{"id":7278,"date":"2021-09-15T09:30:06","date_gmt":"2021-09-15T07:30:06","guid":{"rendered":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/?p=7278"},"modified":"2025-03-09T20:10:23","modified_gmt":"2025-03-09T19:10:23","slug":"krisen-und-migrationspolitisierung-kontext-ist-trumpf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/krisen-und-migrationspolitisierung-kontext-ist-trumpf\/","title":{"rendered":"Krisen und Migrationspolitisierung: Kontext ist Trumpf"},"content":{"rendered":"<p><strong>Welchen Einfluss haben Krisen auf die Politisierung von Migration? Dieser Frage sind wir mit Leslie Ader und Didier Ruedin in einem j\u00fcngst erschienenen <a href=\"https:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/full\/10.1080\/1369183X.2021.1936471\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Artikel<\/a> nachgegangen, in dem wir sogenannte &#8216;claims&#8217; \u2013 Einzelaussagen und Interview\u00e4usserungen aber auch Abstimmungen oder Proteste \u2013 untersucht haben, \u00fcber die in grossen Schweizer Printmedien berichtet wurde. Unser Ziel: die Politisierung von Migrationsfragen im Zeitverlauf und vor einem dezidierten Krisenhintergrund besser nachzuvollziehen.<\/strong><\/p>\n<p>Was aber bedeutet &#8216;politisiert&#8217;\u00a0genau? F\u00fcr uns bezeichnet der Begriff die Kombination von Polarisierung und Themensalienz. Polarisierung meint, dass es zu einer Frage stark abweichende und zumeist kontr\u00e4re Ansichten gibt. Wenn etwa SARS-CoV-2 f\u00fcr Anna ein gef\u00e4hrliches Virus aber f\u00fcr Dennis ein banaler Grippeerreger ist, dann haben wir es offenkundig mit einem hohen Polarisierungspotential zu tun. Ebenso wenn Anna in Donald Trump einen rechtsradikalen Demagogen zu erkennen glaubt, Dennis hingegen die Wiedergeburt von William Wallace. Salienz bezieht sich demgegen\u00fcber auf die Prominenz des Themas im \u00f6ffentlichen Raum. So m\u00f6gen Anna und Dennis Trump zwar unterschiedlich bewerten, doch w\u00fcrden beide nicht umhinkommen, ihm eine gewisse Bedeutung zuzusprechen. Vielleicht sind sie \u00e4hnlich geteilter Meinung, was das beste Caf\u00e9 der Stadt oder die St\u00fcrmerqualit\u00e4ten von Annas Bruder anbelangt, doch in diesen F\u00e4llen ersch\u00f6pft sich die Themenrelevanz im Allt\u00e4glichen und wird in der Regel medial nicht weiter gespiegelt.<\/p>\n<p>Polarisierung und Salienz gehen vielfach Hand in Hand, auch wenn es durchaus Themen gibt, die &#8216;polarisiert&#8217; aber nicht sonderlich &#8216;salient&#8217; sind; im heutigen Westeuropa beispielsweise Abtreibungsdebatten, bei denen der zentrale Verst\u00e4ndnisgegensatz Mord\/K\u00f6rperautonomie zwar fortbesteht aber kaum mehr gesellschaftliches Erregungspotential besitzt. Andere Themen wiederum sind salient aber nicht unbedingt polarisiert, etwa Bildungsfragen, die zwar lebhaft aber doch mit einer gewissen Einm\u00fctigkeit diskutiert werden. Ein politisiertes Thema ist indes beides, polarisiert und salient, wird also sowohl kontrovers als auch \u00f6ffentlichkeitswirksam diskutiert. Unsere Annahme: Migration ist solch ein Thema, das noch dazu in Krisenzeiten st\u00e4rker politisiert wird als in Nichtkrisenzeiten \u2013 nicht zuletzt, weil sich Migrant*innen als \u00fcber Jahrzehnte konstruierte Outgroup gut als &#8216;rhetorische Blitzableiter&#8217; im Krisengewitter eignen.<\/p>\n<p><strong>Der Krisenkontext z\u00e4hlt<\/strong><\/p>\n<p>Um diese Annahme zu \u00fcberpr\u00fcfen, haben wir an die 2&#8217;800 claims w\u00e4hrend zweier bedeutender Krisenepisoden analysiert \u2013 der \u00d6lkrise der 1970er- und der Finanzkrise der 2000er-Jahre. In beiden F\u00e4llen handelt es sich um gesellschaftspr\u00e4gende \u00f6konomische Schockmomente; so gilt die \u00d6lkrise, zumindest im Westen, als Wasserscheide zwischen der langanhaltenden konjunkturbedingten Aufbruchphase der Nachkriegszeit und der &#8216;reflexiven Risikogesellschaft&#8217; des letzten Jahrhundertviertels; die Finanzkrise wiederum stellt den Ausgangspunkt eines bis in unsere Tage ausstrahlenden Geflechts an Schulden-, W\u00e4hrungs- und Souver\u00e4nit\u00e4tskrisen dar. Doch so \u00e4hnlich beide Krisen in ihrer Wirkm\u00e4chtigkeit auch gewesen sein m\u00f6gen, so verschieden sind die Befunde unserer Analyse (f\u00fcr Vorarbeiten siehe <a href=\"https:\/\/www.routledge.com\/The-Politicisation-of-Migration\/Brug-DAmato-Ruedin-Berkhout\/p\/book\/9781138852792\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Van der Brug et al. 2015<\/a>).<\/p>\n<p>F\u00fcr die \u00d6lkrise konnten wir n\u00e4mlich tats\u00e4chlich ein h\u00f6heres Mass an Polarisierung und Salienz feststellen, f\u00fcr die Finanzkrise jedoch \u00fcberraschenderweise ein geringeres. Krisen k\u00f6nnen also durchaus einen Politisierungseffekt haben, der aber kein &#8216;fait accompli&#8217; ist, sondern massgeblich vom konkreten Krisenkontext abh\u00e4ngt. So ergab sich das gr\u00f6ssere Politisierungspotential w\u00e4hrend der \u00d6lkrise aus der Verbindung von pl\u00f6tzlichem Krisenschock und einer aus wirtschaftlichen Motiven geduldeten aber sonst argw\u00f6hnisch be\u00e4ugten \u2018Gastarbeiter*innen\u2019-Bev\u00f6lkerung. Gerade migrationsfeindliche Kr\u00e4fte hatten vor diesem Hintergrund leichtes Spiel, mit der Forderung nach Massenausweisungen einen konkreten Sachzusammenhang zwischen wirtschaftlicher Malaise und aufenthaltsrechtlicher Rosskur herzustellen. Anders im Fall der Finanzkrise, als die Schweizer Migrationsbev\u00f6lkerung durch regularisierte Arbeitsverh\u00e4ltnisse besser abgesichert und der Arbeitsmarkt auch weniger stark von der Krise betroffen war (Afonso und Visser 2014).<\/p>\n<p><strong>Krisen als Identit\u00e4tskatalysatoren<\/strong><\/p>\n<p>Eindeutiger als zur Politisierung waren unsere Befunde zu Identit\u00e4tsframes. Die Idee dahinter: Da in Krisenzeiten das Vertrauen in die bestehende Ordnung massiv schwindet und ein Zustand der Unsicherheit einsetzt, sollte sich unter anderem auch das &#8216;Framing&#8217; von Migration (also das Hervorheben einzelner Themenaspekte und Begr\u00fcndungsmuster) von instrumentell nach identit\u00e4r verlagern. Konkret sollten also weniger claims auftreten, die auf Kosten- oder Sicherheitsfragen abstellen und mehr solche, die Zugeh\u00f6rigkeit und Identit\u00e4t (etwa in kultureller Hinsicht) zum Thema haben. In der Tat konnten wir derlei Verschiebungen in beiden F\u00e4llen verzeichnen, was die Idee von Krisen als &#8216;Identit\u00e4tskatalysatoren&#8217; st\u00fctzt: Als Momente, in denen Vorstellungen von Gemeinschaft neu verhandelt und Unsicherheiten \u00fcber identit\u00e4re Ein- und Abgrenzung verarbeitet werden. Auch kam w\u00e4hrend der \u00d6lkrise ein vielf\u00e4ltigeres Feld an Akteur*innen zu Wort, was abermals dem Kontext geschuldet sein d\u00fcrfte: Gerade, weil das Schicksal der Migrant*innen so unmittelbar mit der Krise verkn\u00fcpft war, sahen sich auch ansonsten eher zur\u00fcckhaltende Kr\u00e4fte zu einer Positionierung veranlasst \u2013 sei es, um Restriktionsw\u00fcnsche zu formulieren oder gegen selbige zu protestieren.<\/p>\n<p>Unsere Forschungsergebnisse helfen somit, ein differenziertes Bild der Verschr\u00e4nkungen von Krise, Krisenverst\u00e4ndnis und Migrationsthematik zu zeichnen. Krisen, so l\u00e4sst sich zusammenfassend feststellen, sind nicht gleich Krisen, sondern unterscheiden sich erheblich in ihrer Politisierungstauglichkeit. Auch sind sie kontextgebunden, widerspiegeln also die Reflexitivit\u00e4tskompetenz (und den Reflexivit\u00e4tsdrang) moderner Gesellschaften: Wer Krise sagt, meint eine Form von kollektiver Selbstbetrachtung, die auf der Ungewissheit der Gegenwart gr\u00fcndet und nach m\u00f6glichen Auswegen sucht. Dass Migrationsthemen in Krisenzeiten unter gr\u00f6sseren Politisierungsdruck geraten, ist insofern eine Beobachtung, die weniger \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Krise und Migration aussagt als dar\u00fcber, wie sich die Debatten hierzu seit den 1970er-Jahren verlagert haben.<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/who-is-who\/people\/?p_id=8508\">Marco Bitschnau<\/a> ist Doktorand im nccr \u2013 on the move im Projekt <a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/projects\/mobility-diversity-and-the-democratic-welfare-state-contested-solidarity-in-historical-and-political-comparative-perspective\/\">Mobility, Diversity, and the Democratic Welfare State: Contested Solidarity in Historical and Political Comparative Perspective<\/a> an der Universit\u00e4t Neuch\u00e2tel.<\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/who-is-who\/people\/?p_id=95\">Gianni D&#8217;Amato<\/a> ist Direktor des nccr \u2013 on the move und Projektleader von <a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/projects\/mobility-diversity-and-the-democratic-welfare-state-contested-solidarity-in-historical-and-political-comparative-perspective\/\">Mobility, Diversity, and the Democratic Welfare State: Contested Solidarity in Historical and Political Comparative Perspective<\/a>.<\/em><\/p>\n<p>Quellen:<\/p>\n<p>\u2013 Afonso, A. &amp; Visser, J. (2014). <a href=\"http:\/\/dx.doi.org\/10.1093\/acprof:oso\/9780198717966.001.0001\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">The Liberal Road to High Employment and Low Inequality? The Dutch and Swiss Social Models in the Crisis<\/a>. In: D\u00f8lvik, J. E. &amp; Martin, A. (eds.), <em>European Social Models from Crisis to Crisis: Employment and Inequality in the Era of Monetary Integration<\/em> (214-245). Oxford: Oxford University Press<br \/>\n\u2013 Bitschnau, M., Ader, L., Ruedin, D. &amp; D\u2019Amato, G. (2021). <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1080\/1369183X.2021.1936471\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Politicising immigration in times of crisis: empirical evidence from Switzerland<\/a>.<em> Journal of Ethnic and Migration Studies<\/em>, online first.<br \/>\n\u2013 Van der Brug, W., D\u2019Amato, G., Berkhout, J. &amp; Ruedin, D. (eds.) (2015). <a href=\"https:\/\/www.routledge.com\/The-Politicisation-of-Migration\/Brug-DAmato-Ruedin-Berkhout\/p\/book\/9781138852792\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>The Politicisation of Migration<\/em><\/a>. Abingdon: Routledge.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welchen Einfluss haben Krisen auf die Politisierung von Migration? 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