{"id":5834,"date":"2020-06-04T09:30:10","date_gmt":"2020-06-04T07:30:10","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.nccr-onthemove.ch\/?p=5834"},"modified":"2025-03-09T21:01:12","modified_gmt":"2025-03-09T20:01:12","slug":"ein-pladoyer-fur-differenzsensible-multikulturelle-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/ein-pladoyer-fur-differenzsensible-multikulturelle-politik\/","title":{"rendered":"Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr differenzsensible multikulturelle Politik"},"content":{"rendered":"<p><strong>Staatliche multikulturelle Politik bedeutet, der Vielfalt in der Bev\u00f6lkerung in gesellschaftlichen, institutionellen und rechtlichen Kontexten Rechnung zu tragen. Das Beispiel von Mauritius er\u00f6ffnet die M\u00f6glichkeit, eine differenzsensible Politik weiter zu denken und auf den spezifischen Auftrag der Sozialen Arbeit hinzuweisen.<\/strong><\/p>\n<p>Alle staatlichen Gesellschaften sind im Grunde multikulturelle Konstruktionen, ebenso ist ihre Politik in bestimmter Weise multikulturell, auch wenn multikulturell ausschliesslich f\u00fcr nationale, sprachliche, religi\u00f6se und ethnische Zugeh\u00f6rigkeiten st\u00fcnde. Jedes politische Projekt besteht zudem aus vielen einzelnen Schritten, die nie ganz pr\u00e4zise aufeinander abgestimmt sind. Solche politischen Prozesse sind pluralistisch, weil die Interessen der sie gestaltenden Gruppen und Personen divergieren und weil sie auf verschiedenen Ebenen und in unterschiedlichen Bereichen einer staatlichen Gesellschaft stattfinden.<\/p>\n<p><strong>Multikulturelle Politik<\/strong><\/p>\n<p>Politik ist also das Ergebnis von Verhandlungen zwischen Gruppen und Personen mit verschiedenartigen Interessen, unterschiedlichem gesellschaftlichen, wirtschaftlichem und politischem Gewicht, sowie mit variierenden sozialen, geschlechtstypischen, milieuspezifischen, religi\u00f6sen, kulturellen, ethnischen oder nationalen Zugeh\u00f6rigkeiten. Ihre spezifische Positionierung bestimmt, inwiefern Akteur*innen Zugang zu politischen Prozessen erhalten und daran teilhaben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Multikulturelle Politik gestaltet Aspekte des Zusammenlebens von Individuen mit unterschiedlichen Zugeh\u00f6rigkeiten zu gesellschaftlichen Gruppen und zum Staat. Die Formulierung und Umsetzung einer multikulturellen Politik bedeutet dann, dass sich Personen mit unterschiedlichen ideologischen Positionen miteinander in einem Spannungsfeld resultatorientiert auseinandersetzen.<\/p>\n<p><strong>Das Beispiel Mauritius<\/strong><\/p>\n<p>Die interessenorientierte Ethnizit\u00e4t und die global ausgerichtete \u00d6konomie in Mauritius m\u00fcssen vor dem historischen Hintergrund der von kolonialen Machtverh\u00e4ltnissen und Zwangsmigration gepr\u00e4gten Besiedlung der Inseln im indischen Ozean verstanden werden. Mauritius ist daher sowohl durch die europ\u00e4ische Aufkl\u00e4rung und Industrialisierung gepr\u00e4gt als auch durch Sklaverei und Vertragsarbeit.<\/p>\n<p>Darauf gr\u00fcndet die heutige Konstellation, die ich als den postkolonialen konzeptuellen Raum des mauritischen Multikulturalismus bezeichnet habe (Waldis 2019). Einerseits beinhaltet dieser Raum die Ideologie einer indo-mauritischen Diaspora-Ethnizit\u00e4t, andererseits die Vorstellung der kreolischen Nation.<\/p>\n<p>Die indo-mauritische Diaspora-Ethnizit\u00e4t ist eine postkoloniale, multikulturelle Konstruktion und setzt doch auf exklusive Gruppengrenzen und auf eine essentialisierte, unmittelbare Loyalit\u00e4t zur Gruppe. Die kreolische Metapher kann sich auf eine Sprache, einen Wandlungsprozess und eine ethnische Gruppenbezeichnung beziehen. Kreolisierung bedeutet neue Regeln schaffen, Gruppen neu zusammensetzen, Elemente anderer Gruppen borgen und existierende Elemente transformieren. Sobald allerdings eine ethnische Gruppe als kreolisiert bezeichnet wird, macht das transformative Element einer ethnisierenden Essentialisierung Platz.<\/p>\n<p>Im postkolonialen Mauritius treffen diese beiden \u2013 an sich schon multikulturellen und kreolisierten \u2013 Ideologien des indo-mauritischen, differenzorientierten Nationalismus und der kreolischen Nation zusammen und schaffen eine spezifische multikulturell gepr\u00e4gte politische Praxis (Waldis 2019). Im Unterschied zum ebenfalls postkolonialen nordamerikanischen Multikulturalismus, bezieht sich der mauritische Multikulturalismus nur auf ethnische, sprachliche und religi\u00f6se Differenzen, w\u00e4hrend soziale, genderspezifische und andere Unterschiede nicht ber\u00fccksichtigt werden. Unter diesen Voraussetzungen erfolgt multikulturelle Politik zwischen Gruppen mit exklusiven Identit\u00e4ten. Aus ihrer gegenseitigen Auseinandersetzung k\u00f6nnen intern differenzierende Mechanismen resultieren, die in einen gemeinsamen legalen Rahmen eingebettet werden oder auch nicht.<\/p>\n<p><strong>Vielfalt multikultureller Politik und Soziale Arbeit<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr eine differenzsensible, politische Praxis der Sozialen Arbeit lassen sich vom Beispiel Mauritius vier Thesen ableiten.<\/p>\n<p>1) Die Gesellschaft in Mauritius, entstanden durch Immigration, wird als multiethnisch verstanden. Die Vielfalt der Bev\u00f6lkerung \u2013 wenngleich auf Religion und Sprache reduziert \u2013 ist anerkannt. Im europ\u00e4ischen oder schweizerischen Kontext k\u00f6nnte dies bedeuten, offiziell von einer postmigrantischen, transnationalen Gesellschaft auszugehen, in der soziale, sprachliche, religi\u00f6se und weitere Unterschiede und gesellschaftliche Transformationen sowohl \u2018Einheimische\u2019 als auch Zugezogene betreffen.<\/p>\n<p>2) Multikulturelle Politik ist eine politische Praxis und wird in einzelnen Projekten verwirklicht. Damit liegt das Augenmerk auf l\u00f6sungsorientierten Prozessen von Personen und Gruppen mit unterschiedlichen Machtpositionen und verschiedenartigen politischen Ideologien: Wie nehmen sie Einfluss auf ein Projekt, wie formulieren sie es? Auf welchen Grunds\u00e4tzen politischer Praxis beruht multikulturelle Politik? In der Schweiz bestimmen Grunds\u00e4tze, wie z.B. die Ber\u00fccksichtigung der Subsidiarit\u00e4t, die unterschiedlichen Sprachregionen, die Vertretung von Volk und St\u00e4nden, die Formel f\u00fcr die Mehrparteienregierung sowie teilweise das Geschlecht die Multikulturalit\u00e4t des politischen Systems.<\/p>\n<p>3) Soziale multikulturelle Politik geht \u00fcber Ethnizit\u00e4t hinaus und schliesst auch Geschlecht und Alter, sozioprofessionelles Milieu und Beeintr\u00e4chtigung, Stadt-Land-Unterschiede sowie insbesondere politische Gesinnung mit ein. Daf\u00fcr liefert die Soziale Arbeit eine exzellente Vorlage. Wie multikulturelle Politik will die Soziale Arbeit die Situation f\u00fcr Menschen in besonderen sozialen Problemlagen verbessern und allgemein die Gesellschaft sozial gerechter gestalten. In einer postmigrantischen, transnationalen Gesellschaft bedeutet dies f\u00fcr die Soziale Arbeit, die unterschiedlichsten Lebenslagen von Menschen zu kennen und sichtbar zu machen, ein Bewusstsein f\u00fcr einen inklusiven Umgang mit Differenz zu entwickeln und Institutionen und Gesetze so zu gestalten, dass sie den ersten beiden Punkten m\u00f6glichst gerecht werden.<\/p>\n<p>4) Die transformatorische Metapher der Kreolisierung schafft eine spannende Voraussetzung f\u00fcr den dialogischen Umgang mit Unterschieden. Diese Vorstellung von Politik geht von Differenz aus und ist unbequem, weil sie auf einen dynamischen Prozess und Anerkennung statt auf das Resultat fokussiert. Eine solche Politik ist aber auch faszinierend, weil sie zum Umdenken beitr\u00e4gt, weil sie Aufmerksamkeit f\u00f6rdert, den Denkhorizont erweitert und nicht zuletzt Begegnungen mit Menschen in ihren vielf\u00e4ltigen Lebenslagen erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p><strong>Fazit f\u00fcr eine differenzsensible Soziale Arbeit<\/strong><\/p>\n<p>Eine politische Praxis der Sozialen Arbeit bezeichne ich dann als differenzsensibel, wenn sie die unterschiedlichen Lebenslagen der Menschen in einer Gesellschaft einbezieht, um auf der Grundlage der sozialen Gerechtigkeit innovative L\u00f6sungen umzusetzen ohne dabei die dynamischen, unsicheren Transformationsm\u00f6glichkeiten aussen vor zu lassen.<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.hevs.ch\/en\/rad-institutes\/institut-travail-social\/collaborateurs\/full-professor-uas\/waldis-5084\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Barbara Waldis<\/a> ist Professorin an der HES-SO Valais-Wallis, Hochschule f\u00fcr Soziale Arbeit in Siders. <\/em><\/p>\n<p>Literatur:<\/p>\n<p>\u2013 Barbara Waldis (2019). <em>Styles of Multiculturalism in Mauritius. A case study in education policy<\/em>. M\u00fcnster: Lit Verlag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Staatliche multikulturelle Politik bedeutet, der Vielfalt in der Bev\u00f6lkerung in gesellschaftlichen, institutionellen und rechtlichen Kontexten Rechnung zu tragen. Das Beispiel von Mauritius er\u00f6ffnet die M\u00f6glichkeit, eine differenzsensible Politik weiter zu denken und auf den spezifischen Auftrag der Sozialen Arbeit hinzuweisen. 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