Struktureller Rassismus: Jetzt sind die Institutionen gefordert

31.05.2023 , in ((Structural Racism)) , ((No Comments))

Rassismus ist grundsätzlich strukturell angelegt. Das zeigt eine neue Studie des Schweizerischen Forums für Migrations- und Bevölkerungsstudien (SFM) im Auftrag der Fachstelle für Rassismusbekämpfung (FRB). Sie legt dar, für welche Personen und in welcher Form struktureller Rassismus in verschiedenen Lebensbereichen vorkommt. Doch was bedeuten diese Ergebnisse für die Institutionen in der Schweiz und für die Praxis der Rassismusbekämpfung?

Die Studie des SFM zeigt, dass strukturell-institutionelle Diskriminierung in vielen Lebensbereichen wissenschaftlich dokumentiert ist. Trotzdem fehlt in der Schweiz weitgehend ein geteiltes Verständnis von Rassismus als systemisches Problem, das in den gesellschaftlichen Strukturen und ihren Institutionen angelegt ist. Vielmehr wird Rassismus gemeinhin als eine Frage der Einstellung verstanden.

Entsprechend zielen Massnahmen der Rassismusbekämpfung oft auf eine individuelle Haltungsänderung ab. Auch wenn Selbstreflexion eine wichtige Komponente ist, reichen derartige Massnahmen aber nicht aus. Sollen die Rassismusprävention und der Schutz vor rassistischer Diskriminierung nachhaltig verankert und umgesetzt werden, braucht es vielmehr einen kritischen Blick auf unsere Strukturen und Institutionen.

Ausgrenzung oder gemeinsam gestaltete Zukunft?

Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass als ‘fremd’ gelesene Personen in der Schweiz stets damit rechnen müssen, benachteiligt zu werden – offensichtlich und direkt oder viel öfter subtil, indirekt, (gesellschaftlich) unerkannt. Sie werden tendenziell nicht als gleichwertige Arbeitskollegen, potenzielle Bürgerinnen und Wählerinnen, geschätzte Mieter und Nachbarinnen, sondern als das grundsätzlich ‘Andere’ wahrgenommen und behandelt.

Dabei ist gesellschaftliche Diversität heute schon Realität und wird unsere Zukunft prägen. Es stellt sich angesichts der Resultate der vom SFM vorgelegten Studie die dringende Frage, wie wir diese Zukunft gestalten wollen; als durch die Ausgrenzung wachsender Bevölkerungsgruppen geprägt oder als gemeinsam gestalteter Prozess der vielfältigen Chancen?

Ungleichheit dokumentieren, Evidenz diskutieren, Massnahmen entwickeln

Nicht selten beschränken sich Antidiskriminierungsmassnahmen auf Sensibilisierung und Information. Gut gemeinte weitergehende Absichten scheitern am fehlenden Problemverständnis, an fehlenden Zahlen und Fakten und an fehlender Expertise. Aber für zielgerichtete Massnahmen braucht es gezieltes Wissen, denn Diskriminierung äussert sich für unterschiedliche Gruppen in unterschiedlichen Lebensbereichen auf unterschiedliche Weise.

Es braucht deshalb weitere Untersuchungen zu verschiedenen Lebensbereichen oder der Situation spezifischer Bevölkerungsgruppen – sowohl auf übergeordneter Ebene als auch zu einzelnen Institutionen oder Teilbereichen einer Institution. Aus institutioneller Sicht gilt es, folgende Fragen zu beantworten: Wer nutzt ein Angebot, wer nicht? Wer arbeitet bei uns, wer nicht? Und warum nicht? Wer ist in bestimmten Zielgruppen über- oder untervertreten? Und warum? Welche gesellschaftlichen Faktoren liegen dahinter und welche Abläufe und Regeln haben eine ausgrenzende Wirkung?

Evidenz alleine bringt aber noch keine Veränderung und genauso wenig kann die Bekämpfung von rassistischer Diskriminierung an Antirassismus-Fachstellen delegiert werden. Denn ob auf dem Arbeitsmarkt oder am Arbeitsplatz, auf dem Wohnungsmarkt oder in der Schule, im Spital oder vor Gericht: Alle, und insbesondere die Entscheidungsträger*innen, müssen sich mit den bestehenden strukturell-institutionellen Formen der Diskriminierung und mit Möglichkeiten des Wandels auseinandersetzen. Nur so können wir gemeinsam Massnahmen zur Veränderung konkreter Probleme ergreifen.

“Echter Wandel, dauerhafter Wandel, geschieht Schritt für Schritt.”

Dieses Zitat von Ruth Bader Ginsburg (auf Englisch “Real change, enduring change, happens one step at a time”) lässt sich gut auf die Bekämpfung von strukturellem Rassismus übertragen. Die Studie des SFM zeigt, dass rassistische Diskriminierung auch auf dem Arbeitsmarkt eine Realität ist – gleichzeitig ist der Fachkräftemangel in aller Munde. Ist dies nicht der Moment, um diskriminierende Mechanismen zu überwinden? Warum nicht jetzt Hürden für rassifizierte Personen und Migrant*innen senken und Möglichkeiten zu ihrer Förderung austesten?

Dafür muss das Rad nicht neu erfunden werden: Es gibt zahlreiche Erfahrungen im In- und Ausland, von denen wir lernen können – von Massnahmen zur Umsetzung einer diskriminierungsfreien Kultur am Arbeitsplatz über berufsbezogene Mentoringprogramme für Neuzuzüger*innen bis zur diversitätssensiblen Kommunikation in Rekrutierungsprozessen. Und es gibt Stellen und Personen, die über das Wissen und die Ressourcen verfügen, um solche Massnahmen Schritt für Schritt anzustossen und umzusetzen.

Institutionelle Öffnung statt Ausgrenzung

Institutionelle Öffnung ist eine Möglichkeit, diese und weitere Veränderungen in einer Institution strategisch anzugehen. Dieser Ansatz hat zum Ziel, dass sich die gesellschaftliche Vielfalt im Personal widerspiegelt, dass ein gleichwertiger Zugang zu Leistungen und Angeboten gewährleistet ist und Entscheidungsprozesse demokratisiert werden.

Als Arbeitnehmende oder Arbeitgebende, Studierende, Eltern, Vereinsmitglieder oder politisch Aktive – wir sind alle in einer Vielzahl von institutionellen Kontexten eingebunden, in denen Öffnungsprozesse angestossen werden können. Institutionelle Öffnung ist kein Garant für die Abwesenheit von Diskriminierung, aber sie schafft Voraussetzungen für die Anerkennung von Vielfalt und für die Auseinandersetzung mit den vielfältigen Formen von strukturellem Rassismus. Die Probleme und Lücken sind aufgezeigt – jetzt braucht es konkrete Schritte der Veränderung!

Marianne Helfer ist Sozialanthropologin und leitet die Fachstelle für Rassismusbekämpfung FRB des Bundes. Die FRB ist zuständig für die Prävention von Rassismus. Sie betreibt Monitoring und gestaltet, fördert und koordiniert Aktivitäten auf eidgenössischer, kantonaler und kommunaler Ebene. Instagram: @frb_slr

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