{"id":8833,"date":"2023-05-10T09:30:41","date_gmt":"2023-05-10T07:30:41","guid":{"rendered":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/?p=8833"},"modified":"2025-03-09T18:29:11","modified_gmt":"2025-03-09T17:29:11","slug":"diskriminierung-im-wohnungsmarkt-als-struktureller-rassismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/diskriminierung-im-wohnungsmarkt-als-struktureller-rassismus\/","title":{"rendered":"Diskriminierung im Wohnungsmarkt als struktureller Rassismus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wir haben ein wissenschaftliches Experiment im Schweizer Wohnungsmarkt durchgef\u00fchrt. Dieses zeigt auf, dass Personen mit t\u00fcrkischen oder kosovo-albanischen Namen seltener zu Besichtigungsterminen eingeladen werden als Personen ohne solche Namen. Die Betroffenen erleben strukturellen Rassismus aufgrund ihrer Herkunft und werden auf der Suche nach einer Wohnung benachteiligt.<\/strong><\/p>\n<p>Sowohl Shqipe als auch Daniela haben die Anzeige f\u00fcr eine 3,5-Zimmer-Wohnung am ruhigen Stadtrand gesehen und finden beide, dass es ein toller Ort zum Leben w\u00e4re. Die Umgebung scheint perfekt und die Fotos in der Anzeige sind sch\u00f6n. Also wollen beide sicher sein, dass ihre Bewerbung heraussticht. Sie schreiben die Kontaktperson in der Anzeige an und senden ihr kurze Briefe, in denen sie sich vorstellen, so wie es die Immobilienplattform empfohlen hat. Nun entscheidet die Kontaktperson, wer die Wohnung bekommt.<\/p>\n<p>Daniela Gerber wird zu einem Besichtigungstermin eingeladen, doch Shqipe Krasniqi h\u00f6rt nichts mehr von der Kontaktperson. Wenn dies ein Einzelfall w\u00e4re, w\u00fcrde sich Shqipe Krasniqi wahrscheinlich nicht allzu viele Sorgen machen \u2013 es gab wohl zu viele Bewerbungen. Wahrscheinlich f\u00fchlt sich Shqipe Krasniqi jedoch benachteiligt, weil sie sp\u00fcrt, dass Personen wie sie wegen ihres Namens rassifiziert und daher nicht eingeladen werden. Diese Personen scheiden in dieser ersten Bewerbungsrunde h\u00e4ufiger aus, ohne die M\u00f6glichkeit, pers\u00f6nlich einen guten Eindruck zu hinterlassen.<\/p>\n<h5>Rassifizierung aufgrund t\u00fcrkisch oder albanisch klingender Namen<\/h5>\n<p>Dieses Beispiel illustriert, was wir in einem wissenschaftlichen Experiment untersucht und in <a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/zimmer-mit-aussicht-oder-einfach-irgendein-zimmer\/\">einem fr\u00fcheren Blogbeitrag beschrieben<\/a> haben. Wir haben im Zeitraum M\u00e4rz bis Oktober 2018 \u00fcber 11&#8217;000 fiktive Anfragen f\u00fcr Wohnungsbesichtigungen versendet: Von uns erstellte Kandidat*innen haben in allen Teilen der Schweiz versucht, einen Termin zu bekommen, sowohl in st\u00e4dtischen als auch l\u00e4ndlichen Gebieten.<\/p>\n<p>Die fiktiven Kandidaten und Kandidatinnen hatten verschiedene Namen, anhand derer wir eine allf\u00e4llige Diskriminierung messen konnten: einen Schweizer Namen, einen t\u00fcrkischen, einen kosovo-albanischen, oder einen aus den Nachbarl\u00e4ndern (je nach Sprachregion). Wir haben festgestellt, dass Menschen mit t\u00fcrkischen oder albanischen Namen seltener zu einem Besichtigungstermin eingeladen werden als Menschen mit Schweizer Namen.<\/p>\n<p>Weiter haben wir herausgefunden, dass die Einb\u00fcrgerung nicht vor Diskriminierung sch\u00fctzt. Die R\u00fccklaufquote f\u00fcr t\u00fcrkisch- oder albanisch-st\u00e4mmige Personen mit oder ohne Schweizer Staatsb\u00fcrgerschaft unterscheidet sich nicht. Andererseits werden Personen mit einem Namen aus einem Nachbarland nicht anders behandelt als Personen mit Schweizer Namen.<\/p>\n<p>Diese Unterschiede zeigen deutlich, dass es sich um eine Rassifizierung der betroffenen Personen aufgrund ihrer vermeintlichen Herkunft handelt und es nicht darum geht, ob jemand Schweizer*in ist oder nicht. Auch andere Gr\u00fcnde f\u00fcr die Diskriminierung k\u00f6nnen wir durch das experimentelle Verfahren ausschliessen.<\/p>\n<h5>Systematische Nachteile f\u00fcr rassifizierte Gruppen<\/h5>\n<p>Das Experiment zeigt: Wenn Vermieter*innen und Verwaltungen aufgrund rassistischer Zuschreibungen handeln, entstehen strukturelle Benachteiligungen. Auch wenn in den meisten F\u00e4llen beide Personen eingeladen werden, werden Menschen mit Schweizer Namen besser behandelt als Menschen mit &#8216;ausl\u00e4ndischen&#8217; Namen, und letztere haben als rassifizierte Personen einen systematischen Nachteil.<\/p>\n<p>Ein solches Experiment kann das Ph\u00e4nomen des strukturellen Rassismus nicht in seiner Komplexit\u00e4t ergr\u00fcnden, etwa, welche Stereotype beeinflussen, wie Menschen ihre Entscheidungen treffen. Es mag sich im Einzelfall um &#8216;Bauchentscheide&#8217; handeln, welche das n\u00e4chste Mal anders ausfallen k\u00f6nnen. Dank des Experiments k\u00f6nnen wir aber eindeutig belegen, dass im Schnitt Personen mit t\u00fcrkischen und kosovo-albanischen Namen benachteiligt werden.<\/p>\n<p>Ein Experiment, wie wir es durchf\u00fchrten, kann ebenso wenig die Folgen von Diskriminierung aufzeigen. M\u00f6gliche Folgen k\u00f6nnen sein, dass Shqipe Krasniqi sich woanders eine Wohnung suchen muss, etwa an einem Ort, wo die Miete h\u00f6her ist, oder an einer l\u00e4rmigen Strasse statt am ruhigen Stadtrand. Dies kann bedeuten, dass ihr aus der Benachteiligung am Wohnungsmarkt weitere Nachteile erwachsen, etwa aufgrund von L\u00e4rmbelastung in gesundheitlicher Hinsicht, oder in Form einer schlechteren Erreichbarkeit des Ausbildungs- oder Arbeitsortes.<\/p>\n<h5>Anerkennung ist wichtig<\/h5>\n<p>Die wichtigste Folgerung aus unserer Forschung ist, dass wir in einem ersten Schritt anerkennen m\u00fcssen, dass struktureller Rassismus im Wohnungsmarkt wie auch in anderen Lebensbereichen vorkommt. Wie auch die k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichte <a href=\"https:\/\/www.edi.admin.ch\/edi\/de\/home\/fachstellen\/frb\/publikationen\/Grundlagestudie-zu-strukturellem-Rassismus-in-der-Schweiz-2022.html\">Grundlagenstudie des Schweizerischen Forums f\u00fcr Migrations- und Bev\u00f6lkerungsstudien<\/a> aufzeigt, ist dies ein Fakt, den es in der Politik, durch Vertreter*innen der betroffenen Branchen und in der breiten Gesellschaft zu anerkennen gilt.<\/p>\n<p>Darauf m\u00fcssen Massnahmen zur Bek\u00e4mpfung des strukturellen Rassismus folgen. In Bezug auf den Wohnungsmarkt k\u00f6nnen Schulungen m\u00f6glicherweise Verantwortliche sensibilisieren. Trotzdem haben Vermieterinnen und Vermieter ohne griffigen Rechtsrahmen aber wenig Anreize, ihr Verhalten zu \u00e4ndern. Deshalb w\u00e4re auch ein verst\u00e4rkter gesetzlicher Schutz vor rassistischer Diskriminierung angezeigt \u2013 auf dem Wohnungsmarkt und dar\u00fcber hinaus.<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/daniel-auer.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Daniel Auer<\/a> ist Assistenzprofessor am Collegio Carlo Alberto.<\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/ch.linkedin.com\/in\/julie-lacroix-a1a1aa195\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Julie Lacroix<\/a> ist Research Fellow an der Universit\u00e4t St. Andrews. <\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/who-is-who\/people\/?p_id=8684\">Didier Ruedin<\/a> ist Ma\u00eetre d\u2019Enseignement et de Recherche an der Universit\u00e4t Neuch\u00e2tel.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.uva.nl\/en\/profile\/z\/s\/e.zschirnt\/e.zschirnt.html?cb\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Eva Zschirnt<\/a> ist Assistenzprofessorin an der Universit\u00e4t Amsterdam.<\/em><\/p>\n<p>Dieser Blogbeitrag basiert auf einem <a href=\"https:\/\/www.ekr.admin.ch\/publikationen\/d872.html\">Artikel<\/a>, der 2022 in der von der Eidgen\u00f6ssischen Kommission gegen Rassismus herausgegebenen Zeitschrift Tangram (Nummer 46) erschienen ist.<\/p>\n<h5>Bibliographie:<\/h5>\n<p>-Auer, Daniel, Julie Lacroix, Didier Ruedin, and Eva Zschirnt. <a href=\"https:\/\/www.bwo.admin.ch\/bwo\/de\/home\/Wohnungsmarkt\/studien-und-publikationen\/diskriminierung-auf-der-schweizer-wohnungsmarkt.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Ethnische Diskriminierung auf dem Schweizer Wohnungsmarkt<\/em><\/a>. 2019. Grenchen: BWO.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir haben ein wissenschaftliches Experiment im Schweizer Wohnungsmarkt durchgef\u00fchrt. Dieses zeigt auf, dass Personen mit t\u00fcrkischen oder kosovo-albanischen Namen seltener zu Besichtigungsterminen eingeladen werden als Personen ohne solche Namen. Die Betroffenen erleben strukturellen Rassismus aufgrund ihrer Herkunft und werden auf der Suche nach einer Wohnung benachteiligt. 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