{"id":7136,"date":"2021-06-29T12:10:39","date_gmt":"2021-06-29T10:10:39","guid":{"rendered":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/?p=7136"},"modified":"2025-03-09T20:14:41","modified_gmt":"2025-03-09T19:14:41","slug":"ambivalenzen-der-internationalisierungsdynamik-im-fachhochschulstudium","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/ambivalenzen-der-internationalisierungsdynamik-im-fachhochschulstudium\/","title":{"rendered":"Ambivalenzen der Internationalisierungsdynamik im Fachhochschulstudium"},"content":{"rendered":"\r\n<p><strong>Fachhochschulen orientieren sich einseitig an Konzepten von Internationalisierung, die grenz\u00fcberschreitende Mobilit\u00e4t w\u00e4hrend des Studiums f\u00f6rdern. Dies wird der facettenreichen Internationalit\u00e4t der Hochschulangeh\u00f6rigen nicht gerecht, wobei insbesondere migrationsgesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse im Rahmen der aktuellen Internationalisierungsdynamik ausgeklammert werden \u2013 auch im Fachbereich Soziale Arbeit. <\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Das Forschungsprojekt \u00ab<a href=\"http:\/\/p3.snf.ch\/project-166389\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Internationalisierung an Fachhochschulen: Zur Bedeutung von Geschlecht und Migration f\u00fcr Bildungs(un)gleichheit (opens in a new tab)\">Internationalisierung an Fachhochschulen: Zur Bedeutung von Geschlecht und Migration f\u00fcr Bildungs(un)gleichheit<\/a>\u00bb untersuchte am Beispiel der Fachbereiche Soziale Arbeit, P\u00e4dagogik, Technik und Wirtschaft die aktuelle Internationalisierungsdynamik an Fachhochschulen der Deutsch- und Westschweiz. Datenbasis der Studie bildeten Interviews mit Hochschulverantwortlichen und migrantischen Studierenden in den Bachelor-Studieng\u00e4ngen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>Ausklammerung migrationsgesellschaftlicher Verh\u00e4ltnisse<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Unter anderem beleuchtete das Projekt die Frage, was an den Hochschulen unter Internationalisierung verstanden wird und welche Zielsetzungen mit deren F\u00f6rderung in Verbindung gebracht werden. Die Auslandsmobilit\u00e4t von Studierenden und Mitarbeitenden erweist sich dabei als weitgehend unhinterfragter Standard von Internationalisierung. Entsprechende Programme sind zu einem wesentlichen Teil darauf ausgerichtet, Semesterstudienaufenthalte etwa an einer Partneruniversit\u00e4t im Ausland zu erm\u00f6glichen sowie durch gezielte Integration dieser Angebote in die jeweiligen Studieng\u00e4nge die Mobilit\u00e4tsnachfrage zu erh\u00f6hen. Neben solchen \u00abOutgoing\u00bb-Studierenden sind zudem jene relevant, die als \u00abIncoming\u00bb bspw. f\u00fcr ein Semester an die eigene Hochschule kommen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Migrationsgesellschaftliche Fragen werden damit aus dem Themenfeld der Internationalisierung ausgeklammert und die Komplexit\u00e4t internationaler Verh\u00e4ltnisse an Hochschulen auf den Aspekt der internationalen Mobilit\u00e4t reduziert. Mit diesen einseitigen Bestrebungen zur F\u00f6rderung von Internationalit\u00e4t wird eine bin\u00e4re Differenzordnung von \u00abeigen\u00bb und \u00abfremd\u00bb aktiviert, die auch Markierungen von Fremdheit und Nicht-Zugeh\u00f6rigkeit beinhaltet. Die Erfahrungen und biographischen Ressourcen migrantischer Studierender werden dagegen nicht als Ausdruck von \u00abInternationalit\u00e4t\u00bb ausgelegt. Dies verdeutlicht, wie schwer sich Fachhochschulen damit tun, sich auf eine durch weltweite Migration und transnationale Netzwerke gepr\u00e4gte gesellschaftliche Wirklichkeit einzustellen (vgl. Karaka\u015fo\u011flu 2016).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong> Differenzerfahrungen migrantischer Studierender<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Migrantische Studierende sehen sich oftmals mit Unterscheidungen konfrontiert, die einen ausschliessenden Charakter haben und gleichzeitig bin\u00e4re Logiken widerspiegeln, wie etwa zwischen Einheimischen und Migrant*innen oder zwischen gesellschaftlicher Mehrheit und Minderheit.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>So lassen die Interviews mit Studierenden im Bachelor-Studium der Sozialen Arbeit und der P\u00e4dagogik auf einen wenig durchdachten und inklusiven Umgang mit sprachlichen Kompetenzen schliessen. In beiden Fachbereichen gelten perfekte Sprachkenntnisse, die wiederum mit so genannt \u00abmuttersprachlichen\u00bb Kenntnissen gleichgesetzt werden, als weitgehend unhinterfragte Norm. Dabei wird nicht ber\u00fccksichtigt, dass alle Studierenden \u2013 unabh\u00e4ngig von ihrer Erstsprache \u2013 vor die Herausforderung gestellt sind, sich angemessene Kenntnisse in Deutsch bzw. Franz\u00f6sisch als Wissenschaftssprache anzueignen (Knappik\/Dirim\/D\u00f6ll 2013).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Im deutschsprachigen Raum wird zus\u00e4tzlich erwartet, dass Studierende die Standardsprache beherrschen und gleichzeitig die Schweizer Dialekte verstehen. Dies wird von migrantischen Studierenden als herausfordernd und teilweise auch als ausgrenzend erlebt. Ihre Schilderungen verweisen auf tendenziell monolinguale Verh\u00e4ltnisse, in denen defizit\u00e4re Sichtweisen auf migrationsspezifische Mehrsprachigkeit verbreitet sind.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong> Provinzialit\u00e4t im Hochschulstudium<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>An allen untersuchten Hochschulen l\u00e4sst sich feststellen, dass Internationalisierung an strategischer Relevanz gewinnt. W\u00e4hrend diese Stossrichtung in den Fachbereichen Wirtschaft und Technik von den Hochschulverantwortlichen weitgehend vorbehaltlos geteilt wird, werden in der Sozialen Arbeit \u2013 \u00e4hnlich wie in der P\u00e4dagogik \u2013 auch diesbez\u00fcgliche Widerspr\u00fcchlichkeiten thematisiert. Beispielsweise wenn darauf hingewiesen wird, dass die professionelle Praxis der Sozialen Arbeit weiterhin auf einen nationalstaatlichen Orientierungsraum ausgerichtet bleibt. Diese Anzeichen verweisen auf eine provinzielle, tendenziell auf den lokalen resp. nationalstaatlichen Horizont beschr\u00e4nkte, Ausrichtung des Fachbereichs.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Hinzu kommt, dass Studierende mit Migrationshintergrund in der Sozialen Arbeit mit lediglich 20 Prozent deutlicher untervertreten sind als im Fachhochschulstudium generell. Gem\u00e4ss Angaben des Bundesamtes f\u00fcr Statistik betr\u00e4gt der Anteil der Studierenden mit Migrationshintergrund an Fachhochschulen \u00fcber alle Fachbereiche gerechnet 29 Prozent (BFS 2017).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>F\u00fcr die Soziale Arbeit deutet die Analyse folglich auf ein Spannungsfeld zwischen Provinzialit\u00e4t und internationaler Orientierung hin. Gleichzeitig zeigt sich, dass \u2013 ungeachtet ihres kritischen Anspruchs \u2013 auch in der Sozialen Arbeit gesellschaftliche Hierarchie- und Differenzverh\u00e4ltnisse wirksam werden (Mecheril\/Melter 2010). Dies zu erkennen und auch auf Hochschulebene zu thematisieren, erscheint angesichts aktueller gesellschaftlicher Dynamisierungsprozesse und der Transformation hin zur Migrationsgesellschaft besonders relevant.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.google.ch\/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=&amp;cad=rja&amp;uact=8&amp;ved=2ahUKEwjv0LmfxqXwAhURzqQKHZ0BDR0QFjAAegQIBRAD&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.fhnw.ch%2Fde%2Fpersonen%2Fsusanne-burren&amp;usg=AOvVaw0h2SbwV6HiMucY1ZwgskDn\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Susanne Burren (opens in a new tab)\">Susanne Burren<\/a> ist Leiterin der Fachstelle Gleichstellung und Diversity an der P\u00e4dagogischen Hochschule FHNW.<\/em><br \/><em><br \/><a href=\"https:\/\/www.google.ch\/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=&amp;cad=rja&amp;uact=8&amp;ved=2ahUKEwilgfiwxqXwAhXqwAIHHReaB88QFjAAegQIBRAD&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.fhnw.ch%2Fde%2Fpersonen%2Fmaritza-le-breton&amp;usg=AOvVaw23oKX2H-eANZU0de-GTASR\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Maritza Le Breton (opens in a new tab)\">Maritza Le Breton<\/a> ist Professorin am Institut Integration und Partizipation der Hochschule f\u00fcr Soziale Arbeit FHNW.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Referenzen:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u2013 Bundesamt f\u00fcr Statistik BFS (2017). <em>Studien- und Lebensbedingungen an den Schweizer Hochschulen.<\/em> Neuch\u00e2tel.<br \/>\u2013 Karaka\u015fo\u011flu, Yasemin (2016). Hochschule. In: Mecheril, Paul (Hrsg.). <em>Handbuch Migrationsp\u00e4dagogik<\/em>. Weinheim\/Basel: Beltz, 386\u2013402.<br \/>\u2013 Knappik, Magdalena, Dirim, \u0130nci, and D\u00f6ll, Marion (2013). Migrationsspezifisches Deutsch und die Wissenschaftssprache Deutsch. Aspekte eines Spannungsverh\u00e4ltnisses in der Lehrerausbildung. In: Vetter, Eva (Hrsg.). <em>Professionalisierung f\u00fcr Vielfalt. Die Ausbildung von Sprachenlehrer\/innen<\/em>. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, 42\u201361.<br \/>\u2013 Mecheril, Paul and Melter, Claus (2010). Differenz und Soziale Arbeit. Historische Schlaglichter und systematische Zusammenh\u00e4nge. In: Kessl, Fabian; Pl\u00f6sser, Melanie (Hrsg.). <em>Differenzierung, Normalisierung, Andersheit. Soziale Arbeit als Arbeit mit den Anderen<\/em>. Wiesbaden: Springer VS, 117\u2013131.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fachhochschulen orientieren sich einseitig an Konzepten von Internationalisierung, die grenz\u00fcberschreitende Mobilit\u00e4t w\u00e4hrend des Studiums f\u00f6rdern. Dies wird der facettenreichen Internationalit\u00e4t der Hochschulangeh\u00f6rigen nicht gerecht, wobei insbesondere migrationsgesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse im Rahmen der aktuellen Internationalisierungsdynamik ausgeklammert werden \u2013 auch im Fachbereich Soziale Arbeit. Das Forschungsprojekt \u00abInternationalisierung an Fachhochschulen: Zur Bedeutung von Geschlecht<\/p>\n","protected":false},"author":215,"featured_media":7065,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[535],"tags":[],"coauthors":[938,939],"class_list":["post-7136","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-social-work"],"acf":[],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7136","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/215"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7136"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7136\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9945,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7136\/revisions\/9945"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7065"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7136"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7136"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7136"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=7136"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}