{"id":5832,"date":"2020-06-09T09:30:42","date_gmt":"2020-06-09T07:30:42","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.nccr-onthemove.ch\/?p=5832"},"modified":"2025-03-09T21:00:41","modified_gmt":"2025-03-09T20:00:41","slug":"arbeiten-in-der-schweiz-berufliche-integration-und-die-rolle-der-sozialen-arbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/arbeiten-in-der-schweiz-berufliche-integration-und-die-rolle-der-sozialen-arbeit\/","title":{"rendered":"Arbeiten in der Schweiz? Berufliche Integration und die Rolle der Sozialen Arbeit"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wer kennt ihn nicht, den Taxisfahrer aus dem Iran oder Nigeria, der eigentlich Geschichtsprofessor oder Ingenieur ist und nun Gesch\u00e4ftsleute und Partyg\u00e4nger*innen in den St\u00e4dten herum chauffiert. Oder die Juristin aus Aserbaidschan, die in der Schweiz als Freiwillige t\u00e4tig ist, sich selbst\u00e4ndig Fachwissen zum schweizerischen Migrationsrecht erarbeitet hat, aber keine Chance auf eine Anstellung bekommt. Und was ist mit denjenigen, die keine Hochschulbildung vorweisen k\u00f6nnen?<\/strong><\/p>\n<p>Um es gleich vorweg zu nehmen, in der Schweiz sind rund 30 Prozent ausl\u00e4ndische Arbeitnehmer*innen besch\u00e4ftigt, sei es im Niedriglohnsektor, wie dem Bau- und Gastrogewerbe oder als Hochqualifizierte, etwa im Finanz- oder IT-Sektor. Doch: <a href=\"http:\/\/www.kip-pic.ch\/de\/kip\/arbeitsmarktfaehigkeit\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">18 Prozent aller Eingewanderten mit einem Universit\u00e4tsabschluss<\/a> sind \u00fcberqualifiziert f\u00fcr ihre Arbeit, w\u00e4hrend jede*r zweite Migrant*in im Asylbereich \u00fcber ungen\u00fcgende Grundkompetenzen verf\u00fcgt.<\/p>\n<p>Kommen sie aus einem EU\/EFTA-Land oder werden sie als Hochqualifizierte angeworben, ist die Frage der Arbeitsmarktintegration f\u00fcr die offizielle Schweiz gel\u00f6st. Anders sieht es bei anerkannten Fl\u00fcchtlingen und vorl\u00e4ufig Aufgenommenen aus. Eine UNHCR-Studie (2014) weist aus, dass \u00fcber die H\u00e4lfte dieser Personengruppe \u00abkeinen Schulabschluss oder nur eine obligatorische Schulbildung absolviert hat\u00bb. Eine solche Ausgangslage erschwert die wirtschaftliche Integration. So gelingt es nur <a href=\"http:\/\/www.kip-pic.ch\/de\/kip\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">jedem dritten anerkannten Fl\u00fcchtling<\/a> eine Stelle zu finden und finanziell unabh\u00e4ngig zu werden.<\/p>\n<p>Herausforderungen der sprachlichen, sozialen und beruflichen Integration sind daher zentral im Beratungsalltag der Sozialen Arbeit mit Zugewanderten. Fundierte methodische Kenntnisse sowie eine gute Vernetzung sind Voraussetzungen daf\u00fcr, dass Sozialarbeitende ihre Klientel gezielt und erfolgreich im Integrationsprozess unterst\u00fctzen k\u00f6nnen. Sei es in einem Sozialdienst, als Integrationsbeauftragte oder als Beraterin und Coach in einem auf Integration von Zugewanderten ausgerichteten Projektes, arbeiten Sozialarbeitende mit Menschen, die vor erschwerten Bedingungen stehen, sich in den Arbeitsmarkt einzugliedern und finanziell unabh\u00e4ngig zu werden.<\/p>\n<p><strong>Fordern oder F\u00f6rdern?<\/strong><\/p>\n<p>Mit der ersten Integrationsverordnung vom 2008 wurden erstmals Ziele der Integrationspolitik festgehalten und das Integrationskonzept des F\u00f6rderns und Forderns formuliert. Dieses appelliert an die Selbstverantwortung (Fordern) und bietet Sprach- und Integrationskurse zur F\u00f6rderung der Vermittlungs- und Arbeitsf\u00e4higkeit (F\u00f6rdern) an (UNHCR 2014). Wicker (2009) pr\u00e4zisiert, dass das Konzept F\u00f6rdern und Fordern \u00abauf den Integrationswillen des Einzelnen\u00bb abst\u00fctzt, w\u00e4hrend \u00abdie Integrationsf\u00e4higkeit von Gruppen anhand ihrer Herkunftsregion prognostiziert wird\u00bb. Dies f\u00fchrt zu einer Zweiteilung in \u00abintegrationsf\u00e4hige (und -willige) EU\/EFTA-Zuwandernde und a priori schwierigerer integrierbare Drittstaatsangeh\u00f6rige, welche entsprechend mit Zuwanderungsbeschr\u00e4nkungen bzw. h\u00f6heren Anforderungen an \u00abIntegrationsleistungen\u00bb belegt werden\u00bb (Wicker 2009, zitiert in Probst et al. 2019).<\/p>\n<p>Integration wird in der Schweiz zudem als eine Verbundaufgabe von Wirtschaft, Gesellschaft und Gemeinwesen verstanden und soll grunds\u00e4tzlich \u00fcber Regelstrukturen erfolgen. Ist dies nicht m\u00f6glich, kommen die Massnahmen der spezifischen Integrationsf\u00f6rderung der kantonalen Integrationsprogramme (KIP) zum Zuge (Kurt 2019). Diese st\u00fctzen sich auf drei Pfeiler: Information und Beratung, Bildung und Arbeit, sowie Verst\u00e4ndigung und gesellschaftliche Integration. Die F\u00f6rderung der Arbeitsmarktf\u00e4higkeit folgt zwei Zielen:<\/p>\n<ul>\n<li>Rasche wirtschaftliche und soziale Unabh\u00e4ngigkeit;<\/li>\n<li>Fr\u00fche Erkennung und F\u00f6rderung von F\u00e4higkeiten und Talente, mittels Potentialabkl\u00e4rung.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Mit dem neuen Ausl\u00e4nder- und Integrationsgesetz (AIG) wurde zudem die Integrationsagenda eingef\u00fchrt und in die <a href=\"https:\/\/www.sem.admin.ch\/dam\/data\/sem\/integration\/agenda\/20181204-rs-eingabe-umsetzung-ias-d.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">KIP eingebettet<\/a>. Die Integrationsagenda sieht eine durchg\u00e4ngige Begleitung von anerkannten Fl\u00fcchtlingen und vorl\u00e4ufig Aufgenommenen vor, um sie rascher in den Arbeitsmarkt oder in eine Ausbildung zu integrieren.<\/p>\n<p><strong>Herausforderungen und Ressourcen von Betroffenen <\/strong><\/p>\n<p>Die bereits oben erw\u00e4hnte UNHCR-Studie (2014, 22) stellte fest, dass die meisten anerkannten Fl\u00fcchtlinge und Asylsuchende dankbar f\u00fcr die Aufnahme sind und sich mittelfristig eine Erwerbst\u00e4tigkeit w\u00fcnschen, die sie finanziell selbst\u00e4ndig macht. Aus der Studie geht ebenso der Wunsch der Betroffenen nach einer gesellschaftlichen Teilnahme und Teilhabe hervor.<\/p>\n<p>Fehlende Sprachkenntnisse, keine oder nicht anerkannte Ausbildungen sind Haupthindernisse auf dem Weg der arbeitsmarktlichen Integration. Oft fehlt es an Grundkompetenzen in Mathematik oder Technologie, wovon in der Schweiz rund 400&#8217;000 bis 1.5 Millionen Personen unabh\u00e4ngig vom Aufenthaltsstatus betroffen sind &#8211; insbesondere Erwachsene ohne nachobligatorische Ausbildung sowie Migrant*innen. Damit steigen f\u00fcr die Betroffenen die <a href=\"https:\/\/alice.ch\/themen\/grundkompetenzen\/bedeutung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Risiken von Armut, Gesundheitsproblemen und Arbeitslosigkeit<\/a>.<\/p>\n<p>Trotz erschwerten Bedingungen f\u00fcr den Einstieg in eine Erwerbst\u00e4tigkeit, verf\u00fcgen auch Zugewanderte mit tiefem Bildungsniveau oder nicht angerkannten Abschl\u00fcssen \u00fcber wichtige Ressourcen. Vorausgesetzt, dass keine psychischen Beeintr\u00e4chtigungen vorliegen, konnten sie sich im Verlaufe ihres Lebens und\/oder durch die Migration eine beachtliche Resilienz und Ausdauer aufbauen. Die Auseinandersetzung mit dem Heimatland und dem Aufnahmeland, die Anforderungen, die an sie gestellt werden durch den Migrationsprozess kann auch die transkulturelle Kompetenz st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Hier wird die Soziale Arbeit in die Pflicht genommen. Eine Potenzialabkl\u00e4rung von Sprachstand oder Ausbildungsabschl\u00fcssen reicht nicht. Es gilt, genau hinzuschauen und die weniger sichtbaren Ressourcen zu aktivieren. Methoden der ganzheitlichen F\u00f6rderung, die zur Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung und zur St\u00e4rkung der sozialen Integration beitragen k\u00f6nnen, m\u00fcssen eingesetzt werden.<\/p>\n<p><strong>Und der taxifahrende Ingenieur?<\/strong><\/p>\n<p>Und wie kommen jetzt die freiwillig t\u00e4tige Juristin und der taxifahrende Ingenieur zu einer Stelle im gelernten Bereich? Den Weg der Diplomanerkennung haben viele bereits hinter sich. Nicht immer erfolgreich. Oft wird ein zus\u00e4tzliches Studium an einer Schweizer Hochschule n\u00f6tig oder eine neue Ausbildung mit eidgen\u00f6ssisch anerkanntem Diplom. Dies verlangt ein erhebliches Anpassungsverm\u00f6gen und einen grossen Arbeitseinsatz, ohne jede Garantie, dass ein Einstieg gelingt. Gelingt damit jedoch der Einstieg in die Arbeitswelt, k\u00f6nnen sie ihr Potenzial einsetzen und weiter entfalten.<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.hevs.ch\/de\/afe-institute\/institut-soziale-arbeit\/collaborateurs\/dozent-in-fh\/duff-5051\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Daniela Duff<\/a> ist Dozentin an der Hochschule f\u00fcr Soziale Arbeit, Hes-So Valais\/Wallis in Siders und unterrichtet unter anderem zu Migration und Menschenrechten. <\/em><\/p>\n<p>Referenzen:<\/p>\n<p>\u2013 Kurt Stefanie (2019). <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.5771\/0034-1312-2019-2-109\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Der Zugang zu Bildung f\u00fcr gefl\u00fcchtete Personen in der Schweiz<\/a>, <em>RdJB Zeitschrift f\u00fcr Schule, Berufsbildung und Jugenderziehung<\/em>, Heft 2, 220.<br \/>\n\u2013 Probst, Johanna, D\u2019Amato, Gianni, Dunning, Samantha, Efionayi-M\u00e4der, Denise, Fehlmann, Jo\u00eblle, Perret, Andreas, Ruedin, Didier und Sille, Irina (2019). <i><a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/wp_live14\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/201910_SFM73_Kantonale-Spielr\u00e4ume-im-Wandel_i-web_final.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kantonale Spielr\u00e4ume im Wandel. Migrationspolitik in der Schweiz<\/a><\/i>, SFM Studie #73, Neuch\u00e2tel.<br \/>\n\u2013 UNHCR (2014). <a href=\"https:\/\/docplayer.org\/13333939-Arbeitsmarktintegration-die-sicht-der-fluechtlinge-und-vorlaeufig-aufgenommenen-in-der-schweiz.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Arbeitsmarktintegration. Die Sicht der Fl\u00fcchtlinge und vorl\u00e4ufig Aufgenommenen in der Schweiz<\/a>, Studie, Genf.<br \/>\n\u2013 Wicker, Hans-Rudolf (2009). Die neue schweizerische Integrationspolitik, in: Pi\u00f1eiro, Esteban, Isabelle, Bopp und Georg Kreis (Hrsg.), <a href=\"https:\/\/www.seismoverlag.ch\/fr\/daten\/fordern-und-fordern-im-fokus\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>F\u00f6rdern und Fordern im Fokus. Leerstellen des schweizerischen Integrationsdiskurses<\/em><\/a>. Z\u00fcrich: Seismo, 23-46.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer kennt ihn nicht, den Taxisfahrer aus dem Iran oder Nigeria, der eigentlich Geschichtsprofessor oder Ingenieur ist und nun Gesch\u00e4ftsleute und Partyg\u00e4nger*innen in den St\u00e4dten herum chauffiert. 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