{"id":5936,"date":"2020-07-02T09:30:35","date_gmt":"2020-07-02T07:30:35","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.nccr-onthemove.ch\/?p=5936"},"modified":"2025-03-09T20:56:19","modified_gmt":"2025-03-09T19:56:19","slug":"frauen-in-der-nothilfe-eine-aufgabe-fur-die-soziale-arbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/frauen-in-der-nothilfe-eine-aufgabe-fur-die-soziale-arbeit\/","title":{"rendered":"Frauen in der Nothilfe \u2013 eine Aufgabe f\u00fcr die Soziale Arbeit"},"content":{"rendered":"<p><strong>Dieser Beitrag beruht auf unserer Bachelorarbeit, in der wir uns mit den Alltagsbew\u00e4ltigungsstrategien und Schwierigkeiten von Frauen in der Nothilfe befassten. Frauen sind innerhalb der Nothilfe eine Minderheit und ihren Bed\u00fcrfnissen wird oft nicht Rechnung getragen. Die Soziale Arbeit muss diesen Handlungsbedarf anerkennen und eine Balance finden im Spannungsfeld zwischen den Anspr\u00fcchen der Betroffenen, des Staates und der Professionsethik. <\/strong><\/p>\n<p>Abgewiesene Asylsuchende mit einem rechtskr\u00e4ftigen Wegweisungsentscheid und Personen mit einem Nichteintretensentscheid (NEE) haben seit 2004 lediglich Anspruch auf Nothilfe. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen f\u00fcr die Bemessung und Ausrichtung von Nothilfe sind kantonal geregelt und die Ausgestaltung ist entsprechend unterschiedlich.<\/p>\n<p>Dieser Ermessensspielraum der Kantone zeigt sich beispielsweise bei der Unterbringung. Im Kanton Bern werden Frauen in Asylunterk\u00fcnften untergebracht, im Kanton Wallis in Wohnungen. Frauen in Asylunterk\u00fcnften sind mit verschiedenen geschlechtsspezifischen Benachteiligungen konfrontiert. Sie leiden etwa unter mangelnder Privatsph\u00e4re, da bis zu sechs Frauen in einem Zimmer leben und R\u00fcckzugsm\u00f6glichkeiten fehlen. Bel\u00e4stigungen durch in der gleichen Unterkunft wohnende M\u00e4nner sind ein weiteres Problem, wie der folgende Auszug aus einem Interview zeigt:<\/p>\n<p><em>\u00abVor einer Woche, weniger als eine Woche, ist einer zu mir gekommen. Es war 12 Uhr in der Nacht. Ich war am Liegen, als er gekommen ist. Er war bekifft oder betrunken, keine Ahnung. Er hat laut geklopft. Dann sagte ich: \u2018Was ist los, wer ist da?\u2019 Aber er hat seinen Namen nicht gesagt. Er wollte Zigaretten von mir und dann habe ich ihm welche gegeben und gesagt, ok, nimm du die. Puhh, ja, das ist gef\u00e4hrlich. Und vor ein paar Monaten kam einer (\u2026), der wollte nicht Zigaretten, sondern reinkommen. Und dann bin ich ins B\u00fcro gegangen.\u00bb <\/em><\/p>\n<p>Die mit 8 CHF pro Tag minimale finanzielle Unterst\u00fctzung stellt eine zus\u00e4tzlich grosse Herausforderung dar. Sie macht es schwierig, ein Zugticket zu kaufen \u2013 zumal die Unterk\u00fcnfte h\u00e4ufig abgelegen sind \u2013 oder frauenspezifischen Bed\u00fcrfnissen wie der monatlichen Hygiene Rechnung zu tragen. Die sanit\u00e4ren Anlagen in den Unterk\u00fcnften m\u00fcssen zudem meist mit vielen Personen (auch M\u00e4nnern) geteilt werden und die hygienischen Zust\u00e4nde sind katastrophal (Terre des Femmes 2014).<\/p>\n<p><strong>Angst, ein st\u00e4ndiger Begleiter im Alltag von Nothilfebez\u00fcgerinnen<\/strong><\/p>\n<p><em>\u00abIn dieser Zeit habe ich viel, viel Angst gehabt. Ich habe immer noch Angst, sie wissen das nicht. Einmal wollte ich mich selber t\u00f6ten, sicher. Ich habe gesagt, stopp jetzt, ich will sterben.\u00bb <\/em><\/p>\n<p>Das Leben in der Nothilfe, die Machtlosigkeit und das \u00abNichts-Tun\u00bb bergen f\u00fcr die betroffenen Frauen viele Probleme. Sie leiden unter ihrer ausweglosen Situation und deren Folgen wie Verdr\u00e4ngung, sozialer Isolation und mangelndem Selbstwertgef\u00fchl. Angst und Sorgen um die Zukunft sind daher ein t\u00e4glicher Begleiter von Nothilfebez\u00fcgerinnen und -bez\u00fcgern.<\/p>\n<p><strong>Nicht nur Frauen, sondern auch M\u00fctter<\/strong><\/p>\n<p>Eine grosse Belastung f\u00fcr Nothilfebez\u00fcgerinnen ist ihre Mutterrolle. Viele Frauen haben Kinder im Herkunftsland zur\u00fcckgelassen in der Hoffnung diese nachzuziehen, was ihnen nun versagt bleibt. Die Angst um diese Kinder ist stets pr\u00e4sent. Besteht Kontakt zu Angeh\u00f6rigen, kann dieser als belastend erlebt werden, da sie ihrer Verantwortung, Geld nach Hause zu schicken, nicht nachkommen k\u00f6nnen. Andererseits bleibt einigen der Kontakt zu ihren Kindern oder anderen Familiengeh\u00f6rigen verwehrt, da sie diese dadurch Gefahren aussetzen w\u00fcrden. Dies bringt eine enorme psychische Belastung f\u00fcr die Frauen mit sich, wie eine Betroffene beschreibt:<\/p>\n<p><em>\u00abIch habe zwei Kinder in meinem Land, das ist nicht einfach f\u00fcr eine Mutter. Ich denke immer dar\u00fcber nach. Einmal bin ich krank geworden wegen dieser Situation.\u00bb <\/em><\/p>\n<p><strong>Akuter Handlungsbedarf f\u00fcr die Soziale Arbeit<\/strong><\/p>\n<p><em>\u00abWir sind abgelehnte Leute und wir m\u00fcssen in diesem Zentrum sein. Jeden Tag.\u00bb<\/em><\/p>\n<p>Nothilfebez\u00fcgerinnen entwickeln verschiedene Bew\u00e4ltigungsstrategien, um mit dieser belastenden Situation umzugehen. Diese k\u00f6nnen unterschieden werden in solche, die positive Erfahrungswerte wie das Entwickeln und Nutzen neuer pers\u00f6nlicher Ressourcen erlauben, sowie in negative Strategien, die zu psychischen und gesundheitlichen Gef\u00e4hrdungen f\u00fchren.<\/p>\n<p>Nothilfebeziehenden bleibt als einzige Perspektive auf eine Aufenthaltsbewilligung das Stellen eines \u2013 in der Regel erfolglosen \u2013 H\u00e4rtefallgesuchs. In dieser ausweglosen Situation ist es schwierig, positive Strategien zu entwickeln. Negative Bew\u00e4ltigungsstrategien \u00fcberwiegen, mit schweren Auswirkungen auf die Gesundheit der Nothilfebez\u00fcgerinnen. Psychische Probleme h\u00e4ufen sich \u2013 bis hin zu Suizidgedanken.<\/p>\n<p>Soziale Arbeit nennt sich eine Menschenrechtsprofession und hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen in Notlagen zu unterst\u00fctzen und f\u00fcr ihre Rechte einzustehen. Daher ist es umso alarmierender, dass Professionelle der Sozialen Arbeit im Nothilfebereich fast ausschliesslich im Kontext von R\u00fcckkehrberatungen mit Betroffenen arbeiten, obwohl die eigenst\u00e4ndige Inklusion in die Gesellschaft f\u00fcr die Betroffenen aufgrund fehlender Ressourcen fast unm\u00f6glich ist. Dies schafft eine Dringlichkeit, Nothilfebeziehende im Alltag zu begleiten und ihre Selbstst\u00e4ndigkeit zu f\u00f6rdern. In einer Nothilfeunterkunft k\u00f6nnten sozialp\u00e4dagogische Interventionen zudem eine vermittelnde Rolle einnehmen, so dass physische und psychische Probleme fr\u00fchzeitig erkannt werden.<\/p>\n<p>Es steht also ausser Frage, dass sich die Soziale Arbeit im Bereich der Nothilfe bet\u00e4tigen soll. Wie wir in diesem Beitrag aufgezeigt haben, besteht ein dringender Handlungsbedarf sowohl hinsichtlich von Interventionen f\u00fcr die Lebensbedingungen der betroffenen Frauen als auch hinsichtlich einer grunds\u00e4tzlichen Ver\u00e4nderung der Strukturen des Nothilferegimes. Entsprechend m\u00fcssten f\u00fcr Professionelle der Sozialen Arbeit im Spannungsfeld zwischen den Anspr\u00fcchen der Betroffenen, des Staates und der Professionsethik neue Aufgaben und Arbeitsbedingungen definiert werden.<\/p>\n<p><em>Lea Summermatter hat einen Bachelor in Sozialer Arbeit von der HES-SO Valais-Wallis, Hochschule f\u00fcr Soziale Arbeit, Siders.<\/em><\/p>\n<p><em>Fabienne Zimmermann schliesst derzeit den Bachelor in Sozialer Arbeit an der HES-SO Wallis-Valais, Hochschule f\u00fcr Soziale Arbeit, Siders ab. <\/em><\/p>\n<p><em>Die Interviews wurden im Jahr 2018 gef\u00fchrt. Die Zitate wurden f\u00fcr eine bessere Lesbarkeit sprachlich gegl\u00e4ttet und in das Schriftdeutsche Schriftdeutsche \u00fcbertragen.<\/em><\/p>\n<p>Referenzen:<\/p>\n<p>\u2013 Lea Summermatter, Fabienne Zimmermann (2019). <a href=\"http:\/\/doc.rero.ch\/record\/327582\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Alltagsbew\u00e4ltigungsstrategien von Frauen in der Nothilfe in den Kantonen Bern und Wallis<\/a>, Bachelorarbeit, HES-SO Valais-Wallis, Hochschule f\u00fcr Soziale Arbeit.<br \/>\n\u2013 Terre des Femmes Schweiz (2014). <a href=\"https:\/\/www.terre-des-femmes.ch\/images\/docs\/2014_Bericht_Unterbringung_web.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bericht zur Lage asylsuchender Frauen in Kollektivunterk\u00fcnften<\/a>, Terre des Femmes.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Beitrag beruht auf unserer Bachelorarbeit, in der wir uns mit den Alltagsbew\u00e4ltigungsstrategien und Schwierigkeiten von Frauen in der Nothilfe befassten. 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