{"id":7090,"date":"2021-07-13T09:30:00","date_gmt":"2021-07-13T07:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/?p=7090"},"modified":"2025-03-09T20:13:35","modified_gmt":"2025-03-09T19:13:35","slug":"von-der-kritik-zur-verneinung-diskriminierung-im-berufsbildungssystem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/von-der-kritik-zur-verneinung-diskriminierung-im-berufsbildungssystem\/","title":{"rendered":"Von der Kritik zur Verneinung: Diskriminierung im Berufsbildungssystem"},"content":{"rendered":"\r\n<p><strong>Studien weisen seit l\u00e4ngerem auf den diskriminierenden und ausschliessenden Charakter des Schweizer Berufsbildungssystem hin. Ohne dass sich diese Ausgangslage und damit die diskriminierenden Mechanismen im Lehrstellenmarkt tats\u00e4chlich verbessert h\u00e4tten, geraten diese kritischen Einsch\u00e4tzungen zusehends in Vergessenheit. Dieser Blogbeitrag zeichnet nach, wie diese Entwicklung zustande kam. <\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Im Rahmen des Nationalen Forschungsprogrammes (NFP) 43 \u00ab<a href=\"http:\/\/www.snf.ch\/de\/fokusForschung\/nationale-forschungsprogramme\/nfp43-bildung-beschaeftigung\/Seiten\/default.aspx\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Bildung und Besch\u00e4ftigung (opens in a new tab)\">Bildung und Besch\u00e4ftigung<\/a>\u00bb ver\u00f6ffentlichten Haeberlin, Kronig und Imdorf Mitte der 2000er-Jahre Studien zur Benachteiligung von ausl\u00e4ndischen und weiblichen Jugendlichen bei der Lehrstellenvergabe. Sie zeigten auf, wie diese Jugendlichen es trotz vergleichbarer Qualifikationen ungleich schwieriger hatten, eine Lehrstelle zu finden als ihre schweizerischen und m\u00e4nnlichen Pendants. Diese Ergebnisse waren bildungspolitisch brisant und wurden auch <a href=\"https:\/\/essentials.swissdox.ch\/View\/view\/document\/text?documentid=11361553&amp;filter_la=de&amp;sortorder=score%20desc&amp;SEARCH_sc=swissdox&amp;SEARCH_query=Lehrstellen%20Diskriminierung%20Haeberlin&amp;SEARCH_pubDate_lower=&amp;SEARCH_pubDate_upper=&amp;SEARCH_tiall=&amp;SEARCH_source=&amp;SEARCH_author=&amp;client_timezoneoffset=-120&amp;application=RECHERCHE&amp;toolbartext=false\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"medial thematisiert (opens in a new tab)\">medial thematisiert<\/a>.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>Lehrstellenkrise und Diskriminierung<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die Schweiz befand sich damals in einer akuten Lehrstellenkrise \u2013 es fehlte an Ausbildungspl\u00e4tzen. Dies war der H\u00f6hepunkt eines Strukturwandels, der sich seit den 1990er-Jahren angebahnt hatte. Die im Rahmen des NFP 43 durchgef\u00fchrte Forschung machte sichtbar, dass die wenigen Lehrstellen ungleich an Jugendliche vergeben wurde. Nach wie vor irritiert dabei, mit welcher Selbstverst\u00e4ndlichkeit Lehrbetriebe und ihre Interessenverb\u00e4nde diese Diskriminierung mit fremdenfeindlichen und rassistischen Argumenten zu rechtfertigen versuchten (vgl. Imdorf 2011).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Betrachten wir die Situation der Jugendlichen heute, so tritt \u00e4hnliche Ern\u00fcchterung ein. Ihr Ausschluss bleibt mehr Regel als Ausnahme (Scharnhorst &amp; Kammermann 2020). Das Nahtstellenbarometer, eine Studie im Auftrag des Staatsekretariats f\u00fcr Bildung, Forschung und Innovation (SBFI), weist darauf hin, dass sich ausl\u00e4ndische Jugendliche mindestens doppelt so h\u00e4ufig f\u00fcr eine Lehrstellen bewerben (m\u00fcssen) als Jugendliche mit Schweizer Staatsb\u00fcrgerschaft. Ebenso durchdringt eine Geschlechtersegregation das Berufsbildungssystem (Gr\u00f8nning, Kriesi &amp; Sacchi 2020) und seine oft gelobte Durchl\u00e4ssigkeit scheint \u2013 wen wundert\u2019s \u2013 prim\u00e4r f\u00fcr Schweizer M\u00e4nner zu gelten (Meyer &amp; Sacchi 2020; Murdoch et al. 2017).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>Von der Diskriminierung hin zu Gef\u00e4hrdung<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Wie damals bleibt die Kritik an den diskriminierenden Verh\u00e4ltnissen auch heute brisant und umstritten zugleich. Neu hat sich dazu aber ein wissenschaftlicher Gegendiskurs formiert, der ebendiese Kritik im Rahmen der Bildungswissenschaften zu zerstreuen versucht. Eine nicht unbedeutende Rolle spielen darin die Schweizerische Koordinationsstelle f\u00fcr Bildungsforschung (SKBF), die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) sowie das SBFI. In verschiedenen Auftragsstudien und Working Papers wurde sukzessive eine Leseart propagiert, die eher den Jugendlichen als dem Berufsbildungssystem die Schuld f\u00fcr den Ausschluss zuschiebt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Es entbehrt dabei nicht einer gewissen Tragik, dass ausgerechnet <a href=\"https:\/\/edudoc.ch\/record\/35458?ln=de\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"eine von der Interkantonalen Hochschule f\u00fcr Heilp\u00e4dagogik (HfH) durchgef\u00fchrte und von der EDK initiierten Auftragsstudie (opens in a new tab)\">eine von der Interkantonalen Hochschule f\u00fcr Heilp\u00e4dagogik (HfH) durchgef\u00fchrte und von der EDK initiierten Auftragsstudie<\/a> dieser Entwicklung Vorschub leistete. Obwohl der Fokus dieser Studie in einem Perspektivenwechsel weg von den Defiziten hin zu den Ressourcen liegt, zementiert sie das Gegenteil. In Anlehnung an den englischsprachigen Diskurs der \u00abat-risk youth\u00bb ist nunmehr von <em>gef\u00e4hrdeten<\/em> und nicht mehr von diskriminierten Jugendlichen die Rede. Als gef\u00e4hrdet gelten diese Jugendlichen deshalb, weil ihnen mit Verweis auf \u00abprek\u00e4re famili\u00e4re Verh\u00e4ltnisse (z.B. \u00f6konomischer oder erzieherischer Art)\u00bb, \u00abschulische Probleme\u00bb, die \u00abHerkunft aus einem anderen Kulturkreis\u00bb sowie \u00abk\u00f6rperliche und\/oder psychische Behinderungen\u00bb Schwierigkeiten beim Einstieg in die Berufsbildung attestiert werden. Auch wenn die Studie betonte, dass diese Risikofaktoren den Werdegang der Jugendlichen keineswegs <em>bedingen<\/em>, wohl aber <em>gef\u00e4hrden<\/em>, f\u00f6rdert sie trotz besserer Absicht eine deterministische Sichtweise. Kurz: benachteiligte Jugendliche galten nunmehr aufgrund ihrer Voraussetzungen als gef\u00e4hrdet und nicht, weil die Betriebe und die Schulen ihnen Schwierigkeiten beim Einstieg in die Berufslehre bereiten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>Die Verneinung der Diskriminierung<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Suchen wir im <a href=\"https:\/\/www.skbf-csre.ch\/bildungsbericht\/bildungsbericht\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"aktuellen Bildungsbericht der SKBF (opens in a new tab)\">aktuellen Bildungsbericht der SKBF<\/a> mit den Schlagworten \u00abDiskriminierung\u00bb oder \u00abdiskriminiert\u00bb, so finden sich keine Suchergebnisse. Stattdessen ist mit Verweis auf zwei hausinterne Working Papers und ausgehend von der Pr\u00e4misse der Rational-Choice Theorie von unterschiedlichen \u00abBildungspr\u00e4ferenzen\u00bb sowie einer \u00abausgepr\u00e4gten Vorliebe f\u00fcr allgemeinbildender Optionen anstelle einer Berufsbildung\u00bb die Rede. Eine solche eindimensionale Sichtweise w\u00e4re zul\u00e4ssig, wenn sie auch als solche deklariert w\u00fcrde. Dem ist aber nicht so. Im Vorwort beschreibt die Generalsekret\u00e4rin der EDK und der Staatsekret\u00e4r des SBFI den Bildungsbericht als ein \u00abReferenzwerk\u00bb f\u00fcr die \u00abBildungspolitik und die im Bildungswesen t\u00e4tigen Akteure\u00bb. Diese seien darauf angewiesen, \u00abdass Forschungsresultate von Fachleuten aufgearbeitet werden\u00bb, zumal \u00abfast t\u00e4glich\u00bb neue Studien erscheinen w\u00fcrde, \u00abdie gerade auch von den Medien gerne aufgegriffen und transportiert werden\u00bb. Der Bildungsbericht trage dabei \u00abjene Resultate\u00bb, zusammen, die sich \u00abals relevant und verl\u00e4sslich erweisen\u00bb.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Irritierend ist aber, wie mit keinem Wort Auskunft dar\u00fcber gegeben wird, auf welcher wissenschaftlichen Grundlage die Auswahl dieser angeblich relevanten und verl\u00e4sslichen Studien zustande kam. Wie kann es aus Sicht der SKBF zul\u00e4ssig sein, renommierte Fachpublikationen nicht zu ber\u00fccksichtigen, die Diskriminierung untersuchen (z.B. Imdorf 2017) und stattdessen einzig auf hausinterne Working Papers zu verweisen, um die These der Bildungspr\u00e4ferenz einzuf\u00fchren? Widerspricht ein solches Vorgehen nicht wissenschaftlichen Standards?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>Der \u00abNachhall\u00bb einer Verneinung<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Nun w\u00e4re dies alles unbedeutend, sofern dieses Verneinen von Diskriminierung keine Wirkung entfalten w\u00fcrde. Das scheint mir aber nicht der Fall zu sein \u2013 im Gegenteil. Ohne die Bedeutung des Bildungsberichts zu \u00fcberh\u00f6hen, steht er doch beispielhaft f\u00fcr die zuvor skizzierte Entwicklung. Zusehends verselbstst\u00e4ndigt sich in diesem Diskurs jene uns\u00e4gliche Phrase, die besagt, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund sowie deren Eltern das Schweizer Berufsbildungssystem zu wenig kennen und anerkennen w\u00fcrden. Als vermeintliche wissenschaftliche Grundlage hierf\u00fcr angef\u00fchrt werden, wie gesagt, Working Papers der SKBF. Nichtsdestotrotz, oder vielleicht genau deshalb, scheint diese Sichtweise auch in der Beratungspraxis Nachhall zu finden und eine Logik zu legitimieren, die diesen Jugendlichen untergeordnete Lehrstellen zuspricht. Nicht von ungef\u00e4hr sind Jugendliche mit Migrationshintergrund in zweij\u00e4hrigen Berufsausbildungen (EBA) sowie in Lehren mit geringem schulischen Anteil \u00fcbervertreten (Meyer &amp; Sacchi 2020). Nur in der Verneinung der Diskriminierung bleibt die Erz\u00e4hlung des Schweizer Erfolgsmodell gesichert \u2013 zum Nachteil der davon betroffenen Jugendlichen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/de\/personen\/luca-preite\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Luca Preite (opens in a new tab)\">Luca Preite<\/a> ist Dozent f\u00fcr Jugendsoziologie an der P\u00e4dagogische Hochschule FHNW. Er hat in Bildungswissenschaften an der Universit\u00e4t Basel promoviert. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Literatur:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u2013 Gr\u00f8nning, M., Kriesi, I. &amp; Sacchi, S. (2020). <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/article\/10.1007\/s11577-020-00678-z\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Skill Specificity of Upper-Secondary Training Occupations and the Gender Pay Gap (opens in a new tab)\">Skill Specificity of Upper-Secondary Training Occupations and the Gender Pay Gap<\/a>, <em>KZfSS K\u00f6lner Zeitschrift f\u00fcr Soziologie und Sozialpsychologie<\/em> 72(1), 291-315.<br \/>\u2013 Imdorf, C. (2011). <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/content\/pdf\/10.1007\/s12054-011-0414-3.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\". Wie \u201aausl\u00e4ndische\u2019 Jugendliche bei der Ausbildungsplatzvergabe diskriminiert werden (opens in a new tab)\">Wie \u201aausl\u00e4ndische\u2019 Jugendliche bei der Ausbildungsplatzvergabe diskriminiert werden<\/a>, <em>Sozial Extra<\/em> 35(11), 48-51.<br \/>\u2013 Imdorf, C. (2017). <a href=\"https:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/full\/10.1080\/13636820.2016.1278397\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Understanding discrimination in hiring apprentices: how training companies use ethnicity to avoid organisational trouble (opens in a new tab)\">Understanding discrimination in hiring apprentices: how training companies use ethnicity to avoid organisational trouble<\/a>, <em>Journal of Vocational Education &amp; Training<\/em> 69(3), 405-423.<br \/>\u2013 Meyer, T. &amp; Sacchi, S. (2020). <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/article\/10.1007\/s11577-020-00679-y\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Wieviel Schule braucht die Berufsbildung? Eintrittsdeterminanten und Wirkungen von Berufslehren mit geringem schulischen Anteil (opens in a new tab)\">Wieviel Schule braucht die Berufsbildung? Eintrittsdeterminanten und Wirkungen von Berufslehren mit geringem schulischen Anteil<\/a>, <em>KZfSS K\u00f6lner Zeitschrift f\u00fcr Soziologie und Sozialpsychologie<\/em> 72(1), 105-134.<br \/>\u2013 Murdoch, J., Gu\u00e9gnard, C., Koomen, M., Imdorf, C., Kamanzi, C. &amp; Meyer, T. (2017). <a href=\"https:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/abs\/10.1080\/21568235.2017.1254918?journalCode=rehe20\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Pathways fostering mobility to higher education for vulnerable immigrants in France, Switzerland and Canada (opens in a new tab)\">Pathways fostering mobility to higher education for vulnerable immigrants in France, Switzerland and Canada<\/a>, <em>European Journal of Higher Education<\/em> 7(1), 29-42.<br \/>\u2013 Scharnhorst, U. &amp; Kammermann, M. (2020). <a href=\"http:\/\/doc.rero.ch\/record\/328913\/files\/2020_Scharnhorst_Kammermann_Who_is_included_in_VET_who_not.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Who is included in VET, who not? (opens in a new tab)\">Who is included in VET, who not?<\/a>, <em>Education + Training<\/em> 62(6), 645-658.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Studien weisen seit l\u00e4ngerem auf den diskriminierenden und ausschliessenden Charakter des Schweizer Berufsbildungssystem hin. Ohne dass sich diese Ausgangslage und damit die diskriminierenden Mechanismen im Lehrstellenmarkt tats\u00e4chlich verbessert h\u00e4tten, geraten diese kritischen Einsch\u00e4tzungen zusehends in Vergessenheit. Dieser Blogbeitrag zeichnet nach, wie diese Entwicklung zustande kam. 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