{"id":8878,"date":"2023-06-07T09:30:25","date_gmt":"2023-06-07T07:30:25","guid":{"rendered":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/?p=8878"},"modified":"2025-03-10T19:42:53","modified_gmt":"2025-03-10T18:42:53","slug":"strukturellen-rassismus-sichtbar-machen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/strukturellen-rassismus-sichtbar-machen\/","title":{"rendered":"Strukturellen Rassismus sichtbar machen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Beratungsstellen f\u00fcr Rassismusopfer sind mit vielf\u00e4ltigen Diskriminierungsvorf\u00e4llen konfrontiert, welche in historisch gewachsene gesellschaftliche Strukturen eingebettet sind und Ungleichheiten legitimieren und reproduzieren. Diese manifestieren sich in ideologischen Einstellungen und oft unbewussten Haltungen sowie institutionalisierten Ausschlussmechanismen, die Menschen auf verschiedenste Weise benachteiligen. <\/strong><\/p>\n<p>Rassismus ist ein mehrdimensionales Konstrukt, das sich systematisch und vielschichtig im gesellschaftlichen Alltag (re-)produziert. Um ihn zu verstehen, m\u00fcssen die interpersonellen, institutionellen und strukturellen Dimensionen ber\u00fccksichtigt werden, in welche Rassismus eingebettet ist, sich manifestiert und Normalit\u00e4t schafft. Diese verkn\u00fcpften Dimensionen sind gepr\u00e4gt von Machtverh\u00e4ltnissen, welche gesellschaftliche Normen hervorbringen und aufrechterhalten sowie Institutionen und Individuen beeinflussen.<\/p>\n<p>Seit \u00fcber zehn Jahren dokumentieren die Mitgliedstellen des Beratungsnetzes f\u00fcr Rassismusopfer Meldungen zu rassistischer Diskriminierung in allen Lebensbereichen. Sie findet Ausdruck in expliziten Grenz\u00fcberschreitungen, verbalen \u00dcbergriffen, subtilen Herabsetzungen oder Unterstellungen sowie strukturell in Form von Racial Profiling oder dem erschwerten Zugang zu Arbeit, Bildung, Gesundheitsversorgung und Wohnraum.<\/p>\n<p>Die Meldungen verdeutlichen, dass sich Rassismuserfahrungen schweizweit konstant und systematisch wiederholen und unterschiedlichste Personengruppen mit historisch gewachsenen, undifferenzierten sowie stigmatisierenden Vorstellungen von \u2018Andersartigkeit\u2019 und \u2018Fremdheit\u2019 konfrontiert werden. Diese Vorstellungen pr\u00e4gen auf individueller Ebene Denkmuster, die zu \u2013 nicht unbedingt beabsichtigten \u2013 rassistischen Handlungen f\u00fchren. Auf institutioneller und struktureller Ebene wirken diese homogenisierenden, hierarchisierenden und polarisierenden Narrative auf Gesetze, Wissensbest\u00e4nde und Entscheidungsabl\u00e4ufe ein, die bestimmte Menschen von vornherein benachteiligen und andere privilegieren.<\/p>\n<p><strong>Struktureller Rassismus ist schwer zu erkennen und benennen<\/strong><\/p>\n<p>Strukturelle Benachteiligung ist oft subtil und wird gesellschaftlich toleriert, da sie nicht im Wirkungsfeld der Absichten und Einstellungen einzelner Personen liegt. So finden vorl\u00e4ufig aufgenommen Personen in der Schweiz auch nach mehreren Jahren Aufenthalt nur schwer eine Arbeitsstelle oder Zugang zu Bildung; kopftuchtragende Musliminnen werden von bestimmten Berufen, etwa als Lehrpersonen oder mit Kundenkontakt, ausgeschlossen; Schwarze Menschen werden systematisch und ohne begr\u00fcndeten Anlass von der Polizei, der Grenzwache und Sicherheitsangestellten kontrolliert; Menschen mit als \u2018fremd\u2019 wahrgenommene Namen haben mehr M\u00fche, zum <a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/hiring-discrimination-based-on-skin-color-in-switzerland\/\">Vorstellungsgespr\u00e4ch<\/a> oder zur <a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/diskriminierung-im-wohnungsmarkt-als-struktureller-rassismus\/\">Wohnungsbesichtigung<\/a> eingeladen zu werden; und ausl\u00e4ndische und Schwarze Kinder werden in der Schule weniger gef\u00f6rdert und sowohl von Lehrpersonen als auch von Mitsch\u00fcler*innen mit Stereotypen konfrontiert.<\/p>\n<p>Das sind nur wenige Beispiele, die an das Beratungsnetz f\u00fcr Rassismusopfer herangetragen werden. Insbesondere die rassistischen Vorf\u00e4lle in den Bereichen Arbeit, Bildung, Verwaltung, Arbeits- und Wohnungsmarkt halten sich konstant auf hohem Niveau. Sie machen aber nur die Spitze des Eisberges aus: Die Mehrheit der rassistischen Vorf\u00e4lle wird nicht gemeldet. Vor allem strukturelle Benachteiligungen k\u00f6nnen von den Betroffenen oft nur schwer als solche benannt und nachgewiesen werden und nicht betroffene Personen erkennen diese nur selten.<\/p>\n<p><strong>Unzul\u00e4ngliche Rechtsmittel und fehlende Reflexion<\/strong><\/p>\n<p>Die M\u00f6glichkeiten, sich gegen strukturellen Rassismus zu wehren, sind sehr begrenzt. Gesetzlichen Rahmenbedingungen und der mangelhafte Zugang zum Recht bilden schwer \u00fcberwindbare H\u00fcrden und allf\u00e4llige rechtliche Schritte f\u00fchren meist nicht zu Genugtuung f\u00fcr die Betroffenen. Strukturelle Diskriminierungen werden zudem von den zust\u00e4ndigen Institutionen oft dezidiert bestritten, bestehende Strukturen und Abl\u00e4ufe nicht hinterfragt und so rassistische Praktiken aufrechterhalten. Racial Profiling etwa wird von Polizeibeh\u00f6rden nicht als institutionell angelegt erkannt, sondern als Fehlverhalten im Einzelfall abgetan.<\/p>\n<p>Viele der uns gemeldeten Vorf\u00e4lle dokumentieren, dass Entscheidungsabl\u00e4ufe auf dem <a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/diskriminierung-im-wohnungsmarkt-als-struktureller-rassismus\/\">Wohnungsmarkt<\/a> rassistisch gepr\u00e4gt sind und wenig reflektiert werden. Auch auf dem <a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/hiring-discrimination-based-on-skin-color-in-switzerland\/\">Arbeitsmarkt<\/a> legitimieren strukturell verankerte Normvorstellungen Ungleichbehandlungen und verfestigen rassistische Vorurteile. So bewirbt sich eine Person f\u00fcr eine Praktikumsstelle in einer Apotheke und erh\u00e4lt die Antwort, dass sie aufgrund ihres Kopftuchs nicht in Frage komme. Die Beratungsstelle bittet die Apotheke um eine schriftliche Stellungnahme. Die Apotheke antwortet, dass eine Mitarbeiterin mit Kopftuch angeblich dem Vertrauensverh\u00e4ltnis mit der auf Naturmedizin ausgerichteten Kundschaft schaden k\u00f6nnte und lehnt ausdr\u00fccklich ab, dass es sich um Rassismus handle. Eine andere Frau bewirbt sich auf eine Stelle. Als die Firma erf\u00e4hrt, dass sie ein Kopftuch tr\u00e4gt, erh\u00e4lt sie trotz anf\u00e4nglich guten Chancen eine Absage. Aus Bef\u00fcrchtung, Auftr\u00e4ge zu verlieren, k\u00f6nne die Firma keine Personen mit Kopftuch einsetzen. Diese Fallbeispielen illustrieren, wie strukturell-institutionelle Praktiken nicht als rassistisch wahrgenommen werden, da (angeblich) keine explizite rassistische Absicht besteht.<\/p>\n<p>Die Folgen von strukturellem Rassismus sind jedoch f\u00fcr die Betroffenen gravierend, da dieser wiederholt in mehrere Lebensbereiche eingreift und den Zugang zu wichtigen Ressourcen wie Arbeit beeintr\u00e4chtigt. Zudem bestehen \u00fcber Generationen hinweg kaum M\u00f6glichkeiten, sich der Wirkung rassistischer Strukturen zu entziehen. Dies wirkt sich negativ auf die Lebensqualit\u00e4t aus: Neben dem durch Diskriminierung verursachten Stress und der psychischen und physischen Belastung, richten die finanziellen und sozialen Konsequenzen langfristigen Schaden an.<\/p>\n<p><strong>Anerkennung des Problems<\/strong><\/p>\n<p>Obwohl das Bewusstsein f\u00fcr Rassismus in der Schweiz w\u00e4chst, besteht noch kein gesamtgesellschaftlicher Konsens dar\u00fcber, dass die Ursachen von Rassismus eng mit gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen verwoben sind und \u00fcber das Handeln einzelner Personen hinausgehen. Betriebe, Institutionen und Beh\u00f6rden m\u00fcssen sich deshalb auf einen Lernprozess einlassen, um benachteiligende und h\u00e4ufig unbewusste Machtmechanismen, Handlungsmuster, Regeln und Abl\u00e4ufe zu erkennen. Die Politik und Entscheidungstr\u00e4ger*innen m\u00fcssen Rassismus als strukturelles, institutionelles und gesamtgesellschaftliches Problem anerkennen und Gegenmassnahmen ergreifen. Wenn die Bereitschaft und das Engagement vorhanden sind, sind L\u00f6sungen m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Das Beratungsnetz f\u00fcr Rassismusopfer widmet sich weiterhin aufmerksam dem Monitoring und ist bestrebt, anhand der bestehenden Datenlage und mittels Fallbeispielen strukturelle Diskriminierung sichtbar zu machen und die Gesellschaft daf\u00fcr zu sensibilisieren. Es darf nicht vergessen gehen, dass wir alle die Verantwortung daf\u00fcr tragen, die vorherrschenden Normen, Routinen und Machtverh\u00e4ltnisse zu hinterfragen, einen kritischen Blick auf deren Konsequenzen f\u00fcr die davon benachteiligten Menschen zu werfen und Rassismus in all seinen Dimensionen aufzubrechen.<\/p>\n<p><em>Gina Vega ist die Leiterin der <a href=\"https:\/\/www.humanrights.ch\/de\/fachstellen\/fachstelle-diskriminierung-rassismus\/\">Fachstelle Diskriminierung und Rassismus<\/a> und des <a href=\"https:\/\/network-racism.ch\/\">Beratungsnetzes f\u00fcr Rassismusopfer<\/a> von <a href=\"https:\/\/www.humanrights.ch\/de\/\">humanrights.ch.<\/a><\/em><\/p>\n<p>Dieser Blogbeitrag basiert auf einem <a href=\"https:\/\/www.ekr.admin.ch\/publikationen\/d866.html\">Artikel<\/a>, der 2022 in der von der Eidgen\u00f6ssischen Kommission gegen Rassismus herausgegebenen Zeitschrift Tangram (Nummer 46) erschienen ist.<\/p>\n<p>Bibliographie:<\/p>\n<p>-Daniel Auer, Julie Lacroix, Didier Ruedin und Eva Zschirnt, Ethnische Diskriminierung auf dem Schweizer Wohnungsmarkt \u2013 Bericht an das Bundesamt f\u00fcr Wohnungswesen (BWO), Februar 2019<br \/>\n-Natascha A. Kelly, Rassismus \u2013 Strukturelle Probleme brauchen strukturelle L\u00f6sungen!, Atrium Verlag, 2021, Z\u00fcrich<br \/>\n-Rassismusvorf\u00e4lle aus der Beratungsarbeit 2019 &#8211; 2022 Bericht zu rassistischer Diskriminierung in der Schweiz auf der Grundlage des Dokumentations-Systems Rassismus DoSyra, 2019 &#8211; 2022, Beratungsnetz f\u00fcr Rassismusopfer, humanrights.ch und Eidg. Kommission gegen Rassismus (EKR), 2020 &#8211; 2023 Bern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Beratungsstellen f\u00fcr Rassismusopfer sind mit vielf\u00e4ltigen Diskriminierungsvorf\u00e4llen konfrontiert, welche in historisch gewachsene gesellschaftliche Strukturen eingebettet sind und Ungleichheiten legitimieren und reproduzieren. Diese manifestieren sich in ideologischen Einstellungen und oft unbewussten Haltungen sowie institutionalisierten Ausschlussmechanismen, die Menschen auf verschiedenste Weise benachteiligen. Rassismus ist ein mehrdimensionales Konstrukt, das sich systematisch und<\/p>\n","protected":false},"author":293,"featured_media":8821,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[1135],"tags":[215,220,976,228,230,234],"coauthors":[1150],"class_list":["post-8878","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-structural-racism","tag-discriminations","tag-exclusion","tag-housing","tag-labor-market","tag-minorities","tag-switzerland"],"acf":[],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8878","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/293"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8878"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8878\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8883,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8878\/revisions\/8883"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8821"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8878"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8878"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8878"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=8878"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}