{"id":9644,"date":"2024-10-01T09:30:16","date_gmt":"2024-10-01T07:30:16","guid":{"rendered":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/?p=9644"},"modified":"2024-09-26T11:44:40","modified_gmt":"2024-09-26T09:44:40","slug":"unmerkliche-grenzen-immobilitat-wahrend-der-pandemie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/blog\/unmerkliche-grenzen-immobilitat-wahrend-der-pandemie\/","title":{"rendered":"(Un)merkliche Grenzen: (Im)Mobilit\u00e4t w\u00e4hrend der Pandemie"},"content":{"rendered":"<p><strong>Im Juni 2002 trat das Freiz\u00fcgigkeitsabkommen zwischen der Schweiz und der EU in Kraft. Seither k\u00f6nnen sich wirtschaftlich aktive Schweizer*innen und EU-B\u00fcrger*innen frei zwischen nationalstaatlichen Grenzen bewegen. Als die COVID-19 Pandemie im M\u00e4rz 2020 ausbrach, wurden diese Grenzen zum ersten Mal nach 18 Jahren geschlossen und damit wieder sicht- und sp\u00fcrbar. Wie wurde dies erlebt? Ein Erfahrungsbericht einer (im)mobilisierten Arbeitsmigrantin.<\/strong><\/p>\n<p>Ariane* ist heute Ende 40. Vor etwas weniger als 25 Jahren zog sie das erste Mal von Portugal in die Schweiz, um in der W\u00e4scherei eines Hotels im Oberwallis zu arbeiten. Der Region und dem Gastgewerbe blieb sie w\u00e4hrend knapp 20 Jahren treu. Den Betrieb wechselte sie hingegen regelm\u00e4ssig in der Hoffnung auf bessere Arbeitsbedingungen. Aus privaten Gr\u00fcnden \u2013 im Interview wollte sie nicht genauer darauf eingehen \u2013 entschloss sie sich, im April 2020 wieder nach Portugal zur\u00fcckzukehren. Ihre R\u00fcckkehr fiel mit der COVID-19 Pandemie zusammen. Entlang den Erfahrungen von Ariane erstellt dieser Beitrag eine Chronologie der (Im)Mobilit\u00e4t und der Verschiebung von Grenzen w\u00e4hrend dieser internationalen Gesundheitskrise.<\/p>\n<h5><strong>April 2020: Internationale Mobilit\u00e4t (I)<\/strong><\/h5>\n<p>Ariane hatte auf Ende April 2020 ihre Stelle gek\u00fcndigt und einen Flug nach Portugal gebucht. Mit dem Ausbruch der Pandemie wurden Lockdowns ausgerufen, Fl\u00fcge storniert und Grenzen geschlossen. Um in diesem Kontext trotzdem nach Portugal zu gelangen, bat sie ihren Arbeitgeber, fr\u00fcher gehen zu d\u00fcrfen. So flog sie Mitte April mit einem der letzten durchgef\u00fchrten Fl\u00fcge von der Schweiz nach Portugal. Nach dieser Reise erwarteten sie eine Zeit, in der sie sich nicht frei bewegen durfte: \u00ab<em>Ich war 15 Tage alleine in einem Hotel isoliert. Nicht zu Hause, weil ich nicht nach Hause gehen konnte. 15 Tage!<\/em>\u00bb Damit wurden die Grenzen ihrer Bewegungsfreiheit von einer internationalen Ebene auf eine lokale Ebene verschoben: ihre vier Hotelzimmerw\u00e4nde.<\/p>\n<h5><strong>April 2020-November 2021: Interregionale (Im)Mobilit\u00e4t in Portugal <\/strong><\/h5>\n<p>Nach der Quarant\u00e4ne reiste Ariane in die Stadt, in der sie aufgewachsen war und in der ihre Familie lebt. Dort er\u00f6ffnete sie im Sommer, nach der ersten Infektionswelle, ihr Restaurant: \u00ab<em>Als ich in Portugal ankam, \u00fcberlegte ich mir, was ich beruflich machen m\u00f6chte. Ich entschied mich, ein Restaurant zu er\u00f6ffnen. Es war nicht einfach, aber ich konnte arbeiten und blieb nicht zu Hause.<\/em>\u00bb<\/p>\n<p>Dass sie arbeiten und daf\u00fcr das Haus verlassen durfte, war zentral f\u00fcr Arianes Pandemie-Erfahrung. In Portugal wurde neben der internationalen Mobilit\u00e4t auch die interregionale Mobilit\u00e4t eingegrenzt. In gewissen Zeiten wurden diese Restriktionen gar auf Quartiersgrenzen ausgeweitet (Cairns &amp; Clemente, 2023). Ausnahmen von diesen Restriktionen erfolgten nur aus \u00f6konomischen Gr\u00fcnden. Aufgrund ihrer Arbeitst\u00e4tigkeit konnte sie eine Bewilligung beantragen, die ihr erlaubte, zwischen ihrem Wohnquartier und dem Quartier zu pendeln, in dem das Restaurant war.<\/p>\n<p>Ebenfalls ausschlaggebend f\u00fcr das Pandemie-Erleben von Ariane war ihre Wohnsituation. Sie lebte zusammen mit ihrer Mutter und Tochter in einem Haus, was ihr erm\u00f6glichte, ihre Familie regelm\u00e4ssig zu sehen. Eine andere Konstellation w\u00e4re f\u00fcr sie \u00ab<em>schmerzhaft<\/em>\u00bb gewesen.<\/p>\n<h5><strong>November 2021: Internationale Mobilit\u00e4t (II)<\/strong><\/h5>\n<p>Arianes Arbeitst\u00e4tigkeit blieb \u00fcber die Monate und trotz wiederkehrenden Infektionswellen stabil. Sie \u00f6ffnete ihr Restaurant von Montag bis Samstag und passte den Betrieb an die erlassenen Schutzmassnahmen an, indem sie von einem normalen Restaurantbetrieb zu einem Take-Away Service wechselte und \u00ab<em>an der T\u00fcre servierte<\/em>\u00bb.<\/p>\n<p>Die Sechstage-Woche sowie die langen Arbeitstage machten ihr jedoch zunehmend zu schaffen. In Kombination mit ihrer finanziellen Situation entschied sie sich, im November 2021 in die Schweiz zur\u00fcckzukehren: \u00ab<em>Ich arbeitete viele Stunden, hatte nur sonntags frei, aber am Schluss des Monats zahlte sich dieser Einsatz nicht aus. Ich arbeitete, um meine Fixkosten zu finanzieren. Ich konnte nichts sparen.<\/em>\u00bb Als dann eine ehemalige Arbeitgeberin aus der Schweiz anrief und ihr eine Stelle im <em>Housekeeping<\/em> anbot, entschloss sie sich, ins Oberwallis zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n<h5><strong>Fazit: Die Pandemie als \u00abGrenzgang\u00bb zwischen Mobilit\u00e4t und Immobilit\u00e4t<\/strong><\/h5>\n<p>Die Erfahrungen von Ariane schliessen an zwei Aspekte an, welche die Wissenschaft im Kontext von (Im)Mobilit\u00e4tsregimen hervorhebt. Zum einen wird darauf hingewiesen, dass Grenzen in Krisenzeiten sicht- und merkbarer werden k\u00f6nnen \u2013 und dies auf verschiedenen Ebenen. Ausdruck davon sind die ansonsten durchl\u00e4ssigen physischen Staatsgrenzen innerhalb des EU-\/Schengenraums, die aufgrund der Pandemie wieder geschlossen wurden. Luk\u00e1\u0161 Novotn\u00fd und Hynek B\u00f6hm (2022, p. 337) sprechen vom gr\u00f6ssten \u00abRe-Bordering\u00bb Prozess in der Geschichte der europ\u00e4ischen Integration.<\/p>\n<p>Der Fall von Portugal zeigt jedoch, dass physische Grenzen auch auf regionaler und lokaler Ebene etabliert werden k\u00f6nnen (Cairns &amp; Clemente, 2023). Damit ist w\u00e4hrend der COVID-19 Pandemie neben einem \u00abRe-Bordering\u00bb Prozess ebenfalls eine Verschiebung von Grenzen von der internationalen auf die lokale Ebene zu verzeichnen. Diese Grenzverschiebung hatte eine zunehmend immobilisierende Wirkung, was insbesondere bei der Beantragung einer Bewilligung f\u00fcr die \u00dcberquerung von Quartiersgrenzen augenscheinlich wird.<\/p>\n<p>Der zweite Aspekt, der in Arianes Erfahrungsbericht deutlich wird, bezieht sich auf die Mobilisierung von gewissen Personen in einer von Immobilit\u00e4t gepr\u00e4gten Zeit. Oder in Hannah Pools Worten (2024, p. 302): Die Grenzschliessungen betrafen nicht alle Personen gleichermassen. F\u00fcr saisonale Arbeitsmigrant*innen in der Schweizer Landwirtschaft wurden beispielsweise Sonderregelungen f\u00fcr deren Einreise erlassen, da ihre Arbeitst\u00e4tigkeit als systemrelevant eingestuft wurde (M\u00fchlemann, 2021). In Arianes Fall kann dies auf lokaler und internationaler Ebene beobachtet werden: Ihre Einreise in ein anderes Stadtquartier wurde aufgrund ihrer beruflichen T\u00e4tigkeit bewilligt. Auch ihre R\u00fcckkehr in die Schweiz wurde von der Arbeitgeberin und durch einen schon bei der Einreise unterschriebenen Arbeitsvertrag vereinfacht.<\/p>\n<p>Daraus l\u00e4sst sich schliessen, dass Arianes (Im)Mobilit\u00e4tserfahrungen w\u00e4hrend der COVID-19 Pandemie von ihrer staatlichen und regionalen Zugeh\u00f6rigkeit sowie von der \u00f6konomischen Relevanz, die ihrer beruflichen T\u00e4tigkeit zugemessen wurde, beeinflusst waren (siehe auch Pool, 2024). Hier zeigt sich die performative Dimension von Grenzen besonders deutlich.<\/p>\n<p><sup>*<\/sup>Alle in diesem Beitrag ver\u00f6ffentlichten pers\u00f6nlichen Informationen wurden anonymisiert.<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/who-is-who\/people\/?start=t&amp;p_id=8769\">Livia Tom\u00e1s<\/a> ist Postdoktorandin an der ZHAW, Soziale Arbeit. Im Projekt \u00ab<a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/projects\/evolving-immobility-regimes-migrant-workers-entitlement-and-precarization-in-times-of-crisis\/\">Evolving (Im)Mobility Regimes<\/a>\u00bb setzt sie sich mit den Lebens- und Arbeitsbedingungen von Migrant*innen im schweizerischen Gastgewerbe auseinander und untersucht, wie die COVID-19 Pandemie diese Bedingungen ver\u00e4ndert hat.<\/em><\/p>\n<p><em>Helena Gon\u00e7alves Leal ist Franz\u00f6sisch- und Germanistikstudentin an der Universit\u00e4t Bern. Im Rahmen des Projekts \u00ab<a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/projects\/evolving-immobility-regimes-migrant-workers-entitlement-and-precarization-in-times-of-crisis\/\">Evolving (Im)Mobility Regimes<\/a>\u00bb k\u00fcmmert sie sich um die Durchf\u00fchrung und Aufbereitung der qualitativen Interviews auf Portugiesisch, wie beispielsweise das Gespr\u00e4ch mit Ariane.<\/em><\/p>\n<p>Bibliographie:<\/p>\n<p>\u2013Cairns, D., &amp; Clemente, M. (2023). <em>The Immobility Turn: Mobility, Migration and the COVID-19 Pandemic<\/em>. Bristol University Press.<br \/>\n\u2013Novotn\u00fd, L., &amp; B\u00f6hm, H. (2022). New re-bordering left them alone and neglected: Czech cross-border commuters in German-Czech borderland. <em>European Societies, 24<\/em>(3), 333-353.<br \/>\n\u2013Pool, H. (2024). Immobility beyond borders: Differential inclusion and the impact of the COVID-19 border closures. <em>Politics, 44<\/em>(2), 302-316.<br \/>\n\u2013M\u00fchlemann, S. (2021, April 20). <em><a href=\"https:\/\/www.srf.ch\/audio\/regionaljournal-bern-freiburg-wallis\/sonderregelung-fuer-erntehelferinnen-und-helfer-aus-dem-ausland?id=11970635\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sonderregelung f\u00fcr Erntehelferinnen und -helfer aus dem Ausland<\/a> <\/em>[Radiosendung]. Regionaljournal Bern, Freiburg, Wallis.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Juni 2002 trat das Freiz\u00fcgigkeitsabkommen zwischen der Schweiz und der EU in Kraft. Seither k\u00f6nnen sich wirtschaftlich aktive Schweizer*innen und EU-B\u00fcrger*innen frei zwischen nationalstaatlichen Grenzen bewegen. 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