Fehlannahmen oder blosses Raten? Einblicke in die öffentliche Sicht auf Migration
Man könnte meinen, dass die meisten Menschen falsche Vorstellungen über Einwanderung haben. Doch vieles davon beruht eher auf unsicheren Schätzungen als auf fest verankerten Überzeugungen. Neue Umfragedaten aus der Schweiz zeigen, dass diese Unterscheidung wichtige Konsequenzen für unser Verständnis der öffentlichen Meinung und für die Qualität demokratischer Debatten hat.
In öffentlichen Diskussionen wird häufig vorschnell angenommen, dass viele Menschen tief verwurzelte Fehlwahrnehmungen über Einwanderung hegen. Von überhöhten Schätzungen der Zahl der Einwanderer bis hin zu übertriebenen Vorstellungen über migrantische Kriminalität oder die Inanspruchnahme von Sozialleistungen neigen wir dazu, Fehlwahrnehmungen als gleichermassen verbreitet und bedeutsam zu betrachten. Doch unsere jüngsten Forschungsergebnisse, veröffentlicht in Political Science Research and Methods, legen eine andere und deutlich simplere Erklärung nahe: Viele vermeintliche Fehlwahrnehmungen sind nichts anderes als das Ergebnis unsicheren Schätzens.
Diese Unterscheidung ist wichtig, denn eine für richtig gehaltene falsche Überzeugung hat ein anderes politisches Gewicht als die unsichere Schätzung einer Person, die sich bislang kaum mit dem Thema befasst hat. Die meisten Umfrageansätze zur Messung entsprechender Wahrnehmungen versäumen es jedoch, diese Unterscheidung vorzunehmen. Stattdessen behandeln sie beide Antwortkategorien als gleichwertig, was mitunter gravierende Folgen nach sich ziehen kann. Denn wenn echte Fehlwahrnehmungen nicht hinreichend sauber von Unwissenheit unterschieden werden, läuft die Forschung Gefahr, das Ausmaß des Problems zu überhöhen und zugleich seine Ursachen und Folgen misszuverstehen.
Dazu gesellt sich ein zweites, themenspezifisches Problem: In der Forschung wird seit Langem vor allem eine Frage verwendet, um Wahrnehmungen zur Einwanderung zu erfassen, nämlich die nach dem Anteil der Migrantinnen und Migranten an der lokalen oder nationalen Bevölkerung. Dieser Wert kann prinzipiell ein sinnvoller Ausgangspunkt sein, da er leicht kommunizierbar und politisch relevant ist. Doch ist die damit einhergehende Praxis längst zu einer konzeptionellen Stütze geworden, die den Blick ohne Notwendigkeit verengt. Sie vermischt tatsächliche Fehlwahrnehmungen mit der weit verbreiteten Schwierigkeit, numerische Informationen korrekt zu interpretieren, und kann dadurch unser Verständnis gängiger Wahrnehmungsinhalte stark verzerren.
Ein breiteres Fragenbündel und eine einfache Zusatzfrage
Um beide Probleme anzugehen, haben wir ein neues Umfragemodul entwickelt und erstmalig in einer Schweizer Bevölkerungsbefragung eingesetzt. Es erweitert nicht nur, welche Fragen gestellt werden, sondern auch wie wir Wahrnehmungen erfassen.
Zum einen gehen wir über die Standardfrage zum Bevölkerungsanteil von Migrantinnen und Migranten hinaus, indem wir sechs zusätzliche Wahrnehmungsitems aus drei Dimensionen aufnehmen: Kultur, Wirtschaft und Sicherheit. Alle drei greifen Themen auf, die regelmässig in öffentlichen Debatten auftauchen — von der Arbeitslosenquote unter Migrantinnen und Migranten bis zum Anteil derjenigen mit Hochschulabschluss. Auf diese Weise erhalten wir ein umfassenderes Bild davon, wie Wahrnehmungen zur Einwanderung strukturiert sind.
Zum anderen haben wir jedes dieser Items mit einer Vertrauensskala kombiniert. Nachdem die Befragten ihre Schätzung abgegeben hatten, stellten wir eine Anschlussfrage: Wie sicher sind Sie, dass diese Schätzung korrekt ist? Dies ermöglicht es uns, zwei unterschiedliche Messgrössen zu konstruieren, nämlich einerseits die bereits angesprochenen echten Fehlwahrnehmungen (unrichtige Antworten mit hoher Sicherheit) und andererseits unsichere Schätzungen (unrichtige Antworten mit geringer Sicherheit). Anders gesagt: Wir können falsche Überzeugungen von nicht weiter gestützten Vermutungen trennen und so die Diskrepanz zwischen theoretischer Konzeptualisierung von Fehlwahrnehmungen und ihrer empirischen Messung schliessen.
Schätzen dominiert
Über alle Items hinweg variieren die Schätzungen der Befragten dabei erheblich. Manche überschätzen, andere unterschätzen die offiziellen Zahlen. Auf den ersten Blick scheint dies das bekannte Narrativ weit verbreiteter Fehlwahrnehmungen zu bestätigen. Berücksichtigt man jedoch die Frage nach dem Vertrauen in die Richtigkeit der eigenen Antworten, zeigt sich ein anderes Muster. Für die allermeisten Items äussern zahlreiche Befragte wenig oder gar kein Vertrauen in ihre Schätzung. Insgesamt sind die Vertrauenswerte so niedrig, dass unrichtige Antworten überwiegend als unsichere Schätzungen und nicht als echte Fehlwahrnehmungen einzuordnen sind.
Entscheidend ist zudem, dass Fehlwahrnehmungen wie auch Schätzungen auf der Einstellungsebene unterschiedlichen Mustern folgen: Personen mit negativer Einstellung zur Einwanderung weisen im Einklang mit etablierten Theorien des motivierten Denkens (motivated reasoning) tendenziell höhere Fehlwahrnehmungswerte auf. Unsichere Schätzungen hingegen stellen im Wesentlichen zufällige Messfehler dar. Dies unterstreicht, dass nur Fehlwahrnehmungen — nicht aber Schätzungen — politische Dispositionen und Präferenzen widerspiegeln.
Selbst ausgesprochene ungenaue Schätzungen können folglich nicht per se als Ausdruck fester ideologischer Überzeugungen interpretiert werden. Häufig spiegeln sie vielmehr begrenztes Wissen, mangelndes Interesse oder die bereits angesprochenen Schwierigkeiten im Umgang mit Zahlen wider. Häufig entstehen derlei Ungenauigkeiten auch aus dem spontanen Charakter der Befragungssituation: Befragte geben die erste Schätzung ab, die ihnen in den Kopf kommt, schlicht weil die Umfrage eine unmittelbare Antwort verlangt.
Fehlwahrnehmungen und Schätzungen im Durchschnitt nach Item
Das Narrativ einer fehlwahrnehmenden Öffentlichkeit überdenken
Diese Befunde regen zum Nachdenken darüber an, wie Umfang und Charakter von Fehlwahrnehmungen zur Einwanderung zu interpretieren sind. Zunächst ist anzunehmen, dass wir unsere Problemdiagnose verfeinern müssen: Wenn nur ein kleiner Teil unrichtiger Antworten auf fest verankerte Überzeugungen zurückgeht, muss die verbreitete Behauptung einer tiefgreifend und dauerhaft falsch informierten Öffentlichkeit zumindest mit einem Fragezeichen versehen werden. In vielen Fällen lehnen Befragte empirische Evidenz nicht bewusst ab, sondern bewegen sich mit begrenzter Orientierung durch ein zunehmend komplexes Informationsumfeld.
Gleichzeitig könnte auch die Rolle von Wissen überschätzt werden: Einige Befragte gaben richtige Antworten bei gleichbleibend geringem Vertrauen. Dies deutet darauf hin, dass Genauigkeit ebenso das Ergebnis zufälliger Schätzungen wie fundierter Überzeugungen sein kann. Die gut informierte Bürgerin oder der gut informierte Bürger — einst ein zentrales Ideal demokratischer Theorie — erscheint damit weiterhin schwer greifbar. Diese Unschärfe zwischen Wissen und Unsicherheit erschwert es zusätzlich, aus Umfragedaten auf politische Kompetenz zu schliessen. Die Bereitstellung klarer und verständlicher Informationen könnte insofern wirksamer sein als häufig angenommen, insbesondere wenn sie sich gezielt an ein unsicheres Publikum richtet.
Letztlich legt unsere Forschung damit nahe, dass viele Fehler, die häufig Desinformation oder Ideologie zugeschrieben werden, auf unsicheren Grundlagen beruhen. Anstatt Ausdruck gefestigter Weltbilder zu sein, erweisen sich viele Ungenauigkeiten als Sandburgen: Sie zerfallen, sobald man berücksichtigt, wie gering das Vertrauen der Befragten in ihre eigenen Antworten häufig ist. Wenn wir Überzeugungen nicht konsequent von Schätzungen trennen, laufen wir allzu leicht Gefahr, gegen Gespenster zu kämpfen und Unsicherheit oder Verwirrung als politisches Engagement zu missdeuten.
Dieser Blogbeitrag wurde aus einem Artikel adaptiert, der ursprünglich auf The Loop veröffentlicht wurde.
Marco Bitschnau ist Postdoktorand an der Universität Konstanz und dort mit der Fachgruppe Soziologie sowie dem Exzellenzcluster « The Politics of Inequality » affiliiert.

