{"id":9262,"date":"2024-02-22T09:30:53","date_gmt":"2024-02-22T08:30:53","guid":{"rendered":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/?p=9262"},"modified":"2024-02-20T13:51:53","modified_gmt":"2024-02-20T12:51:53","slug":"internationale-mobilitat-im-alter-luxus-oder-flucht-aus-der-prekaritat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/internationale-mobilitat-im-alter-luxus-oder-flucht-aus-der-prekaritat\/","title":{"rendered":"Internationale Mobilit\u00e4t im Alter: Luxus oder Flucht aus der Prekarit\u00e4t?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Auslandschweizer*innen stehen im Fokus politischer und medialer Debatten rund um die Volksinitiative \u00abF\u00fcr ein besseres Leben im Alter\u00bb, besser bekannt als Initiative f\u00fcr eine 13. AHV-Rente. Die Rede ist von <a href=\"https:\/\/www.20min.ch\/story\/13-ahv-renten-basis-soll-kippen-svp-nimmt-luxus-renten-im-ausland-ins-visier-103023927\">Luxusrenten und massiver Bevorteilung<\/a> von Rentner*innen im Ausland. Die Gegenrede verweist auf die <a href=\"https:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/13-ahv-rente-rentner-im-ausland-wehren-sich-gegen-svp-bashing-463601305883\">zunehmenden finanziellen Schwierigkeiten von Rentner*innen<\/a> und die Auswanderung als Ausweg daraus. Zeit f\u00fcr eine wissenschaftliche Ann\u00e4herung an die Thematik.<\/strong><\/p>\n<p>Die Lebenssituationen von Menschen sind divers, kompliziert und ver\u00e4ndern sich stetig. Mit dem \u00dcbergang vom Arbeitsleben in den Alltag als Rentner*in kommt eine zus\u00e4tzliche und einschneidende Ver\u00e4nderung dazu (Bolzman et al., 2021; Bolzman et al., 2017): Ein reduziertes Einkommen und mehr Zeit f\u00fcr Familie, Freunde und Freizeit. Personen, die auf das Rentenalter zugehen oder das Rentenalter k\u00fcrzlich erreicht haben, machen sich Gedanken \u00fcber die Gestaltung und Nutzung dieses neuen Lebensabschnittes. Die finanziellen Ressourcen spielen in diesen \u00dcberlegungen eine zentrale Rolle. Sie bestimmen, was in diesen Jahren m\u00f6glich oder unm\u00f6glich ist.<\/p>\n<h5><strong>Finanzielle Erw\u00e4gungen als Hauptgrund f\u00fcr internationale Mobilit\u00e4t<\/strong><\/h5>\n<p>Um den Lebensstandard zu erhalten, oder \u00fcberhaupt mit dem Renteneinkommen \u00fcber die Runden zu kommen, braucht es Anpassungen in der Lebenssituation. Diese Pr\u00e4misse war zentraler Bestandteil der qualitativen Interviews, die ich im Rahmen meines Dissertationsprojekts zum transnationalen Altern durchf\u00fchrte (Tom\u00e1s, 2023). Insgesamt 47 Rentner*innen \u2013 der Grossteil Auslandschweizer*innen \u2013 teilten ihre Erfahrungen mit mir und erz\u00e4hlten, wieso sie die Schweiz verliessen, um ihre Pensionierung in Spanien zu verbringen.<\/p>\n<p>In meiner Dissertation komme ich zum Schluss, dass finanzielle Erw\u00e4gungen als Hauptgrund f\u00fcr die internationale Mobilit\u00e4t von Rentner*innen gewertet werden kann. Wer mit seinem Renteneinkommen grobe Einschnitte in der Lebenssituation hinnehmen muss und geringe Aussichten auf die Erf\u00fcllung pers\u00f6nlicher Bed\u00fcrfnisse und W\u00fcnsche hat, erachtet den Gang ins Ausland als valable \u2013 oder gar zwangsl\u00e4ufige \u2013 Option.<\/p>\n<h5><strong>Internationale Mobilit\u00e4t als Strategie <\/strong><\/h5>\n<p>Mobilit\u00e4t im Alter als verzweifelte Reaktion auf eine verpasste Finanzplanung zu zeichnen, greift dabei zu kurz. Personen, denen ein geringes Renteneinkommen zur Verf\u00fcgung steht, sind sich oft schon vor der Pensionierung \u00fcber ihre finanzielle Lage bewusst: Teilzeit-Pensen, Selbstst\u00e4ndigkeit, Aufenthalte im Ausland und famili\u00e4re Konstellationen beeinflussen das verf\u00fcgbare Einkommen f\u00fcr die Pensionierung massgeblich (Repetti &amp; Schilliger, 2021). Dieses Bewusstsein veranlasst (zuk\u00fcnftige) Rentner*innen, sich fr\u00fch \u00fcber ihre M\u00f6glichkeiten Gedanken zu machen.<\/p>\n<p>Es gibt verschiedene Ans\u00e4tze, prek\u00e4re finanzielle Verh\u00e4ltnisse w\u00e4hrend der Rente zu verbessern. Dazu geh\u00f6ren das Arbeiten \u00fcber das ordentliche Rentenalter hinaus und die finanzielle Unterst\u00fctzung von Familie oder Staat. Diese Strategien sind jedoch nicht immer m\u00f6glich oder gew\u00fcnscht (Gabriel et al., 2023).<\/p>\n<p>Eine alternative Strategie, die in den qualitativen Interviews zum Ausdruck kam, bezieht sich auf die internationale Mobilit\u00e4t. In anderen Worten: Das Verlassen der Schweiz wird als spezifischer und bewusst gew\u00e4hlter L\u00f6sungsansatz verstanden, um finanzielle Prekarit\u00e4t im Rentenalter zu umgehen.<\/p>\n<h5><strong>Wenn Mobilit\u00e4t Teil des Plans ist<\/strong><\/h5>\n<p>Aufgrund dieses fr\u00fchen Bewusstseins der eigenen finanziellen Lage k\u00f6nnen pers\u00f6nliche W\u00fcnsche und Pr\u00e4ferenzen in den Entscheidungsfindungsprozess mit einbezogen werden. Jean, der kurz nach Erreichen des ordentlichen Rentenalters nach Spanien auswanderte, um mit einem Renteneinkommen von knapp 2400 CHF \u00fcber die Runden zu kommen, erkl\u00e4rte:<\/p>\n<p>\u00abEs war eine Mischung aus Notwendigkeit und Lust. Einerseits gab es diese finanzielle Notwendigkeit, die Schweiz zu verlassen, das ist klar. Aber ich hatte auch den Wunsch, am Mittelmeer zu leben. Ich mag das Klima und das Meer.\u00bb<\/p>\n<p>Um die bestm\u00f6gliche Balance zwischen den finanziellen M\u00f6glichkeiten und den eigenen Vorstellungen f\u00fcr die Pensionierung zu finden, nahmen sich Jean und seine Frau Zeit:<\/p>\n<p>\u00abWir suchten zwei Jahre lang. Jedes Mal, wenn wir drei oder vier freie Tage hatten, reisten wir mit dem Auto in kleine St\u00e4dte in Italien, S\u00fcdfrankreich und Spanien, um uns einen Eindruck von der Gegend zu verschaffen und zu entscheiden, ob eine dieser St\u00e4dte unser neuer Wohnort sein k\u00f6nnte.\u00bb<\/p>\n<p>Dieses Beispiel veranschaulicht, dass Rentner*innen mit geringem Renteneinkommen aktiv und eigenst\u00e4ndig nach L\u00f6sungsans\u00e4tzen suchen. Wenn immer m\u00f6glich, fliessen Pr\u00e4ferenzen und W\u00fcnsche in diesen Entscheidungsprozess mit ein.<\/p>\n<h5><strong>Wenn Mobilit\u00e4t <em>nicht<\/em> Teil des Plans ist<\/strong><\/h5>\n<p>Wie aber erleben Individuen die Auswanderung, wenn eine solche Mobilit\u00e4t nicht Teil des Rentenplans war? Monique stellt so einen Fall dar. Sie ist 70 Jahre alt und arbeitete ein Jahr \u00fcber das ordentliche Rentenalter hinaus., weil sie Freude an ihrer Arbeit hatte und sich Zeit f\u00fcr ihre Entscheidung lassen wollte. Mit etwas \u00fcber 2000 CHF monatlichem Renteneinkommen sah sie jedoch nur eine Option: die Schweiz zu verlassen.<\/p>\n<p>\u00abWenn ich in der Schweiz h\u00e4tte bleiben k\u00f6nnen, w\u00e4re ich geblieben. Aber [\u2026] ich wollte nicht bleiben und nichts machen k\u00f6nnen, weil ich nicht genug Geld habe, nein. Ich kann nicht einmal eine Tasse Kaffee trinken gehen, weil das 4 Franken kostet. Es ist furchtbar, also bin ich gegangen.\u00bb<\/p>\n<p>Nun lebt sie seit f\u00fcnf Jahren in Spanien \u2013 ein Land, in dem sie nur ihre Schwester und ihren Schwager regelm\u00e4ssig sieht. R\u00fcckreisen sind aufgrund ihres kleinen Budgets nur unter bestimmten Bedingungen m\u00f6glich, etwa wenn sie bei Angeh\u00f6rigen unterkommen und billige Fl\u00fcge buchen kann. Unter der eingeschr\u00e4nkten M\u00f6glichkeit, regelm\u00e4ssig und spontan Zeit mit ihren Liebsten zu verbringen, leidet sie.<\/p>\n<h5><strong>Rentner*innen im Ausland: Verk\u00fcrzte Perspektiven rund um die 13. AHV-Rente<\/strong><\/h5>\n<p>Rentner*innen im Ausland werden in der Debatte rund um die 13. AHV-Rente von verschiedener Seite als argumentativer Spielball herbeigezogen. Einerseits aus nachvollziehbarem Grund, weil gut 35\u00a0Prozent der Rentenempf\u00e4nger*innen im Ausland leben und gut 15\u00a0Prozent der Rentensumme ins Ausland fliesst (BSV, 2023). Andererseits und oft aber aus arg verk\u00fcrzter Perspektive: Indem finanzieller Druck als Hauptgrund f\u00fcr internationale Mobilit\u00e4t im Alter ignoriert wird, und indem \u00fcbersehen wird, dass die Auswanderung w\u00e4hrend der Pensionierung oft eine bewusst gew\u00e4hlte Strategie ist. Ein Entscheid, der nicht mit der Aussicht auf ein Luxus-Leben getroffen wird, und der wie bei Monique harte Konsequenzen haben kann.<\/p>\n<p>Alle Namen in diesem Beitrag sind anonymisiert.<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/who-is-who\/people\/?p_id=8769\">Livia Tom\u00e1s<\/a> ist Postdoktorandin an der ZHAW, Soziale Arbeit. W\u00e4hrend sie sich zurzeit f\u00fcr die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Migrant*innen in der Schweiz interessiert (<a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/projects\/evolving-immobility-regimes-migrant-workers-entitlement-and-precarization-in-times-of-crisis\/\">Evolving (Im)Mobility Regimes<\/a>), befasste sie sich w\u00e4hrend ihres Doktorats an der Universit\u00e4t Neuenburg mit Migrations- und Mobilit\u00e4tspl\u00e4nen von Rentner*innen (<a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/projects\/transnational-ageing-post-retirement-mobilities-transnational-lifestyles-and-care-configurations\/\">Transnational Ageing and Post-Retirement Mobilities<\/a>).<\/em><\/p>\n<p>Bibliographie:<\/p>\n<p>-Bolzman, C., Fokkema, T., Guiss\u00e9, I., &amp; van Dalen, D. (2021). Starting a new life in the South? Swiss, Dutch and Flemish ageing in Morocco: a lifecourse perspective. <em>Ageing &amp; Society, 41<\/em>(6), 1240-1266.<br \/>\n-Bolzman, C., Kaeser, L., &amp; Christe, E. (2017). Transnational Mobilities as a Way of Life Among Older Migrants from Southern Europe. <em>Population, Space and Place, 23<\/em>(5), e2016.<br \/>\n-BSV, Bundesamt f\u00fcr Sozialversicherungen. (2023). <a href=\"https:\/\/www.bsv.admin.ch\/dam\/bsv\/de\/dokumente\/ahv\/statistiken\/ahv_stat_2022.pdf.download.pdf\/AHV-Statistik%202022.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>AHV-Statistik 2022<\/em><\/a>. Eidgen\u00f6ssisches Departement des Innern, Bundesamt f\u00fcr Sozialversicherungen.<br \/>\n-Gabriel, R., Koch, U., Meier, G., &amp; Kubar, S. (2023). <a href=\"https:\/\/digitalcollection.zhaw.ch\/bitstream\/11475\/27747\/5\/2023_Gabriel-etal_EL-Nichtbezug_DE.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Altersmonitor: Nichtbezug von Erg\u00e4nzungsleistungen in der Schweiz<\/em>.<\/a> Pro Senectute.<br \/>\n-Repetti, M., &amp; Schilliger, S. (2021). In Search of a Good Life in and Out of Switzerland: Making Use of Migration in Old Age. In M. Repetti, T. Calasanti, &amp; C. Phillipson (Eds.), <em>Ageing and Migration in a Global Context: Challenges for Welfare States<\/em> (pp. 147-161). Springer.<br \/>\n-Tom\u00e1s, L. (2023). <a href=\"https:\/\/libra.unine.ch\/handle\/123456789\/31682\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Ageing Transnationally: A Comparative Analysis of Transnational Mobilities in Old Age<\/em><\/a>. [Doctoral dissertation, University of Neuch\u00e2tel]. Libra.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auslandschweizer*innen stehen im Fokus politischer und medialer Debatten rund um die Volksinitiative \u00abF\u00fcr ein besseres Leben im Alter\u00bb, besser bekannt als Initiative f\u00fcr eine 13. AHV-Rente. Die Rede ist von Luxusrenten und massiver Bevorteilung von Rentner*innen im Ausland. 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