{"id":7497,"date":"2022-01-18T09:30:20","date_gmt":"2022-01-18T08:30:20","guid":{"rendered":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/?p=7497"},"modified":"2025-03-09T19:10:52","modified_gmt":"2025-03-09T18:10:52","slug":"eine-neueschweiz-fur-alle-die-hier-sind-und-noch-kommen-werden-teil-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/eine-neueschweiz-fur-alle-die-hier-sind-und-noch-kommen-werden-teil-i\/","title":{"rendered":"Eine #NeueSchweiz \u2013 f\u00fcr alle, die hier sind und noch kommen werden: Teil I"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der postmigrantische Think &amp; Act Tank Institut Neue Schweiz INES steht f\u00fcr eine vielstimmige und solidarische, selbstkritische und ergebnisoffene <\/strong><a href=\"https:\/\/www.institutneueschweiz.ch\/De\/Glossary\/21\/NeueSchweiz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><strong>#NeueSchweiz<\/strong><\/a><strong>, die das Denken in \u00abWir\u00bb und \u00abIhr\u00bb \u00fcberwindet. Das soeben erschienene gleichnamige <\/strong><a href=\"https:\/\/institutneueschweiz.ch\/De\/Blog\/286\/Das_Handbuch_Neue_Schweiz_ist_da_ab_dem_25_November_im_Buchhandel_erhltlich\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><strong>Handbuch<\/strong><\/a><strong> von INES bietet eine Standortbestimmung zu laufenden postmigrantischen, rassismuskritischen und intersektionalen Debatten. Doch wie entstand INES? Und welche Visionen f\u00fcr unsere Demokratie werden im Handbuch formuliert? Ein Blogbeitrag in zwei Teilen, Teil 1.<\/strong><\/p>\n<p>Die Frage, ob die Schweiz ein Einwanderungsland ist, wird nicht erst seit gestern diskutiert. Doch die Annahme der \u00abMasseneinwanderungsinitiative\u00bb am 9. Februar 2014 war ein migrationspolitischer Wendepunkt. Auf den anf\u00e4nglichen Schock folgte fu\u0308r uns die \u00dcberzeugung, dass die Zeit reif ist, das die Einwanderungsdebatten seit den 1960er-Jahren bestimmende Narrativ der \u00abU\u0308berfremdung\u00bb zu \u00fcberwinden. Der Volksentscheid wurde gerade mal von 22% der damaligen Bev\u00f6lkerung der Schweiz gefa\u0308llt und die demografische Realita\u0308t der Schweiz erza\u0308hlt la\u0308ngst eine andere Geschichte. Es bildete sich ein Netzwerk von Menschen, die den Blick freibekommen wollten auf eine andere Zukunft, auf eine Neue Schweiz im Zeitalter der Migration und Globalisierung.<\/p>\n<p><strong>Neue Perspektiven und B\u00fcndnisse an der Schnittstelle von Wissenschaft und Praxis<\/strong><\/p>\n<p>An der Schnittstelle von Theorie und Praxis begannen wir zu experimentieren und fragen, wo wir stehen und wohin wir wollen. So organisierten 2015 einige von uns mit Gewerkschafter*innen den ersten Kongress der Migrant*innen und Menschen mit Migrationshintergrund. Andere veranstalteten das rassismuskritische Humorfestival <em>Laugh up! Stand up!<\/em>, um eigene Humorformen in den Mainstream einzubringen und von rassistischen Ausgrenzungen betroffenen Menschen eine Stimme zu verleihen. Weiter entstand das interventionistische Kunstprojekt \u00abDie ganze Welt in Zu\u0308rich\u00bb. Bald kamen weitere Initiativen hinzu, wie die mittlerweile schweizweit aktive \u00abStadt fu\u0308r alle\u00bb-Bewegung, die Allianz gegen Racial Profiling, die erste kanakische Late Night Show-Serie \u00abSalon Bastarde\u00bb und der Berner Rassismus-Stammtisch. Wichtiger Bestandteil dieser Anfa\u0308nge war der Austausch mit Vertreter*innen von migrantischen und antirassistischen Bewegungen wie das \u00abBla*Sh \u2013 afro- und queerfeministisches Netzwerk\u00bb und das \u00abCollectif Afro-Swiss\u00bb aus Genf.<\/p>\n<p>Trotz dieser Aufbruchstimmung war klar, dass es eine gesellschaftliche Vision fu\u0308r die na\u0308chsten Jahrzehnte braucht. Bald konkretisierte sich die Idee, den politischen Diskurs u\u0308ber die Migrationsgesellschaft Schweiz mit einem neuen Think &amp; Act Tank langfristig und nachhaltig zu vera\u0308ndern. Im Mai 2016 kamen 15 Menschen aus der ganzen Schweiz in Mont\u00e9zillon oberhalb von Neucha\u0302tel zusammen und riefen das Institut Neue Schweiz INES ins Leben. Viele weitere Treffen sollten folgen.<\/p>\n<p><strong>Das Rad der Zeit l\u00e4sst sich nicht zur\u00fcckdrehen<\/strong><\/p>\n<p>Die Schweizer Gesellschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend vera\u0308ndert. Dieser Wandel wird nicht selten am wachsenden Anteil der Bevo\u0308lkerung mit Migrationshintergrund festgemacht. Im Jahr 2019 lag dieser bei 38%, Tendenz steigend. Bei Jugendlichen und Kindern liegt er gar u\u0308ber 50%. Die Unterscheidung in Menschen mit oder ohne Migrationshintergrund ist jedoch viel zu grobschla\u0308chtig, um die Komplexita\u0308t einer von Migration und Globalisierung gepr\u00e4gten Gesellschaft zu erfassen, in der transnationale Lebenswelten und Mehrfachzugeho\u0308rigkeiten nicht nur akademische Konzepte, sondern auch gelebter Alltag sind. Die Einwanderung ausla\u0308ndischer Arbeitskra\u0308fte seit dem Zweiten Weltkrieg, der Familiennachzug und die wachsende Fluchtmigration seit den 1980er-Jahren haben das Gesicht der Schweiz unwiderruflich vera\u0308ndert; auf den Strassen, in den Wohnzimmern, Schulen, Vereinen, Spita\u0308lern und Betrieben.<\/p>\n<p>Noch nie haben die Klischees dar\u00fcber, wie Schweizer*innen auszusehen und zu leben haben, weniger zur sozialen Realita\u0308t gepasst. Dennoch pra\u0308gen sie bis heute das nationale Selbstversta\u0308ndnis sowie Gesetze und Institutionen. Die Folge davon ist ein markantes Demokratiedefizit: ein Viertel der st\u00e4ndigen Wohnbev\u00f6lkerung der Schweiz hat kein Schweizer Bu\u0308rgerrecht \u2013 auch weil zu wenig und zu restriktiv eingebu\u0308rgert wird. Und selbst wer einen Schweizer Pass hat, sieht seine symbolische Zugeho\u0308rigkeit infrage gestellt, wenn Sprache, Aussehen und Lebensweise nicht ins dominante Bild passen.<\/p>\n<p>Auch die politisch-mediale Landschaft steht im Schatten des Themas Migration. Mit der globalen Geschichte des modernen Nationalstaats und dessen kolonialen Verstrickungen haben sich auch in der Schweiz unterschiedliche Vorstellungen u\u0308ber die \u00abAnderen\u00bb festgesetzt, die spezifische Formen des Rassismus hervorbringen. Gleichzeitig schliessen sich immer mehr Menschen dem Kampf gegen Rassismus an, wie die Black-Lives-Matter-Bewegung im Sommer 2020 zeigte. So ist die Gegenwart durch vielf\u00e4ltige Kontroversen und Konflikte gekennzeichnet, in denen die Beziehungen zwischen einem \u00abWir\u00bb und den \u00abAnderen\u00bb neu ausgehandelt werden. Auf der politischen Ebene hat dies zu einer Polarisierung gefu\u0308hrt zwischen jenen, die Einwanderung als Bedrohung verstehen und nationale Vorstellungen von Identita\u0308t konservieren mo\u0308chten, und jenen, die migrationsbedingte Vielfalt als Bereicherung verstehen.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr eine Pluralisierung statt Polarisierung<\/strong><\/p>\n<p>Was in diesen bina\u0308ren Modellen zu kurz kommt, sind Sichtweisen, die diese Polarisierung u\u0308berwinden und ihr eine pragmatisch-realistische Haltung entgegensetzen. INES setzt sich ein f\u00fcr eine Perspektive, die Migration und die damit verbundene Pluralisierung weder als gut noch als schlecht betrachtet, sondern als Tatsachen in einer von Kriegen, Wohlstandsunterschieden, Klimakatastrophen, globalisierter Kommunikation und Mobilita\u0308t gepr\u00e4gten Welt. Tatsachen, die sowohl neue Mo\u0308glichkeiten ero\u0308ffnen als auch Herausforderungen mit sich bringen.<\/p>\n<p>Es gilt, diese postmigrantische Realita\u0308t der Schweiz im Sinne der Verfassung und ihrer Werte zu gestalten: demokratisch, freiheitlich, solidarisch, menschenrechtsbasiert und sozial gerecht. Die, die heute schon da sind, und die, die morgen noch kommen werden, sind faktisch Mitglieder derselben Schicksalsgemeinschaft. Dieses Eingesta\u0308ndnis schafft Gestaltungsra\u0308ume und ebnet den Weg zu einer neuen Zukunft. Vonn\u00f6ten ist ein Austausch dar\u00fcber, wer und was die Schweiz ausmacht und was sie sein kann und will.<\/p>\n<p>INES hat sich der Aufgabe gestellt, diesen Fragen nachzugehen. Nebst einem historischen Ru\u0308ckblick und einer Gegenwartsanalyse begeben sich verschiedene Akteur*innen in unserem Handbuch auf die Suche nach einem neuen Gemeinsinn und einer neuen Demokratie im Zeitalter der Migration und Globalisierung. Ihre Beitr\u00e4ge sind ebenso dezidiert wie ergebnisoffen, behutsam und lautstark sowie ernsthaft und ironisch zugleich und formulieren damit ein Gespra\u0308chsangebot fu\u0308r eine gemeinsame Zukunft.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-7490\" src=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/ines_book_lr_cover_s.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"356\" srcset=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/ines_book_lr_cover_s.jpg 500w, https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/ines_book_lr_cover_s-300x214.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/p>\n<p><em>Dieser zweiteilige Blogbeitrag basiert auf der <a href=\"https:\/\/institutneueschweiz.ch\/De\/Blog\/292\/Einleitung_Handbuch_Neue_Schweiz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Einleitung im HANDBUCH NEUE SCHWEIZ<\/a><\/em><em>, das k\u00fcrzlich von INES herausgegeben wurde und im <a href=\"https:\/\/www.diaphanes.net\/titel\/handbuch-neue-schweiz-6706\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Diaphanes Verlag<\/a><\/em><em> erschienen ist.<\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/ueber-uns\/person\/nagu\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Tarek Naguib<\/a> und <a href=\"https:\/\/uzh.academia.edu\/KijanEspahangizi\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kijan Espahangizi<\/a><\/em><em>,<\/em><em> Institut Neue Schweiz. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der postmigrantische Think &amp; Act Tank Institut Neue Schweiz INES steht f\u00fcr eine vielstimmige und solidarische, selbstkritische und ergebnisoffene #NeueSchweiz, die das Denken in \u00abWir\u00bb und \u00abIhr\u00bb \u00fcberwindet. 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