{"id":8863,"date":"2023-05-31T13:00:47","date_gmt":"2023-05-31T11:00:47","guid":{"rendered":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/?p=8863"},"modified":"2025-03-10T19:42:22","modified_gmt":"2025-03-10T18:42:22","slug":"struktureller-rassismus-jetzt-sind-die-institutionen-gefordert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/struktureller-rassismus-jetzt-sind-die-institutionen-gefordert\/","title":{"rendered":"Struktureller Rassismus: Jetzt sind die Institutionen gefordert"},"content":{"rendered":"<p><strong>Rassismus ist grunds\u00e4tzlich strukturell angelegt. Das zeigt eine neue Studie des Schweizerischen Forums f\u00fcr Migrations- und Bev\u00f6lkerungsstudien (SFM) im Auftrag der Fachstelle f\u00fcr Rassismusbek\u00e4mpfung (FRB). Sie legt dar, f\u00fcr welche Personen und in welcher Form struktureller Rassismus in verschiedenen Lebensbereichen vorkommt. Doch was bedeuten diese Ergebnisse f\u00fcr die Institutionen in der Schweiz und f\u00fcr die Praxis der Rassismusbek\u00e4mpfung? <\/strong><\/p>\n<p>Die Studie des SFM zeigt, dass strukturell-institutionelle Diskriminierung in vielen Lebensbereichen wissenschaftlich dokumentiert ist. Trotzdem fehlt in der Schweiz weitgehend ein geteiltes Verst\u00e4ndnis von Rassismus als systemisches Problem, das in den gesellschaftlichen Strukturen und ihren Institutionen angelegt ist. Vielmehr wird Rassismus gemeinhin als eine Frage der Einstellung verstanden.<\/p>\n<p>Entsprechend zielen Massnahmen der Rassismusbek\u00e4mpfung oft auf eine individuelle Haltungs\u00e4nderung ab. Auch wenn Selbstreflexion eine wichtige Komponente ist, reichen derartige Massnahmen aber nicht aus. Sollen die Rassismuspr\u00e4vention und der Schutz vor rassistischer Diskriminierung nachhaltig verankert und umgesetzt werden, braucht es vielmehr einen kritischen Blick auf unsere Strukturen und Institutionen.<\/p>\n<p><strong>Ausgrenzung oder gemeinsam gestaltete Zukunft? <\/strong><\/p>\n<p>Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass als \u2018fremd\u2019 gelesene Personen in der Schweiz stets damit rechnen m\u00fcssen, benachteiligt zu werden \u2013 offensichtlich und direkt oder viel \u00f6fter subtil, indirekt, (gesellschaftlich) unerkannt. Sie werden tendenziell nicht als gleichwertige Arbeitskollegen, potenzielle B\u00fcrgerinnen und W\u00e4hlerinnen, gesch\u00e4tzte Mieter und Nachbarinnen, sondern als das grunds\u00e4tzlich \u2018Andere\u2019 wahrgenommen und behandelt.<\/p>\n<p>Dabei ist gesellschaftliche Diversit\u00e4t heute schon Realit\u00e4t und wird unsere Zukunft pr\u00e4gen. Es stellt sich angesichts der Resultate der vom SFM vorgelegten Studie die dringende Frage, wie wir diese Zukunft gestalten wollen; als durch die Ausgrenzung wachsender Bev\u00f6lkerungsgruppen gepr\u00e4gt oder als gemeinsam gestalteter Prozess der vielf\u00e4ltigen Chancen?<\/p>\n<p><strong>Ungleichheit dokumentieren, Evidenz diskutieren, Massnahmen entwickeln<\/strong><\/p>\n<p>Nicht selten beschr\u00e4nken sich Antidiskriminierungsmassnahmen auf Sensibilisierung und Information. Gut gemeinte weitergehende Absichten scheitern am fehlenden Problemverst\u00e4ndnis, an fehlenden Zahlen und Fakten und an fehlender Expertise. Aber f\u00fcr zielgerichtete Massnahmen braucht es gezieltes Wissen, denn Diskriminierung \u00e4ussert sich f\u00fcr unterschiedliche Gruppen in unterschiedlichen Lebensbereichen auf unterschiedliche Weise.<\/p>\n<p>Es braucht deshalb weitere Untersuchungen zu verschiedenen Lebensbereichen oder der Situation spezifischer Bev\u00f6lkerungsgruppen \u2013 sowohl auf \u00fcbergeordneter Ebene als auch zu einzelnen Institutionen oder Teilbereichen einer Institution. Aus institutioneller Sicht gilt es, folgende Fragen zu beantworten: Wer nutzt ein Angebot, wer nicht? Wer arbeitet bei uns, wer nicht? Und warum nicht? Wer ist in bestimmten Zielgruppen \u00fcber- oder untervertreten? Und warum? Welche gesellschaftlichen Faktoren liegen dahinter und welche Abl\u00e4ufe und Regeln haben eine ausgrenzende Wirkung?<\/p>\n<p>Evidenz alleine bringt aber noch keine Ver\u00e4nderung und genauso wenig kann die Bek\u00e4mpfung von rassistischer Diskriminierung an Antirassismus-Fachstellen delegiert werden. Denn ob auf dem Arbeitsmarkt oder am Arbeitsplatz, auf dem Wohnungsmarkt oder in der Schule, im Spital oder vor Gericht: Alle, und insbesondere die Entscheidungstr\u00e4ger*innen, m\u00fcssen sich mit den bestehenden strukturell-institutionellen Formen der Diskriminierung und mit M\u00f6glichkeiten des Wandels auseinandersetzen. Nur so k\u00f6nnen wir gemeinsam Massnahmen zur Ver\u00e4nderung konkreter Probleme ergreifen.<\/p>\n<p><strong>&#8220;Echter Wandel, dauerhafter Wandel, geschieht Schritt f\u00fcr Schritt.&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>Dieses Zitat von Ruth Bader Ginsburg (auf Englisch \u201cReal change, enduring change, happens one step at a time\u201d) l\u00e4sst sich gut auf die Bek\u00e4mpfung von strukturellem Rassismus \u00fcbertragen. Die Studie des SFM zeigt, dass rassistische Diskriminierung auch auf dem Arbeitsmarkt eine Realit\u00e4t ist \u2013 gleichzeitig ist der Fachkr\u00e4ftemangel in aller Munde. Ist dies nicht der Moment, um diskriminierende Mechanismen zu \u00fcberwinden? Warum nicht jetzt H\u00fcrden f\u00fcr rassifizierte Personen und Migrant*innen senken und M\u00f6glichkeiten zu ihrer F\u00f6rderung austesten?<\/p>\n<p>Daf\u00fcr muss das Rad nicht neu erfunden werden: Es gibt zahlreiche Erfahrungen im In- und Ausland, von denen wir lernen k\u00f6nnen \u2013 von Massnahmen zur Umsetzung einer diskriminierungsfreien Kultur am Arbeitsplatz \u00fcber berufsbezogene Mentoringprogramme f\u00fcr Neuzuz\u00fcger*innen bis zur diversit\u00e4tssensiblen Kommunikation in Rekrutierungsprozessen. Und es gibt Stellen und Personen, die \u00fcber das Wissen und die Ressourcen verf\u00fcgen, um solche Massnahmen Schritt f\u00fcr Schritt anzustossen und umzusetzen.<\/p>\n<p><strong>Institutionelle \u00d6ffnung statt Ausgrenzung<\/strong><\/p>\n<p>Institutionelle \u00d6ffnung ist eine M\u00f6glichkeit, diese und weitere Ver\u00e4nderungen in einer Institution strategisch anzugehen. Dieser Ansatz hat zum Ziel, dass sich die gesellschaftliche Vielfalt im Personal widerspiegelt, dass ein gleichwertiger Zugang zu Leistungen und Angeboten gew\u00e4hrleistet ist und Entscheidungsprozesse demokratisiert werden.<\/p>\n<p>Als Arbeitnehmende oder Arbeitgebende, Studierende, Eltern, Vereinsmitglieder oder politisch Aktive \u2013 wir sind alle in einer Vielzahl von institutionellen Kontexten eingebunden, in denen \u00d6ffnungsprozesse angestossen werden k\u00f6nnen. Institutionelle \u00d6ffnung ist kein Garant f\u00fcr die Abwesenheit von Diskriminierung, aber sie schafft Voraussetzungen f\u00fcr die Anerkennung von Vielfalt und f\u00fcr die Auseinandersetzung mit den vielf\u00e4ltigen Formen von strukturellem Rassismus. Die Probleme und L\u00fccken sind aufgezeigt \u2013 jetzt braucht es konkrete Schritte der Ver\u00e4nderung!<\/p>\n<p><em>Marianne Helfer ist Sozialanthropologin und leitet die <a href=\"https:\/\/www.edi.admin.ch\/edi\/de\/home\/fachstellen\/frb.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Fachstelle f\u00fcr Rassismusbek\u00e4mpfung<\/a> FRB des Bundes. Die FRB ist zust\u00e4ndig f\u00fcr die Pr\u00e4vention von Rassismus. Sie betreibt Monitoring und gestaltet, f\u00f6rdert und koordiniert Aktivit\u00e4ten auf eidgen\u00f6ssischer, kantonaler und kommunaler Ebene. Instagram: @frb_slr<\/em><\/p>\n<p>Links:<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.edi.admin.ch\/edi\/de\/home\/fachstellen\/frb\/publikationen\/Grundlagestudie-zu-strukturellem-Rassismus-in-der-Schweiz-2022.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Grundlagenstudie SFM<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.edi.admin.ch\/edi\/de\/home\/fachstellen\/frb\/publikationen\/KurzfassungStudieStrukturellerRassismus.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kurzfassung der Grundlagenstudie<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.edi.admin.ch\/edi\/de\/home\/fachstellen\/frb\/taetigkeitsbereiche\/integration_und_diskriminierung.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Roadmap institutionelle \u00d6ffnung<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rassismus ist grunds\u00e4tzlich strukturell angelegt. 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