{"id":585,"date":"2016-03-22T14:01:09","date_gmt":"2016-03-22T13:01:09","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.nccr-onthemove.ch\/nomen-est-omen-diskriminierung-auf-dem-arbeitsmarkt\/?lang=fr"},"modified":"2025-03-10T19:35:27","modified_gmt":"2025-03-10T18:35:27","slug":"nomen-est-omen-diskriminierung-auf-dem-arbeitsmarkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/nomen-est-omen-diskriminierung-auf-dem-arbeitsmarkt\/?lang=fr","title":{"rendered":"Nomen est Omen: Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ungef\u00e4hr ein Viertel der in der Schweiz lebenden Bev\u00f6lkerung ist im Ausland geboren. Z\u00e4hlt man hierzu nun noch die Kinder von Einwanderinnen und Einwanderern, die in der Schweiz geboren aber nicht eingeb\u00fcrgert sind, betr\u00e4gt der Anteil der Personen mit ausl\u00e4ndischem Hintergrund, die keinen Schweizer Pass besitzen, fast ein Drittel. Sie alle sehen sich im Alltag mit verschiedensten Problemen konfrontiert.<\/strong><\/p>\n<p>Zu den offensichtlichen Nachteilen, den Pass des Landes in dem man wohnt nicht zu besitzen, z\u00e4hlt zum Beispiel der Ausschluss von Wahlen. Der ausl\u00e4ndische Hintergrund kann jedoch weitere und oft nicht so offensichtliche Probleme mit sich bringen.<\/p>\n<p><strong>Ethnische und rassistische Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt: Ein weit verbreitetes Ph\u00e4nomen<\/strong><\/p>\n<p>Eines dieser Probleme ist die Diskriminierung von Ausl\u00e4nderinnen und Ausl\u00e4ndern bei der Wohnungs- oder Stellensuche. Muss ein Bewerber mit Vornamen Ahmed mehr Bewerbungen schreiben als jemand der Tobias heisst, auch wenn er dieselbe Ausbildung und Berufslaufbahn aufweist? Diese Frage interessiert Forschende, seit offene Diskriminierung in den USA (Civil Rights Act) und Grossbritannien (Race Relation Act) in den 60er Jahren verboten wurden. Inwiefern diese Gesetze jedoch erfolgreich sind, untersuchen Forscherinnen und Forscher nun seit \u00fcber 50 Jahren. Als bew\u00e4hrte Methode haben sich dabei Experimente herausgestellt, bei denen sich zwei gleich qualifizierte fiktive BewerberInnen auf dieselbe Stelle bewerben. Der einzige Unterschied zwischen den beiden ist ihr Name, zum Beispiel Ahmed und Tobias. Besonders in den letzten 25 Jahren wurde eine Vielzahl von Studien in OECD L\u00e4ndern ver\u00f6ffentlicht, die diese sogenannte ethnische oder rassistische Diskriminierung bei der Stellensuche in den jeweiligen L\u00e4ndern untersuchen. Mittlerweile liegen Ergebnisse aus Australien, Belgien, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Grossbritannien, Irland, Italien, Kanada, Mexiko, den Niederlanden, Norwegen, \u00d6sterreich, Polen, Schweden, der Schweiz, Spanien und den USA vor. Bereits ein erster Blick auf die Ergebnisse dieser Studien zeigt, dass BewerberInnen mit einem ausl\u00e4ndischen Namen gr\u00f6ssere Probleme haben, zu einem Vorstellungsgespr\u00e4ch eingeladen zu werden.<\/p>\n<p><strong>Resultate einer umfassenden Meta-Analyse<\/strong><\/p>\n<p>Die Vielzahl der Studien erlaubt aber auch eine systematische Analyse von ethnischer oder rassistischer Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt. Mit Didier Ruedin, Universit\u00e4t Neuenburg, habe ich die Ergebnisse der einzelnen 43 L\u00e4nderstudien, die in den letzten 25 Jahren in OECD L\u00e4ndern durchgef\u00fchrt wurden, systematisch zusammentragen und analysiert. Diese Meta-Analyse, zeigt einige Tendenzen:<\/p>\n<ul class=\"liste\">\n<li>BewerberInnen mit einem ausl\u00e4ndischen oder in den USA schwarz klingenden Namen m\u00fcssen in allen untersuchten L\u00e4ndern mehr Bewerbungen schreiben. Selbst wenn Ahmed genauso gut qualifiziert ist wie Tobias, muss er ca. 1,5-mal so viele Bewerbungen schreiben, nur um zu einem Vorstellungsgespr\u00e4ch eingeladen zu werden.<\/li>\n<li>Diskriminierung ist f\u00fcr die Kinder von Einwanderern und Einwanderinnen nicht geringer als f\u00fcr ihre Eltern. Auch wenn die gesamte Schul- und Berufsbildung im Land absolviert wurde, m\u00fcssen beide Gruppen fast doppelt so viele Bewerbungen schreiben, wie einheimische KandidatInnen. Es liegt also am Namen und nicht an der eigenen Migrationsgeschichte.<\/li>\n<li>Diskriminierungserfahrungen sind nicht f\u00fcr alle Einwanderergruppen gleich. Vor den gr\u00f6ssten Herausforderungen stehen KandidatInnen mit arabischen Namen. Ahmed muss also beinah 2,4-mal so viele Bewerbungen verschicken wie Tobias. Etwas besser sieht es f\u00fcr BewerberInnen mit indischen, pakistanischen oder bangladeschischen Namen aus. Sukjunder Singh muss ca. 1,8.-mal so viele Bewerbungen schreiben wie sein einheimischer Konkurrent. Auch chinesische KandidatInnen haben es schwer, bei Tai Huang kommen beinah 1,6-mal so viele Bewerbungen auf eine einheimische Bewerbungen. Am besten stehen noch die t\u00fcrkischen KandidatInnen da. Fatih Yildiz muss \u00abnur\u00bb 1,3-mal so viele Bewerbungen schreiben wie Tobias.<\/li>\n<li>Es scheint keinen Unterschied zu machen, ob die Experimente vor oder nach der Einf\u00fchrung von fl\u00e4chendeckenden Anti-Diskriminierungsgesetzen in der europ\u00e4ischen Union durchgef\u00fchrt wurden. Schaut man sich nur die Mitgliedsstaaten innerhalb der EU an, steigt die Zahl der Bewerbungen sogar, die ein \u00abausl\u00e4ndischer\u00bb Kandidat oder eine \u00abausl\u00e4ndische\u00bb Kandidatin schreiben muss.<\/li>\n<li>In deutsch-sprachigen L\u00e4ndern, in denen\u00a0 Bewerbungsunterlagen meist deutlich umfangreicher sind als in nicht deutsch-sprachigen L\u00e4ndern, scheint die Diskriminierung geringer zu sein, als in L\u00e4ndern, wo nur ein Anschreiben und Lebenslauf verschickt werden. Hier m\u00fcssen BewerberInnen mit fremd klingenden Namen, ca. 1,4-mal so viele Bewerbungen verschicken, verglichen mit 1,8-mal so vielen in nicht deutsch-sprachigen L\u00e4ndern.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Ergebnisse dieser Meta-Analyse zeigen, dass rassistische Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt ein weit verbreitetes Ph\u00e4nomenon ist. Besonders besorgniserregend ist jedoch, dass es keinen Unterschied zwischen Einwanderern und Einwanderinnen der ersten Generation und ihren Kindern gibt. Dabei wird jungen Menschen mit Migrationshintergrund in der Schule immer eingebl\u00e4ut, dass sie dieselben Chancen h\u00e4tten wie ihre einheimischen KlassenkameradInnen, wenn sie sich nur anstrengen und ihre Noten dementsprechend gut sind. Dieser einseitige Fokus auf Leistung scheint jedoch nicht ausreichend zu sein, wenn BewerberInnen mit ausl\u00e4ndischen Namen bei gleicher Qualifikation mehr Bewerbungen schreiben m\u00fcssen als einheimische KandidatInnen. Etwas Hoffnung geben jedoch die Ergebnisse aus den deutsch-sprachigen L\u00e4ndern. Wenn es ausreicht, mehr Informationen in einer Bewerbung hinzuzuf\u00fcgen, um die Chancen zu erh\u00f6hen, f\u00fcr ein Vorstellungsgespr\u00e4ch eingeladen zu werden, w\u00e4re das eine Ver\u00e4nderung, die sich mit verh\u00e4ltnism\u00e4ssig wenig Aufwand umsetzen liesse. Bis dahin muss Ahmed leider weiter mehr Bewerbungen schreiben als Tobias \u2013 Nomen est Omen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/authors\/?author=zschirnt\">Eva Zschirnt<\/a><br \/>\nDoktorandin, nccr \u2013 on the move, Universit\u00e4t Neuenburg<\/p>\n<p>Eva Zschirnt and Didier Ruedin (2016). &#8220;<a href=\"http:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/full\/10.1080\/1369183X.2015.1133279\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ethnic Discrimination in Hiring Decisions: A Meta-Analysis of Correspondence Tests 1990\u20132015.<\/a>&#8221; <em>Journal of Ethnic and Migration Studies.<\/em> doi: 10.1080\/1369183X.2015.1133279.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ungef\u00e4hr ein Viertel der in der Schweiz lebenden Bev\u00f6lkerung ist im Ausland geboren. 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