{"id":7734,"date":"2022-04-26T09:30:03","date_gmt":"2022-04-26T07:30:03","guid":{"rendered":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/?p=7734"},"modified":"2025-03-09T18:53:22","modified_gmt":"2025-03-09T17:53:22","slug":"mediterrane-abteilungen-in-schweizer-altersheimen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/mediterrane-abteilungen-in-schweizer-altersheimen\/","title":{"rendered":"\u00abMediterrane Abteilungen\u00bb in Schweizer Altersheimen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ob gewollt oder nicht &#8211; in der Schweiz verbringen viele Menschen ihr Lebensende in einem Altersheim wo sie den Alltag oft als klinisch und eint\u00f6nig erleben. Initiiert von migrantischen Organisationen, wird in \u00abmediterranen Abteilungen\u00bb versucht, herkunftsbezogene Lebenswelten f\u00fcr das transnationale Altern zu schaffen. Diese nehmen je nach historischem, sozialem und institutionellem Kontext eine spezifische Form an. Das Projekt \u00abCaring about Diversities\u00bb untersucht die daraus resultierende Pflegepraxis.<\/strong><\/p>\n<p>Die Vorstellung von Altersheimen l\u00f6st oft gemischte Gef\u00fchle aus. Beim Eintritt in ein Altersheim gibt eine Person meist unfreiwillig die eigene Lebenswelt auf. F\u00fcr migrantische Personen k\u00f6nnen damit auch herkunftsspezifische Bez\u00fcge in ihrem bis anhin transnational gepr\u00e4gten Alltag wegfallen. Der eigene Handlungsspielraum wird zudem zunehmend durch psychische und physische Beeintr\u00e4chtigungen eingeschr\u00e4nkt, wodurch dem Personal und dem Heim bei der Ausgestaltung der neuen Lebenswelt viel Gestaltungsmacht zuf\u00e4llt. Trotzdem wird f\u00fcr Personen, die Pflege und Betreuung brauchen, das Heim oft zur pragmatisch besten Option.<\/p>\n<p>In den letzten zehn Jahren sind in verschiedenen Altersheimen der Schweiz Angebote entstanden, welche sich auf bestimmte Personengruppen ausrichten. Unser Forschungsprojekt <a href=\"https:\/\/www.bfh.ch\/de\/forschung\/referenzprojekte\/caring-about-diversities\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00abCaring about Diversities\u00bb<\/a> besch\u00e4ftigt sich mit neuen Ans\u00e4tzen der station\u00e4ren Langzeitpflege. Ein solches Setting stellen die sogenannten \u00abmediterranen Abteilungen\u00bb dar, die in erster Linie f\u00fcr italienisch-sprachige Personen, sowie Personen aus verwandten Sprachr\u00e4umen wie Spanien und Portugal geschaffen wurden.<\/p>\n<p><strong>Was sind \u00abmediterrane Abteilungen\u00bb?<\/strong><\/p>\n<p>Die konkrete Ausgestaltung \u00abmediterraner\u00bb Pflegeabteilungen unterscheidet sich je nach Institution. Gemeinsam ist den Abteilungen, dass versucht wird, gewisse Merkmale dessen aufzugreifen, was als \u00abitalienisch\u00bb verstanden wird. Darunter fallen insbesondere die Sprache, aber beispielsweise auch ein eigenes Verpflegungsangebot oder eine italienischsprachige Messe. Insofern k\u00f6nnen diese Massnahmen als Versuch verstanden werden, die altersbedingte Pflege an von einer Gruppe geteilte Bed\u00fcrfnisse anzupassen und dadurch qualitativ zu verbessern.<\/p>\n<p>Dieser Ansatz hat gewiss Vorteile, er birgt jedoch auch Herausforderungen. Die geteilte Sprache von Personal und Bewohnenden vereinfacht die Kommunikation und erm\u00f6glicht einen vertieften Austausch. Dies erlaubt das Aushandeln von Bed\u00fcrfnissen wie der \u00abauthentischen\u00bb Zubereitung eines italienischen Gerichts oder das gemeinsame Erleben eines italienischen Konzerts. Gleichzeitig besteht die Gefahr, diskriminierende und stereotypische Tendenzen zu verfestigen und sich dadurch wieder von der konkreten Lebenswelt der einzelnen Person wegzubewegen.<\/p>\n<p><strong>\u00abMediterrane Abteilungen\u00bb im geografischen und historischen Kontext<\/strong><\/p>\n<p>Die Tendenz zur Verallgemeinerung beginnt bereits bei der Bezeichnung: Was als \u00abmediterran\u00bb bezeichnet wird, bezieht sich haupts\u00e4chlich auf Personen italienischer Herkunft. Tats\u00e4chlich umfasst der Mittelmeerraum als Herkunftsgebiet jedoch Menschen aus 20 weiteren L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Wenn wir die Entstehung der \u00abmediterranen Abteilungen\u00bb historisch verorten, werden die Verbindungen des Begriffs zur schweizerischen Politik deutlich: W\u00e4hrend der Nachkriegszeit, als in Italien f\u00fcr viele Menschen wirtschaftliche Perspektiven fehlten, rekrutierte die Schweiz gezielt Personen f\u00fcr Arbeitseins\u00e4tze aus Italien. Der damalige gesellschaftliche und politische Diskurs reduzierte diese Menschen h\u00e4ufig auf ihre Arbeitskraft und l\u00f6ste die \u00ab\u00dcberfremdungsdebatte\u00bb in der Schweiz aus. Damit verbunden wurde der rechtliche Rahmen gezielt angepasst, um die Selbstbestimmung der Menschen \u00fcber die Dauer ihres Aufenthalts zu unterbinden. In diesem Kontext wurde der zynische Begriff des \u00abGastarbeiters\u00bb gebr\u00e4uchlich, welcher noch heute oft unreflektiert verwendet wird. Max Frisch kommentierte dazu treffend: <em>\u00abMan hat Arbeitskr\u00e4fte gerufen, und es kommen Menschen.\u00bb<\/em><\/p>\n<p>Viele Personen italienischer Herkunft, die als junge Arbeiter*innen in die Schweiz kamen, sind trotzdem hier alt geworden. \u00dcber die Jahre setzten sich migrantische Organisationen wie Gewerkschaften, Vereine und die katholische Kirche deswegen f\u00fcr eine Alterspflege ein, welche der Herkunft italienischer Migrant*innen Rechnung tr\u00e4gt. Dieses Engagement war der Anstoss f\u00fcr die Entstehung spezifischer Pflegeabteilungen.<\/p>\n<p>Die Haltung gegen\u00fcber italienischen Personen in der Schweiz scheint sich seither grundlegend ge\u00e4ndert zu haben: Statt \u00dcberfremdungsgefahr zu signalisieren, steht eine \u00abmediterrane\u00bb Abteilung nun f\u00fcr die \u00abgemeinschaftliche Lebensqualit\u00e4t\u00bb ihrer Bewohnenden und wird gezielt bei der Vermarktung eines Altersheims verwendet.<\/p>\n<p><strong>Transnationales Altern: Ein Versuch, die Komplexit\u00e4t institutioneller Pflegepraxis zu erfassen<\/strong><\/p>\n<p>Das Projekt \u00abCaring about Diversities\u00bb untersucht das Zusammenspiel verschiedener Spannungsfelder im Kontext \u00abmediterraner Abteilungen\u00bb und fragt, wie es sich auf die konkreten Pflegebeziehungen auswirkt. W\u00e4hrend der ethnografischen Feldforschung auf einer \u00abmediterranen Abteilung\u00bb wurde sichtbar, dass die Entstehung von migrantisch orientierter Alterspflege nicht nur als geografisch und historisch, sondern auch als sozial und institutionell situiert zu verstehen ist.<\/p>\n<p>Es geht also nicht nur um Pflege, sondern auch um die soziale Konstruktion von Differenzkategorien und wie sich diese \u00fcber die Zeit ver\u00e4ndern und mit gesellschaftlichen Machtstrukturen zusammenspielen. Auch die Arbeitsorganisation eines Heims als Institution spielt eine wichtige Rolle. Beispielsweise sollte das Personal auf der untersuchten Abteilung italienisch sprechen und gleichzeitig Deutsch als Arbeitssprache beherrschen. Diese erh\u00f6hten Anforderungen an sprachliche Kompetenzen werden jedoch weder gef\u00f6rdert, noch schlagen sie sich im Lohn nieder. Ausserdem werden zur \u00abLeistungserhebung\u00bb von der Heimleitung dieselben pflegerischen und betriebswirtschaftlichen Indikatoren wie f\u00fcr die gesamte Institution verwendet. Alterspflege soll also zugleich massgeschneidert werden und verallgemeinerbaren Standards entsprechen.<\/p>\n<p>Das Konzept des \u00abtransnationalen Alterns\u00bb, hilft dabei, die Komplexit\u00e4t der Pflegepraxis in \u00abmediterranen Abteilungen\u00bb zu verstehen. Aus dieser Perspektive wird in unserer Forschung sichtbar, wie in einem betriebswirtschaftlich orientierten Altersheim der Wunsch nach einer italienischen Lebenswelt auf sozial-historisch gepr\u00e4gte Vorstellungen von Italiener*innen und Italien in der Schweiz trifft und die Pflegebeziehungen eine von diesem Zusammenspiel gepr\u00e4gte spezifische Form annehmen.<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.bfh.ch\/de\/ueber-die-bfh\/personen\/dm2v4yuzfmhx\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Thierry Meli<\/a> doktoriert an der Berner Fachhochschule Gesundheit Pflege, Fachbereich Pflege. Das Doktorat ist Teil vom <a href=\"https:\/\/www.bfh.ch\/de\/forschung\/referenzprojekte\/caring-about-diversities\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">SNF Projekt \u00abCaring about Diversities\u00bb<\/a> und an das Institut f\u00fcr Sozialanthropologie der Universit\u00e4t Bern angebunden.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob gewollt oder nicht &#8211; in der Schweiz verbringen viele Menschen ihr Lebensende in einem Altersheim wo sie den Alltag oft als klinisch und eint\u00f6nig erleben. Initiiert von migrantischen Organisationen, wird in \u00abmediterranen Abteilungen\u00bb versucht, herkunftsbezogene Lebenswelten f\u00fcr das transnationale Altern zu schaffen. 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