{"id":6020,"date":"2020-08-24T09:30:46","date_gmt":"2020-08-24T07:30:46","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.nccr-onthemove.ch\/?p=6020"},"modified":"2025-03-09T20:52:33","modified_gmt":"2025-03-09T19:52:33","slug":"beschert-uns-die-personenfreizugigkeit-tiefere-lohne-und-arbeitslosigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/beschert-uns-die-personenfreizugigkeit-tiefere-lohne-und-arbeitslosigkeit\/","title":{"rendered":"Beschert uns die Personenfreiz\u00fcgigkeit tiefere L\u00f6hne und Arbeitslosigkeit?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Migration ist in der Schweiz ein Thema, das Emotionen sch\u00fcrt. Man spricht in diesem Kontext h\u00e4ufig von \u00dcberfremdungs\u00e4ngsten, Dichtestress und Integrationsschwierigkeiten. Am meisten Anlass zu Bef\u00fcrchtungen gibt aber die Annahme, dass die zunehmende Konkurrenz durch Zuwandernde die L\u00f6hne der Einheimischen senkt oder sie gar aus dem Arbeitsmarkt verdr\u00e4ngt. Viele dieser \u00c4ngste und Sorgen der Bev\u00f6lkerung werden mit dem Personenfreiz\u00fcgigkeitsabkommen der Schweiz mit der EU in Verbindung gebracht.<\/strong><\/p>\n<p>2014 wurde eine Volksinitiative knapp gutgeheissen, welche darauf abzielte, die sogenannte \u00abMasseneinwanderung\u00bb aus der EU zu stoppen und somit den oben erw\u00e4hnten Problemen und \u00c4ngsten Rechnung zu tragen. Die n\u00e4chste Abstimmung zum Personenfreiz\u00fcgigkeitsabkommen steht kurz bevor: Am 27. September 2020 befindet die Schweizer Stimmbev\u00f6lkerung \u00fcber die Initiative \u00abF\u00fcr eine massvolle Zuwanderung\u00bb. W\u00e4hrend die Bef\u00fcrworter*innen argumentieren, dass die Zuwanderung zur Verdr\u00e4ngung von Einheimischen auf dem Arbeitsmarkt f\u00fchrt und man diese daher begrenzen muss, weisen die Gegner*innen auf den Fachkr\u00e4ftemangel hin und unterstreichen, dass die vornehmlich hochqualifizierte Zuwanderung aus dem EU-Raum diesem Problem entscheidend entgegenwirkt.<\/p>\n<p><strong>Theorie liefert keine eindeutigen Antworten<\/strong><\/p>\n<p>Die Wirtschaftstheorie liefert keine eindeutige Antwort auf die Frage, welche Auswirkungen die Zuwanderung auf die Arbeitsmarktsituation von Einheimischen hat:<\/p>\n<p>Eine zentrale Rolle spielen erstens die Kompetenzen der Zuwandernden. Besitzen die Immigrant*innen \u00e4hnliche F\u00e4higkeiten wie die Inl\u00e4nder*innen, werden sie auf dem Arbeitsmarkt vermutlich um dieselben Arbeitspl\u00e4tze konkurrieren und in einem substitutiven Verh\u00e4ltnis zueinanderstehen. Unterscheiden sich jedoch Zuwandernde und Einheimische in ihren Kompetenzen, so werden sie einander eher erg\u00e4nzen. In der Theorie wird davon ausgegangen, dass Zuwanderung die L\u00f6hne und die Besch\u00e4ftigungssituation von konkurrierenden Arbeitskr\u00e4ften ung\u00fcnstig beeinflusst. Erg\u00e4nzen sich hingegen Zuwandernde und Einheimische, so profitieren letztere von der Immigration. Hochqualifizierte erg\u00e4nzen einander eher als Niedrigqualifizierte, da sie spezifischeres Humankapital besitzen.<\/p>\n<p>Zweitens stellt sich die Frage nach dem Zuwanderungsgrund. Ist die Migration nicht arbeitsmarktgesteuert, f\u00fchrt sie zu einer Ausdehnung des Angebots an Arbeitskr\u00e4ften, ohne dass eine erh\u00f6hte Nachfrage vorliegt. In diesem Fall ist eine Reduktion des Lohnniveaus die Folge. Sind die L\u00f6hne jedoch aufgrund von Regulierungen und Transaktionskosten nicht flexibel, k\u00f6nnen Verdr\u00e4ngungseffekte auftreten. Erfolgt die Zuwanderung hingegen nachfrageinduziert, ist sie von Knappheitsverh\u00e4ltnissen im Zielland getrieben. Das heisst, dass die Zuwanderung eine Reaktion auf die Ausdehnung der Arbeitsnachfrage darstellt. In diesem Fall kann die Zuwanderung einen knappheitsbedingten Lohnanstieg verhindern und die Besch\u00e4ftigung bei konstant bleibenden L\u00f6hnen erh\u00f6hen. Die genauen Auswirkungen auf Lohn und Besch\u00e4ftigung h\u00e4ngen aber auch vom Ausmass der Zuwanderung ab. Wenn mehr Personen einwandern als Nachfrage besteht, k\u00f6nnen negative Besch\u00e4ftigungs- und Einkommenseffekte auftreten, w\u00e4hrend zu wenig Zuwanderung die Knappheitsverh\u00e4ltnisse nur teilweise lindert.<\/p>\n<p>Die folgenden Fragen sind also zentral: Ist die Zuwanderung aus der EU nachfragebedingt oder nicht? Erg\u00e4nzen oder ersetzen die Kompetenzen der Zuwandernden aus der EU diejenigen der inl\u00e4ndischen Personen auf dem Arbeitsmarkt?<\/p>\n<p>Auch wenn diese Fragen nicht abschliessend beantwortet werden k\u00f6nnen, haben wir gewisse Anhaltspunkte: So ist ein deutlicher Zusammenhang zwischen der konjunkturellen Entwicklung und dem Zuwanderungssaldo aus der EU zu beobachten. Die Aufnahme von Arbeit ist der h\u00e4ufigste Einwanderungsgrund und die Entwicklung der L\u00f6hne sowie der Erwerbsbeteiligung durchaus positiv. Auch die Qualifikationsstruktur der Zuwandernden ist ein Indiz daf\u00fcr, dass sich die Immigration aus der EU positiv auswirkt.<\/p>\n<p><strong>Empirische Evidenz spricht eine klare Sprache<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend die arbeitsmarktlichen Auswirkungen der Zuwanderung aus theoretischer Sicht nicht eindeutig vorhersagbar sind, ist die empirische Evidenz dazu eindeutig. In den letzten 15 Jahren sind verschiedene empirischen Untersuchungen zu den Auswirkungen der Personenfreiz\u00fcgigkeit auf den Schweizer Arbeitsmarkt durchgef\u00fchrt worden. Trotzt unterschiedlichen methodischen Ans\u00e4tzen und Datenquellen ergibt sich ein einheitliches Bild: es sind keine weitreichenden negativen Auswirkungen der Personenfreiz\u00fcgigkeit auf den Schweizer Arbeitsmarkt und auf inl\u00e4ndische Arbeitskr\u00e4fte feststellbar.<\/p>\n<p>In zwei Studien untersuchten wir den Zusammenhang zwischen der Zuwanderung aus den Freiz\u00fcgigkeitsstaaten und den L\u00f6hnen sowie der Besch\u00e4ftigung von Inl\u00e4nder*innen. Unsere Regressionsanalysen der Auswirkung des Ausl\u00e4nderanteils in unterschiedlich abgegrenzten Teilm\u00e4rkten des Arbeitsmarktes auf die jeweiligen L\u00f6hne und die Besch\u00e4ftigungsstabilit\u00e4t haben aufgezeigt, dass die Zuwanderung keinen starken Einfluss auf die Entl\u00f6hnung und Besch\u00e4ftigungssituation der Inl\u00e4nder*innen hat. In beiden Untersuchungen kristallisierte sich dennoch ein Muster heraus: Hochqualifizierte Schweizer*innen profitieren deutlich von der Zuwanderung w\u00e4hrend Niedrigqualifizierte teilweise negativ tangiert werden.<\/p>\n<p>Die vornehmlich hochqualifizierte Zuwanderung aus dem EU\/EFTA-Raum scheint somit in erster Linie den Nachfrage\u00fcberschuss an Fachkr\u00e4ften zu entsch\u00e4rfen und ein dadurch entstandenes Ungleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt zu beheben. Gleiches l\u00e4sst sich aber kaum f\u00fcr die Zuwanderung von Niedrigqualifizierten sagen. Da die Immigration von Niedrigqualifizierten jedoch quantitativ gering geblieben ist, halten sich auch die negativen Effekte in Grenzen. Insgesamt erzeugt die Zuwanderung also \u00fcberwiegend positive Effekte f\u00fcr den schweizerischen Arbeitsmarkt.<\/p>\n<p><strong>Arbeitgebende und Arbeitnehmende profitieren vornehmlich von der Personenfreiz\u00fcgigkeit<\/strong><\/p>\n<p>Die Frage, wie sich die die Zuwanderung aus der EU auf den Schweizer Arbeitsmarkt auswirkt, l\u00e4sst sich somit eindeutig beantworten. Zwar w\u00e4re es aus theoretischer Sicht unter gewissen Voraussetzungen m\u00f6glich, dass Inl\u00e4nder*innen mit Lohnverfall und Verdr\u00e4ngung konfrontiert werden. Diese Voraussetzungen treffen jedoch auf die Zuwanderung in Rahmen der Personenfreiz\u00fcgigkeit nicht zu. Daher \u00fcberrascht es kaum, dass die empirische Forschung bisher \u00fcberwiegend positive Effekte festgestellt hat. In anderen Worten bedeutet dies, dass sowohl Arbeitgebende profitieren, indem sie auf einen gr\u00f6sseren Pool von qualifizierten Fachkr\u00e4ften zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen, aber auch Einheimische einen Nutzen aus der Personenfreiz\u00fcgigkeit ziehen, weil sie von den Zugewanderten auf dem Arbeitsmarkt mehrheitlich gut erg\u00e4nzt werden und die wirtschaftlichen Entwicklung insgesamt positiv beeinflusst wird. Die Entwicklung der Besch\u00e4ftigung und der L\u00f6hne verdeutlichen dies augenscheinlich.<\/p>\n<p><em>Ensar Can hat an der Universit\u00e4t Basel eine Dissertation \u00fcber den Schweizer Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik geschrieben und war Doktorand des \u00abnccr \u2013 on the move\u00bb. Aktuell arbeitet Ensar Can bei economiesuisse.<\/em><\/p>\n<p>Referenzen:<\/p>\n<p>\u2013\u00a0Can, Ensar, Nathalie Ramel &amp; George Sheldon (2016). <em>Effekte der Personenfreiz\u00fcgigkeit auf die wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz<\/em>. Basel: Wirtschaftswissenschaftliche Fakult\u00e4t, Universit\u00e4t Basel.<br \/>\n\u2013 Can, Ensar (2014). <em>Verdr\u00e4ngungseffekte des Freiz\u00fcgigkeitsabkommens Schweiz-EU auf dem Schweizer Arbeitsmarkt<\/em>. Basel: Wirtschaftswissenschaftliche Fakult\u00e4t, Universit\u00e4t Basel.<br \/>\n\u2013 Cueni, Dominique &amp; George Sheldon (2011). Die Auswirkungen der Personenfreiz\u00fcgigkeit der Schweiz mit der EU auf die L\u00f6hne einheimischer Arbeitskr\u00e4fte, <em>WWZ Forschungsbericht 2011\/05<\/em>, Universit\u00e4t Basel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Migration ist in der Schweiz ein Thema, das Emotionen sch\u00fcrt. Man spricht in diesem Kontext h\u00e4ufig von \u00dcberfremdungs\u00e4ngsten, Dichtestress und Integrationsschwierigkeiten. Am meisten Anlass zu Bef\u00fcrchtungen gibt aber die Annahme, dass die zunehmende Konkurrenz durch Zuwandernde die L\u00f6hne der Einheimischen senkt oder sie gar aus dem Arbeitsmarkt verdr\u00e4ngt. 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