbst. Zwar gab es keine Unterschiede in den Einladungsraten zwischen schweizerischen, deutschen, franz\u00f6sischen oder italienischen Kandidat*innen, jedoch minderte ein kosovarischer und t\u00fcrkischer Name eindeutig die Chancen auf eine Einladung. Im Schnitt wurden Kosovar*innen und T\u00fcrk*innen rund 10% weniger h\u00e4ufig eingeladen, als Schweizer*innen mit einem ansonsten gleichen Profil. Das klingt zwar nicht nach viel, bedenkt man aber, dass Vermieter*innen ohne zu z\u00f6gern 8 von 10 Bewerber*innen einladen, dann sollte diese Zahl Anlass zur Sorge geben.<\/p>\n<p><strong>Benachteiligung am Wohnungsmarkt ist nur der Anfang<\/strong><\/p>\n<p>Denn die Auswirkungen dieser systematischen Benachteiligung sind weitreichend. Abgesehen davon, dass sich Menschen, die einen t\u00fcrkisch oder kosovo-albanisch klingenden Namen tragen oder einer anderen stigmatisierten Minderheit angeh\u00f6ren, tendenziell h\u00e4ufiger mit &#8220;einem Zimmer ohne Aussicht&#8221; zufriedengeben m\u00fcssen, dr\u00e4ngt Diskriminierung die Betroffenen in schlechtere (weniger gefragte) und damit in sozial sowie wirtschaftlich weniger wohlhabende Quartiere.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-4642\" src=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Image_Telli_AR.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"427\" srcset=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Image_Telli_AR.jpg 640w, https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Image_Telli_AR-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><br \/>\n<em>Die Telli-Siedlung in Aarau, im Ranking die \u00abh\u00e4sslichsten \u00dcberbauungen der Schweiz\u00bb, 2018 \u00a9 20minuten<\/em><\/p>\n<p>Insofern hat die Benachteiligung auf dem Wohnungsmarkt mannigfaltige Auswirkungen. Ethnisch segregierte Stadtteile sind zumeist wirtschaftlich benachteiligt und weisen h\u00e4ufig eine h\u00f6here Kriminalit\u00e4tsrate auf. Besonders hart sind die Folgen f\u00fcr Kinder in \u00e4rmeren Stadteilen. Es wurde u.a. von Shaw (2004) aufgezeigt, dass das Aufwachsen in einer benachteiligten Gemeinschaft mit schlechterer Gesundheit einhergeht. Die Bildungsqualit\u00e4t, auch in \u00f6ffentlichen Schulen in solchen Stadtteilen ist ausserdem geringer (Taeuber 1979). Dies beeintr\u00e4chtigt die schulischen Leistungen der Kinder (Gingrich and Ansell 2014), was wiederum deren k\u00fcnftiges Einkommen mindert. So schreibt auch die NZZ zur Telli-Siedlung, dass \u201eaus keinem anderen Aarauer Schulhaus weniger Kinder den Sprung in die Bezirksschule oder das Gymnasium schaffen\u201c (Daum 2010). Gem\u00e4ss einer US-amerikanischen Studie (Chetty et al. 2015) verdienen Kinder von Familien, die nach dem Zufallsprinzip die M\u00f6glichkeit erhielten, von einem Quartier mit hoher Armut in einen wohlhabenderen Stadtteil zu wechseln, sp\u00e4ter 31% mehr als ihre im Quartier verbliebenen Altersgenoss*innen.<\/p>\n<p><strong>Soziale Wohnungspolitik und Anti-Diskriminierungsgesetze sind notwendig<\/strong><\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte argumentieren, dass sozialr\u00e4umliche Segregation in der Schweiz weniger ausgepr\u00e4gt ist als in den Vereinigten Staaten. Allerdings zeigen sich die im US-Kontext beschriebenen massiven Ungleichheiten auch in europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, deren Sozialsysteme mit demjenigen der Schweiz vergleichbar sind. Ausserdem; dass die Unterschiede zwischen den Quartieren in der Schweiz weniger extrem sein d\u00fcrften, bedeutet nicht, dass dieselben Mechanismen hier keine Rolle spielen. Wer w\u00fcrde behaupten, dass es keine Unterschiede in der Wohnqualit\u00e4t, der Kriminalit\u00e4tsrate, den Schulen oder Krankenh\u00e4usern zwischen einem schicken Quartier am See und einem sogenannten &#8220;Problem-Viertel&#8221; irgendwo zwischen Flughafen und Bahngleisen gibt?<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr eine Schweizer Gesellschaft, die Chancengleichheit f\u00fcr alle ihre Mitglieder <\/strong><\/p>\n<p>sicherstellen will, ergeben sich zwei logische Handlungsanweisungen aus unserer Studie:<\/p>\n<p>Erstens muss die Schweiz Diskriminierung ernst nehmen. Die Ergebnisse dieses Experiments sind nur die Spitze des Eisbergs und ein Hinweis darauf, dass die systematische Diskriminierung verschiedener sichtbarer Minderheiten tief in unserem Alltag verwurzelt ist. Diese Benachteiligung sollte ebenso systematisch bek\u00e4mpft werden, nicht zuletzt mit einer griffigen Anti-Diskriminierungsgesetzgebung.<\/p>\n<p>Zweitens ist es an der Zeit f\u00fcr eine soziale Wohnungspolitik, die diesen Namen verdient. Proaktive Eingriffe in den Markt mittels kommunalen Wohnungsbaus k\u00f6nnen Segregationen jeglicher Art eind\u00e4mmen. Ein Vorbild in dieser Hinsicht ist \u00d6sterreichs Hauptstadt Wien, in der fast 30% der Bev\u00f6lkerung in gef\u00f6rderten Wohnungen leben, w\u00e4hrend es in Z\u00fcrich 5% und in der Gesamtschweiz 4% sind (Gamperl 2015; Forster 2018). Dank des weltweit gr\u00f6\u00dften Angebots an sozialen Wohnungen \u2013 strategisch verteilt auf die gesamt Stadtfl\u00e4che &#8211; sind segregierte Stadtviertel in Wien nahezu unbekannt (Forrest 2019). Wenn Manager*innen und Sozialhilfeempf\u00e4nger*innen in derselben Nachbarschaft leben, entsteht ein allgemeines Interesse (anstatt eines selektiven) an guten Schulen, kinderfreundlichen Parks und gut ausgestatteten Krankenh\u00e4usern. Dies kommt nicht nur den \u00f6konomisch Benachteiligten zugute. Erfolgreiche Anti-Segregationsmassnahmen f\u00f6rdern auch die Interaktion zwischen Gruppen mit unterschiedlichem kulturellen, ethnischen oder sozio\u00f6konomischen Hintergrund und verhindern so alle Arten von Diskriminierung. Leider f\u00fchrt soziale Wohnungspolitik in der Schweiz nach wie vor ein Schattendasein.<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.auerdaniel.eu\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Daniel Auer<\/a> ist Postdoc am Wissenschaftszentrum Berlin f\u00fcr Sozialforschung (WZB). Davor war er Doktorand im Projekt &#8220;<a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/projects\/integration-through-active-labor-market-policies\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Integration through active Labor Market Policies<\/a>&#8221; des nccr \u2013 on the move.<\/em><\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag basiert auf einer Forschung, die vom Autor, <a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/who-is-who\/people\/?p_id=483\">Julie Lacroix<\/a> (Universit\u00e4t Genf), <a href=\"http:\/\/www.unine.ch\/sfm\/home\/presentation\/collaborateurs\/ruedin.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Didier Ruedin<\/a> (Universit\u00e4ten Neuch\u00e2tel &amp; Witwatersrand), <a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/who-is-who\/people\/?p_id=656\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Eva Zschirnt<\/a> (European University Institute), Claire El Attar, Olivia Gasser, Julie Mancini und Maud Rouvinez (Universit\u00e4t Neuch\u00e2tel) durchgef\u00fchrt wurde.<\/em><\/p>\n<p>Referenzen:<\/p>\n<p>&#8211; Auer, Daniel; Lacroix, Julie; Ruedin, Didier; Zschirnt, Eva (2019). <em><a href=\"https:\/\/www.bwo.admin.ch\/bwo\/de\/home\/Wohnungsmarkt\/studien-und-publikationen\/diskriminierung-auf-der-schweizer-wohnungsmarkt.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ethnische Diskriminierung auf dem Schweizer Wohnungsmarkt<\/a><\/em>. Grenchen: Bundesamt f\u00fcr Wohnungswesen BWO.<br \/>\nChetty, Raj; Hendren, Nathaniel; Katz, Lawrence (2015). The Effects of Exposure to Better Neighborhoods on Children: New Evidence from the Moving to Opportunity Experiment. <em>NBER Working Paper<\/em> No. 21156.<br \/>\n&#8211; Daum, Matthias (2010). <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/behaglichkeit_in_der_betonwand-1.8489588\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Behaglichkeit in der Betonwand<\/a>. NZZ.<br \/>\n&#8211; Forrest, Adam (2019). <a href=\"https:\/\/www.huffpost.com\/entry\/vienna-affordable-housing-paradise_n_5b4e0b12e4b0b15aba88c7b0\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Vienna\u2019s Affordable Housing Paradise<\/a>. Huffington Post.<br \/>\n&#8211; Forster, Christof (2018). <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/schweiz\/gegen-quote-fuer-sozialen-wohnungsbau-ld.1368247\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Der Bundesrate spricht sich gegen eine Quote f\u00fcr sozialen Wohnungsbau aus<\/a>. NZZ.<br \/>\n&#8211; Gamperl, Elisabeth (2015). <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/kommunaler-wohnbau-im-internationalen-vergleich-ld.1297024\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kommunaler Wohnbau im internationalen Vergleich<\/a>.<br \/>\n&#8211; Gingrich, Jane; Ansell, Ben (2014) Sorting for schools: housing, education and inequality. <em>Socio-Economic Review<\/em> 12(2): 329-351.<br \/>\n&#8211; Shaw, Mary (2004). Housing and Public Health. <em>Annual Review of Public Health<\/em> 25: 397-418.<br \/>\n&#8211; Taeuber, Karl (1979). Housing, Schools, and Incremental Segregative Effects. <em>The ANNALS of the American Academy of Political and Social Science<\/em> 441(1), 157\u2013167.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In E.M. Forsters Roman steht das &#8220;Zimmer mit Aussicht&#8221; daf\u00fcr, wie soziale Normen individuelle Freiheiten einschr\u00e4nken. Solche Normen basieren auf einem gemeinsamen Konsens. Diskriminierung verzerrt jedoch diesen (egalit\u00e4ren) Konsens und f\u00fchrt dazu, dass nicht allen die gleichen &#8220;R\u00e4ume&#8221; zug\u00e4nglich sind. 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