{"id":9544,"date":"2024-06-26T09:30:20","date_gmt":"2024-06-26T07:30:20","guid":{"rendered":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/?p=9544"},"modified":"2024-06-25T13:38:38","modified_gmt":"2024-06-25T11:38:38","slug":"chancen-und-herausforderungen-der-privaten-unterbringung-von-gefluchteten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/chancen-und-herausforderungen-der-privaten-unterbringung-von-gefluchteten\/","title":{"rendered":"Chancen und Herausforderungen der privaten Unterbringung von Gefl\u00fcchteten"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die private Unterbringung hat seit dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine einen wertvollen Beitrag zur Integration der Gefl\u00fcchteten in der Schweiz geleistet. Das Modell bietet unter Ber\u00fccksichtigung verschiedener Rahmenbedingungen hohes Potenzial f\u00fcr alle Gefl\u00fcchteten. Dabei m\u00fcssen sowohl die Bed\u00fcrfnisse der Beteiligten wie auch die kantonalen und kommunalen Strukturen beachtet werden. <\/strong><\/p>\n<p>Nach Ausbruch des Angriffskrieges in der Ukraine im Februar 2022 zeigte die Schweizer Bev\u00f6lkerung eine riesige Solidarit\u00e4t: Innert k\u00fcrzester Zeit stellten Privatpersonen zehntausende Schlafpl\u00e4tze zur Verf\u00fcgung, um den fl\u00fcchtenden Menschen ein Dach \u00fcber dem Kopf zu bieten. Erstmals bildete die private Unterbringung von gefl\u00fcchteten Menschen ein tragendes Element der offiziellen Aufnahmepolitik in der Schweiz und half mit, eine \u00dcberlastung des Asylsystems zu verhindern.<\/p>\n<p>Im Auftrag des Staatssekretariats f\u00fcr Migration (SEM) vermittelte die Schweizerische Fl\u00fcchtlingshilfe (SFH) in den ersten sechs Monaten nach Kriegsausbruch \u00fcber 5&#8217;000 Personen direkt aus den Bundesasylzentren in Privathaushalte, unz\u00e4hlige Weitere suchten sich \u00fcber private Kontakte oder weitere Kan\u00e4le wie Social-Media-Plattformen selbst\u00e4ndig eine Gastfamilie.<\/p>\n<h5><strong>Untersuchung der Gastfamilienverh\u00e4ltnisse<\/strong><\/h5>\n<p>Doch was bedeutet es eigentlich, Gastfamilie f\u00fcr gefl\u00fcchtete Menschen zu sein? Und welche Faktoren m\u00fcssen erf\u00fcllt sein, damit die private Unterbringung f\u00fcr alle Beteiligten ein positives Erlebnis wird?<\/p>\n<p>Diesen und weiteren Fragen sind die Berner Fachhochschule (BFH), die Hochschule Luzern (HSLU) und die SFH in einer Online-Befragung von rund 1&#8217;000 Gastfamilien aus 19 Kantonen und 24 vertiefenden Interviews mit Gefl\u00fcchteten und Gastfamilien nachgegangen. Die in einem <a href=\"https:\/\/www.fluechtlingshilfe.ch\/fileadmin\/user_upload\/Aktiv_werden\/Hilfe_fuer_ukrainische_Gefluechtete\/230902_Kurzbericht_Befragung_Gastfamilien_AGA_final.pdf\">Kurzbericht<\/a> sowie einem ausf\u00fchrlichen <a href=\"https:\/\/www.fluechtlingshilfe.ch\/fileadmin\/user_upload\/Aktiv_werden\/Unterbringung_in_Gastfamilien\/BFH-HSLU_Schlussbericht_Wohnen_statt_Unterbringung_2024_final.pdf\">Schlussbericht<\/a> ausgewerteten Resultate zeigen, dass die Privatunterbringung einen wertvollen Beitrag f\u00fcr die Integration der Gefl\u00fcchteten in der Schweiz leisten kann.<\/p>\n<h5><strong>Fachliche Begleitung und Privatsph\u00e4re<\/strong><\/h5>\n<p>Dieser Erfolg ist allerdings abh\u00e4ngig von bestimmten Rahmenbedingungen. Damit private Unterbringung ein nachhaltiges und erfolgreiches Unterbringungsmodell sein kann, sind eine Professionalisierung der Vermittlung und Begleitung sowie die Kl\u00e4rung von Verantwortlichkeiten notwendig.<\/p>\n<p>Die fachliche Begleitung der Gastfamilien und Gefl\u00fcchteten beginnt bereits vor der eigentlichen Vermittlung. Dabei wird einerseits sichergestellt, dass der angebotene Wohnraum beiden Parteien gen\u00fcgend Privatsph\u00e4re und R\u00fcckzugsm\u00f6glichkeiten bietet. Gleichzeitig werden mit allen Beteiligten die Erwartungen an und Regeln f\u00fcr das gemeinsame Zusammenleben gekl\u00e4rt. Die Bed\u00fcrfnisse sind oft unterschiedlich: W\u00e4hrend Gastfamilien oft das Bed\u00fcrfnis nach Interaktion \u00e4ussern, besteht bei Gefl\u00fcchteten \u2013 gerade in der ersten Zeit nach dem Ankommen &#8211; oft ein grosses Bed\u00fcrfnis nach Ruhe und Privatsph\u00e4re.<\/p>\n<h5><strong>Erreichbarkeit und Formalisierung der Wohnverh\u00e4ltnisse <\/strong><\/h5>\n<p>Die Erreichbarkeit der Beh\u00f6rden sowie klar bezeichnete Ansprechpersonen f\u00fcr Gastgebende und G\u00e4ste sind auch nach erfolgter Vermittlung wichtig, um bei Fragen, Unsicherheiten oder allf\u00e4lligen Konflikten rasch Unterst\u00fctzung zu erhalten. Damit kann auch verhindert werden, dass Gastfamilien zu viel Care-Arbeit \u00fcbernehmen und einen zu hohen \u00abMental Load\u00bb tragen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die Solidarit\u00e4t der Gastfamilien ist in der Regel gross und der Wohnraum wird oft zu g\u00fcnstigen Konditionen angeboten. Trotzdem erweist sich die vertragliche Regelung der Wohnverh\u00e4ltnisse sowie eine angemessene Abgeltung als wichtig, um eine stabilere Wohnsituation zu schaffen. Abh\u00e4ngigkeiten werden damit gemindert und eine Begegnung auf Augenh\u00f6he zwischen Gefl\u00fcchteten und Gastgebenden erm\u00f6glicht.<\/p>\n<h5><strong>Austausch und Vernetzung<\/strong><\/h5>\n<p>Weiter ist es f\u00fcr Gastfamilien wichtig, sich untereinander zu vernetzen und Erfahrungen auszutauschen. Weiterbildungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Gastfamilien unterst\u00fctzen das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Situation der Gefl\u00fcchteten. Insbesondere Kenntnisse \u00fcber m\u00f6gliche Auswirkungen von Kriegs- und Fluchterfahrungen auf die Gesundheit und \u00fcber den Umgang mit potenziell traumatisierten Personen sowie transkulturelle Kompetenzen wirken einer m\u00f6glichen \u00dcberforderung entgegen.<\/p>\n<h5><strong>Potenziale der Privatunterbringung<\/strong><\/h5>\n<p>Praktisch alle Gastfamilien unterst\u00fctzen die Gefl\u00fcchteten bei Alltagsfragen. Rund die H\u00e4lfte bietet auch Hand bei der Suche nach einer Erwerbst\u00e4tigkeit oder nach geeigneten Sprachkursen. Viele vernetzen ihre G\u00e4ste mit Freunden und Bekannten oder unterst\u00fctzen sie bei der Organisation von Freizeitaktivit\u00e4ten, Schuleintritt, Beh\u00f6rdeng\u00e4ngen und vielem mehr. Von den befragten Gastfamilien gaben zudem mehr als die H\u00e4lfte an, auch nach Aufl\u00f6sung des Gastfamilienverh\u00e4ltnisses weiter Kontakt zu den Gefl\u00fcchteten zu pflegen.<\/p>\n<p>Nebst dieser sozialen Vernetzung und Unterst\u00fctzung bietet die Unterbringung bei Privatpersonen weitere Vorteile: Das Leben in der Schweiz wird greif- und erlebbar \u2013 viel direkter als dies durch Infoveranstaltungen oder Kurse zur Alltagsorientierung m\u00f6glich w\u00e4re. Dass die in Sprachkursen erworbenen Kenntnisse im privaten Umfeld angewendet werden k\u00f6nnen, wirkt sich ausserdem positiv auf den Spracherwerb aus.<\/p>\n<h5><strong>Gastfamilien \u2013 ein Modell f\u00fcr die Zukunft?<\/strong><\/h5>\n<p>Die private Unterbringung von Gefl\u00fcchteten birgt also grosses Potenzial f\u00fcr deren Integration. In der aktuellen Debatte wird allerdings oft darauf hingewiesen, dass die Erfahrungen mit der Privatunterbringung ukrainischer Gefl\u00fcchteter nicht auf andere Fl\u00fcchtlingsgruppen \u00fcbertragen werden k\u00f6nnen, da sich die Solidarit\u00e4t in der Bev\u00f6lkerung nicht bei allen gleich manifestiere. Allerdings existieren in mehreren Kantonen bereits seit Jahren gut funktionierende Gastfamilienprojekte: In Basel-Stadt, Schaffhausen und Waadt kann auf wertvolle Erfahrungen mit der Vermittlung von Gefl\u00fcchteten mit Aufenthaltsstatus F oder B aus verschiedenen L\u00e4ndern zur\u00fcckgegriffen werden.<\/p>\n<p>Es ist unbestritten, dass die Privatunterbringung nicht f\u00fcr alle Personen das geeignete Modell ist. Die Freiwilligkeit ist nebst den zuvor genannten Elementen ein weiterer Schl\u00fcsselfaktor f\u00fcr deren Gelingen, ebenso wie das Vorhandensein von Alternativen und angemessenen Fallback-L\u00f6sungen.<\/p>\n<p>Eine Herausforderung k\u00f6nnen dabei die f\u00f6deralistischen Strukturen darstellen. Zust\u00e4ndigkeiten sowie Organisationsform der Unterbringung und Betreuung von Gefl\u00fcchteten variieren von Kanton zu Kanton. In jedem braucht es daher eine angepasste Einbettung der Privatunterbringung in die Strukturen des Asyl- und Fl\u00fcchtlingswesens.<\/p>\n<p>Aus Sicht der SFH ist die Privatunterbringung eine wertvolle Erg\u00e4nzung der bestehenden Unterbringungsstrukturen mit dem Potenzial, die Integration und den gesellschaftlichen Zusammenhalt langfristig zu f\u00f6rdern. Die Privatunterbringung soll deshalb als zus\u00e4tzliche Unterbringungsm\u00f6glichkeit in den kantonalen und kommunalen Strukturen verankert werden, um eine bedarfsgerechte Unterbringung und integrationsf\u00f6rderndes Wohnen zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p class=\"SFHLauftext\" style=\"margin-bottom: 6.0pt;\"><em><span lang=\"DE-CH\"><a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/in\/raphael-strauss-86b697199\/?originalSubdomain=ch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Raphael Strauss<\/a> ist Fachreferent Integration mit Schwerpunkt Unterbringung und soziale Integration bei der Schweizerischen Fl\u00fcchtlingshilfe (SFH) und hat nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine das Gastfamilienprojekt der SFH geleitet.<\/span><\/em><\/p>\n<p>Literatur:<\/p>\n<p>-Ammann Dula, Eveline; Fuchs, Gesine; Gautschi, Nadine; Granwehr, Eva; Lutz, Selina (2024). <em><a href=\"https:\/\/www.fluechtlingshilfe.ch\/fileadmin\/user_upload\/Aktiv_werden\/Unterbringung_in_Gastfamilien\/BFH-HSLU_Schlussbericht_Wohnen_statt_Unterbringung_2024_final.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wohnen statt Unterbringung Chancen und Herausforderungen der privaten Unterbringung von gefl\u00fcchteten Menschen mit Schutzstatus S. Bern und Luzern<\/a>. BFH und HSLU.<br \/>\n<\/em>-Ammann Dula, Eveline; Fuchs, Gesine; Gautschi, Nadine; Granwehr, Eva (2024). <a href=\"https:\/\/www.fluechtlingshilfe.ch\/fileadmin\/user_upload\/Aktiv_werden\/Unterbringung_in_Gastfamilien\/BFH-HSLU_Summary-Wohnen-statt-Unterbrinung_2024_final__2_.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Housing instead of accommodation Opportunities and challenges of private accommodation for refugees with protection status S. Summary. <\/em><\/a><em>Bern und Luzern. BFH und HSLU.<br \/>\n<\/em>-Strauss, Raphael; Ammann Dula, Eveline; Fuchs, Gesine (2023). <a href=\"https:\/\/www.fluechtlingshilfe.ch\/fileadmin\/user_upload\/Aktiv_werden\/Hilfe_fuer_ukrainische_Gefluechtete\/230902_Kurzbericht_Befragung_Gastfamilien_AGA_final.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>\u00abGastfamilien\u00bb f\u00fcr ukrainische Gefl\u00fcchtete. Kurzbericht zur \u00fcberregionalen Befragung von \u00abGastfamilien\u00bb zwischen Oktober und Dezember 2022.<\/em><\/a> Bern: Schweizerische Fl\u00fcchtlingshilfe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die private Unterbringung hat seit dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine einen wertvollen Beitrag zur Integration der Gefl\u00fcchteten in der Schweiz geleistet. Das Modell bietet unter Ber\u00fccksichtigung verschiedener Rahmenbedingungen hohes Potenzial f\u00fcr alle Gefl\u00fcchteten. 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