{"id":9460,"date":"2024-05-08T09:00:09","date_gmt":"2024-05-08T07:00:09","guid":{"rendered":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/?p=9460"},"modified":"2024-05-08T10:11:43","modified_gmt":"2024-05-08T08:11:43","slug":"wie-wurden-auslanderinnen-und-auslander-in-der-schweiz-wahlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wie-wurden-auslanderinnen-und-auslander-in-der-schweiz-wahlen\/","title":{"rendered":"Wie w\u00fcrden Ausl\u00e4nderinnen und Ausl\u00e4nder in der Schweiz w\u00e4hlen?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Nach Luxemburg ist die Schweiz das europ\u00e4ische Land mit dem h\u00f6chsten Ausl\u00e4nderanteil. Da die Schweiz nicht Teil der Europ\u00e4ischen Union ist, kennt sie bis auf wenige kantonale und kommunale Ausnahmen kein Wahlrecht f\u00fcr ausl\u00e4ndische Personen. Die Folge davon ist, dass etwa ein Viertel der Bev\u00f6lkerung in der Schweiz von den politischen Prozessen weitgehend ausgeschlossen ist. Es gibt einige Bestrebungen in der Schweiz, diesen Zustand durch die Einf\u00fchrung des Stimm- und Wahlrechts f\u00fcr Ausl\u00e4nder*innen auf lokaler oder kantonaler Ebene zu \u00e4ndern. Aber wie w\u00fcrden die Ausl\u00e4nder*innen in der Schweiz \u00fcberhaupt w\u00e4hlen und abstimmen, wenn sie denn das Recht dazu h\u00e4tten?<\/strong><\/p>\n<p>Ein m\u00f6glicher Indikator f\u00fcr das Abstimmungsverhalten von Ausl\u00e4nder*innen sind ihre parteipolitischen Pr\u00e4ferenzen. Abbildung 1 zeigt die Antworten von 8\u2019070 Einwohner*innen der Schweiz auf die Frage nach der Partei, die ihnen am n\u00e4chsten ist. Die Antworten stammen von Personen, die zwischen 2002 und 2020 an einer Umfrage des European Social Survey teilgenommen haben und angegeben haben, dass sie sich einer bestimmten Partei n\u00e4her f\u00fchlen als allen anderen Parteien. Es ist dabei wichtig festzuhalten, dass die Mehrheit der Ausl\u00e4nder*innen (74%) sich gar keiner Partei speziell nahe f\u00fchlt, w\u00e4hrend dies bei den Schweizer*innen auf eine (substantielle) Minderheit (42%) zutrifft.<\/p>\n<h5><strong>Ausl\u00e4nder*innen mit parteipolitischen Pr\u00e4ferenzen bevorzugen linken Parteien<\/strong><\/h5>\n<p>Unter den Befragten mit einer parteipolitischen Pr\u00e4ferenz gaben viele an, sich der SP nahe zu f\u00fchlen. Dies trifft insbesondere auf die Ausl\u00e4nder*innen unter ihnen zu. Die Schweizer*innen identifizieren sich in \u00e4hnlichem Masse auch mit der SVP, w\u00e4hrend diese bei den Ausl\u00e4nder*innen deutlich weniger beliebt ist. Letztere f\u00fchlen sich hingegen deutlich h\u00e4ufiger den Gr\u00fcnen nahe, als dies bei den Schweizer*innen der Fall ist. Insgesamt identifizieren sich Ausl\u00e4nder*innen in der Schweiz mit einer parteipolitischen Pr\u00e4ferenz also \u00fcberproportional mit linken Parteien und verh\u00e4ltnism\u00e4ssig weniger stark mit der SVP.<\/p>\n<p>Abbildung 1: Partein\u00e4he nach Staatsb\u00fcrgerschaft in Prozent<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Picture-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-9461 size-full\" src=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Picture-1.jpg\" alt=\"\" width=\"1390\" height=\"928\" srcset=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Picture-1.jpg 1390w, https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Picture-1-300x200.jpg 300w, https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Picture-1-1024x684.jpg 1024w, https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Picture-1-768x513.jpg 768w, https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Picture-1-640x427.jpg 640w, https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Picture-1-1320x881.jpg 1320w\" sizes=\"auto, (max-width: 1390px) 100vw, 1390px\" \/><\/a><\/p>\n<h5><strong>Parteipr\u00e4ferenzen unterscheiden sich je nach Staatsb\u00fcrgerschaft<\/strong><\/h5>\n<p>Die Daten des European Social Survey erlauben zudem eine Unterscheidung nach den wichtigsten Herkunftsl\u00e4ndern. Abbildung 2 zeigt den Anteil an in der Schweiz wohnhaften Personen, die sich einer linken Partei nahe f\u00fchlen, aufgeschl\u00fcsselt nach Staatsb\u00fcrgerschaft. Es zeigt sich, dass insbesondere Ausl\u00e4nder*innen aus den Nachbarl\u00e4ndern sehr \u00e4hnliche Parteisympathien haben wie Schweizer*innen. Im Gegensatz dazu tendieren spanische und portugiesische Staatsb\u00fcrger*innen st\u00e4rker zu linken Parteien. Dasselbe gilt f\u00fcr Staatsangeh\u00f6rige eines Nachfolgestaates Jugoslawiens sowie f\u00fcr Personen mit t\u00fcrkischer Staatsb\u00fcrgerschaft.<\/p>\n<p>Abbildung 2: Anteil linksorientierter Parteipr\u00e4ferenzen nach Staatsb\u00fcrgerschaft<\/p>\n<h5><a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Picture-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-9466 size-full\" src=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Picture-2.jpg\" alt=\"\" width=\"1390\" height=\"928\" srcset=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Picture-2.jpg 1390w, https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Picture-2-300x200.jpg 300w, https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Picture-2-1024x684.jpg 1024w, https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Picture-2-768x513.jpg 768w, https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Picture-2-640x427.jpg 640w, https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Picture-2-1320x881.jpg 1320w\" sizes=\"auto, (max-width: 1390px) 100vw, 1390px\" \/><\/a><strong>Ergebnisse anderer Studien<\/strong><\/h5>\n<p>Unter anderem weil die grosse Mehrheit der im European Social Survey befragten Ausl\u00e4nder*innen keine Partein\u00e4he angibt, bilden die oben dargestellten Daten ihr potentielles Wahlverhalten nur beschr\u00e4nkt ab. Deshalb sind die Resultate der wenigen \u00e4hnlichen Studien ein wichtiger Indikator f\u00fcr die Aussagekraft dieser Ergebnisse. Ein Vergleich mit einer Studie zur Wahlbeteiligung von Ausl\u00e4nder*innen bei den Kommunalwahlen im Jahr 2015 in Genf zeigt, dass diese sehr \u00e4hnlich w\u00e4hlten wie Schweizer*innen. Dies traf insbesondere auf Personen aus Nachbarstaaten der Schweiz zu, w\u00e4hrend Personen aus Portugal eher Sozialdemokrat*innen w\u00e4hlten. Aufgrund des kleinen Samples von Ausl\u00e4nder*innen, die an der Wahl teilgenommen haben, sind diese Zahlen allerdings ebenfalls mit einiger Unsicherheit behaftet. Doch auch Studien zum Wahlverhalten von Ausl\u00e4nder*innen in anderen westeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern (zusammengefasst in Strijbis 2017 und 2021) zeigen, dass vor allem jene aus anderen EU-Staaten \u00e4hnlich w\u00e4hlen wie die Inl\u00e4nder*innen. Mehrere Studien best\u00e4tigen zudem, dass Personen mit t\u00fcrkischer Staatsb\u00fcrgerschaft \u00fcberdurchschnittlich h\u00e4ufig Sozialdemokrat*innen w\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Schliesslich k\u00f6nnen wir die eingangs beschriebenen Parteipr\u00e4ferenzen von Ausl\u00e4nder*innen mit denjenigen von Schweizer*innen mit Migrationshintergrund vergleichen. Entsprechende Studien finden keinen bedeutenden Effekt bei einem westeurop\u00e4ischen Migrationshintergrund. Personen mit einem t\u00fcrkischen oder (ex-)jugoslawischen Migrationshintergrund w\u00e4hlen hingegen \u00f6fter die SP.<\/p>\n<p><strong>Erkl\u00e4rungen f\u00fcr das (potentielle) Wahlverhalten von Migrant*innen<\/strong><\/p>\n<p>Wie erkl\u00e4ren sich diese Unterschiede im Wahlverhalten zwischen Ausl\u00e4nder*innen und Schweizer*innen sowie zwischen Personen mit unterschiedlichen Migrationshintergr\u00fcnden? In den letzten Jahren haben sich vor allem zwei Erkl\u00e4rungen herauskristallisiert. Erstens tendieren Personen mit Migrationshintergrund vor allem dann zu linken Parteien, wenn sie zu einer von rechtspopulistischen Parteien besonders negativ dargestellten Gruppe (z.B. aus der T\u00fcrkei oder aus einem ex-jugoslawischen Land stammende Personen) geh\u00f6ren. Die positivere Haltung linker Parteien zu Migration d\u00fcrfte ihnen hingegen die Sympathien dieser Personen einbringen.<\/p>\n<p>Zweitens spielt die politische Sozialisierung im Herkunftsland eine wichtige Rolle. Am eindeutigsten nachgewiesen wurde dies f\u00fcr Migrant*innen aus (ehemals) kommunistisch regierten Staaten, welche deutlich weniger h\u00e4ufig linke Parteien w\u00e4hlen als Migrant*innen aus anderen L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Weniger bedeutend als oftmals angenommen sind hingegen die Schichtzugeh\u00f6rigkeit und Einstellungen zu Migrationsfragen. Nur ein geringer Anteil der Unterschiede im Wahlverhalten zwischen Personen mit und ohne Migrationshintergrund kann auf sozio\u00f6konomische Faktoren zur\u00fcckgef\u00fchrt werden. \u00dcberraschen mag auch, dass migrationspolitische Einstellungen Unterschiede nur sehr beschr\u00e4nkt erkl\u00e4ren k\u00f6nnen. Gem\u00e4ss einer Studie zum Abstimmungsverhalten von Schweizer*innen mit Migrationshintergrund bei der Abstimmung \u00abgegen Masseneinwanderung\u00bb zum Beispiel, haben diese die Vorlage \u00e4hnlich stark bef\u00fcrwortet wie jene ohne Migrationshintergrund. Und selbst ein grosser Anteil der befragten Ausl\u00e4nder*innen ohne Stimmrecht gab an, dass sie dieser Initiative der SVP zugestimmt h\u00e4tten.<\/p>\n<h5><strong>Unterschiede sind weniger ausgepr\u00e4gt als angenommen<\/strong><\/h5>\n<p>Dieses Resultat illustriert die wohl wichtigste Erkenntnis aus der Analyse des \u00a0Wahlverhaltens von wahlberechtigten Personen mit Migrationshintergrund und von Ausl\u00e4nder*innen ohne Wahlrecht: Im Grossen und Ganzen unterscheiden sich ihre politischen Pr\u00e4ferenzen weniger stark von denjenigen von Schweizer*innen ohne Migrationshintergrund als oftmals angenommen.<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.fus.edu\/academics\/faculty\/oliver-strijbis\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Oliver Strijbis<\/a> ist Professor f\u00fcr Politikwissenschaft an der Franklin University Switzerland und assozierter Forscher an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich. Seine Forschungsschwerpunkte sind Migration, Ethnizit\u00e4t, Abstimmungen und Wahlen.<\/em><\/p>\n<p>Literatur:<\/p>\n<p>-Fibbi, Rosita, et Didier Ruedin. 2016. La participation des r\u00e9sidents \u00e9trangers aux \u00e9lections municipales d\u2019avril 2015 \u00e0 Gen\u00e8ve. Gen\u00e8ve et Neuch\u00e2tel: Bureau de l&#8217;int\u00e9gration des \u00e9trangers (DSE-OCPM) et Forum suisse pour l&#8217;\u00e9tude des migrations et de la population (SFM), Universit\u00e9 de Neuch\u00e2tel.<br \/>\n-Ruedin, Didier. 2010. Wie wu\u0308rden Personen ohne den roten Pass w\u00e4hlen: Wahlverhalten von Ausl\u00e4nderinnen und Ausl\u00e4ndern. SFM &#8211; Forum suisse pour l\u2019\u00e9tude des migrations et de la population, Discussion Paper SFM 24: S. 1\u201312.<br \/>\n-Strijbis, Oliver and Javier Polavieja. 2018. &#8220;Immigrants against immigration: Competition, Identity and Immigrants\u2019 Vote on Free Movement in Switzerland&#8221;, <em>Electoral Studies <\/em>56, S. 150\u2013157<em>.<br \/>\n<\/em>-Strijbis, Oliver. 2017. &#8220;Wenn Ausl\u00e4nderInnen w\u00e4hlen und abstimmen d\u00fcrften: \u00dcberlegungen anhand von aktuellen Umfragedaten&#8221;, S. 57\u201372 in Andreas Glaser (Hrsg.): <em>Politische Rechte f\u00fcr Ausl\u00e4nderinnen und Ausl\u00e4nder?<\/em> Schulthess Verlag.<br \/>\n-Strijbis, Oliver. 2021. \u201cCitizenship, Migration, and Voting Behavior\u201d, S. 284\u2013302 in Marco Giugni und Maria Grasso (Hrsg.), <em>Handbook of Citizenship and Migration<\/em>, Edward Elgar Publishing.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach Luxemburg ist die Schweiz das europ\u00e4ische Land mit dem h\u00f6chsten Ausl\u00e4nderanteil. 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