{"id":5850,"date":"2020-06-18T09:30:03","date_gmt":"2020-06-18T07:30:03","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.nccr-onthemove.ch\/?p=5850"},"modified":"2025-03-09T20:59:04","modified_gmt":"2025-03-09T19:59:04","slug":"ethnisches-differenzieren-in-der-eingreifenden-street-level-bureaucracy","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/ethnisches-differenzieren-in-der-eingreifenden-street-level-bureaucracy\/","title":{"rendered":"Ethnisches Differenzieren in der eingreifenden Street-Level Bureaucracy"},"content":{"rendered":"<p><strong>Auch in der Schweiz existieren Reformdebatten, die \u00abDiversity Management\u00bb oder eine \u00abinterkulturelle \u00d6ffnung\u00bb der \u00f6ffentlichen Verwaltung propagieren. Leitend ist die Annahme, dass ethnisch-kulturelle Unterschiede bei der Erbringung von Verwaltungsleistungen oder bei der Besetzung \u00f6ffentlicher Stellen eine wichtige Rolle spielen. Wie aber werden in staatlichen Einrichtungen ethnisch-kulturelle Unterschiede hergestellt und mobilisiert?<\/strong><\/p>\n<p>Diese Frage stellt sich insbesondere f\u00fcr Abteilungen der \u00f6ffentlichen Verwaltung, die mit Eingriffsm\u00f6glichkeiten ausgestattet sind und rechtsstaatliche Anspr\u00fcche durchsetzen k\u00f6nnen. Im Rahmen eines vom Schweizerischen Nationalfonds gef\u00f6rderten <a href=\"http:\/\/p3.snf.ch\/project-146029\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Forschungsprojekts<\/a> untersuchten wir ein Jugendamt und die Sicherheitspolizei in zwei Schweizer St\u00e4dten. Beide Einrichtungen zeichnen sich durch einen ausgepr\u00e4gten pers\u00f6nlichen Kontakt zur Bev\u00f6lkerung aus und k\u00f6nnen gem\u00e4ss Michael Lipsky (1980) als typische Street-Level Bureaucracies gelten. Sie erbringen Dienstleistungen auf freiwilliger Basis, intervenieren aber auch hoheitlich \u2013 das Jugendamt dann, wenn es im Auftrag der Kindes- und Erwachsenenschutzbeh\u00f6rde (KESB) handelt.<\/p>\n<p><strong>Dynamisches Spiel ethnisierender Praktiken<\/strong><\/p>\n<p>Im beruflichen Alltag der beiden untersuchten Verwaltungsorganisationen wird eine Vielfalt ethnischer Unterscheidungen vorgenommen. Formen, Auspr\u00e4gungen und die Relevanz ethnischen Kategorisierens k\u00f6nnen stark variieren. Je nach Situation werden ethnische Aspekte auch abgeschw\u00e4cht oder ignoriert. Nur in seltenen F\u00e4llen verf\u00fcgen die untersuchten Organisationen \u00fcber formalisierte oder explizite Deutungen und Verfahrensweisen im Umgang mit Ethnizit\u00e4t. Unsere ethnografischen Fallstudien zeigten, dass das Verwaltungspersonal in der Interaktion mit seinem Gegen\u00fcber vielmehr \u00fcber beachtliche Ermessenspielr\u00e4ume verf\u00fcgt. Gleichzeitig stellten wir fest, dass ethnische Differenzen in Abh\u00e4ngigkeit von organisationalen Zielen, Arbeitssettings und Arbeitsvorg\u00e4ngen relevant gemacht oder aber verwischt oder \u00fcbergangen werden: W\u00e4hrend wir in Klientengespr\u00e4chen des Jugendamtes und in der direkten Interaktion mit der Kundschaft am Polizeischalter und in der Notrufzentrale kaum Ethnisierungen beobachteten, konnten diese bei Fallzuteilungen im Jugendamt (Abstimmung Sozialarbeitende \/ Klientel), bei patrouillierenden Polizeieinheiten und in Einvernahmen eine wichtige Rolle spielen.<\/p>\n<p>Wir stellten fest, dass ethnische Differenzierungen von der beruflichen Rolle und abteilungsspezifischen Aufgabe beeinflusst werden. Ethnisierende Praktiken verschr\u00e4nken sich im Arbeitsalltag mit sozialarbeiterischen und polizeilichen Arbeitskategorien und mit der Herstellung institutioneller Rollen von Verwaltungsmitarbeitenden sowie von Normadressat*innen.<\/p>\n<p><strong>Nexus von Eingriffsqualit\u00e4t und ethnisierender Praktiken <\/strong><\/p>\n<p>Erst vor dem Hintergrund dieser komplexen Dynamik lassen sich in der eingreifenden Street-Level Bureaucracy deutliche Muster des ethnischen Differenzierens erkennen. In der Interaktion mit zivilen Akteur*innen verschr\u00e4nken sich Praktiken des (Nicht-)Ethnisierens mit der jeweiligen Art staatlicher Eingriffsautorit\u00e4t. Sowohl das Jugendamt wie auch der Polizeidienst gestalten ihre Interventionen so, dass sich die gestellten Aufgaben in der jeweiligen organisationalen Logik m\u00f6glichst produktiv erledigen lassen.<\/p>\n<p>Wir beobachteten, wie das Jugendamt den autoritativen Eingriff gegen\u00fcber seiner Klientel durch vielf\u00e4ltige Kooperations- und Beziehungsangebote kommunikativ verschleiert, w\u00e4hrend sich Polizeiabteilungen wie die Uniformpatrouille und ermittelnde Einheiten zu ihrer hoheitlich-repressiven Rolle bekennen. Anders sieht es bei der Schalterpolizei und Notrufzentrale aus: Sie pr\u00e4sentieren sich gegen\u00fcber ihrer Kundschaft als \u00f6ffentlichen Dienst. Wie auch im Jugendamt, erfordert die Erbringung der Arbeitsleistung in diesen Polizeieinheiten einen aktiven Einbezug des Gegen\u00fcbers. Bei der Dienstleistungsarbeit durch die Polizei spielen Kooperation, Beziehungs- und Vertrauensarbeit eine zentrale Rolle, je nach Situation aber auch bei Aufgaben der Polizeipatrouille und in Einvernahmen, die der autoritativen Sicherheits- und Ordnungsproduktion dienen. Ob und welche Bedeutung Praktiken des Ethnisierens zukommt, ist also davon abh\u00e4ngig, ob die eingreifende Verwaltung sich als Dienstleistung oder als autoritative Sicherheits- und Ordnungsproduktion vollzieht.<\/p>\n<p><strong>Ethnisierungen in der Dienstleistungs- und Ordnungsproduktion <\/strong><\/p>\n<p>In dienstleistungsorientierten Abteilungen wie dem Jugendamt, der Schalterpolizei und der Notrufzentrale werden ethnische Unterschiede tendenziell verwischt. Ethnisierungen vorzunehmen, scheint sich hier auf die Arbeitsbeziehung und auf den Arbeitsvollzug kontraproduktiv auszuwirken. Nicht zu Ethnisieren hilft, die organisationalen Widerspr\u00fcche zu bew\u00e4ltigen, die sich aus dem Spannungsfeld zwischen Dienstleistungsproduktion und staatlichem Eingreifen ergeben und den Dienstleistungscharakter trotz autoritativem Anspruch (Deutungshoheit, Kontrolle des Gespr\u00e4chsverlaufs) aufrecht zu erhalten. So kann die institutionelle M\u00e4chtigkeit der Verwaltung bei gleichzeitigem Servicecharakter durchgesetzt werden.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber beobachteten wir bei den der autoritativen Sicherheits- und Ordnungsproduktion zugerechneten patrouillierenden und ermittelnden Polizeieinheiten situative ethnische Zuschreibungen. Wir stellten fest, dass Ethnisierungen in Interaktionen dann mobilisiert werden, wenn sie f\u00fcr das jeweilige polizeiliche Vorgehen als hilfreich oder effektiv gehalten werden. Damit l\u00e4sst sich z. B. polizeiliche Eingriffsautorit\u00e4t unterstreichen. Insofern patrouillierende und ermittelnde Polizeieinheiten ein kooperatives Verh\u00e4ltnis zum Gegen\u00fcber etablieren m\u00fcssen, kann aus taktischen \u00dcberlegungen ebenfalls auf Ethnisierungen zur\u00fcckgegriffen werden. Auch hier muss staatliche Autorit\u00e4t austariert werden, was u. a. unter R\u00fcckgriff auf Ethnizit\u00e4t geschehen kann. Mit Ethnisierungen l\u00e4sst sich in solchen Situationen N\u00e4he trotz staatlicher Autorit\u00e4t schaffen, um die Kooperationsbereitschaft von Zeugen, Verd\u00e4chtigten oder Beschuldigten zu f\u00f6rdern.<\/p>\n<p><strong>Instrumentelle Logik ethnischen Differenzierens <\/strong><\/p>\n<p>In der eingreifenden Street-Level Bureaucracy dienen Praktiken des (Nicht-)Ethnisierens dazu, die staatliche Eingriffsautorit\u00e4t m\u00f6glichst auftrags- und situationsad\u00e4quat abzustimmen. Die Kontakt- und Beziehungsqualit\u00e4t zwischen der eingreifenden Street-Level Bureaucracy und ihrem zivilen Gegen\u00fcber wird so reguliert, dass Arbeitsprozesse m\u00f6glichst zielf\u00fchrend ausgestaltet werden k\u00f6nnen. Insofern folgt das dynamische Spiel ethnisierender Praktiken einer instrumentellen Logik. Ethnisch-kulturelle Differenzierung bildet aber bloss eine von vielen m\u00f6glichen Markierungen, die auch in Bezug auf Geschlecht, Beruf oder Lebensstil vorkommen k\u00f6nnen. Finden Ethnisierungen statt, bleiben diese f\u00fcr Adressatinnen und Adressaten aber schwer einsch\u00e4tzbar und undurchsichtig. Klarer zeigt sich hingegen, dass auch im 21. Jahrhundert Ethnizit\u00e4t ein wirkm\u00e4chtiges Ordnungsprinzip staatlichen Handelns bleiben d\u00fcrfte.<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/de\/personen\/esteban-pineiro\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Esteban Pi\u00f1eiro<\/a> ist Professor an der Hochschule f\u00fcr Soziale Arbeit, Fachhochschule Nordwestschweiz<\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/de\/personen\/martina-koch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Martina Koch<\/a> ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule f\u00fcr Soziale Arbeit, Fachhochschule Nordwestschweiz.<\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/de\/personen\/nathalie-pasche\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Nathalie Pasche<\/a> ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule f\u00fcr Soziale Arbeit, Fachhochschule Nordwestschweiz<\/em><\/p>\n<p>Literatur:<\/p>\n<p>\u2013 Pi\u00f1eiro, Esteban\/Koch Martina\/Pasche, Nathalie. <em>Un\/doing Ethnicity im \u00f6ffentlichen Dienst. Ethnografien zum ethnischen Differenzieren am Beispiel von Jugendamt und Polizei<\/em>. Z\u00fcrich: Seismo (in Vorbereitung).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch in der Schweiz existieren Reformdebatten, die \u00abDiversity Management\u00bb oder eine \u00abinterkulturelle \u00d6ffnung\u00bb der \u00f6ffentlichen Verwaltung propagieren. Leitend ist die Annahme, dass ethnisch-kulturelle Unterschiede bei der Erbringung von Verwaltungsleistungen oder bei der Besetzung \u00f6ffentlicher Stellen eine wichtige Rolle spielen. 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