{"id":8244,"date":"2022-09-21T09:30:15","date_gmt":"2022-09-21T07:30:15","guid":{"rendered":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/?p=8244"},"modified":"2022-09-21T10:11:48","modified_gmt":"2022-09-21T08:11:48","slug":"jugendliche-mit-und-ohne-migrationshintergrund-erwarten-gegenseitige-integration-in-der-schule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/jugendliche-mit-und-ohne-migrationshintergrund-erwarten-gegenseitige-integration-in-der-schule\/","title":{"rendered":"Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund erwarten gegenseitige Integration in der Schule"},"content":{"rendered":"<p><strong>Durch weltweite Migrationsbewegungen entsteht nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch im Schulkontext eine kulturelle Heterogenit\u00e4t. Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund treffen in der Schule somit auf Mitsch\u00fcler*innen, welche unterschiedliche kulturelle Hintergr\u00fcnde haben. Neuste Forschungsresultate zeigen auf, dass Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund die gemeinsame Integration bevorzugen und von Schulen erwarten, dass sie den interkulturellen Kontakt und Austausch f\u00f6rdern.<\/strong><\/p>\n<p>Ver\u00e4nderungen und Anpassungen, die Individuen und Gruppen aufgrund interkultureller Kontakte durchlaufen, werden unter dem Begriff der <em>Akkulturation <\/em>erfasst (Berry, 2019). Bisher wurde in erster Linie erforscht, welche Einstellungen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund \u00fcber die Akkulturation von Gruppen oder Individuen mit Migrationshintergrund haben.<\/p>\n<p>Dabei wurden zwei Dimensionen untersucht (Bourhis et al., 1997): ob migrierte Personen (1) eine herkunftsbezogene kulturelle Orientierung behalten und\/oder (2) ihre kulturelle Orientierung an der Mehrheitsgesellschaft ausrichten. Durch die Kombination dieser zwei Dimensionen ergeben sich vier Akkulturationsstrategien: <em>Integration<\/em> (Zustimmung zu 1 und 2), <em>Assimilation<\/em> (Ablehnung von 1 und Zustimmung zu 2), <em>Separation<\/em> (Zustimmung zu 1 und Ablehnung von 2) und <em>Marginalisierung<\/em> (Ablehnung von 1 und 2).<\/p>\n<p>Akkulturationseinstellungen werden oft im Zusammenhang mit soziokulturellen oder psychologischen Anpassungen erforscht. Die Integrationshypothese geht davon aus, dass eine Integrationsstrategie zur besten Anpassung f\u00fchrt.<\/p>\n<p><strong>Von der einseitigen zur gegenseitigen Akkulturation<\/strong><\/p>\n<p>Der bisherige Fokus auf Migrant*innen ist aber einseitig, da auch Menschen ohne Migrationshintergrund interkulturellen Kontakt haben und ihre Orientierungen ver\u00e4ndern und anpassen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die neuste Forschung untersucht daher Akkulturationseinstellungen und Anpassungen von Personen mit und ohne Migrationshintergrund (Sidler et al., 2021). Von Interesse dabei sind sowohl Akkulturationserwartungen (beispielsweise, wenn in der Mehrheitsgesellschaft die Erwartung vorherrscht, dass Migrant*innen die lokale Sprache erlernen) als auch Akkulturationsorientierungen (beispielsweise, wenn sich Traditionen von Migrant*innen in der Mehrheitsgesellschaft etablieren).<\/p>\n<p><strong>Wer hat nun einen Migrationshintergrund?<\/strong><\/p>\n<p>Die Kategorie Migrationshintergrund wird je nach Land unterschiedlich definiert. In der Schweiz umfasst diese \u00ab<a href=\"https:\/\/www.bfs.admin.ch\/bfs\/de\/home\/statistiken\/bevoelkerung\/migration-integration\/nach-migrationsstatuts.html\"><u>Personen ausl\u00e4ndischer Staatsangeh\u00f6rigkeit und eingeb\u00fcrgerte Schweizerinnen und Schweizer \u2013 mit Ausnahme der in der Schweiz Geborenen mit Eltern, die beide in der Schweiz geboren wurden \u2013 sowie die geb\u00fcrtigen Schweizerinnen und Schweizer mit Eltern, die beide im Ausland geboren wurden<\/u><\/a>\u00bb. Problematisch an dieser Kategorisierung ist, dass sie weder nach Migrationsgeneration, Migrationsstatus oder Herkunftsort differenziert (Nauck &amp; Genoni, 2019) noch die Selbstidentifikation der Betroffenen ber\u00fccksichtigt (<a href=\"https:\/\/www.bug-ev.org\/themen\/schwerpunkte\/dossiers\/erhebung-von-gleichheits-und-partizipationsdaten\/grundsaetze-der-erhebung-von-sensiblen-daten\/selbstidentifizierung-garantieren\">Horvath, 2019<\/a>).<\/p>\n<p><strong>Neuste Forschungsergebnisse aus Deutschland, Griechenland und der Schweiz<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben Einstellungen zur gegenseitigen Akkulturation und deren Zusammenhang mit psychologischen Anpassungen von Sch\u00fcler*innen in Sekundarschulen in Deutschland, Griechenland und der Schweiz erforscht (Sidler et al., 2022). Vier Dimensionen dieser Einstellungen zur gegenseitigen Akkulturation wurden erfasst: ob Jugendliche mit Migrationshintergrund (1) eine herkunftsbezogene kulturelle Orientierung beibehalten d\u00fcrfen, (2) ob sie sich an die lokalen kulturellen Gegebenheiten anpassen sollen, (3) ob Deutsche \/ Griechische \/ Schweizerische Jugendliche die kulturellen Hintergr\u00fcnde von Jugendlichen mit Migrationshintergrund kennenlernen sollen und (4) ob Schulen in Deutschland \/ Griechenland \/ der Schweiz den interkulturellen Kontakt und Austausch f\u00f6rdern sollen.<\/p>\n<p>Akkulturationsmuster wurden in jedem Land f\u00fcr Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund analysiert. Die Jugendlichen wurden aufgrund ihrer Angaben zu ihrer Nationalit\u00e4t sowie ihrem Geburtsort und jenem ihrer Eltern in eine der Kategorien eingeteilt. Kein Migrationshintergrund besitzt in dieser Studie, wer die lokale Nationalit\u00e4t hat und selbst inklusive beider Eltern im jeweiligen Land geboren wurde. W\u00e4hrend die oben erw\u00e4hnten Nachteile auch auf diese Kategorisierung zutreffen, bezieht sie mit dem Kriterium der Nationalit\u00e4t gesellschaftliche Machtpraktiken mit ein (Connell, 1998) und unterscheidet zwischen jenen die bez\u00fcglich ihrer <a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/fur-ein-stimm-und-wahlrecht-fur-alle-einwohnerinnen-der-schweiz\/\"><u>politischen Rechte<\/u><\/a> zur dominanten Mehrheitsgesellschaft geh\u00f6ren oder eben nicht.<\/p>\n<p>Die entdeckten Akkulturations-Profile wurden in einem zweiten Schritt mit dem Selbstwert (ob sie sich als liebenswert und wertvoll bezeichnen) und der Selbstdetermination (ob sie sich als kompetent, sozial eingebettet und autonom empfinden) der Jugendlichen verglichen.<\/p>\n<p><strong>Jugendliche w\u00fcnschen sich gegenseitige Integration<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund wurden in allen drei L\u00e4ndern drei Akkulturationsprofile gefunden. Das erste Profil <em>starke gegenseitige Integration<\/em> zeichnet sich durch eine hohe Zustimmung zu allen vier Akkulturationsdimensionen aus. Das zweite Profil <em>milde gegenseitige Integration<\/em> weist eine hohe Zustimmung zur ersten Dimension (Jugendliche mit Migrationshintergrund d\u00fcrfen eine herkunftsbezogene kulturelle Orientierung behalten) aus. Das dritte Profil <em>tiefe Verantwortung der Mehrheitsgesellschaft<\/em> ist gepr\u00e4gt von einer starken Ablehnung der beiden Mehrheitsakkulturationsdimensionen und lehnt es somit ab, dass Deutsche \/ Griechische \/ Schweizerische Jugendliche die kulturellen Orientierungen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund kennen lernen und die Schulen interkulturellen Kontakt und Austausch erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6ssten Unterschiede zwischen den drei Profilen finden sich in Bezug zur Mehrheitsakkulturation. Dies k\u00f6nnte daher r\u00fchren, dass sich der Integrationsdiskurs normalerweise auf Menschen mit Migrationshintergrund bezieht und die gegenseitige Integration ein ungewohntes Konzept ist.<\/p>\n<p>Trotz der drei sehr unterschiedlichen nationalen Kontexte sind sich die zwei Integrationsprofile von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund jedoch erstaunlich \u00e4hnlich. Insgesamt w\u00fcnscht sich eine grosse Mehrheit (86% bis 94%) der in Deutschland, Griechenland und der Schweiz befragten Jugendlichen eine gegenseitige Integration und erwartet, dass sich die Schulen daran beteiligen und interkulturellen Kontakt und Austausch f\u00f6rdern.\u00a0Unsere Forschungsergebnisse best\u00e4tigen zudem die Integrationshypothese: Je st\u00e4rker Jugendliche den vier Dimensionen zustimmen und eine gegenseitige Integration bef\u00fcrworten, desto h\u00f6her sind auch ihr Selbstwert und ihre Selbstdetermination.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/who-is-who\/people\/?p_id=10052\"><em>Petra Sidler<\/em><\/a><em> ist Doktorandin an der Universit\u00e9 de Neuch\u00e2tel, an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) und im nccr \u2013 on the move Projekt <\/em><a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/projects\/overcoming-inequalities-in-the-labor-market-can-educational-measures-strengthen-the-agency-and-resilience-of-migrants-refugees-and-their-descendants\/\"><em>Overcoming Inequalities in the Labor Market: Can Educational Measures Strengthen the Agency and Resilience of Migrants, Refugees, and their Descendants?<\/em><\/a><\/p>\n<p>Referenzen<\/p>\n<p>\u2013Berry, J. W. (2019). Acculturation: A personal journey across cultures. Cambridge University Press.<br \/>\n\u2013Bourhis, R. Y., Moise, L. C., Perreault, S., &amp; Senecal, S. (1997). <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1080\/002075997400629\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Toward an interactive acculturation model:\u00a0 A social psychological approac<\/a><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1080\/002075997400629\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">h<\/a>. International Journal of Psychology, 32(6), 369\u2013386.<br \/>\n\u2013Connell, R. W. (1998). <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1177\/1097184x98001001001\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Masculinities and globalization<\/a>. Men and Masculinities, 1(1), 3\u201323.<br \/>\n\u2013Horvath, K. (2019). <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1177\/1468796819833432\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Migration background\u2013Statistical classification and the problem of implicitly ethnicising categorisation in educational contexts<\/a>. Ethnicities, 19(3), 558\u2013574.<br \/>\n\u2013Nauck, B., &amp; Genoni, A. (2019). <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1007\/s11618-019-00887-z\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Status transition in the educational system and well-being of migrant adolescents in cross-national comparison<\/a>. Zeitschrift f\u00fcr Erziehungswissenschaft, 22(1), 47\u201369.<br \/>\n\u2013Sidler, P., Kassis, W., Makarova, E., &amp; Janousch, C. (2021). <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.ijintrel.2021.08.009\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Assessing attitudes toward mutual acculturation in multicultural schools: Conceptualisation and validation of a four-dimensional mutual\u00a0 acculturation attitudes scale.<\/a> International Journal of Intercultural Relations, 84, 300\u2013314.<br \/>\n\u2013Sidler, P., Baysu, G., Kassis, W., Janousch, C., Chouvati, R., Govaris, C., Graf, U., &amp; Rietz, C. (2022). <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/article\/10.1007\/s10964-022-01604-6\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Minority and Majority Adolescents\u2019 Attitudes toward Mutual Acculturation and its Association with Psychological Adjustment<\/a>.\u00a0<em>Journal of Youth and Adolescence<\/em>, 1-25.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Durch weltweite Migrationsbewegungen entsteht nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch im Schulkontext eine kulturelle Heterogenit\u00e4t. Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund treffen in der Schule somit auf Mitsch\u00fcler*innen, welche unterschiedliche kulturelle Hintergr\u00fcnde haben. Neuste Forschungsresultate zeigen auf, dass Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund die gemeinsame Integration bevorzugen und von Schulen<\/p>\n","protected":false},"author":195,"featured_media":8185,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[1050],"tags":[1061,210,217,1062,226],"coauthors":[884],"class_list":["post-8244","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-overcoming-inequalities","tag-bildungspolitik-2","tag-children-youth","tag-education","tag-heterogenitaet-in-der-schule-2","tag-integration"],"acf":[],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8244","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/195"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8244"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8244\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8251,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8244\/revisions\/8251"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8185"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8244"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8244"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8244"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=8244"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}