{"id":7495,"date":"2022-01-25T09:30:00","date_gmt":"2022-01-25T08:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/?p=7495"},"modified":"2025-03-09T19:10:04","modified_gmt":"2025-03-09T18:10:04","slug":"eine-neueschweiz-fur-alle-die-hier-sind-und-noch-kommen-werden-teil-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/eine-neueschweiz-fur-alle-die-hier-sind-und-noch-kommen-werden-teil-ii\/","title":{"rendered":"Eine #NeueSchweiz \u2013 f\u00fcr alle, die hier sind und noch kommen werden: Teil II"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der postmigrantische Think &amp; Act Tank Institut Neue Schweiz INES steht f\u00fcr eine vielstimmige und solidarische, selbstkritische und ergebnisoffene <\/strong><a href=\"https:\/\/www.institutneueschweiz.ch\/De\/Glossary\/21\/NeueSchweiz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><strong>#NeueSchweiz<\/strong><\/a><strong>, die das Denken in \u00abWir\u00bb und \u00abIhr\u00bb \u00fcberwindet. Das soeben erschienene gleichnamige <\/strong><a href=\"https:\/\/institutneueschweiz.ch\/De\/Blog\/286\/Das_Handbuch_Neue_Schweiz_ist_da_ab_dem_25_November_im_Buchhandel_erhltlich\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><strong>Handbuch<\/strong><\/a><strong> von INES bietet eine Standortbestimmung zu laufenden postmigrantischen, rassismuskritischen und intersektionalen Debatten. Doch wie entstand INES? Und welche Visionen f\u00fcr unsere Demokratie werden im Handbuch formuliert? Ein Blogbeitrag in zwei Teilen, Teil 2.<\/strong><\/p>\n<p>Das Institut Neue Schweiz INES reiht sich ein in die Tradition zahlreicher Initiativen. Seit den spa\u0308teren 1960er-Jahren setzten sich in der Mitenand-Bewegung Menschen mit und ohne Schweizer Staatsangeho\u0308rigkeit mit der gleichnamigen Volksinitiative fu\u0308r eine menschliche Einwanderungspolitik ein. Die Volksinitiative scheiterte an der Urne, aber aus der Bewegung gingen viele weitere solidarische Projekte hervor: etwa die Asylbewegung, migrantische Organisationen, Sans-Papiers-Solidarita\u0308t und die Bewegungen der sogenannten Second@s. Im historischen Ru\u0308ckblick zeigt sich, dass in den letzten Jahrzehnten viel von ihnen erreicht wurde.<\/p>\n<p><strong>Zentrale Fragen bleiben ungel\u00f6st<\/strong><\/p>\n<p>Die postmigrantische Gesellschaft bleibt jedoch gepra\u0308gt von Mehrdeutigkeiten und Widerspr\u00fcchen. Der Aufbau des Asylregimes seit den 1990er-Jahren hat neue Formen des Ausschlusses und des Rassismus produziert. So wie im \u00abKampf gegen Terrorismus\u00bb seit 9\/11 neue Sicherheitsdispositive als muslimisch wahrgenommene Menschen stigmatisieren. Integrationspolitisch waren hingegen auch Fortschritte zu verzeichnen. Der Staat \u00fcbernahm Verantwortung und gew\u00e4hrte seiner migrantischen Bevo\u0308lkerung Zugang zu Dienstleistungen und Ressourcen. Andererseits wurden in den Begriff der Integration \u2013 einst ein Schlachtruf der Mitenand-Bewegung \u2013 alte U\u0308berfremdungsa\u0308ngste und Assimilationsimperative eingeschrieben. Die Frage, wie das Verha\u0308ltnis von Staatsangeho\u0308rigkeit, Bu\u0308rger*innenschaft und Teilhabe gestaltet wird, ist la\u0308ngst nicht gekla\u0308rt. Was es braucht, ist ein breit angelegtes Versta\u0308ndnis von <em>Citizenship <\/em>bzw. einer <em>Citoyennete\u0301 <\/em>in der Neuen Schweiz.<\/p>\n<p><strong>Missst\u00e4nde aufzeigen und Br\u00fccken bauen<\/strong><\/p>\n<p>Was aber bedeutet eine Demokratisierung der Schweizer Demokratie im Zeitalter von Migration und Globalisierung? Wie ko\u0308nnen nationalstaatliche Grenzziehungen infrage gestellt werden, ohne den Nationalstaat als politisches Projekt und Bezugsrahmen fu\u0308r emanzipatorische Anliegen aufzugeben? Wie kann die Schweiz ihre Verantwortung als globale Playerin wahrnehmen und dabei lokale, nationale und globale Solidarita\u0308t unterstu\u0308tzen? Wie ko\u0308nnen Rassismus und koloniale Nachwirkungen in der heutigen Schweiz thematisiert werden, ohne Spaltungen entlang von Identita\u0308t, Hautfarbe, sozialer Gruppe und religio\u0308ser Weltanschauung zu vertiefen oder gar festzuschreiben? Und allgemein: Wie ko\u0308nnen Misssta\u0308nde aufgezeigt und gleichzeitig Bru\u0308cken gebaut werden?<\/p>\n<p><strong>Auf dem Weg zu einer NEUEN SCHWEIZ<\/strong><\/p>\n<p>Im Gru\u0308ndungsjahr 2016 initiierte INES unterschiedlichste Standortbestimmungen der postmigrantischen Schweiz. Seitdem ist einiges passiert: In Basel, Bern, Genf, St. Gallen und Zu\u0308rich wurden Analysen und Projekte zu den Bereichen Medien, Recht, Kultur und Bildung entwickelt und Late Night Shows zu verschiedenen Themen veranstaltet. Der Verein Neue Schweizer Medienmacher*innen NCHM* entstand ebenso wie die Aktion Vierviertel, die sich fu\u0308r eine grundlegende Bu\u0308rgerrechtsreform starkmacht. INES lancierte mit der Stiftung Mercator zudem ein Projekt zur Fo\u0308rderung der Chancengleichheit von Sch\u00fcler*innen mit Migrationsbiografie und Rassismuserfahrung. INES kooperierte weiter mit der Kaserne Basel und dem Literaturhaus Basel im Projekt \u00abAtelier Neue Schweiz Basel\u00bb und veranstaltete am Theater Gessnerallee eine Auseinandersetzung mit Demokratie und Vielfalt in der Kultur sowie im Theater Neumarkt eine selbstkritische Reflexion antirassistischen Engagements mit der Reihe <em>Un\/Safe Spaces<\/em>.<\/p>\n<p>Der auf ein breites und junges Publikum ausgerichtete Verein \u00abFriends of INES\u00bb (FrINES) wirkte unter anderem am Aufbau des Kollektivs Ostschweiz mit Migrationsvorsprung mit. Dieses Kollektiv macht die Perspektive von Menschen mit Migrationsgeschichte und Rassismuserfahrung sichtbarer, unter anderem mit der ersten Schweizer Talkshow aus dem \u00abMigrationsuntergrund\u00bb: <em>We Talk. Schweiz ungefiltert<\/em>.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr ein gerechtes B\u00fcrgerrecht und globale Verantwortung<\/strong><\/p>\n<p>Ein Wandel der Vorstellungen von Zugeho\u0308rigkeit in einer postmigrantischen Schweiz sollte mit einem institutionellen Wandel und einer Anpassung rechtlicher Grundlagen einhergehen. So geht es etwa beim Bu\u0308rgerrecht nicht nur um symbolische, sondern auch um existenzielle Fragen, etwa bez\u00fcglich der Aufenthalts- und sozialen Sicherheit oder des Zugangs zum Wohnungs- und Arbeitsmarkt, Bildung und Gesundheitsangeboten. Es gilt, aus einer Geschichte zu lernen, in der fundamentale Grund- und Menschenrechte von Migrant*innen immer wieder verletzt worden sind, etwa im Fall der sogenannten \u00abversteckten Kinder\u00bb der italienischen \u00abGast\u00bb-Arbeiterfamilien in den 1970er-Jahren. Die Aufarbeitung dieser gewaltvollen Praxis wu\u0308rde hoffentlich aufzeigen, dass die Kinder- und Familienrechte, gerade im Asylsystem, in der Nothilfe oder bei Sans-Papiers weiterhin allzu oft verletzt werden.<\/p>\n<p>Das vorliegende Handbuch wirft auch einen Blick auf die globalen Verflechtungen der Schweiz und ihre Mitverantwortung fu\u0308r internationale Wohlstandsgefa\u0308lle und Ungleichheit. Die Neue Schweiz endet nicht an den Landesgrenzen und der Reichtum und der hohe Lebensstandard ha\u0308ngen zum Grossteil von anderswo gewonnenen und verarbeiteten Ressourcen ab. Dies zeigt sich etwa darin, dass die Schweiz Drehscheibe des weltweiten Rohstoffhandels und ein sicherer Hafen fu\u0308r Steuerflucht und Gelder von Globalisierungsgewinnern und autorita\u0308ren Regimes ist.<\/p>\n<p>Gleichzeitig ist die Schweiz wirtschaftlich auf Einwanderung angewiesen und dabei Teil des Europa\u0308ischen Migrationsregimes, das auf Binnenfreizu\u0308gigkeit innerhalb der EU und selektiver Abgrenzung gegenu\u0308ber Drittstaaten sowie einer zunehmend restriktiven Asylpolitik beruht. Wie liesse sich das humanita\u0308re und neutrale Selbstversta\u0308ndnis der Schweiz im internationalen und speziell auch europa\u0308ischen Zusammenhang selbstkritisch neu definieren? Und was heisst das fu\u0308r die Erinnerungskultur und die Deutung der Vergangenheit?<\/p>\n<p><strong>Vielstimmige Plattform<\/strong><\/p>\n<p>Die zahlreichen Autor*innen dieses Handbuchs tragen mit ihren historischen Perspektiven, Gegenwartsdiagnosen und Zukunftsvisionen dazu bei, einen Imaginations- und Gespra\u0308chsraum fu\u0308r die Neue Schweiz zu entwickeln. Perspektiven \u2013 auch widerspru\u0308chliche und mehrdeutige \u2013 werden in einen Dialog gebracht. Das Handbuch bildet nicht <em>die <\/em>Position von INES ab, sondern schafft eine vielstimmige Plattform, die zum Nachdenken, zum Gespra\u0308ch und zur Diskussion einladen mo\u0308chte \u2013 und die vor allem Mut machen soll: Auf zu einer Schweiz mit Migrationsvordergrund, <em>yalla, andiamo, chalo, vamos<\/em>&#8230;!<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-7490\" src=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/ines_book_lr_cover_s.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"356\" srcset=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/ines_book_lr_cover_s.jpg 500w, https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/ines_book_lr_cover_s-300x214.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/p>\n<p><em>Dieser zweiteilige Blogbeitrag basiert auf der <a href=\"https:\/\/institutneueschweiz.ch\/De\/Blog\/292\/Einleitung_Handbuch_Neue_Schweiz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Einleitung im HANDBUCH NEUE SCHWEIZ<\/a><\/em><em>, das k\u00fcrzlich von INES herausgegeben wurde und im <a href=\"https:\/\/www.diaphanes.net\/titel\/handbuch-neue-schweiz-6706\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Diaphanes Verlag<\/a><\/em><em> erschienen ist.<\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/ueber-uns\/person\/nagu\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Tarek Naguib<\/a> und <a href=\"https:\/\/uzh.academia.edu\/KijanEspahangizi\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kijan Espahangizi<\/a><\/em><em>,<\/em><em> Institut Neue Schweiz.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der postmigrantische Think &amp; Act Tank Institut Neue Schweiz INES steht f\u00fcr eine vielstimmige und solidarische, selbstkritische und ergebnisoffene #NeueSchweiz, die das Denken in \u00abWir\u00bb und \u00abIhr\u00bb \u00fcberwindet. 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