{"id":7691,"date":"2022-04-19T09:30:47","date_gmt":"2022-04-19T07:30:47","guid":{"rendered":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/?p=7691"},"modified":"2025-03-09T19:03:20","modified_gmt":"2025-03-09T18:03:20","slug":"migration-und-alter-was-transnationalitat-fur-die-soziale-arbeit-bedeutet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/migration-und-alter-was-transnationalitat-fur-die-soziale-arbeit-bedeutet\/","title":{"rendered":"Migration und Alter: Was Transnationalit\u00e4t f\u00fcr die Soziale Arbeit bedeutet"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00c4ltere Migrant*innen verst\u00e4rken im Alter h\u00e4ufig ihre transnationalen Bez\u00fcge. Sie pendeln zwischen Herkunfts- und Aufnahmeland oder leisten finanzielle Unterst\u00fctzung \u00fcber Landesgrenzen hinweg. Dies ist mit Chancen und Herausforderungen f\u00fcr die Soziale Arbeit verbunden. Es stellt sich daher die Frage, mit welchen Facetten von Transnationalit\u00e4t die Sozialarbeitenden konfrontiert sind und wie sie damit umgehen. <\/strong><\/p>\n<p>Soziale Arbeit kann in Bezug auf das Transnationale drei Formen annehmen: 1. Die transnational sensible Ausgestaltung von lokalen Angeboten, 2. die Kooperation von Sozialarbeitenden in Aufnahme- und Herkunftsl\u00e4ndern und 3. die Gr\u00fcndung grenz\u00fcberschreitender Dienste (<a href=\"https:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/full\/10.1080\/21931674.2015.1101243\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Boccagni, Righard &amp; Bolzman 2015<\/a>, 316). Dieser Blog-Beitrag befasst sich mit der erstgenannten Form und fokussiert insbesondere auf das Thema Transnationalit\u00e4t im Alter. Nehmen wir drei Beispiele: Frau Sanchez, Herr Demirci und Frau Rossi. In Wirklichkeit heissen sie anders, ihre Geschichten sind jedoch wahr.<\/p>\n<p>Frau Sanchez lebt seit 1962 in der Schweiz. Sie ist seit einem Jahr nicht mehr berufst\u00e4tig und m\u00f6chte die neu gewonnene Freiheit daf\u00fcr nutzen, im Jahr rund f\u00fcnf Monate in ihrem Herkunftsland Spanien zu verbringen. Dort besitzt sie eine Eigentumswohnung. Da Frau Sanchez\u2019 Rente sehr tief ist, m\u00f6chte sie Erg\u00e4nzungsleistungen (EL) zur AHV beziehen. Sie wendet sich deshalb an eine Sozialberaterin. Von ihr erf\u00e4hrt sie aber, dass sie f\u00fcr einen EL-Bezug nicht mehr als drei Monate pro Jahr ausserhalb der Schweiz verbringen darf. Ausserdem habe sie wegen ihrer Immobilie in Spanien kein Anrecht auf EL.<\/p>\n<p>Nun zu Herrn Demirci. Er ist 70- j\u00e4hrig, stammt aus der T\u00fcrkei und wohnt schon lange in der Schweiz. Seine Verwandten, die in verschiedenen L\u00e4ndern leben, unterst\u00fctzt er finanziell. Er ist auch in seinem Alter erwerbst\u00e4tig, damit er diese Zusatzaufw\u00e4nde decken kann. Weil er aus seiner Wohnung ausziehen muss, sucht er eine Beratungsstelle f\u00fcr Wohnen im Alter auf. Seine finanziellen Verpflichtungen im Ausland thematisiert er dort jedoch nicht.<\/p>\n<p>Die 64-j\u00e4hrige Frau Rossi wiederum spielt mit der Idee, definitiv in ihr Herkunftsland Italien zur\u00fcckzukehren. Welche Altersstrukturen und -angebote erwarten sie dort? Dar\u00fcber m\u00f6chte sie mit einer Fachperson sprechen. Sie wendet sich an eine Beratungsstelle zu Altersfragen an ihrem Wohnort in der Schweiz. Die Stelle hat den Auftrag, in allen Fragen rund ums Alter(n) zu beraten.<\/p>\n<p>Die drei Beispiele zeigen, dass transnationale Bez\u00fcge vielf\u00e4ltig und nicht nur geografischer Art sein k\u00f6nnen. Bei Frau Sanchez und Frau Rossi geht es unter anderem um physische Mobilit\u00e4t \u00fcber Landesgrenzen hinweg, bei Herrn Demirci um transnationale finanzielle Unterst\u00fctzungsbeziehungen. Mit welchen Herausforderungen sehen sich die Sozialarbeitenden bei den drei Beispielen konfrontiert?<\/p>\n<p><strong>Einschr\u00e4nkende rechtliche Rahmenbedingungen<\/strong><\/p>\n<p>Im Beispiel von Frau Sanchez wird deutlich, dass die rechtlichen Rahmenbedingungen das Handeln der Ratsuchenden einschr\u00e4nken. Die in der <a href=\"http:\/\/www.zhaw.ch\/transnational\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ZHAW-Studie \u00abTransnationale Lebensr\u00e4ume und Unterst\u00fctzungsnetzwerke \u00e4lterer Migrantinnen und Migranten\u00bb<\/a> interviewten Sozialarbeitenden sehen ihren Auftrag angesichts dieser Ausgangslage insbesondere darin, \u00fcber diese Rahmenbedingungen zu informieren. Ebenso wollen sie die Bedeutung der transnationalen Bez\u00fcge f\u00fcr die betreffenden Personen ernst nehmen und M\u00f6glichkeiten finden, die Handlungsf\u00e4higkeit der Betroffenen lokal und transnational zu st\u00e4rken.<\/p>\n<p><strong>Bez\u00fcge zum Heimatland systematisch erfragen<\/strong><\/p>\n<p>Bei Herrn Demirci stellt sich die Frage, wie stark Sozialarbeitende Bez\u00fcge der Ratsuchenden ausserhalb der Schweiz standardm\u00e4ssig erfragen sollen, um deren gesamte Lebenssituation besser zu verstehen. Unsere Online-Befragung ergab, dass 55\u00a0% der Sozialarbeitenden Ressourcen und Bez\u00fcge, welche die \u00e4lteren Menschen mit Migrationshintergrund ausserhalb der Schweiz haben, aktiv erfassen. Allf\u00e4llige soziale Verpflichtungen ausserhalb der Schweiz werden von 42\u00a0% der Befragten angesprochen.\u00a0 Die zum Teil fehlende Sensibilit\u00e4t f\u00fcr transnationale Bez\u00fcge h\u00e4ngt damit zusammen, dass Soziale Arbeit noch stark von einem Ortsbezug von sozialen Beziehungen ausgeht. Es ist deshalb sehr personenbezogen, ob Sozialarbeitende Transnationalit\u00e4t der Ratsuchenden als wichtig erachten und deshalb auch aktiv erfragen oder nicht.<\/p>\n<p><strong>L\u00e4nderkenntnisse oder transnationale Vernetzung?<\/strong><\/p>\n<p>Bei Frau Rossi zeigt sich eine weitere Herausforderung: Welche transnationalen Kenntnisse sollte sich die Soziale Arbeit aneignen, um lokal gut beraten zu k\u00f6nnen? Von den befragten Sozialarbeitenden sind 52\u00a0% der Ansicht, dass ihnen Wissen zu bestimmten L\u00e4ndern und Regionen fehlt, um gute grenz\u00fcberschreitende Beratung leisten zu k\u00f6nnen. Eine Vernetzung mit Sozialarbeitsstellen mit Sitz im Ausland ist bei den befragten Sozialarbeitsstellen bisher ausserdem nicht vorhanden. Keine der befragten Stellen vernetzt sich mit Organisationen, die ihren Sitz in den Herkunftsl\u00e4ndern der Ratsuchenden haben.<\/p>\n<p><strong>Vorteile der \u00abTransnationalit\u00e4tsbrille\u00bb<\/strong><\/p>\n<p>In theoretischen Publikationen wird gefordert, dass Sozialarbeitende verst\u00e4rkt eine \u00abtransnationale Brille\u00bb aufsetzen sollen, um den zunehmenden l\u00e4nder\u00fcbergreifenden Bez\u00fcgen von Ratsuchenden besser gerecht werden zu k\u00f6nnen. In der Praxis sieht es allerdings \u2013 wie die drei Beispiele zeigen \u2013 anders aus, wie ein von uns befragter Sozialarbeiter zusammenfasst: <em>\u00abTransnationale Vernetzung zu thematisieren, ist in der Beratung die K\u00fcr, nicht die Pflicht.\u00bb <\/em>Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass Transnationalit\u00e4t der Adressat*innen der Sozialen Arbeit in hohem Masse vorhanden ist, allerdings in der Praxis der Sozialen Arbeit noch keine systematische Ber\u00fccksichtigung dieser Transnationalit\u00e4tskomponente besteht. Auch erfolgt kein expliziter Bezug auf theoretische Konzepte von \u00abTransnationalit\u00e4t\u00bb. Es besteht eine Art Theorie-Praxis-Gap.<\/p>\n<p>Durch den systematischen Einbezug der transnationalen Komponente in Organisationen der Sozialen Arbeit k\u00f6nnen jedoch die Chancen, die solche Bez\u00fcge f\u00fcr die jeweiligen Personen beinhalten, gest\u00e4rkt werden. Im besten Fall k\u00f6nnen damit die Handlungsspielr\u00e4ume der Adressat*innen lokal und transnational erweitert werden. Die rechtlichen Schranken werden bleiben, eine \u00abtransnationale Brille\u00bb erm\u00f6glicht es aber, innerhalb dieser Rahmenbedingungen Handlungsoptionen der Klient*innen der Sozialen Arbeit zu erweitern. Ausserdem k\u00f6nnte ein transnationaler Blick in der Sozialen Arbeit bedeuteten, dass das Thema der Integration vielf\u00e4ltiger gedacht werden kann.<\/p>\n<p>Bei Frau Sanchez bedeutet ein transnationaler Blick vor allem, dass \u00fcber die einschr\u00e4nkenden rechtlichen Rahmenbedingungen informiert wird. Die Lebenssituation von Herrn Demirci k\u00f6nnte mit einem transnationalen Blick besser verstanden werden, und bei Frau Rossi br\u00e4uchte es eine Vernetzung mit Sozialarbeitsstellen in Herkunftsl\u00e4ndern, damit die Ratsuchende umfassend beraten werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><em>Publikationen zur Studie sind auf <\/em><a href=\"http:\/\/www.zhaw.ch\/transnational\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>www.zhaw.ch\/transnational<\/em><\/a><em> abrufbar. <\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/ueber-uns\/person\/kobi\/\"><em>Sylvie Johner-Kobi<\/em><\/a><em> ist Professorin an der ZHAW Soziale Arbeit am <\/em><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/sozialearbeit\/institute-zentren\/ivgt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Institut f\u00fcr Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe<\/em><\/a><em>. <\/em><\/p>\n<p>Referenzen:<\/p>\n<p>\u2013 Paolo Boccagni, Erica Righard &amp; Claudio Bolzman (2015). <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1080\/21931674.2015.1101243\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mapping Transnationalism: Transnational social work with migrants<\/a>, <em>Transnational Social Review<\/em> 5(3), 312\u2013319.<br \/>\n\u2013 Johner-Kobi, Sylvie, Garabet G\u00fcl, Uwe Koch, Milena Gehrig (2020). <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.21256\/zhaw-20178\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Transnationale Lebensr\u00e4ume und Unterst\u00fctzungsnetzwerke \u00e4lterer Migrantinnen und Migranten<\/em><\/a>. Z\u00fcrich: ZHAW Z\u00fcrcher Hochschule f\u00fcr Angewandte Wissenschaften.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00c4ltere Migrant*innen verst\u00e4rken im Alter h\u00e4ufig ihre transnationalen Bez\u00fcge. Sie pendeln zwischen Herkunfts- und Aufnahmeland oder leisten finanzielle Unterst\u00fctzung \u00fcber Landesgrenzen hinweg. Dies ist mit Chancen und Herausforderungen f\u00fcr die Soziale Arbeit verbunden. Es stellt sich daher die Frage, mit welchen Facetten von Transnationalit\u00e4t die Sozialarbeitenden konfrontiert sind und wie<\/p>\n","protected":false},"author":243,"featured_media":7747,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[8,988],"tags":[209,212,226,232,551,234],"coauthors":[987],"class_list":["post-7691","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-good-practices","category-transnational-ageing","tag-borders","tag-civil-society","tag-integration","tag-social-security","tag-social-work","tag-switzerland"],"acf":[],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7691","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/243"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7691"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7691\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7751,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7691\/revisions\/7751"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7747"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7691"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7691"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7691"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=7691"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}